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Interview mit SHI

„Wir dürfen über die Liebe singen. Wir dürfen wegen ihr sterben wollen.“

Brandneu, dreckig, ein wenig melancholisch: SHI ist die musikalische Überraschung aus Hamburg. Wie sie klingen? Nach einer Nacht im Londoner Underground oder wie sie selbst sagen: nach Noise Dub Poetry.

Berlin, Kreuzberg. St. Georg. Noch drei Stunden bis die Releaseparty zur Blonde Basic Issue beginnt. Im verwinkelten Kellerclub werden gerade bunte Lichterketten aufgehängt. Believe the Hype: Die beliebte Deko der 1980er Jahre ist seit Stranger Things wieder hoch im Kurs. Es riecht nach dem kalten Rauch der letzten Nacht. Die Überreste werden zusammengekehrt. Die Band SHI, die am Abend die Partygäste begeistern soll, kommt zum Soundcheck. Die kurzen Haare, der neugierige Blick: Passend zur Deko erinnert Sängerin Ada an Eleven, eine der Protagonistinnen der oben genannten Serie. Ada wirkt zerbrechlich und stark zugleich. In ihren Liedern singt die 27-jährige über das Lieben und Leiden. Sie ist das Herz des Duos. Der 29-jährige Gordian komponiert die Musik am Computer. Er kennt sich aus. Mit Genres. Mit Klängen. Mit Technik. Er ist der Kopf. Zusammen haben sie gerade ihre Debüt-EP „</3“ veröffentlicht. Darauf zu hören sind fünf Songs mit Adas sanfter Stimme und Gordians mal sphärischen, mal treibenden Beats.

Ada, einer der Songtitel ist „Finally Russian“. Du bist in Rußland geboren. Inwiefern spielen deine Wurzeln beim Texten eine Rolle?
Mich interessiert in wie weit Menschen in bestimmten Familienkonstellationen funktionieren können: Müssen sie etwas repräsentieren mit dem sie sich vielleicht gar nicht gut fühlen? Die Tochter die so und so sein sollte, vor allem in Russland – lange blonde Haare, geschminkt, lackierte Fingernägel, mit 19 Jahren verheiratet. Das sind Thematiken, bei denen ich das Gefühl habe, die Familie zu enttäuschen, weil ich genau dagegen agiere und mich so schwer gewissen Zwängen fügen kann. Auch in meinen Beziehungen war das immer ein Problem.

Probleme in Beziehungen, die du dann in Songs verarbeitest?
Ich bin ein sehr gefühlsgeladener Mensch. Ich liebe es zu lieben und dazu gehört auch Leid. Dementsprechend ist es ein psychologisches Motiv, das mich beschäftigt. Ich studiere ja Kunst. Ich habe immer das Gefühl Pathos ist darin verboten und eine gewisse Coolness muss dabei sein. Für mich war immer Musik die wahre Kunst, weil sie Pathos erlaubt. Wir dürfen über die Liebe singen. Wir dürfen wegen ihr sterben wollen.

Die Band gibt es erst seit knapp einem Jahr. Habt ihr beide eine musikalische Vorgeschichte?
Gordian: Ich habe früher aufgelegt, hauptsächlich Techno. Ich habe so eine Art Live-Set-up auf der Bühne gespielt wie ich es bei SHI auch mache.
Ada: Musik habe ich vor SHI immer nur für mich gemacht – mit Garage Band, aber eigentlich nie professionell.

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Ab wann ist SHI für euch erfolgreich?
Ada: Ich erkläre das wieder mit einem Vergleich zur Kunst: Wenn wir eine Ausstellung machen, zeigen wir unsere Werke an denen wir monatelang gearbeitet haben. Interesse daran zeigen dann entweder die Kommilitonen oder ein paar elitäre Schnösel, die eigentlich nur eine Dekoration für ihre Wohnung suchen. Bei Musik ist es anders. Musik kann ein 13-jähriges Mädchen oder Junge fühlen und nachsingen und das auch noch 20 Jahre später. Je mehr Menschen wir erreichen und emotional treffen, desto besser. Wenn es eine gemeinsame Masse wird mit der man gemeinsam leiden, lieben und sein kann. Das wäre großartig. Da wollen wir hin.

