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Selflove Edition

Shy but not Shy

Eva Zar gewährt intime Einblicke in die Wohnungen junger New Yorker. Ihre Fotos zeigen verträumte Internetkinder, die sich online verewigen wollen. Blonde-Autorin Judith Brachem hat mit der jungen Fotografin über Schönheitsideale, Schüchternheit und Selfies gesprochen.

Eva Zars aktuelles Fotoprojekt „Shy But Not Shy“ erforscht den Widerspruch zwischen dem Exhibitionismus, der Selfies innewohnt, und dem Versteck, das soziale Netzwerke ­einem bieten. Dabei zeigt die Fotografin ­authentische Situationen, in die sie nicht eingreift, und versucht, den verletzlichen Moment einzufangen, in dem sich jemand selbst fotografiert und so online sein Selbstbild formt.

Was wolltest du mit „Shy but not Shy“ darstellen oder aufzeigen?
Meine Absicht dahinter war es, einen intimen und vertraulichen Moment einer Person zu foto­gra­fieren. Den Moment, bevor er oder sie ein Foto von sich macht. Ich bin einfach zu den Menschen nach Hause gegangen und habe versucht, ihren privaten Ort als Bühne zu ver­wenden. Ihre Ac­ces­soires und die Geschichten dazu wurden damit automatisch zum Setdesign; sie selbst sind die Stylisten und Models. Die Idee ist es, hinter die Selfie-Kultur schauen zu dürfen und dort einen Ort zu finden, der viel mehr als nur ein Beitrag auf Instagram ist. Es ist ein Ort, an dem das Kuratieren nichts mehr mit Museen zu tun hat. Ich versuche, mit „Shy But Not Shy“ einen Wi­der­spruch festzuhalten. Wir wollen alle geliebt, beneidet und verehrt werden und viele Likes und Herzen auf unsere Fotos bekommen. Deswegen posten wir sie auch mit einer Bild­unterschrift, über die wir lange nachgedacht haben. Wir wol­len alle wichtig sein und doch stoßen wir fast immer auf einen sehr fragilen und wunden Punkt, wenn es darum geht, sich genau dieses Gefühl ein­zu­gestehen. Viele von uns verneinen, dass es ihnen wichtig sei, wie viele Freunde auf einen Beitrag reagieren oder ihn kom­men­tieren. Für mich ist das gesamte Konzept ein Paradoxon, das sich nicht so leicht auflösen lässt.

Wie ist deine Meinung zu Selfies? Wie viel Authentizität steckt in ihnen?
Das Selfie ist für mich das virtuelle Ölgemälde. Sie sind genauso wenig authentisch, wie es Öl­ge­mälde wären. Das ist aber an sich nichts Schlechtes. Mach so viele Selfies von dir, wie du nur willst. In einer Gesellschaft, in der uns ein­ge­redet wird, dass es das eine ultimative Schön­heitsideal gibt – das White Skinny Straight Thigh Gap Basic Girl with her Star-bucks Cup –, den Mut aufzubringen und täglich Selfies von sich zu posten und sich trotzdem selbst zu lieben kann für mich eigentlich nur positiv sein. Na­tür­lich kann man alles über­treiben, aber Extre­mismus ist wie­der ein an­deres Kapitel.

Glaubst du, die Selfie-kultur hat etwas mit Selbstverliebtheit zu tun? Oder doch eher mit positiver Selbstliebe?
Ich sehe den Unterschied zwischen beidem nicht wirklich. Ich finde: Liebe dich nicht nur so, wie du bist, sondern zelebriere wirklich, dass du so bist, wie du bist. Du bist du und genau so bist du auch wunderschön.

Deine Bilder wirken sehr intim. Was bedeutet Intimität für dich? Wie erzeugst du diese in deiner Arbeit?
Mir wurde von den Leuten, die ich bis jetzt fo­to­grafiert habe, gesagt, dass sie sich neben mir sehr wohlfühlen – auch wenn wir uns ganz wenig bis gar nicht kannten. Viele meinen, ich gebe ih­nen die Sicherheit, dränge sie nicht zu Sachen, die sie nicht machen wollen, und habe Geduld. Ich glaube, Intimität kann nur an einem sicheren Ort entstehen. Diesen Ort musst du als Fotografin schaffen, um das gewünschte Resultat zu erhalten. Anders funktioniert es für mich per­sönlich nicht.

Wie stehst du Social Media gegenüber?
Social Media sind für viele von uns ein Zufluchtsort. Ein Ort, an dem wir nicht nur viel freier Infor­mationen über uns preisgeben, sondern Per­sön­lich­keiten kreieren, die wir im echten Leben gerne wären. Diese Social-Media-Per­sön­lich­keiten de­finiere ich als öffentliche und persönliche Ausstellungsfläche. Auf dieser sind wir die Künstler, Kuratoren und Techniker. Wir sind die Lichter, die Rahmen und die Beschriftungen. Wir haben viel weniger Bedenken, unsere privatesten Momente mit der gesamten Onlinewelt zu teilen. Dabei stellte ich mir immer die Frage, warum wir das machen. Der Grund unseres Verhaltens ist ein empfindlicher, verwundbarer, schüchterner Teil, der uns Internetkinder miteinander verbindet.

Versuchst du, in deinen Fotos Schönheit einzufangen?
Ich versuche nie bewusst, die Schönheit einzu­fan­gen. Jeder hat eine eigene Definition dafür, denke ich. Für mich ist Schönheit in der Fotografie der Moment, wenn ich merke, dass die Person vor meiner Linse ihr Foto sieht und sich selbst schön findet auf dem Foto. In einer Welt, in der wir jeden Tag zu hören bekommen, dass wir nur durch Make-up, Fitness oder Diäten dem Schönheitsideal entsprechen können, ist es mein Ziel, Menschen aufgrund ihres eigenen Daseins sich schön fühlen zu lassen.

Foto: Fotografin Eva Zar

 

Was hat dich dazu bewogen, Foto­grafin zu werden?
Mein Leben wollte immer schon eher eine ver­rückte Gefühlsachterbahn als ein konstantes, ruhiges Karussell sein. Ich glaube, der Schritt in die Fotografie war ein unbewusster. Ich sehe, nur weil ich Fotografin bin, auch nicht mehr, als du siehst. Für mich geht es in der Fotografie an ers­ter Stelle darum, ein Gefühl zu kreieren oder fest­zu­halten – alles andere kommt danach. Die Men­schen vor der Linse müssen sich in deiner Nähe sicher fühlen. Ich kann dir nicht erzählen, wann welche Kamera erfunden wurde oder wie traditionelle Fotografie funktioniert. Ich kann vertrauliche Momente einfangen, indem ich Menschen das Gefühl gebe, dass sie gut genug sind, so wie sie sind.

Was kommt als nächstes?
Momentan absolviere ich meinen Master an der Parsons School of Design. Dieses Jahr stehen ei­nige interessante Projekte an, unter anderem eine Residenz im Studio Vortex in Arles, Südfrank­reich, und eine Soloausstellung in Vaduz, Liechtenstein. Mehr darf ich bis jetzt noch nicht verraten. Für mein ganzes Leben hab ich nur ei­nen Plan: glücklich und gesund durchs Leben zu spazieren. Am Ende ist es das Einzige, was zählt.

Fotos: eva-zar.com

Text: Judith Brachem

Anna Baur
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