Hello no! Wie ich “Nein sagen” gelernt habe

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Jasagen gehört zum gu­ten Ton. Aber bedeutet offen gegenüber Neuem zu sein wirklich, immer Ja sagen zu müssen? Nein! Credit:Unsplash
Empathie ist toll. Aber nicht so sehr, wenn man das mit permanenter Zustimmung verwechselt. Die Kunst, auch mal Nein zu sagen – und trotzdem empathisch zu bleiben.

Text: Stephanie Johne 

Montagmorgen, in der U-Bahn drängen sich die Menschen dicht aneinander. Der erste Schnee des Jahres zwingt sie, den Weg zur Arbeit unterirdisch zurückzulegen. Es ist so eng, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob man sitzt oder steht. Der Bild ge­wor­dene Gruppenzwang auf Kuschelkurs – Umfallen un­mög­lich, Aussteigen auch. Mir ist es gleich, ich muss bis zur Endsta­tion. Eigentlich wäre heute mein freier Tag – hätte ich nicht einer Freundin versprochen, ihr mit ihren Bewerbungen zu helfen. Ich konn­te ihr die Bitte nicht abschlagen. Da ‚stehsitze‘ ich also inmitten der Rush Hour, die ich so viel lieber einsam in meinem Bett verschlafen hätte. Irgendwo klingelt es – alle Blicke plötzlich auf mich gerichtet. Mein Handy. Ich kämpfe mich durch ein Gelage aus mit Daunen und Schurwolle bedeckten Oberkörpern, die den Weg zu meiner Gesäßtasche versperren. Meine geheu­chel­te Euphorie durchbricht für einen Moment die geschäfti­ge Stille im Zug: „Nein, gar kein Problem – das mache ich sehr ger­ne!“ Noch sieben Stationen bis zu meinem Ziel – Zeit genug, zwei E-Mails und eine WhatsApp-Nachricht zu schreiben. Letz­tere geht an meinen Chef: „Alles erledigt, Tisch ist für 13 Uhr re­ser­viert, K. weiß Bescheid.“ Als ich aussteige, schwirrt mir der Kopf. Es ist gerade mal fünf nach neun und ich habe Urlaub.

Allzeit bereit

Nur wenige Stunden später sitze ich mit einer alten Freundin über einer dampfenden Pho beim Vietnamesen unseres Vertrauens. Seufzend berichte ich ihr von meinem Tag – an dem ich nichts anderes tun wollte als schlafen. Sie lächelt müde und nennt das Kind beim Namen: „Du musst lernen, Nein zu sagen, Liebes! Immer dieses Ja-und-Amen-Gehabe! Wem willst du denn et­was be­weisen?“ Ich weiß, dass sie recht hat. Es ist immer dasselbe – so sehr ich es mir auch vornehme, ich kann es nicht. Immer wenn es darum geht, anderen einen Gefallen zu tun, schaltet sich mein Helfersyndrom ein und die Vernunft aus. Und damit bin ich nicht allein – obwohl meiner Generation doch nachgesagt wird, nicht empathisch zu sein. Dass ich nicht lache! „Allzeit bereit!“ wäre pas­sender. Ich kenne kaum jemanden, der nicht sofort für alles und jeden Feuer und Flamme wäre und überall mitmischen wollte! Außer besagte Freundin, die mich bei dem Gedanken mit Arg­wohn mustert. Habe ich das laut gesagt?

„Du verwechselst da etwas. Empathie heißt nicht, allem zustimmen zu müssen“, unterbricht meine Freundin meine Tagträumerei (ich habe das doch nicht wirklich laut gesagt, oder doch?). Ge­dan­kenverloren nehme ich noch einen großen Schluck von meiner Suppe und verbrenne mir den Gaumen. In letzter Zeit fühle ich mich oft ausgebrannt, kraftlos und kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal im Bett rumgegammelt hätte. Nur ich, Netflix und meine heiße Schokolade? Fehlanzeige! Dabei ist das doch wirklich nicht meine Schuld – in einer Zeit, in der es darum geht, immer einen Schritt voraus zu sein und bloß nichts zu ver­pas­sen. Jasagen gehört zum guten Ton. Aber bedeutet offen gegenüber Neuem zu sein wirklich, immer Ja sagen zu müssen? Nein! Die Kunst besteht doch darin, immer dann wenn man Nein meint, auch Nein zu sagen. In der Theorie einfach. In der Praxis schwieriger. Immerhin galt Empathie lange als das ultimative Erfolgsrezept für Karriere und Privatleben. Aber was ist mit den Schattenseiten, von denen meine Freundin spricht und die mir so zu schaffen machen?

