Soft Power: Wenn Kunst, Musik und Nachtkultur aufeinandertreffen

Mitten in der Berlin Art Week 2026 bringt das Soft Power Festival Kunst, Musik, Nachtleben, Diskurs und gemeinsames Erleben zusammen – und stellt eine vielleicht radikale Frage: Was wäre, wenn die leisesten Kräfte unserer Gesellschaft zugleich die mächtigsten wären?

Was passiert, wenn Kunst nicht nur betrachtet, Musik nicht nur gehört und ein Festival nicht nur besucht wird? Wenn all diese Dinge ineinandergreifen und daraus ein Raum entsteht, in dem Menschen zusammenkommen, zuhören, tanzen, essen, diskutieren und sich gegenseitig beeinflussen?

Genau hier setzt Soft Power an. Als Sonderprojekt der Berlin Art Week 2026 verwandelt das transdisziplinäre Festival vom 11. bis 13. September das Haus der Visionäre in einen offenen Kosmos aus Ausstellung, Performance, Konzert, DJ-Set, Gespräch und gemeinsamer Mahlzeit. Initiiert von Anahita Sadighi, wird Kultur dabei nicht als bloße Kulisse verstanden, sondern als eine gesellschaftliche Kraft: subtil, verbindend und möglicherweise viel wirkungsvoller, als es der Begriff „soft“ zunächst vermuten lässt.

Denn Soft Power ist nicht das Gegenteil von Power. Es ist eine andere Vorstellung davon, wie Einfluss entstehen kann.

Cr: Conrad Bauer

WAS, WENN DIE LEISEN KRÄFTE DIE MÄCHTIGSTEN SIND?

Der Begriff „Soft Power“ geht ursprünglich auf den Politikwissenschaftler Joseph Nye zurück. Gemeint ist die Fähigkeit, andere nicht durch Zwang oder wirtschaftlichen Druck, sondern durch Anziehung zu beeinflussen – etwa durch Kultur, Werte oder gesellschaftliche Ideen. Mehr als drei Jahrzehnte nach seiner Prägung wirkt dieses Konzept jedoch komplizierter denn je. Zwischen geopolitischen Verschiebungen, einer zunehmend von Medien geprägten Öffentlichkeit und einer Welt, in der künstliche Intelligenz unsere Vorstellung von Wissen, Arbeit und Realität verändert, stellt sich die Frage neu: Welche Kräfte bewegen uns eigentlich?

Soft Power verschiebt den Blick weg von den offensichtlichen Machtstrukturen und hin zu dem, was oft schwerer zu messen ist: Aufmerksamkeit. Erinnerung. Gastfreundschaft. Vertrauen. Gemeinschaft.

Cr: Roman März

„Soft Power ist im Kern eine Antwort auf die globalen Verschiebungen von Macht, die wir gerade erleben“, sagt Anahita Sadighi im Gespräch mit BLONDE. Politische, ökonomische und mediale Kräfte würden heute häufig subtiler agieren – dabei aber keineswegs weniger wirkungsvoll sein als offene Formen von Gewalt und Kontrolle.

Soft Power setze diesem Wandel bewusst keine weitere Form von Lautstärke oder Dominanz entgegen. Stattdessen gehe es um die Kräfte, die oft weniger sichtbar wären, aber dennoch prägen, wie wir miteinander leben: Dialog statt Spaltung, Zuhören statt Lärm, Veränderung statt Stillstand. Sadighi versteht das Festival als einen Appell für Verbindung

Es ist eine Haltung, die das gesamte Festival durchzieht.

NEUN KAPITEL, EIN GEMEINSAMER WEG

Das Festival ist dabei weniger als klassischer Ablaufplan gedacht, sondern als eine Art Choreografie. In neun Kapiteln führt Soft Power durch unterschiedliche Formen des Zusammenseins: Ankommen → Zuhören → Erinnern/Imaginieren → Zusammenkommen → Gastgeben → Ritualisieren → Resonieren → Feiern → Werden.

Cr: Berni Searle, Profile

Das Festival wird damit zu einem Ort, an dem Begegnung selbst zum kulturellen Medium wird. Nicht nur die ausgestellten Werke sind relevant, sondern auch die Beziehungen zwischen ihnen, zwischen den Menschen und zwischen Tag und Nacht.

