Wie ich den Fjällräven Classic Schweden überlebt habe | Erfahrungsbericht
Outdoor ist längst nicht mehr nur etwas für Menschen in Zip-off-Hosen und Funktionswesten. Trailrunning, Hiking, Bikepacking, Gorpcore: draußen sein ist plötzlich ziemlich sexy. Aber was ist eigentlich so gut daran? Und was macht es mit uns, wenn wir uns bewusst aus unserer Komfortzone bewegen?
Vielleicht steckt hinter der kollektiven Sehnsucht nach Bergen, Trails und Zelten mehr als der nächste Lifestyle-Trend. Ein Selbstversuch über 110 Kilometer durch Lappland.

Fünf Tage wandern, vier Nächte im Zelt, 17 Kilo auf dem Rücken und 17 Frauen aus aller Welt: Ich dachte, der Fjällräven Classic Schweden wird vor allem eine körperliche Challenge. Am Ende ging es um einiges mehr.
Normalerweise verbringe ich meinen August am Atlantik in Südfrankreich. Sonne, Beach, 25 Grad und Chocolatin. Jetzt stehe ich in Nordschweden. Es sind ungefähr sechs Grad, der Wind zieht über den Fjäll und statt morgens Instagram zu öffnen, öffne ich den Reißverschluss meines Zeltes.
Kein Empfang. Kein Spiegel. Keine Dusche. Kein Bett. Kein Whatsapp. Keine Ahnung, was gerade irgendwo auf der Welt passiert. Dafür: 110 Kilometer durch das nordschwedische Fjäll, 17 Kilo-Backpack mit allem was wir brauchen auf dem Rücken und eine Crew aus 17 internationalen Frauen.

GORPCORE, BUT MAKE IT REAL
Als ich in Stockholm ankomme, wartet ein riesiger Backpack auf mich. Darin: ziemlich genau alles, was ich für die kommenden Tage brauchen werde. Shelljacke, Regenhose, Merino-Layer, Puffer Jacket, Zelt, Quilt, Isomatte, Kocher, Topf und eine ziemlich beachtliche Menge Snacks. Es fühlt sich ein bisschen an wie Weihnachten, nur in sehr funktional.

PACKING & FIT CHECK: OUTDOOR EDITION
Meine Füße stecken in Wandersocken und ganz neuen Wanderschuhen (Spoiler: keine gute Idee). Zum Trekken trage ich Merino-Unterwäsche, darüber ein langes Funktionsshirt und eine Zip-off-Wanderhose. Obenrum reicht beim Laufen meistens eine leichte Windjacke. Was wir schnell lernen: Beim Wandern ist leichtes Frieren am Start gar nicht so schlecht. Das Zauberwort lautet Layering. Lieber etwas zu kühl starten und sich unterwegs warm laufen, statt direkt alle Schichten anzuziehen, zu schwitzen und anschließend in den nassen Sachen auszukühlen.

17 KILO & MINIMALISMUS
Am Abend vor dem Start steht mein Rucksack auf der Waage: 17 Kilo. Spätestens jetzt bekommt Minimalismus eine ganz neue Bedeutung. Denn jedes Teil, das ich einpacke, muss ich die nächsten 110 Kilometer selbst tragen. Meine Skincare-Routine schrumpft deshalb auf Zahnbürste, Gesichtscreme, Feuchttücher und Desinfektionsmittel zusammen.
Auch kulinarisch wird es minimalistisch. In Kiruna decken wir uns mit gefriergetrockneten Mahlzeiten ein. Am ersten Tag hat es noch einen gewissen Abenteuerfaktor, kochendes Wasser in eine Tüte zu kippen und wenige Minuten später irgendwo im Fjäll Curry daraus zu löffeln. Nach mehreren Tagen Freeze-Dried Breakfast, Lunch und Dinner dämpft sich meine Begeisterung etwas.

MEET THE GIRLS
Genauso spannend wie das Equipment ist unsere Gruppe. Wir sind 17 Frauen aus verschiedenen Ländern. Journalistinnen, Content-Creatorinnen, Trailrunnerinnen, Marathonläuferinnen und Frauen, bei denen ich beim ersten Kennenlernen das Gefühl habe, dass 110 Kilometer für sie wahrscheinlich ein entspannter Sonntagsspaziergang sind. Ich bin etwas eingeschüchtert.
Ohne Grund. Denn auch Outdoor Girls bekommen Blasen. Auch Trailrunnerinnen haben Knieschmerzen. Und auch Menschen, die freiwillig Marathons laufen, stehen morgens vor ihrem Rucksack und denken: Muss ich dieses Ding jetzt wirklich wieder aufsetzen? Ja. Müssen wir.