 

 

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Es gibt wirklich viele Möglichkeiten, Nein zu sagen, ohne „Nein!“zu sagen. Credit: Unsplash

 

Never Mister Clever!

„Es ist wie bei so vielen Dingen: Der innere Schweinehund muss überwunden werden. Ich bin doch mit dieser Erkenntnis auch nicht geboren worden“, fügt meine Freundin hinzu. Und es gibt wirklich viele Möglichkeiten, Nein zu sagen, ohne „Nein!“ zu sagen. Ich erinnere mich an Dr. Cox aus Bill Lawrence’ Drame­dy-­Serie „Scrubs“ (kurz verliere ich mich wieder in meiner Sehnsucht nach Netflix und heißer Schokolade). Seine Antwort­­mög­lich­keiten reichen von „Niemals!“ über „Nicht in einer Million Jah­ren!“ bis hin zu „Never Mister Clever!“ und treffen damit ein Problem unserer Zeit auf den Kopf. Oft beginnt das aber nicht mit der fehlenden Schlagfertigkeit, sondern schon viel früher: Wir sind zu abgelenkt oder zu beschäftigt, wenn es darum geht, jemandem etwas zuzusagen oder auszuschlagen! Jeder von uns kennt die Situationen, in denen wir leichtfertig Ja sagen – weil wir nicht richtig zugehört oder aber die Konsequenzen nicht wirk­lich durch­dacht haben – und es im nächsten Moment sofort wie­der be­reuen. Und was passiert dann? Wir versuchen, einen Rück­zieher zu machen, und verbringen viel Zeit damit, die Ver­pflich­tung umzudisponieren. Dabei ginge es lediglich darum, für die eigenen Bedürfnisse einzustehen und dem Bauchgefühl Gehör zu schenken.

Das Geheimnis ist Zeit. Nicht viel, oft machen schon magische drei Sekunden (21, 22, 23… zählt sich wirklich ziemlich schnell dahin, oder?) den Unterschied, ohne dass sich das Gegenüber wun­dert. „Bevor du das nächste Mal leichtfertig mit einer Antwort herausplatzt, könntest du einfach tief durchatmen und die Fra­ge kurz sacken lassen.“ Und wenn kein Gegenüber da ist? Umso besser! „Erkläre, dass du später zurückrufst und klapp den Laptop zu, geh spazieren, schließ die Augen für einen Moment oder schlaf schlicht und ergreifend eine Nacht drüber. Ganz oft macht sich dann schon ein deutliches Bauchgefühl breit.“ Und Fakt ist: Kurz innezuhalten bedarf rückblickend betrachtet sehr viel weniger Zeit, als voreilig etwas zuzusagen und dann mit sich zu hadern.

„Jasagen gehört zum gu­ten ton. aber bedeutet offen gegenüber neuem zu sein wirklich,
immer ja sagen zu müssen? Nein! Die Kunst besteht doch darin, immer wenn man Nein meint,
auch nein zu sagen.“

Den Heimweg trete ich in einer beinahe leeren U-Bahn an. Wieder klingelt mein Telefon. Auf meinem Display leuchtet in Großbuchstaben das Wort „Büro“. Ich atme tief durch und zähle leise vor mich hin – „21, 22, 23…“ –, bevor ich schließlich den roten Hörer drücke und stattdessen eine Nachricht tippe: „Kann ge­ra­de nicht sprechen, melde mich, wenn ich aus dem Urlaub zurück bin.“ Sich rar machen – gut fühlt sich das an, auch wenn das jetzt eher eine von den leichten Übungen war. Zu Hause angekommen wartet eine Nachbarin auf mich. Sie hat sich ausgesperrt und sitzt im Nachthemd auf der Treppe. Ohne zu zögern bitte ich sie herein und mache uns eine heiße Scho­ko­lade. Sie atmet erleichtert auf. In ihrem Blick lese ich, dass ihr Tag sehr viel anstrengender war als meiner. Ich muss et­was lachen! Meistens, da ist sie also eben doch für etwas gut, diese Empathie.

 

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