I Follow You: Drei Stalker beichten

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Ein geringes Selbstbewusstsein, verletzte Gefühle oder der Drang nach Kontrolle: Stalking kann viele Auslöser haben. Drei junge Menschen beichten, warum sie eine andere Person zwanghaft verfolgen mussten und wie sie mit dieser Sucht gebrochen haben.

Jemandem zu folgen ist für alle, die mit dem Smartphone aufgewachsen sind, nichts Ungewöhnliches. Aber es gibt einen Unterschied zwischen einem virtuellem Follower, der ab und an Urlaubsbilder und Selfies liked, und einem Stalker, der von einer anderen Person besessen ist und diese verfolgt, auch im realen Leben. Das kann von permanent belästigenden SMS und Anrufen bis zum körperlichen Nachstellen reichen und ist in vielen Ländern eine Straftat. Wir alle kennen Geschichten, in denen Leute belästigt werden und mit den Folgen zu kämpfen haben. Die Gründe dafür sind vielfältig: Rache, Zurückweisung, das Verlangen nach Macht, Kontrolle, Anerkennung, aber auch Angst oder falsch eingeschätzte Gefühle. 

Nicht immer muss Stalking direkt zu erkennen sein und im Akt der Belästigung gipfeln. Und generell ist der Begriff nicht klar definiert. Einige benutzen bereits das Wort „stalken“, wenn sie nur mal intensiv das Facebook-Profil eines anderen durchsucht haben… Für jemanden eine Obsession zu entwickeln passiert schnell. Mit der ersten Schwärmerei für Stars fängt man an, alles über diese Person erfahren zu wollen, sie zu kontaktieren, um bemerkt zu werden und im schlimmsten Fall das ganze Leben danach auszurichten. Solange das eine ­Phase ist, kann man noch von Fandom sprechen. Aber einige bekommen diese Sucht nicht mehr so leicht in den Griff. An­dere wurden ausgegrenzt oder zurückgewiesen und wollen eigent­lich nur nega­tive Gefühle kompensieren. Und plötzlich erwischen sie sich dabei, wie sie zwanghaft eine andere Person verfolgen und deren Leben damit nicht besser, sondern schlechter machen. Man­che leiden selbst darunter, von jemandem abhängig geworden zu sein, und wissen nicht mehr, was sie tun. Dann ist der Moment der Erleuchtung besonders wichtig, bevor das Ausmaß zu krass wird. 

Drei junge Menschen erzählen, warum sie das Verlangen hatten, jemanden zu verfolgen, und wie sie es geschafft haben, mit der Sucht zu brechen.

Rebecca, 27, Hamburg

„Ich war an meiner Schule früher eine Außenseiterin. Die Mädels lästerten permanent über mich und die Jungs stellten mich bei jeder Gelegenheit bloß. Ich war irgendwie anders als die anderen, war etwas dicker und nicht so hübsch. Ich las in der Pause lieber Fantasy-Bücher, als mich zu unterhalten. Aber meine Noten waren gut, deshalb ging ich nach der Realschule aufs Gymnasium. Dort lernte ich Annika kennen, sie war eins der beliebten Mädchen. Weil ich neu war, sollte sie mir damals die Schule zeigen. Wir verstanden uns auf Anhieb gut und irgendwie freundeten wir uns an. Durch sie veränderte ich mich auch optisch und gehörte in der Schule nicht zu den Uncoolen. Das war komplettes Neuland für mich. Sie wurde meine beste und einzige richtige Freundin. Sie hatte aber noch eine Mädelsclique, zu der ich nicht so ganz dazugehörte. Ich tat irgendwann jede Pause so, als ob ich irgendein Problem hätte, damit ich mit ihr allein reden konnte. Ich wurde sofort eifersüchtig, wenn sie mit anderen Mädels lachte oder sich in der Pause nicht neben mich setzte. Und wenn wir nach der Schule nicht zusammen abhingen, schrieb ich ihr permanent SMS oder rief sie an.

Mich machte es fertig, wenn wir nicht jeden Tag was zusammen unter­nahmen, und meine Obsession wurde größer.

