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Einbeiniges Model Lauren Wasser im Interview

Für ihre SS16 Kampagne hat die dänische Marke Noisy May eine außergewöhnliche Muse ausgesucht: Lauren Wasser, das einbeinige Model, dessen Geschichte rund um die Welt ging. Der Grund: sie verlor durch einen Tampon ihr rechtes Bein.

FOTOS: Noisy May

Die dänische Marke Noisy May macht Kleidung für modebewusste junge Frauen mit Kämpfer-Spirit. Genau aus diesem Grund hat das Label für seine SS16 Kampagne eine außergewöhnliche Muse ausgesucht: Lauren Wasser. Denn Lauren ist nicht nur ein Model, sie ist eine Frau mit einer außergewöhnlichen Geschichte. Eine Muse, die gekämpft hat. Um ihr Leben.

Lauren gehört zu diesen Frauen, die alles im Leben hatten. Ihre Eltern waren beide Models, sie war das „popular girl“ ihrer Schule, hat Basketball gespielt und ihr Sportstipendium für die Modelkarriere aufgegeben. Das alles ermöglichte ihr schon sehr früh ein unabhängiges Leben zu führen und ein großes Selbstbewusstsein zu entwickeln: sie war immerhin eine hübsche und erfolgreiche amerikanische Frau, deren Lebensweg schon vorgezeichnet schien.

Mit 24 wurde ihr Leben von einem Tag zum anderen abrupt verändert, und um ein paar Minuten fast beendet. Der Grund? Die fatale Begegnung zwischen dem Bakterium Staphylococcus aureus und einem in den Körper eingeführten Tampon. Die Gifte, die dabei ausgelöst werden, bringen die Organe zum Versagen. TSS a.k.a Toxisches Schocksyndrom heißt das Phänomen, an dem 20% der jungen Mädchen und Frauen sterben können, die das Pech haben, dieses Bakterium im Körper zu haben. Lauren Wasser war eine davon. Lauren wurde mit grippeähnlichen Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert und in ein künstliches Koma versetzt, bis die Ärzte herausfinden konnten, was passiert war. Ihre Rettung war der Arzt, der fragte, ob sie einen Tampon in sich tragen würde. Ja, das tue sie. Was das bedeuten sollte, hat sie nicht mehr mitbekommen. Das Erste, das Lauren beim Aufwachen hörte, war, dass ihr rechtes Bein amputiert werden müsse. Dafür brauchten die Ärzte ihr schriftliches Einverständnis. So musste sie, mit 24, den Ärzten erlauben, ihr Bein zu amputieren. Das sollte ihr Leben für immer verändern.

Was passiert, wenn das beliebteste Mädchen auf einmal „behindert“ ist? Das sind genau die Fragen, die Lauren nach der Amputation beschäftigten. Das Leben danach war zunächst kein Leben für sie. Ganz klar. Aber zwei Menschen hielten sie davon ab, es ein für alle mal zu beenden: Ihr kleiner Bruder und vor allem ihre Fotografenfreundin, Jennifer Rovero, die über Tage, Wochen, Monate und jetzt Jahre, ihre Genesung dokumentierte.

Wie es ihr vier Jahre später wohl geht? Das erfahrt ihr hier.

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Hey Lauren, wie geht es dir und was machst du?
Ich sitze gerade im Flieger auf dem Weg nach New-York. Ich habe da einen Modeljob. Es ist 7:30 Uhr und ich trinke Kaffee. 🙂 ☕

Du hast eine sehr interessante und eigenartige Geschichte zu erzählen. Wie hat dein Unfall dein Leben verändert und wie gehst du damit um? Gibt es etwas, was du besonders vermisst?
Ich werde jeden Tag daran erinnert, dass mein Leben ein vollkommen anderes geworden ist. Es fängt morgens an, wenn ich aufstehe und duschen gehe. Die Art, wie ich duschen muss … Ich muss meine Prothese anziehen. Und auch Schuhe. Daran muss man sich erstmal gewöhnen. Eins mit der Prothese werden. Es ist alles ein Prozess, ich lerne immer noch. Meine Freundin hat mir beigebracht, dass ich immer noch bestimmte Dinge machen kann. Ich muss aber lernen, diese anders zu machen. Was ich am meisten vermisse, ist die Freiheit einfach loszurennen, oder beim Baskeball Fünf gegen Fünf gegen eine Männergruppe zu spielen und mir ihr entsetztes Gesicht anzuschauen, nachdem ich den perfekten Dreier geworfen habe!
🏀😏

Was oder wer hat dir am meisten geholfen wieder im Leben anzukommen? Was gab dir die Stärke „noisy“(laut) zu sein und deine Geschichte zu erzählen?
Ich war so depressiv. Zum Glück hatte ich von Tag eins an das beste Support-Team. Meine Mutter ist mir nie von der Seite gewichen, meine Freunde kamen mich ständig im Krankenhaus besuchen und unterhielten mich. Es war anfangs ok, bis ich nach Hause kam. Mit der Realität kam die Depression. Ich wollte mein Leben beenden. Das Gefühl ging erst weg, als ich Jennifer kennenlernte. Sie ist eine wunderbare Fotografin. Sie hat es geschafft, mir durch ihre Bilder zu zeigen, dass ich immer noch sehenswert bin. Sie nennt es „Fototherapie“. Sie hat eine Webseite gegründet, die als Plattform für tausende Mädchen dient, die ihre TSS-Geschichten erzählen möchten. Oft berichten Mütter, deren Töchter an TSS starben, über den Verlust. Es fühlt sich so gut an, so viele Mädchen da draußen zu unterstützten, obwohl wir sie nicht kennen.

