Heat Me Up: Vier Frauen über ihre filmischen Vorlieben

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Credit: Joanna C. Schröder
Hardcore-Pornos sind typische Männerfantasien? Nicht nur. Vier Frauen verraten, warum die Filmchen auch sie nicht kalt lassen.

Text: Laura Binder // Fotos: Joanna C. Schröder

Pornografie gilt öffentlich oft als pervers, tabu und verrufen – auch wenn Deutschland Weltmeister im Pornokonsum ist. Doch spätestens seit diese Filme nicht mehr nur in der Schmuddelecke der Videothek zu finden sind, sondern frei im Internet, steigt die Neugierde und somit die Nachfrage. Die Sex­film-­Ära der vollbusigen Blasehasen, wie sie Hugh Hefner gefeiert hätte, mag zwar nicht komplett vorbei sein, tritt aber für eine neue Entwicklung in den Hintergrund. Statt des üblichen Klischees, dass Softpornos Frauensache und Hardcore-Pornos Männersache seien, entwickeln sich Filme rund um den Hö­­he­punkt der Frau, die nicht nur Blümchensex zeigen und die Darstellerinnen oft dem ähneln, was man im Spiegelbild sieht. Und auch die Suchbegriffe, die Frauen eintippen, sind geradeheraus: „lesbisch“, „Dreier“, „Squirt“ oder „Gangbang“. Produzentinnen wie Erika Lust, Anna Span oder Pionierin und Ex-Pornodarstellerin Candida Ro­yalle haben Filme etabliert, bei denen Frauen im Mittelpunkt stehen und nicht nur Mittel zum Zweck sind. Ohne die groß ro­man­tische Story geht es hier schnell zur Sache. Der größte Unterschied zum „Malestream Porn“ ist, dass auf Fake-Stöhnen und passives Rumliegen verzichtet wird. Die Resonanz darauf ist hoch, der Markt wächst weiter. Und mit ihm das Bewusstsein, dass härtere Nummern auch Frauen anturnen. Vier von ihnen sprechen über ihre filmischen Vorlieben. 

Emma, 24, Hamburg

„Ich stehe auf BDSM, nicht erst seit ,50 Shades of Grey‘. Für mich ist es reizvoll, dazu Pornos anzuschauen. Dabei machen mich vor allem die Geräusche an: verzweifeltes Stöhnen, lautes Schreien, das Klatschen von nackter Haut auf Haut. Je dominanter der Mann ist, der der Frau den Mund zupresst, sie mit dem Halsband anleint oder auspeitscht, ­desto stärker kommt Lust in mir auf. Für mich wirken die Frauen in den Pornos so, als ob sie ihre Verantwortung dann abgeben können und für einen Moment nicht sie selbst sind. In meinem Alltag muss ich mich dauernd beweisen, bin oft auf mich allein gestellt, will und muss tough sein. Beim Sex hingegen möchte ich das ablegen und mag es, wenn ein Mann mit mir anstellt, was er möchte. Er soll den rauen Ton angeben. Nur vom Küs­sen und Fummeln regte sich bei mir nichts. Bis ich herausgefunden habe, wie mein Körper auf Hardcore-Pornografie reagiert, vor allem in Filmen mit Frauen, die irgendwie normal aussehen und keine wasser­stoff­blondierten Haare oder Silikonbrüste haben. Ich schaue mir gerne an, wie Frauen in den Pornos sexuell an ihre Grenzen gebracht werden, kaum sprechen können oder beim Orgasmus squirten. Ich stehe auf Lustschmerz und Unterwerfung. Je härter der Umgang ist, je verschwitzter die Körper sind und je hemmungsloser sich beide penetrieren, desto feuchter werde ich. Meist halte ich beim Schauen nicht länger als zehn Minuten durch, bevor ich selbst vom Masturbieren dazu komme.“ 

Sophia, 27, Mannheim

„Meinen ersten Porno habe ich als 16-Jährige auf der Festplatte mei­nes großen Bruders gefunden, als ich mir einen Spielfilm von ihm runter­la­den wollte. Darin war eine Frau geknebelt und an einen Stuhl gefes­selt, sie war nackt und der Typ nahm sie echt hart ran, gönnte ihr nicht eine Sekunde Pause oder Zeit zum Luftholen. Immer wieder drang er mit vol­ler Kraft in sie ein. Sie lief rot an, ihre Haut war komplett feucht, ihr Make-­­up verschmiert, sie versuchte verzweifelt, sich zu bewegen. So was hatte ich noch nie gesehen. Ich sprach ihn auf das Video an. Er erklärte mir, die Frau sei eine bekannte Pornodarstellerin und das Video pro­fessionell gemacht. Ich recherchierte danach online und fand Dut­zen­de weitere Filme von ihr. Je mehr ich mich da hineinfühlte, desto mehr verstand ich, worum es bei dieser Art der Befriedigung ging. Es hat mich erregt, wenn eine Frau einen Orgasmus hat, sich aber nicht be­wegen kann, um ihn richtig auszuleben. Oder wenn sie schreien wollte, aber dann etwas in den Mund gestopft bekam. Als ich meinem späteren Freund das Video gezeigt habe und ihm sagte, dass er das auch mit machen sollte, hat er lange gezögert. Während er mich später beim Sex gefesselt hat, hat er alle zwei Sekunden gefragt, ob es mir gut gehe, und hörte auf, wenn er das Gefühl hatte, dass ich nicht mehr könnte. Dabei wollte ich genau an den Punkt kommen – wie die Frau im Porno. Ich hör­te irgendwann damit auf, solche Sexfilme zu gucken, weil ich gemerkt ha­be, wie ich meinen Freund damit unter Druck setze. Er steht gar nicht auf diese Art und ich will nicht, dass er sich benutzt fühlt.“ 

