Merci
Das etwas andere Kaufhaus
Sie hätten sich ganz gemütlich zurückziehen können. Mit allen Annehmlichkeiten, die einem ein grosses Vermögen im Hintergrund bietet. Aber das französische Ehepaar Marie-France und Bernard Cohen hatte keine Lust auf Golfspielen, Kreuzfahrten und Kunstsammeln, sondern stürzte sich lieber in ein neues Abenteuer. Zum Glück!
Um zu verstehen, wie sie das meint, muss man eine Zeitreise in die siebziger Jahre unternehmen. Damals, im Jahre 1975, haben die Eheleute Cohen die Kindermodekette Bonpoint gegründet. Die Idee dazu kam der ehemaligen Boutiquenbesitzerin Marie-France, als sie ihre eigenen Kinder modisch ausstaffieren wollte und nirgends Kleider nach ihrem Gusto fand. Grund genug für Madame Cohen, eine eigene Kinderkollektion zu entwerfen und diese der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Offenbar traf sie damit ganz den Nerv ihrer Zeit. Fortan gehörte es bei den Eltern in der besseren Gesellschaft zum guten Ton, den Nachwuchs in die eleganten und nicht ganz günstigen Bonpoint-Kleider zu stecken. Auch heute – das nur am Rande – tummeln sich diverse Promi-Kids in Bonpoint-Couture vor den Linsen der Paparazzi: Die Brangelina-Rasselbande zum Beispiel steht voll auf das französische Luxuslabel, ebenso die Sprösslinge von Claudia Schiffer, Monica Belluci, Kate Moss und Nicole Kidmann.
Zurück zum Ehepaar Cohen, das sein Unternehmen über 30 Jahre lang höchst erfolgreich führte. So erfolgreich, dass es beim Verkauf der Firma sozusagen über Nacht zu einem stattlichen Vermögen kam. Über den Preis schweigen sich die beiden vornehm aus, Marie-France lässt lediglich verlauten, dass ihnen diese Transaktion „einen mehr als angenehmen Lebensstandard“ ermögliche.
Und damit sind wir schon fast wieder in der Gegenwart. Denn für das umtriebige Ehepaar kam ein vollkommener Rückzug aus dem Geschäftsleben nicht in Frage. Stattdessen tüftelten sie an einem neuen Projekt, das im März vor einem Jahr Wirklichkeit wurde: „Merci“, ein Konsumtempel für Gutmenschen, dessen gesamter Gewinn in Hilfsprojekte fliesst. Lediglich die Betriebskosten werden vom Umsatz abgezogen, der Rest geht direkt an einen eigens gegründeten Fonds, der Not leidende Frauen in Madagaskar unterstützt. Die Cohens kennen die Insel aus ihrer Bonpoint-Zeit, viele der Kinderkleider wurden dort produziert: „Wir wollen den Frauen in Madagaskar nun etwas zurückgeben.“ Deshalb arbeiten die beiden bei „Merci“ zum Nulltarif – jeder Cent zählt.
Den passenden Rahmen finden die Artikel auf 1.500 Quadratmetern im u-förmigen Gebäude, das erst auf den zweiten Blick seine ganze Pracht freigibt. Zum Haupteingang gelangt man entweder durch den kleinen Innenhof oder über einen kleinen Blumenladen linker Hand, in dem saisonale Pflanzen aus dem Umland feilgeboten werden. Die dritte Möglichkeit, in die heiligen Hallen zu gelangen, bietet die Kaffee-Bibliothek rechts vom Innenhof. Schon hier bleiben die ersten Kunden länger hängen als eigentlich geplant: Sündige Leckereien, gemütliche Vintage-Möbel und eine rund 20 Meter lange Bücherfront laden zum stundenlangen Schmökern ein. Gut möglich, dass es sich bei der Lektüre um ein Lieblingsbuch eines Promis handelt. Zahlreiche Persönlichkeiten aus der Literaturwelt wurden nämlich von den Cohens gebeten, drei persönliche Favoriten für den Buchladen zu spenden und mit einem Autogramm zu versehen. Wer sich gar nicht mehr von seinem Buch trennen mag, kann dieses natürlich käuflich erwerben, zum Schnäppchenpreis zwischen drei und zehn Euro.
Etwas teurer, aber immer noch 30 bis 40 Prozent unter dem Ladenpreis sind die wieder aufgelegten Modelle von Labels wie Marni, Azzaro, Stella McCartney oder YSL. Kooperationen, die ebenfalls dank der guten Beziehungen der Cohens zustande kamen. Auch Duftliebhaber profitieren von diesem Netzwerk: Im Annick-Goutal-Corner (Annick war Marie-France’ Schwester) gibt es Parfums der verstorbenen französischen Parfum-Ikone zum vergünstigten Preis. „Auf diese Weise können sich auch Studenten oder junge Mütter mit schmalem Budget diese Düfte leisten.“ Der soziale Gedanke bei „Merci“, man merkt es, ist allgegenwärtig. Wir sagen danke!
von Kathrin Roth