Wenn sie nicht sofort antwortete, ­wurde ich misstrauisch. Einmal fragte ich sie, ob sie Zeit hätte, sich zu treffen, und sie schrieb mir im Messenger, dass sie unterwegs sei. Dort stand aber nicht ,vom Handy gesendet‘, deshalb konfrontierte ich sie damit: ,Wenn du unter­wegs bist, warum steht dann da, dass du die Nachricht von einem Computer gesendet hast?‘ – ,Sei nicht so creepy‘, antwortete sie damals. Wir fingen an, uns oft zu zoffen, weil sie mich für zu eifersüchtig hielt. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass sie mich häufiger anlog und mit Absicht ausgrenzte. Deshalb nahm ich einmal ihr Handy, als sie bei mir war und aufs Klo musste, und ging alle Nachrichten durch. Ich fand eine Nachricht, in der sie bei einer anderen darüber lästerte, wie anhänglich ich sei. Das hat mich tief verletzt. Zum Glück hat sie mich dabei aber nicht erwischt. Aus Angst, Annika weiter zu verschrecken, riss ich mich eine Zeit lang zusammen und wir verstanden uns wieder besser. Aber mich machte es fertig, wenn wir nicht jeden Tag was zusammen unter­nahmen, und meine Obsession wurde größer. Wenn sie mir schrieb, dass sie mit ihrer Familie in ein Restaurant ging, dann zwang ich meine Familie, da auch hinzugehen. Oder einmal war sie mit einem Date im Kino und ich saß einfach zwei Reihen weiter. Egal wovon sie mir erzählte, ich versuchte, auch dort zu sein oder zumindest die ganze Zeit zu schreiben oder anzurufen, damit wir Kontakt halten. Ich wurde immer süchtiger da­nach, sie zu kontrollieren. Kurz vorm Abi hat sie mir die Freundschaft gekündigt und meinte, sie fühle sich bedrängt und könne das nicht mehr. Damals habe ich gar nicht begriffen, was mit mir los war. Ich habe erst nach ihrem Kontaktabbruch gemerkt, wie besessen ich von ihr war und wie wenig Selbstbewusstsein ich hatte. Wir haben seitdem nie wieder gesprochen.“

Luisa, 18, Hamburg

„Ich bin Fan von Lena Meyer-Landrut – seit der ersten Minute. Als sie beim Eurovision Song Contest gesungen hat, war ich noch ein Kind, ich habe sie vom ersten Moment an vergöttert. Sie war all das, was ich sein wollte. Mein komplettes Taschengeld ging für Fankram drauf. Mein Zimmer war voller Poster mit ihrem Gesicht. Mein Vater fand das irgendwann unheimlich und fragte mich, wann ich denn endlich den nächsten Star anhimmeln würde. Mich machte das so wütend, dass ich ihn anschrie und eine Woche lang nicht mit ihm sprach, bis er sich entschuldigte. Meine Oma schenkte mir mal eine Halskette mit einem Amulett, in dem ein Foto von ihr war. Ich tat eins von Lena rein und trug diese Kette immer um meinen Hals, auch beim Schlafen oder Schwimmen. Einmal machte sich ein Junge in der Schule vor allen darüber lustig… ich prügelte mich so doll mit ihm, dass seine Nase blutete und ich eine Woche lang suspendiert wurde. Aber meine Obsession ging noch einen Schritt weiter. Ich folgte Lena auf allen Social-Media-Kanälen, hatte einen Google Alert für sie und war in meiner Freizeit nur in Fanclub-Foren unterwegs.

Ich kaufte mir farbige Kontaktlinsen und nahm irgendwann Ge­sangsunterricht, um genau so wie sie zu sein.

