Search:

BLONDE BASIC ISSUE

#blackgirlmagic

Inna Modja hat die schönste Stimme Malis. Und auch die lauteste. Ihr drittes Album „Hotel Bamako“ ist eine Hommage an ihre Kindheit und an ihre Heimat, Mali. Musik hilft Inna aber vor allem dabei, ein Kindheitstrauma zu verarbeiten. Genitalverstümmelung heißt ihr Schicksal. Wie sie es schafft, sich ihren Platz in der Musikbranche zu erkämpfen, sich nebenbei für andere einzusetzen und ihre Weiblichkeit zurückzugewinnen, erzählt die Sängerin im Gespräch mit BLONDE.

Inna heißt eigentlich Bocom mit Nachnamen. Modja ist der Spitzname, den sie als Kind von ihrer Mutter bekommen hat. Weil sie frech war. „Modja“ heißt auf Bambara, Malis Amtssprache, so viel wie „verwe- gen“. Und das passt so gut zu der 32­jährigen Inna, dass es sich als ihr Künstlername durchsetzte. Die in Paris beheimatete Sängerin ist in Mali geboren und teils dort und in Ghana aufgewachsen. Sie und ihre sechs Geschwister standen unter dem Einfluss einer westlichen Pop­Kultur, zu der sie zwar nicht dazugehörten, die Inna aber motivierte, selbst Musik zu machen. Mit 15 Jahren nahm sie ihr Schicksal in die Hand und klopfte an die Tür von Salif Keïta, Malis erfolgreichstem Musiker: „Ich war mega­ aufgeregt und habe gezittert. Als er die Tür aufmachte, streckte ich ihm die Kassette entgegen und fragte, ob er sich diese anhören möchte. Sei- ne Antwort: ,Ja, jetzt bist du schon hier. Warum singst du mir nicht ein- fach etwas vor?‘ Und das habe ich dann getan.“ Salif Keïta wurde ihr Mentor und ermöglichte ihr, mit 19 Jahren nach Frankreich zu ziehen. Elf Jahre sind seitdem vergangen und Inna Modja ist in ihrer Wahlheimat längst ein Star. Mit ihrer Single „French Cancan“ (2011) hat sie knapp fünf Millionen Views auf Youtube generiert und auf ihrem Instagram­Ac- count, den sie übrigens selbst verwaltet, zählt sie über 112k Follower. Ihr drittes Album „Motel Bamako“, das letzten Monat in Deutschland releast wurde, mischt sie gekonnt Jazz­ und HipHop­Beats mit traditionellen Rhyth- men aus Mali. Die Texte sind auf Bambara und auf Englisch. Damit sie auch alle verstehen können. Mit ihrer Musik spricht die Künstlerin nämlich vehe- ment Themen an, die nicht nur sie, sondern viele Menschen in Afrika be- schäftigen: „Mit dem zunehmenden Erfolg dachte ich, jetzt kennen mich die Menschen da draußen als Künstlerin, also kann ich den Fame auch nutzen, um die Dinge anzusprechen, die ich verändern möchte.“

ÜBER ENGAGEMENT
„Ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich mich für andere Frauen ein­ setzen müsste. Ich habe mich die letzten elf Jahre für diejenigen en­ gagiert, die Opfer von häuslicher Gewalt, von Genitalverstümmelung oder anderen Formen von Missbrauch waren oder noch sind. Anfangs habe ich mich nicht getraut, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich habe es relativ geheim gehalten. Ich hatte Angst vor einer Gegenreak­ tion. Aus diesem Grund habe ich meine Musik von meiner Tätigkeit als Aktivistin getrennt. Als Musikerin habe ich mich getraut, auf den Bühnen der Welt zu stehen, aber nicht als Aktivistin. Irgendwann dachte ich nur noch: ,Scheiß drauf! Ich kann es nicht mehr trennen, weil beides zu mir

gehört.‘ Also fing ich an, die Sachen, für die ich stehe, auch in meine Musik einzubringen. Das war auch die Zeit, in der ich angefangen habe, mit anderen Frauen darüber zu reden und mit den Vereinten Na- tionen zusammenzuarbeiten. Ich habe wirklich gemerkt: Der erste Schritt zur Heilung ist, darüber zu reden. Erst dann stellt man fest, dass man nicht allein ist. Für Frauen, die ähnliche Erfahrungen hatten, ist es an erster Stelle wichtig zu wissen, dass sie nicht ihr ganzes Leben lang eine Überlebende sein müssen. Sie können wieder das Gefühl kriegen, dass das Leben auch schön sein kann.