Im Zentrum steht eine von María Inés Plaza Lazo und Anahita Sadighi kuratierte Ausstellung, die rund 40 künstlerische Positionen aus zeitgenössischer Kunst, Kunsthandwerk, Performance und Kulinarik zusammenbringt.

Als Kuratorin, Autorin und Herausgeberin arbeitet María Inés Plaza Lazo an den Schnittstellen von Kunst, Publizistik und kultureller Infrastruktur. Sie ist Gründerin und Herausgeberin von Arts of the Working Class, einer seit 2018 erscheinenden Kunstzeitung und publizistischen Plattform, über die Fragen von Arbeit, Öffentlichkeit, Zugänglichkeit und den materiellen Bedingungen kultureller Produktion verhandelt werden.

Darunter finden sich internationale Positionen wie Slavs & Tatars, Diane Severin Nguyen, Céline Semaan, Elif Saydam, Mariana Castillo Deball, Dan Lie und Simon Speiser.

Cr: Roman März

Diese Perspektive setzt sich in Soft Power fort. Gemeinsam mit Anahita Sadighi bringt Plaza Lazo Künstler:innen verschiedener Generationen, geografischer Kontexte und Disziplinen miteinander in Beziehung. Statt Soft Power als feststehenden Begriff zu behandeln, versteht die Ausstellung sie als offene Frage: Wie entsteht kultureller Einfluss? Wie wird Wissen weitergegeben? Und welche sozialen, ökonomischen und institutionellen Strukturen bestimmen, was sichtbar wird, zirkuliert und Bestand hat?

Die ausgestellten Arbeiten untersuchen dabei weniger ein gemeinsames Thema als unterschiedliche Formen kultureller Wirksamkeit. Sie beschäftigen sich mit Aufmerksamkeit und Wahrnehmung, Sprache und Übersetzung, Ritual und Wiederholung, materieller und verkörperter Wissensweitergabe, Ökologie, Technologie sowie den sozialen Beziehungen, die durch Kunst entstehen können.

Dabei geht es auch um die Frage, wer kulturelle Bedeutung produziert, unter welchen Bedingungen sie weitergegeben wird und wie sich Wissen verändert, wenn es zwischen Menschen, Materialien, Generationen, Orten und technologischen Systemen zirkuliert.

Soft Power interessiert sich also nicht nur dafür, was Kunst zeigt. Sondern dafür, was Kunst mit Menschen macht.

WENN ARCHITEKTUR ZUM TEIL DER AUSSTELLUNG WIRD

Auch der Ort selbst wird Teil dieses Gedankens. Das 1999 von Pierre Jorge Gonzalez und Judith Haase gegründete Berliner Studio Gonzalez Haase AAS arbeitet an der Schnittstelle von Architektur, Szenografie und Licht und Licht und ist für räumliche Konzepte in enger Zusammenarbeit mit Künstler:innen, Kurator:innen und kulturellen Institutionen bekannt.

v. l. n. r. Judith Haase, María Inés Plaza Lazo, Anahita Sadighi, Pierre Jorge Gonzalez Cr: Yanae Reichert

Für Soft Power entwickelt Gonzalez Haase AAS ein räumliches Konzept, das die historische Architektur des Haus der Visionäre nicht lediglich als Kulisse behandelt, sondern Ausstellung, Talks, Performances und Musik in eine gemeinsame räumliche Dramaturgie überführt.

Architektur wird so selbst zu einem Teil der Frage, wie Begegnung, Aufmerksamkeit und kultureller Austausch organisiert werden.

VON DER AUSSTELLUNG AUF DEN DANCEFLOOR

Und dann ist da die Nacht.

Im Sonnenraum, der Tanzfläche des Festivals, wird Soft Power 48 Stunden lang zu einem Ort kollektiver Bewegung. Mit DJ-Sets wie von Fred P, Lakuti, Camion Bazar und Bruno Schmidt sowie einer Zusammenarbeit mit Pintai aus Amsterdam verschiebt sich das Festival vom Ausstellungsraum in die Nacht.

Denn auch Tanzen schafft Verbindung. Für einen Moment geht es einfach darum, gemeinsam Musik zu hören, sich zu bewegen und diesen Raum miteinander zu teilen.