DAY 1: I GET THE HYPE
Dann geht es in Nikkaluokta bei Kiruna endlich los. Die ersten Kilometer mit dem Backpack fühlen sich ungewohnt an. Aber irgendwann findet der Körper seinen Rhythmus. Wir reden. Wir schweigen. Die Gruppe zieht sich auseinander und kommt bei Pausen wieder zusammen. Überall wachsen Blaubeeren. Wir machen Fika (schwedische Kaffeepause), ziehen unsere Wanderschuhe aus und massieren unsere Füße. Ich benutze zum ersten Mal Trekkingstöcke und fühle mich etwas albern. Drei Stunden später möchte ich nie wieder ohne wandern.
Die Landschaft wird mit jedem Kilometer weiter. Berge, Seen, Moos und Felsen, dazwischen schmale Holzstege, die uns über sumpfige Flächen führen. Vor allem die Farben sind überwältigend: Grün in gefühlt jeder Nuance: von hellem Salbei über das frische Grün der Blaubeersträucher bis hin zu tiefem Tannengrün. Dazwischen leuchtet türkisfarbenes Bergwasser, auf den Gipfeln liegen noch letzte Schneefelder. Scharfkantiger, grauer Granit trifft auf weiches Moos. Wir füllen unsere Flaschen direkt an den Bächen auf und setzen schließlich mit einem kleinen Boot über einen der Seen.

Am Abend suchen wir uns mitten im Fjäll einen Platz für unsere Zelte. Um uns herum: nichts außer Berge, Wasser und diese endlose Weite. Keine Straße, kein Haus, kein Licht, das irgendwo Zivilisation vermuten lässt.
Ich sitze vor meinem Zelt, löffle mein erstes gefriergetrocknetes Curry aus der Tüte und schaue auf die Berge. Später putze ich mir mit genau diesem Blick die Zähne und denke: Okay. I get it. Outdoor ist schon ziemlich nice.

DAY 2: SISTERHOOD & SELBSTWIRKSAMKEIT
Tag zwei holt uns dann ziemlich schnell zurück auf den Boden. 26 Kilometer liegen vor uns. Es regnet, meine Füße tun weh, mein Rücken auch, und jedes Mal, wenn wir nach einer Pause unsere Backpacks wieder aufsetzen, geht ein kollektives Stöhnen durch die Gruppe.
Der Wecker klingelt um sechs Uhr morgens. Unseren nächsten Campspot erreichen wir erst gegen 21 Uhr. Irgendwann fließen die ersten Tränen. Keine dramatischen, eher diese Erschöpfungstränen, bei denen der Körper irgendwann entscheidet: Das muss jetzt kurz raus.

Trotzdem laufen wir weiter. Irgendwo zwischen Kilometer 20 und „Ich kann wirklich nicht mehr“ passiert etwas. Aus 17 fremden Frauen wird langsam ein Team. Wir warten aufeinander, teilen Snacks, motivieren uns, passen unser Tempo an und laufen neben derjenigen, die gerade ein bisschen mehr Unterstützung braucht.
Gleichzeitig merke ich: Mein Körper kann mehr, als mein Kopf ihm gerade zutraut. Auch wenn die Füße wehtun. Auch wenn der Rucksack schwer ist. Auch wenn ich zwischendurch überzeugt bin, keinen Kilometer mehr zu schaffen. Irgendwie geht doch noch einer. Und dann noch einer.

DAY 3: VON WEGEN OUTDOOR-ROMANTIK
Outdoor auf Instagram sieht meistens so aus: ein ästhetisches Zelt, Sonnenuntergang, dramatisch angeleuchtete Berggipfel. Dazu eine Person in einer sehr gut sitzenden Shelljacke, die bedeutungsvoll in die Ferne schaut.
Was man eher selten sieht: nasse Socken, schmerzende Füße, den Geruch der eigenen Klamotten nach mehreren Tagen oder die Suche nach einem halbwegs blickdichten Busch, wenn die Landschaft kilometerweit praktisch keine Privatsphäre bietet. Toiletten? Gibt es hier nicht.
Auch unseren Müll tragen wir die kompletten 110 Kilometer selbst. Alles, was unterwegs anfällt, landet in einem Trashbag und bleibt dort, bis wir es am Ende des Treks entsorgen können. Und das ist überraschend aufschlussreich: Selbst wenn man fünf Tage lang kaum konsumiert, sammelt sich erstaunlich viel an.