Also bist du verliebt?
Ja, sehr. ❤️
Meine Freundin war der beste Wegbegleiter während dieser dunklen Phase meines Lebens. Wir haben alles als Team überstanden. Sie war immer da, sie hat mich gepusht und motiviert, irgendwann wieder Fahrrad fahren oder Basketball spielen zu wollen. Sie war nervig, hartnäckig und stur. Sie hat mir die Kamera vors Gesicht gehalten, in Zeiten, in denen mein schlimmster Alptraum war gesehen zu werden. Sie hat mir so viel Liebe gegeben. Sie hat mich jeden Morgen gezwungen wieder aufzustehen. Sie hat mir Mut gegeben, in Zeiten als ich keine Hoffnung hatte. Als wir uns vorgenommen haben, meine Gesichte der Welt mitzuteilen hatte, lief ich nur in Kapuzpulli und Jogginghose rum. Ich wollte einfach.nicht.gesehen.werden.
In dem ersten Artikel beim Vice Magazin, hat sie mich gezwungen, Shorts zu tragen. Ich hatte so Angst mich so zu zeigen, wie ich geworden bin. Ich hatte Angst davor, wie die Welt meine Geschichte und die Bilder dazu aufnehmen würde. Mein neues Leben, mein neues „Ich“.  Sie brachte mich dazu und die Reaktion hätte nicht besser sein können. Jetzt trage ich ständig Shorts. Ich bin wieder stolz, der Mensch zu sein, der ich bin. Stolz, ich zu sein. Ich hoffe, ich kann andere mit meiner Geschichte bewegen und berühren. Menschen, die es kennen, im eigenen Körper gefangen zu sein. Jennifer ist mein bester Freund, mein Partner und die Liebe meines Lebens zugleich. Ich bin so dankbar, sie in meinem Leben zu haben.

Wie fühlst du dich, wenn du auf Mädels trifft, die das Alter haben, was du hattest als du dein Bein verlorst?
Ich fühle mich, als hätte ich immer noch dieses Alter. Ich glaube, es liegt daran, dass ich die letzten Jahre immer nur von einem Krankenhaus ins nächste musste, eine OP nach der anderen hinter mich bringen musste und dadurch erst jetzt wirklich wieder „lebe“. Aber das hier, das ist jetzt ein ganz neues Leben. Und ich freue mich richtig auf das, was noch kommt!

Wie würdest Du dein eigenen Stil beschreiben? Hat es Gemeinsamkeiten mit Noisy May?
Ich bin definitiv ein Tomboy, aber ich mische meine Männerklamotten gern mit etwas Weiblichem und Rebellischem. Von daher liebe ich den Noisy May-Look, es ist genau mein Ding: Motorrad-Lederhosen mit Bluse und einen schönen Mantel drüber! 👌🏼

Gibt es einen lustigen Dreh-Shooting Moment, den du mit uns teilen möchtest?
Es ist jetzt mein dritter Aufenthalt in Dänemark and es ist jedes Mal so lustig. Dieses Mal ist das Motto „Basketball“, was super zu mir passt. Ich fühle mich in meinem Element und werfe Körbe, pose und mach die schlechtesten Witze dabei.

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Bist du eine Feministin? Was bedeutet es für dich eine Frau zu sein und womit haben Frauen, deiner Meinung nach, immer noch zu kämpfen?
Frauen sind echt starke Dinger! Also mal ganz ehrlich: wir bringen Kinder auf die Welt, das sehe schon als Herkulestat. Wenn man bedenkt, dass Frauen ein sehr wichtiger Teil der Fortpflanzung sind und immer noch kein richtigen Zugang zu Hygienemittel haben – das ist für mich ein sehr wichtiges Problem, das wir immernoch bekämpfen müssen. In Amerika gibt es ein Gesetz im Kongress, das nach einer Frau benannt wurde, die 1998 an TSS gestorben ist, Robin Danielson. Dieses Gesetz wurde neun mal hintereinander von der Kongressvertreterin Carolyn Maloney vorgestellt und wurde jedes Mal abgelehnt. Das Gesetz wäre dafür da, dass alle Unternehmen, die hygienische Produkte für Frauen herstellen, ihre Konsumentin darüber aufklären müssten, was ALLE Risiken sind. Vor allem bei Produkten wie Tampons, die wir lebenslang nutzen. Es wird mehr über Kaffeefilter recherchiert als über Mittel, die die Frauenhygiene verbessern könnten! Das muss sich ändern.

Bist du der Meinung, dass Frauen es jemals schaffen werden?
Ich hoffe und glaube, dass wir eine Veränderung bewirken können. TSS war wie eine Epidemie in den 80er, viele Frauen starben davon. TSS gibt es zwar noch immer, aber zumindest wird jetzt darüber geredet. Und das auf einem Level, das in Zukunft hoffentlich für mehr Transparenz sorgen wird.

Was ist deine Botschaft an die nächste Generation von jungen Frauen?
Wenn meine Freundin und ich eins verändern möchten, dann den Begriff von „Schönheit“. Wir wollen das verändern, was so viele Menschen als „schön“ empfinden. Vor allem jetzt, weil wir in einer Zeit leben, in der der Schönheitswahn durch Social Media noch schlimmer geworden ist. Es wird ständig das falsche Bild von „Schönheit“ promotet. Ich hoffe, ich kann Menschen zeigen, dass es mehr im Leben gibt, als gefallen zu wollen. Wir haben alle eine Stimme, die wir nutzen können um laut zu werden, unseren Platz hier auf der Erde zu finden und geile Sachen zu machen! Wir müssen es einfach nur machen. Wie cheesy es auch klingen mag: Nichts ist unmöglich.

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Mehr auf noisymay.de

 

Joanna Catherine Schröder
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