Auch musikalisch bleibt das Festival vielseitig: Neben den DJ-Sets stehen Konzerte und Live-Performances von Mon Puo, Ava Rasti und Maryisonacid auf dem Programm.

So wird Musik zu einem weiteren Teil des Festivals und ergänzt die Ausstellung um eine ganz andere Form von Begegnung.

DIE FRAGE, WAS KULTUR EIGENTLICH KANN

Neben Kunst und Musik ist der Diskurs ein wesentlicher Bestandteil des Festivals. In Talks, Performances, Workshops und gemeinsamen Formaten geht es darum, welche Rolle Kultur in der Gesellschaft spielen kann, wie wir gemeinsam neue Ideen entwickeln und was Kunst und Nachtleben miteinander verbindet.

Zu den Gesprächspartner gehören unter anderem Alice Hasters, Céline Semaan, Norman Ohler, Edna Bonhomme und Dimitri Hegemann.

Dabei geht es nicht darum, endgültige Antworten zu liefern. Vielmehr schafft Soft Power Räume, in denen Fragen überhaupt gemeinsam gestellt werden können.

Vielleicht liegt genau darin die Idee des Festivals: Denn Kultur muss nicht immer Antworten liefern. Manchmal reicht es, wenn sie einen neuen Blick auf die Welt eröffnet und uns dazu bringt, Dinge anders zu denken.

„DIE LEISEN KRÄFTE SIND VIELLEICHT DIE MÄCHTIGSTEN, DIE WIR HABEN“

Für Anahita Sadighi ist Kunst nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine ethische Praxis. „Diese Zeit lehrt mich, dass Kunst auch eine ethische Praxis ist“, sagt sie. Vielleicht sei Liebe – in einem tiefen und verantwortungsvollen Sinne – sogar die einzige Formel für Veränderung: „Liebe zu kultivieren, sie zu lernen und sie zu vervielfachen.“

Sadighi möchte sich mit Menschen umgeben, die „Licht und Gegendesigns“ schaffen – Menschen, die ihre Arbeit aus Empathie, Gerechtigkeit und Verbundenheit heraus denken.

Was ihr Hoffnung gibt, ist vor allem das Gefühl, dass immer mehr Menschen verstehen, wie sehr wir einander brauchen. „Gemeinschaft, Empathie und Zusammenarbeit sind keine idealistischen Begriffe, sondern Überlebensstrategien.“ Besonders Frauen und jüngere Generationen würden diesen Wandel mit bemerkenswerter Klarheit und Konsequenz vorantreiben.

Artist: Simon Speiser Cr: Mirka Flueger

„Ich glaube an die Kraft kollektiver Intelligenz und an den Mut, bestehende Systeme zu hinterfragen, ohne dabei zynisch zu werden“, sagt Sadighi. Wenn wir lernen, einander zu unterstützen, Wissen zu teilen und mehr Fürsorge in unsere Arbeit zu bringen, könne daraus echte Veränderung entstehen.

Und genau darin liegt für sie die Idee von Soft Power: „Nicht lauter, nicht kraftvoller, sondern eine Beharrlichkeit darin, an die leisen Kräfte zu glauben – an Aufmerksamkeit, Gastfreundschaft, Erinnerung und Vertrauen. Sie sind es, die eine Gemeinschaft zusammenhalten.“

„Wenn das Festival überhaupt etwas auslöst, dann hoffe ich, dass es den Gedanken hinterlässt, dass diese leisen Kräfte vielleicht die mächtigsten sind, die wir haben.“

EIN FESTIVAL ALS GEGENENTWURF

Soft Power beginnt am 11. September mit dem Ankommen und endet mit dem Werden. Dazwischen liegen Zuhören, Erinnern, Gastgeben, Ritualisieren, Resonieren und Feiern.

Und vielleicht ist das die Frage, die nach drei Tagen im Haus der Visionäre bleibt: Was wäre, wenn genau die leisen Dinge, die im Alltag oft untergehen, viel mehr bewegen können, als wir denken?

Aufmerksamkeit. Empathie. Erinnerung. Vertrauen. Gastfreundschaft. Liebe.

Soft Power setzt darauf, dass genau darin Veränderung beginnt.

Denn vielleicht sind es am Ende genau diese leisen Momente, die etwas in Bewegung bringen – und noch lange nachwirken.

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