Gönn dir Wutanfälle

Gegen Panikmache und für die Vernunft. Wir wollen, dass ihr euch mehr gönnt, und sagen Ja zu Gefühlsausbrüchen.  

Zu explodieren ist nicht immer einfach. Es könnte jemand verletzt werden, etwas zu Bruch gehen oder im schlimmsten Fall fliegt einem selbst alles um die Ohren. Aber alle negativen Gefühle in sich hineinzufressen ist in etwa so hilfreich, wie bei einem Magen­Darm­Virus die Toilette zu meiden. Gelebte Aggressionen sind garantiert nicht der Superboost für deine Beliebtheitsskala, okay. Die Menschen meiden Hitzköpfe. Und sich die Seele aus dem Leib zu schreien, Hasstiraden freien Lauf zu lassen oder vandalistischen Gelüsten nachzugehen lässt nur darauf schließen, dass man die Kontrolle über sein Leben verloren hat.

„Wut gegen Ungerechtigkeiten oder Zustände ist ein Motor, um eine Bewegung ins Rollen zu bringen.“

Allerdings gibt es verschiedene Sorten von Wut. Wut gepaart mit Rache oder Hass ist eine explosive und gefährliche Mischung. Wut auf sich selbst ist wiederum hilfreich beim Reflektieren. Und Wut gegen Ungerechtigkeiten oder Zustände ist ein Motor, um eine Bewegung ins Rollen zu bringen. Das kann man zum Beispiel jeden Freitag auf den Straßen dieser Welt sehen, wenn Fridays­for­Future­Aktivisten sich Gehör verschaffen.

Wenn du deiner Wut freien Lauf lässt, setzt dein Körper Energien frei. Atem­ und Pulsfrequenz steigen, auch dein Blutdruck geht nach oben. Die Wahrnehmung fokussiert sich auf die Ursache deines Zorns. Dein Körper will ein mentales Hindernis beseitigen. Wenn du dir über diesen Modus bewusst bist, dann kann es sehr heilsam sein, kontrolliert Dampf abzulassen, und das wortwörtlich. Negativität verfliegt, Ängste lindern sich und du fühlst dich befreit.

„Pseudowitzige Beziehungsratgeber erzählen Männern, sie sollen der wütenden Frau einfach immer recht geben.“

So einfach wie in der Theorie ist der Umgang mit Zorn in der Praxis allerdings nicht. Gelebte Wut ist – fernab aller Krankheiten – ein Privileg. Würde es eine gesellschaftliche Mindmap zum Thema Zorn geben, ließe sich bei Frauen schnell das Wort „Zicke“ finden. Ausflippen steht denen zu, die im Machtgefüge oben stehen. Und in puncto Gleichberechtigung hat es bei Frauen zusätzlich noch einen veralteten Beigeschmack aus Belustigung und unsittlicher Manier. Pseudowitzige Beziehungsratgeber erzählen Männern, sie sollen der wütenden Frau einfach immer recht geben oder „Schokolade hinwerfen und warten, bis sie sich beruhigt hat“. Aber um Wut zu verarbeiten, braucht es Verständnis, Respekt und eine gute Diskussionskultur. Keine Süßigkeiten.

„Lieber gut sein lassen“, „der Klügere gibt nach“, „hab dich doch nicht so“, „für eine Lady schickt sich das nicht“, „sie hat wohl ihre Tage“ – all diese Redewendungen unterdrücken unsere Gefühle. Wenn Frauen keine Wutanfälle haben dürfen, entsteht eine große Hemmung. Und angestaute Wut wirkt sich negativ auf die Psyche aus. Passiv­aggressives Verhalten lässt nicht lange auf sich warten, und wenn sich alles Aufgestaute dann doch mal unkontrolliert entlädt, heißt es: Jetzt rastet sie aber richtig aus! Und mehr als Kopfschütteln gibt es nicht. Da lässt die Frustration nicht lange auf sich warten.

Auch wenn es ein abgedroschener Spruch ist, stimmt er wissenschaftlich: Gewitter reinigen die Luft. Jede kleine Reiberei führt zu Ladungen und Spannungen, die freigesetzt werden müssen. Deshalb ist ein Wutanfall besser als sein Ruf. Man muss nur schauen, wie man richtig Zugang zum Zorn findet.

„Besonders bei sozialen Ungerechtigkeiten oder narzisstischen Despoten lohnt es sich, mit unvorhersehbarer Wut zu kämpfen.“

Wut ist auch ein Zeichen von Hilflosigkeit. Und die kann schnell zu Überreaktionen führen: obligatorisches Tellerschmeißen, beleidigende Dinge rausschreien, übereilte Entscheidungen treffen. Therapeuten raten: Luft anhalten, Fäuste ballen und bis zehn zählen. Das klingt wie ein Rat für Kinder in der Trotzphase, ist aber tatsächlich sehr hilfreich und wirkt impulsiven Ausrastern entgegen. Danach können Emotionen rausgelassen werden, die noch heiß sind, aber nicht so heiß, dass es einer emotionalen Kernschmelze gleicht. Auch wenn Frauen und Wutanfälle nicht automatisch zusammenpassen, ist es gut, in Sachen Aggression die Underdog­Position zu haben. Jennifer Lawrence schrieb nach Donald Trumps Wahlkampfsieg: „Frauen, erzürnt euch. Habt keine Angst und seid laut!“ Denn besonders bei sozialen Ungerechtigkeiten oder narzisstischen Despoten lohnt es sich, mit unvorhersehbarer Wut zu kämpfen. Mehr als mit dem Partner die „Tribute von Panem“ nachzuspielen.

Also gönnt euch, den Zorn für die richtigen Momente zu nutzen und damit für andere einzustehen. Gönnt euch einen Wutanfall und scheißt darauf, dass andere „Zicke“ sagen oder eurem menstruierenden Uterus die Schuld geben. Und vor allem gönnt euch das Selbstbewusstsein, dass Wut wichtig ist, um sich zu befreien.

 

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