Ich hatte nur zwei Freun­dinnen, die auch Fans waren, aber nur ich fühlte mich ­rich­tig mit Lena verbunden, auch wenn ich sie nie face to face getroffen hatte. Ich las einmal unter einem Post auf Instagram, dass ein anderes Mädchen schrieb: ,Ich bin dein allergrößter Fan‘, und Lena antwortete mit einem Herz. Auf meine Kommentare oder Fanbriefe hatte sie nie reagiert. Das machte mich richtig wütend und ich fing an, andere Fans von ihr so lange zu terrorisieren, bis sie mich blockten. Zu Hause legte ich einen Ord­ner an und schrieb alles über Lena auf, was ich wusste. Statt Hausaufgaben zu machen, saß ich immer an diesem Ordner. Ich stahl meinen Eltern sogar Geld aus dem Portemonnaie, um mir ähnliche Klamotten von Lena nachzukaufen. Als sie vor Jahren ein Bild postete, dass sie zum ersten Mal ihre Haare kurz geschnitten hätte, schwänzte ich die letzten Stunden Unterricht und ging zum Friseur, um meine auch zu schneiden. Ich kaufte mir farbige Kontaktlinsen und nahm irgendwann Ge­sangsunterricht, um genau so wie sie zu sein. Ich interessierte mich für nichts anderes mehr – bis ich in der Schule sitzen blieb. Ich kam in den neuen Jahrgang und eine sagte laut an meinem ersten Tag: ‚Das ist diese Lena-Meyer-Landrut-Kopie!’ Da wurde mir langsam bewusst, dass ich gar nicht wusste, wer ich eigentlich bin… und sich mein ganzes Leben zwanghaft um einen Menschen gedreht hat, der nicht mal weiß, dass es mich gibt. Es gibt einen Unterschied zwischen Follower, Fan und Stalker… ich war Letzteres.”

Maria, 24, Hannover

„Mit 14 Jahren hatte ich meinen ersten festen Freund und war das erste Mal so richtig verliebt. Unsere Beziehung hielt zwei Jahre, dann machte er von heute auf morgen Schluss. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich konnte mir ein Leben ohne ihn einfach nicht vorstellen. Ich fragte nach den Gründen und er meinte, wir hätten uns auseinandergelebt. Zwei Wochen später erfuhr ich, dass er eine neue Freundin hatte. In mir kochte es. In meinem Kopf ließ mich die Vorstellung nicht los, dass er irgendwann zu mir zurückkäme, dass sie nur eine Phase wäre. Ich fing an, alle gemein­sa­men Freunde über die beiden auszuquetschen, doch irgendwann wollte niemand mehr mit mir reden. Daher suchte ich online alles ab, was die bei­den geliked oder gepostet hatten. Ich machte mir Fake-Accounts und schrieb ihr Nachrichten, in denen ich mich als Kerl ausgab und sie anflirtete – wenn sie nicht drauf einging, bedrohte ich sie anonym. Ich wartete darauf, dass sie einen Fehler machte. Ich war auf jeder Party, auf der die beiden auch waren, bis mein Ex mich irgendwann damit konfrontierte und fragte, was mein Problem sei. Wir stritten uns heftig und ich gab das mit den Fake-Accounts zu. Beide blockten mich überall. Da sie in einem an­deren Ort wohnte und auf eine andere Schule ging, war es ohne So­cial Media für mich schwerer, sie zu verfolgen.

Am gleichen Abend riefen ihre Eltern meine Mutter an und drohten, dass sie die Polizei anrufen.

Deshalb fand ich ihre Adresse heraus. Am Anfang war es komisch, aber dann fuhr ich min­destens einmal in der Woche mit dem Fahrrad dorthin und lungerte vor ihrem Haus rum. Ich wollte sie beobachten und auch ein bisschen einschüchtern. Aber es passierte nicht viel. Ich glaube, sie hat mich nur einmal richtig gesehen. Ich beschloss, mich im gleichen Badminton-Verein wie sie anzumelden, um noch näher an ihr dran zu sein. Als ich beim ersten Training die Halle betrat, schrie sie mich direkt an. Die Situation eskalierte und der Trainer setzte sich mit uns beiden an den Rand und fragte, was los wäre. Ich stell­te mich unwissend, aber bekam Angst und suchte eine Ausrede, um abhauen zu können. Am gleichen Abend riefen ihre Eltern meine Mutter an und drohten, dass sie die Polizei anrufen, wenn ich nicht aufhören würde, ihre Tochter zu stalken. Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment, weil mir das Wort ,Stalking‘ vorher gar nicht in den Sinn gekommen war. Ich fing an zu heulen – mir wurde bewusst, wie krankhaft ich diese Beziehung zerstören wollte und dieses Mädchen verfolgt hatte, das ich nicht mal richtig kannte. Meine Mutter half mir, die Sache klein zu halten und mich bei ihr zu entschuldigen… aber noch heute schäme ich mich dafür.“

 

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