Zwischen Disziplin und Tagtraum, Vergangenheit und Gegenwart formt die Pianistin Sofi Paez eine musikalische Welt, die leise beginnt und lange bleibt.

Es ist einer dieser ersten sonnigen Tage, an denen der Frühling nicht mehr nur ein Versprechen ist, sondern sich vorsichtig zu erkennen gibt. Die Shootinglocation – ein großer Saal mit imposanter Stuckdecke aus dem Jahr 1895 – ist lichtdurchflutet. In der Ecke des Raumes steigt Wasserdampf auf. Ein Dampfglätter löst die letzten Falten aus Seide und Baumwolle. Und irgendwo hier müsste sie sein.
Man sucht sie instinktiv dort, wo man Menschen vor einem Fotoshooting vermutet: in der Maske, vielleicht auf dem Sofa, das Handy in der Hand, um kurz noch einmal für sich zu sein. Doch Sofi Paez ruht sich nicht aus. Sie steht in einem extravaganten Leo-Plüschmantel neben der Stylistin. Konzentriert. Hebt Kleiderbügel an, hält Stoffe in den aufsteigenden Wasserdampf, dreht sie leicht, prüft, wartet auf das Nicken der Stylistin, das die Faltenfreiheit der Kleidungsstücke bestätigt. Sofis Bewegungen sind ruhig, präzise –ihre Hände wissen, was sie tun. Kein Wunder, es sind schließlich Hände, die sonst dynamisch über Klaviertasten gleiten.
Es ist ein leiser Widerspruch: Auf der Bühne ist sie im Mittelpunkt, zwangsläufig. Privatwirkt sie, als würde sie sich am liebsten an den Rand stellen. Der aufsehenerregende Leomantel? Nur eine Leihgabe der Stylistin, denn deutsche Wintertage – auch die, bei denen sich so langsam der Frühling einschleicht – sind Sofi schlicht zu kalt.

Geboren in Costa Rica, lebt sie seit etwa drei Jahren in Berlin. „Die Stadt ist großartig für Musik“, erklärt sie. Dass sie heute hier steht, ist kein geradliniger Weg gewesen. Sie begann mit neun Jahren Klavier zu spielen, „aber ich war nicht besonders gut oder ehrgeizig“, sagt sie. Mit sechzehn hörte sie dann erstmals Klavier auf einem wirklich hohen Niveau – und etwas änderte sich. „In dem Moment wusste ich, dass ich genau das machen will. Also habe ich die nächsten Jahre damit verbracht, aufzuholen. Es war unglaublich schwer, aber es hat sich gelohnt.“
Vielleicht begann aber alles noch früher. Viel früher.
„Wenn ich darüber nachdenke, gehört Songschreiben zu meinen allerersten Erinnerungen“, sagt sie. Sie war sechs oder sieben, schrieb Lieder auf Spanisch, eines sogar in einer erfundenen Sprache, die für sie wie Englisch klang. Mit ihrer älteren Schwester nahm sie ein kleines Album auf, auf einem Computer mit GarageBand. „Wir haben sogar ein Cover designt. Irgendwo bei uns zu Hause müsste es noch sein.“ Es ist diese Mischung aus Ernst und kindlicher Selbstverständlichkeit, die geblieben ist.

Während ihres Studiums in klassischen Klavier belegte sie auch einen Kurs in lyrischem Gesang. Als sie davon erzählt, verzieht sie leicht das Gesicht und schlägt sich die Hände vor den Mund. „Das war schrecklich“, sagt sie und lacht. „Aber wir mussten das lernen, es war Teil des Studiums“.
Ihre Musik hingegen wirkt nie gezwungen. Im Gegenteil: Sie entsteht aus Beobachtung. Aus dem Innehalten. „Ich finde Inspiration im Alltag – in Dingen, die mit passieren, aber auch in den kleinen Momenten“, sagt sie. „Ich liebe es zu beobachten. In ein Museum zu gehen, eine Ausstellung zu entdecken. Oder im Auto zu sitzen und mir vorzustellen, wohin all diese Menschen unterwegs sind“. Sie lächelt kurz. „Tagträumen hilft mir sehr. Meine Neugier wird dann zu Musik“.
Ihr erstes Album, Silent Stories, ist von einem Verlust geprägt. Die Stücke entstanden nach dem Tod ihrer besten Freundin. Der Tod ist ein Thema, dem niemand entkommt – und das Sofi dennoch nicht schwer, sondern vorsichtig, fast liebevoll behandelt. „Ich finde es schön, dass die Erinnerung an sie in den Köpfen anderer weiterlebt“, sagt sie. „Auch in denen von Menschen, die sie gar nicht kannten“. Musik wird bei Sofi zu etwas, das über das Persönliche hinausgeht. „Jeder trägt sein eigenes, persönliches Schicksal mit sich herum – und Musik kann uns trotzdem verbinden“.