Auf eurer Instagram Seite @shioffline bekommt man viel nackte Haut zu sehen, vor allem von dir Ada. Hast du dich schon immer so wohl in deinem Körper gefühlt?
Ich war früher sehr schüchtern und hab mich nie nackt gezeigt. Zuhause bei meiner Familie habe ich immer das Badezimmer abgeschlossen. Das positive Körpergefühl habe ich mir erst später beigebracht. So mit 20 Jahren habe ich gemerkt, dass die Konfrontation mit den Ängsten meist alles besser macht. Meine Vorbilder waren Frauen aus den Medien, die dazu beitragen oder dafür kämpfen. Als ich mit dem Kunststudium angefangen habe, lernte ich neue Leute kennen, die ein bisschen exhibitionistisch veranlagt waren. Innerhalb des Freundeskreises war es so normal und so egal nackt zu sein.

Warum ist es dir so wichtig Körper zu zeigen?
Der weibliche Körper wird zu stark sexualisiert. Ich möchte wie ein Mann oben ohne herumlaufen können ohne dass meine Brust erotisiert wird. Die Tabuisierung, die Verbote, getrennte Saunen – dadurch wird erst alles komisch. Wir müssen darum kämpfen, dass der weibliche Körper entmystifiziert wird. Der Körper ist nur Körper. Jeder ist unterschiedlich auf seine Art und Weise und dennoch gleich. „Auf die inneren Werte kommt es an“ ist ein blöder Spruch, aber er bringt es ganz gut auf den Punkt. Ich wollte mit gutem Beispiel voran gehen.

Du hast sehr viele Tattoos. Dein Körper ist ein Kunstwerk für sich. Die Madonna auf dem rechten Oberarm fällt besonders ins Auge. Welche Bedeutung hat sie für dich?
Das Tattoo habe ich mir selbst gestochen. Vor drei oder vier Jahren. Da war ich noch Anfänger. Ich habe bestimmt fünf Stunden dafür gebraucht. Die Madonna ist das Sinnbild der Frau als Mutter. Für mich steht sie für das Schöpferische der Frau. Ich sammle auch viele Marien, aber ich bin nicht gläubig.

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Hast du noch mehr Tattoos, die das Frau oder Mutter sein thematisieren?
Auf dem rechten Arm weiter unten steht „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich mit ihr tot“. Die Zeile habe ich in Wien entdeckt. Es gibt ein Buch des österreichischen Autors  Joseph Winkler das so ähnlich heißt („Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“, 2008, Anm.d.Red). Im Buch verbietet eine Mutter ihren Kindern, untereinander das Brot zu schneiden, weil sie damit dem Hergott die Fersen abtrennen würden.  Der Junge antwortet dann jedes Mal mit dem Wimpern-Spruch. Nach weitere Recherche habe ich herausgefunden, dass die Zeile eigentlich aus einem Nonsense-Schlager von 1928 stammt. Ich habe mir die Zeile stechen lassen, weil ich sie witzig fand. Mit unverarbeitetem Mutter-Komplex oder ähnlichem hatte das nichts zu tun.

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Ist das ein russischer Schriftzug auf der Außenseite deines rechten Oberarms?
Ja, übersetzt heißt der Spruch: dosierte Kurzzeitliebe. Ich habe das Tattoo seit ich 20 Jahre alt bin. Damals war das unser Motto. So oft wie möglich verlieben, weil Liebe schön ist. Aber man wird ja oft nach drei Monaten wieder enttäuscht und dann fängt alles von vorne an. Aber man muss trotzdem dankbar sein über diese dosierten Momente, weil sie ja konzentriert und deshalb etwas besonderes waren. Keine Reue, kein ‚Oh Gott, ich habe mich schon wieder auf jemanden eingelassen‘. Manchmal ist es besser gute Stunden zu haben und trotzdem danach ins offene Messer zu rennen.

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Um dann zu leiden und sich „Sad Girl Forever“ auf den rechten Oberschenkel zu tätowieren?
Ja genau [lacht]. Ich verwende den Slogan sehr gerne. Das hat etwas mit meiner Herkunft zu tun. Den Russen wird ja nachgesagt, dass sie immer sehr melancholisch und schwermütig sind. Das habe ich auf jeden Fall mitbekommen. Die zweite Inspiration für das Tattoo war die Band Sad Boys von Young Lean. Ich fand es cool, dass sie zu ihrer Trauer stehen und das so feiern.

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Website: shi-offline.com

FOTOS: Joanna Schröder

Anna Baur

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