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Safia Bahmed Schwartz: Wer frei sein will, muss schreien

Safia Bahmed Schwartz flüstert Drohungen wenn sie rappt, schwingt mit den Hüften, um Klischees zu bekämpfen und zeichnet ihre erotischen Fantasien auf Papier. Und für die Frauen, die sich trauen, verewigt sie die Motive auf der Haut.

Als Kind dachte Safia, sie sei ein Junge. Es ging ihr dabei nicht um das Geschlecht. Mehr um den sozialen Status und die damit verbundene Freiheit, die Jungs genießen. Sie ist oben ohne rumgelaufen, hat sich mit anderen geprügelt und hat einfach alles gemacht, was Jungs in ihrem Alter machen. Dabei mochte sie es eigentlich, ein Mädchen zu sein. Zu ihrer Weiblichkeit stand sie schon immer: „Denn das ist, was ich bin“. Die größte Überwindung dabei war, als sie mit 15 Jahren die Entscheidung traf, frei zu sein, kein Kopftuch mehr zu tragen und von Zuhause auszuziehen: „Ich hätte mich in dem Alter lieber mit meiner Akne oder Jungsgeschichten auseinandergesetzt. Das wäre einfacher gewesen.“ Der Grund für diese Entscheidung? 9/11 und ihr muslimischer Vater, der versuchte, ihr zu erklären, wie sie nach den Ereignissen als muslimische Frau zu leben hat. Sie musste sich entscheiden. Es ist nicht so einfach mit verschiedenen Kulturen aufzuwachsen, mit einem algerischen Vater und einer deutschen Mutter. „Ich wache jeden Morgen auf und erkämpfe mir die Freiheit immer wieder aufs Neue. Um mein Leben so zu führen, wie ich es möchte. Ich mache es nicht nur für mich, sondern auch für meine Tochter. Ich will ihr den Mut und die Kraft mitgeben, genauso wie ich sie auch meinen Freunden oder meinen Liebschaften mitgebe. Denn sie geben mir auch ganz viel.“

Safia ist in der Pariser Banlieue aufgewachsen und mit 21 Jahren nach Südfrankreich gezogen, um Kunst zu studieren: „Ich dachte, dass die Schule für Bildende Kunst (frz. Beaux Arts) eine Art Haus war, in dem man Stricken, Malen oder Sonstiges lernen konnte. Anfangs war ich misstrauisch. Irgendwann habe ich mich aber dabei ertappt, wie ich darin voll aufging. Mein Wissensdurst wuchs mit der Zeit und ich habe alles lernen wollen: malen, drucken, zeichnen, fotografieren etc. Das alles erlaubt mir heute, als Künstlerin vollkommen selbstständig arbeiten zu können.“ Mit ihren Zeichnungen hat Safia Befreiung gefunden. Ja, es ist das Klischee jedes Künstlers; aber es hat ihr wirklich geholfen, sich zu finden – und einen Weg, sich außerhalb der Schubladen definieren zu können, identifizieren zu können. Auch als Künstlerin, aber vor allem als Frau. Safia zeichnete schon mit 20 Jahren Sexszenarien. Dank Instagram hat sie ihre Fantasien mit der Außenwelt teilen können und freut sich darüber, wenn man ihre Bilder als Sexting Material oder zum Masturbieren benutzt. Wer es als Provokation empfindet, kann sie mal! Denn es gehörte schon immer zu ihrem Charakter, zu provozieren, zu rebellieren. Wer frei sein will, muss schreien.

Vor drei Jahren hat sie Musik für sich entdeckt. Weil sie gemerkt hat, dass sie die Message in den Texten, die sie schreibt, durch Musik besser rüberbringen kann. Und, weil sie sich dabei wie eine Meerjungfrau fühlt, die Seefahrer mit ihrem Netz fängt … Ihr Video „La Solitude“ (Die Einsamkeit) ist das beste Beispiel dafür.

Erst posed sie rauchend in einem PVC Mantel – das Symbol der Emanzipation der französischen Frau in den 60er-Jahren – und im zweiten Schnitt befreit sie sich davon und schwingt ihre Hüften im Prinzessin Jasmin-Outfit. Die Kleidung spielt dabei eine wichtige Rolle; denn Safia hat das Gefühl, dass Frauen oft dafür verurteilt werden, was sie tragen. Als sei ihre Kleidungswahl gleichzeitig ihr Urteil. Ist die Kleidung zu sexy, wird sie in bestimmten Fällen als Argument gegen sie benutzt. Das hat Safia auf zwei Ebenen erlebt: Als Frau, aber auch als Muslimin. Das lässt sich gut anhand der Stereotypen der arabischen Frau in Frankreich erklären: Wenn sie ein Kopftuch trägt, ist sie eine unterdrückte und unterwürfige Frau. Wenn sie sich dagegen entscheidet, ist sie eine sexualisierte „Beurette“ (weibliche Version von Beur). Wenn man sie zu „Rassismus in Frankreich“ befragt, atmet Safia tief ein: „Rassismus ist ein loser Begriff … in Frankreich wachsen wir alle zusammen auf und ernähren uns von der Kultur des anderen, tauschen uns aus, arbeiten mit dem, was wir haben, zwischen zwei, drei oder vier Stühlen. So ist es zumindest in meinem Pariser Mikrokosmos. Sobald ich diese Blase verlasse, bin ich eine Araberin. In Algerien bin ich aber eine Französin. Und auf der Welt bin ich nur eine Frau.“
Safia will nicht mehr dazu sagen, sie würde sonst in Tränen ausbrechen, erklärt sie. Aus Wut schreien oder weinen müssen – das macht einen auf Dauer einsam.

Deswegen verarbeitet sie ihre Wut mit ihren Zeichnungen und mit ihren Texten. Diese werden gesungen, geflüstert oder gerappt oder verfilmt. Das nächste Ziel? Einen Pornofilm drehen. Ihre Anfänge als Porno-Künstlerin macht sie im eigenen Video-Clip „JTM“ (französische Abkürzung für „je t’aime“ – „ich liebe dich“), in dem sie selber als verliebte Sex-Göttin vor der Kamera steht: „Feminismus bedeutet für mich nicht nur glücklich oder frei zu sein, sondern auch fair. Feminismus ist für mich etwas Einheitliches. Im Alltäglichen auch Männer in den Diskurs einbeziehen. Wenn es um meine Arbeit geht, bedeutet es für mich, Männer und Frauen anzusprechen und zu berühren. Ich versuche durch meine erotischen Zeichnungen, eine Sprache zu erschaffen, die alle anspricht. Die alle gleich erregt. Egal, ob Frau oder Mann, hetero-, bi- oder homosexuell. Es ist nicht einfach, aber ich tue mein Bestes.“

Wir haben Safia bei der Pariser Fashion Week getroffen und ihr unsere #girlsforblonde Fragen gestellt.

 

 

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SAFIA auf Soundcloud // Instagram // Facebook
FOTOS: Enno Knuth

 

Joanna Catherine Schröder
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