Ihr neues Album fühlt sich anders an. Klarer, strukturierter. „Ich habe diesen ganzen Albumprozess schon einmal durchlaufen“, sagt sie. „Jetzt finde ich schneller in den Flow. Es ist leichter“. Leichter bedeutet bei Sofi nicht oberflächlicher – eher präziser. Vielleicht erklärt das auch ihren Alltag. Sofi braucht Ruhe. „Wenn um mich herum Chaos herrscht, kann ich nicht denken“.
In ihrem kleinen WG-Zimmer in Berlin steht ein Schrank, neu gekauft, fast symbolisch. Darin: genau vierzig Kleidungsstücke. Wenn etwas Neues dazukommt, muss etwas anderes gehen. Capsule Wardrobe nennt sich dieses nachhaltige Prinzip. Wenig Besitz, dafür bewusst gewählt. Aber bei Sofi wirkt es weniger wie ein Trend als wie eine Haltung – eine Übung in Klarheit und darin, zu unterscheiden, zwischen dem, was man will und dem, was man nutzt. „In Costa Rica brauchte ich nicht mehr als Shorts und T-Shirts“, sagt sie. „Aber hier gibt es Jahreszeiten. Da muss ich mir genau überlegen, was ich wirklich tragen kann“.
Dieses Abwägen zieht sich durch vieles.
Auch durch die Frage, was noch fehlt.
Sie zögert.
„Von meiner Familie getrennt zu sein, ist schwer für mich“, sagt sie dann. „Manchmal fühlt es sich an, als würde ich diesen Abstand in Kauf nehmen, um meine Karriere aufzubauen.“ Ein kurzer Moment der Stille. „Aber ich arbeite daran, eine bessere Balance zu finden“.
Vielleicht ist genau dieses Spannungsfeld der Ort, aus dem ihre Musik entsteht: zwischen Nähe und Distanz, zwischen Struktur und Gefühl.
Wenn Sofi über ihre Karriere spricht, wirkt sie fast überrascht von sich selbst. „Es ist schwer, einen einzelnen Moment herauszupicken“, sagt sie. „Ich fühle mich einfach sehr glücklich, überhaupt hier zu sein. Natürlich gibt es Herausforderungen – aber gerade die lassen einen die guten Dinge mehr schätzen“. Sie hält kurz inne. „Dass ich diesen Weg gehen darf, ist ein Privileg. Ich erinnere mich oft daran, um es nicht als selbstverständlich zu sehen“.

Und was bleibt für dieses Jahr? „Ich möchte besser Deutsch lernen“, sagt sie und lacht. „Sprachen faszinieren mich. Auch wenn es schwierig ist – weil es nichts mit Spanisch gemeinsam hat – macht es mir Spaß“.
Es sind diese kleinen konkreten Ziele, die sie greifbar machen. Fragt man sie, welche Musik sie mit auf eine einsame Insel nehmen würde, denkt sie nicht lange nach: die kompletten Beethoven-Sonate, Flowers for Vases von Hayley Williams und den Soundtrack zu Minari von Emile Mosseri. Und wenn sie selbst für einen Film komponieren könnte? „Wenn Charlotte Wells noch einmal ein Projekt macht, wäre das ein Traum“, sagt sie. „Ich habe geliebt, wie sich Aftersun angefühlt hat – die Dualität, die Bilder, die Musik“. Sie lächelt. „Jetzt will ich ihn nochmal anschauen“.
Am Ende läuft alles wieder auf etwas sehr Einfaches hinaus. Ein Weg, der lang ist, nicht immer gerade. „Man muss sein Ziel wie eine lange Straße sehen“, sagt sie. „Es wird Hindernisse geben. Wichtig ist nur, dass man das Funkeln nicht verliert, das einen am Anfang dorthin gebracht hat“. Sie hält kurz inne, sucht nach den richtigen Worten. „Bleib dir selbst treu. Und bleib freundlich. Auch wenn das klischeehaft klingt – mir hat genau das in den schwierigen Zeiten am meisten geholfen“.
Später, als das Shooting fast vorbei ist, ist es ruhiger im Raum. Der Dampf ist verschwunden, die geglättete Kleidung hat längst neue Falten vom Tragen. Sofi legt den Leomantel sorgfältig zusammen und summt dabei leise.


Wo Sofi Paez ist, da ist Bewegung – ein kaum merkliches Wippen, ein Rhythmus, der nicht aufhört. Wo Sofi Paez ist, da ist Musik. Wenn es nicht das Klavier wäre, wäre es das Cello, überlegt sie. Oder die Posaune. „Musik ist alles“, sagt sie und lässt die Finger über ein kleines Keyboard gleiten. Sofort wird es still. Der Raum hört zu.Sofi Paez sucht das Rampenlicht nicht.
Aber ihre Musik findet es.

Credits:
Artist: Sofi Paez
Text: Pauline von Lehmden
Photography: Carla Gnendiger
Styling: Martha Ries
H&M: Jan Desinger
Location: Stadtreparatur Krefeld
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