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Credit: Joanna C. Schröder

Linda, 25, Kiel

„Aus Neugier habe ich schon oft nach Pornos gegoogelt. Ich kam auf eine Seite und war baff, dass es wirklich für jeden Fetisch eine Kategorie gibt. Vom Füßeablecken über Hardcore-Rammeln bis hin zum Gruppensex – alles war dabei. Meist war es dann aber doch immer das gleiche Prozedere: Der Mann krallt sich eine Frau, es gibt einen Blowjob, schnelles Rein-Raus und er spritzt irgendwo auf ihren Körper oder in ihr Gesicht ab. So wirklich angemacht hat mich das nicht, weil die Frauen oft sehr pas­siv waren. Ich hatte das Gefühl, dass es entweder langsame roman­tische Filme gibt oder den typischen ‚Malestream‘-Sexfilm. Ich habe mir bis dato meistens Lesbenpornos angeschaut, weil sich die Frauen dort mehr Mühe geben, die andere zu befriedigen und nicht so egoistisch sind. Doch manchmal fehlten mir der Anblick von einem harten Schwanz und ein Mann, der die Frau packt und sie fast um den Verstand vögelt. Dann zeigte mir eine Freundin einen Porno von Erika Lust. Es geht dabei nicht darum, dass die Frau direkt auf die Knie geht, sondern dass der Typ sie minutenlang leckt und gleichzeitig mit den Fingern penetriert, sie runterdrückt, wenn sie vor Lust um sich schlägt und komplett nass über seiner Hand kommt. Das hat mich wahnsinnig angeturnt und ich merkte, dass sich Hardcore und diese Art Erotikfilm nicht ausschließen – und vor allem dass ich beim Masturbieren nicht mehr nur auf mein Kopfkino ­vertrauen muss, bei dem immer die gleichen drei schmusigen Fantasien laufen. Ich habe entdeckt, dass es normal sein kann, als Frau darauf zu stehen, härter angefasst zu werden. Das gibt mir Selbstbewusstsein im Bett.“

Christin, 22, Köln

„Als ich eine Serie online streamen wollte, öffnete sich ein Fenster auf meinem PC, in dem ein Clip zu sehen war, wie zwei Männer mit einer Frau Sex hatten. Aus Interesse habe ich draufgeklickt und ich wurde erregt. Sie machten es mit ihr in einer Umkleidekabine im Schwimmbad und sie genoss es, bei beiden im Mittelpunkt zu stehen. Sie würgten sie leicht, hielten ihr Haar fest und penetrierten sie von hinten und vorne, bis sie zum Höhepunkt kam. Bis dato hatte ich meistens eher ruhigen Sex in der Horizontalen und noch nie Double-Penetration gesehen. Ich habe mei­ner besten Freundin zögerlich davon erzählt und nach ihren Erfah­run­gen gefragt. Sie gab zu, dass ihr Freund darauf steht und sie ge­mein­sam Sexfilme gucken, um sich zu inspirieren. Ich war damals Single und wollte neue Erfahrungen machen. Sex in der Öffentlichkeit oder ein Dreier waren Dinge, die ich mir vorstellen konnte, ich wusste aber nicht, ob ich mich überwinden kann. Dann lernte ich meinen jetzigen Freund kennen, der einen sehr offenen Umgang mit Sexualität hat. Eines Abends, als ich aus dem Bad kam, lag er grinsend auf dem Bett – mit meinem Laptop: ,Du schaust Hardcore-Pornos?‘ Ich hatte mich lange für diese Vor­liebe geschämt, mich selbst als vulgär und nuttig empfunden und Angst, bei Männern den Schlampenstempel zu bekommen, wenn ich ­darüber spreche. Mit ihm war das anders. Wir haben sogar über einen Dreier gesprochen. Pornos erwecken Wünsche und Fantasien, von denen man manchmal gar nicht wusste, dass sich der Körper danach sehnt. Was ich mir dann wirklich davon erfülle, ist eine andere Sache.“

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