DAY 4: WAS DRAN IST AN „EAT, SLEEP, WALK, REPEAT“
Irgendwann weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr genau, wie ich aussehe. Und es ist mir erstaunlich egal. Niemand hier ist perfekt gestylt. Oder vielleicht sehen gerade deshalb alle ziemlich gut aus. Rote Wangen, müde Augen, dreckige Klamotten, und gleichzeitig dieses Strahlen im Gesicht, das sich mit Concealer eher schwer nachbauen lässt. Körper, denen man ansieht, was sie in den letzten Tagen geleistet haben. Augen, die viel gesehen haben. Es gibt nichts zu optimieren. Und das ist befreiend.
Auch mein Handy vermisse ich viel weniger als gedacht. Normalerweise greift meine Hand fast automatisch danach: morgens im Bett, beim Essen, beim Warten, sobald ein paar Sekunden lang nichts passiert. Hier passiert manchmal minutenlang nichts. Wir laufen einfach. Und irgendwann wird genau das ziemlich schön.

Nach ein paar Tagen hat sich unser Leben auf eine erstaunlich simple Routine reduziert: Aufwachen. Schlafsack einrollen. Wasser kochen. Essen. Zelt abbauen. Rucksack packen. Loslaufen. Snacken. Wasser trinken. Weiterlaufen. Campspot suchen. Zelt aufbauen. Kochen. Schlafen. Repeat.
Und irgendwo zwischen all diesen immer gleichen Abläufen passiert etwas: Mein Kopf wird leiser. Es gibt keine Nachrichten zu beantworten, keine Termine und keine To-do-Liste, die im Hintergrund mitläuft. Stattdessen drehen sich meine Gedanken plötzlich um ziemlich grundlegende Dinge: Wann essen wir? Wie weit laufen wir noch? Wo bauen wir heute Abend unsere Zelte auf?
Vielleicht ist es deshalb auch so widersprüchlich, dass ich mich an Tag vier einerseits wahnsinnig auf die Zivilisation freue. Auf eine heiße Dusche. Ein richtiges Bett. Frische Kleidung. Essen, das nicht aus einer Tüte kommt. Und natürlich auf richtig guten Kaffee. Gleichzeitig möchte ich nicht, dass es vorbei ist.

DAY 5: WE MADE IT
Am letzten Tag teilen wir uns bewusst auf. Wer angeschlagen ist, startet früher. Die Schnelleren bleiben noch etwas länger am Camp, bauen die Zelte der anderen ab und holen später auf. Und dann sehen wir irgendwann das Ziel.
Plötzlich werden die Schritte schneller. Es regnet, die Füße schmerzen, komplett egal. Als wir die letzten Meter laufen, kommen Menschen von allen Seiten, die uns anfeuern. Wir haben es geschafft. 110 Kilometer. Zu Fuß. Mit allem, was wir in den letzten fünf Tagen gebraucht haben, auf dem Rücken.
Ich bin erschöpft und absurd glücklich. Vor allem aber fühlt es sich verdammt gut an, etwas beendet zu haben, bei dem ich am Anfang nicht sicher war, ob ich es überhaupt schaffen würde.
Nach einer wohlverdienten heißen Dusche, einem Sauna-Besuch und einem richtig guten Dinner lassen wir den Abend auf der Tanzfläche ausklingen. Unsere Knie protestieren, aber unsere Köpfe sind stärker.

TOUCH GRASS
Was bleibt von fünf Tagen Lappland? Ein Körper, der merkt, was er geleistet hat. Aber auch ein ziemlich unbändiger Wunsch, wieder rauszugehen. Vielleicht ist der Outdoor-Trend einfach die logische Gegenbewegung zu acht Stunden Screen Time, Slack, Instagram und einem Alltag, der größtenteils zwischen Laptop und Smartphone stattfindet.
Denn während unser Alltag immer schneller und optimierter wird, scheint gleichzeitig die Sehnsucht nach dem Gegenteil zu wachsen: etwas erleben, an seine Grenzen gehen, keinen Empfang haben. Irgendwo hinlaufen, ohne dass das Goal „produktiver werden“ heißt.
Nach müden Beinen statt müden Augen. Nach einem Ziel, das nicht auf einer To-do-Liste steht, sondern irgendwo hinter dem nächsten Berg. Nach Räumen, in denen unser Körper einmal nicht danach bewertet wird, wie er aussieht, sondern danach, wohin er uns bringt. Und vielleicht auch nach einer Form von Stärke, bei der es nicht darum geht, alles allein zu schaffen.
Ich will mehr davon.

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