ÜBER DEN GEGENWIND
„Ich habe viel Gegenwind bekommen, als ich anfing, meine Stimme zu erheben. Menschen können so böse sein … Ich habe das Gefühl, dass auf Social Media viele ihre Grenzen nicht mehr kennen. Sie verlieren ihre Hemmungen. Sie legen einfach los und beschimpfen dich ohne Skrupel. Ich habe die schlimmsten Beleidigungen über Instagram bekom­ men. Nicht einfach irgendwelche Sprüche, sondern richtige Drohungen … [sie packt ihr Handy aus und sucht nach einem Kommentar auf ihrem Instagram-Account] Krass. Der Typ hat es gelöscht. Es war ihm wohl doch zu peinlich! Ich habe einen Kurzfilm mit dem Titel ,La Valse de Marylore‘ gedreht, in dem es um häusliche Gewalt geht, und wurde bei der Premiere von einem Mann angespuckt. Das ist zweimal im Laufe meiner Karriere passiert. Als schwarze Frau bekommt man die doppelte Ladung ab: Sexismus gepaart mit Rassismus. Und weißt du, was interes- sant ist? Solche Dinge passieren mir nie, wenn es mit meiner Musik zu tun hat, sondern wirklich nur, wenn ich Themen anspreche, die immer noch als Tabu gelten.“

ÜBER GENITALVERSTÜMMELUNG
„Mir ist sehr wichtig, dass man den Begriff ,Verstümmelung‘ und nicht ,Beschneidung‘ benutzt. Ich mag den zweiten Begriff nicht. Es nimmt dem Wort die Grausamkeit. Es klingt so, als wäre es okay. Aber es ist nicht okay! Es gibt kleine Jungs, die beschnitten werden. Aber diese klei­ nen Jungs werden mit dem Einverständnis der Eltern, sauberen Gegen­ ständen, Narkosemittel und medizinischer Betreuung beschnitten. Das, was man mir und anderen Mädchen angetan hat, ist anders. Bei der Genitalverstümmelung wird dir nicht nur körperlich etwas angetan, son- dern auch psychisch. Bei dem Prozess wird einem ein Teil der oder die ganze Klitoris und/oder teilweise die großen Schamlippen unter prekären hygienischen Bedingungen mit einem stumpfen Messer abge- schnitten und danach ohne Desinfektionsmittel einfach zugenäht, so- dass nur ein kleines Loch übrig bleibt. Genitalverstümmelung wird in bestimmten Regionen Afrikas manchmal sogar ohne die Erlaubnis der Eltern vollzogen. Das ist mir passiert. Meine Mama war in Ghana, um irgendeinen Papierkram zu erledigen, und die Schwester meiner Groß- mutter hat mich gepackt und dahin gebracht. Ich war nicht einmal fünf Jahre alt. Als meine Mutter zurückkam, ist sie vollkommen ausgerastet. Weil es über ihren Kopf hinweg entschieden wurde. Und weil sie wusste, was für Folgen es für den weiblichen Körper haben kann. Es gibt Frau- en, die spätestens bei der Geburt eines Kindes daran sterben.“

BLONDE_Basic_Issue_InnaModja

In unserer  BLONDE Basic Issue spricht Inna Modja über das Leben nach dem Trauma, ihre rekonstruktive Operation und über Feminismus. Mehr unter innamodja.com

Text & Fotos JCS.

Joanna Catherine Schröder
No Comments

Post a Comment

#nomakeup Previous Post
Was war das für 1 Jahr? Next Post

Follow us on Instagram