1 Frage, 3 Antworten: Wir haben Politik-Podcaster*innen gefragt, welche Themen im Diskurs fehlen

Worüber muss in der Politik jetzt geredet werden? Das haben wir deutsche (Politik-) Podcast-Produzentinnen gefragt und drei ganz unterschiedliche Antworten bekommen. Feuer frei für starke Meinungen in einer weiteren Auskopplung unserer Rubrik „1 Frage, 3 Antworten“.

Geredet wird in der Politik viel. Aber auch über die für euch relevanten Themen? Das Klima, Geflüchtete und der Rechtsruck in der Gesellschaft sind wichtige Schlagwörter – und gehen uns alle an –, werden jedoch in einer solchen Häufigkeit via Twitter und Push-Notifications unterschiedlicher News-Plattformen auf unsere Smartphones katapultiert, dass man nicht mehr weiß, wo nur drum herumgeredet wird und was aktiv besprochen wird, um Dinge gerechter zu machen. Und: Das Polit-Karussell lässt nur selten neue Gäste mitfahren. Aber wer spricht Klartext über das, was uns unter den Nägeln brennt? Was ist zum Beispiel mit Netzpolitik? Wenn wir ein Kommunikationsproblem haben, wie lösen wir es? Es braucht mutige Menschen, die ansprechen, was sich sonst vielleicht niemand traut. Und die Politiker*innen konkret auffordern. Einige von ihnen, die das boomende Medium Podcast als Mikrofon nutzen, haben uns aufgeschrieben, wo sie politische Kommunikationslücken sehen und welche Diskussionen sie sich am Pult wünschen.

Wir drücken Play für diese Stimmen – und weisen darauf hin, dass es sich um persönlichen Meinungsstücke handelt, die nicht zwangsläufig die Haltung der Redaktion widerspiegeln.

ALICE HASTERS, MAXIMILIANE HAECKE VOM PODCAST „FEUER UND BROT“

@feuerundbrot

Podcast Politik Feuer & Brot
Alice ist Journalistin, Maxi Sprecherin. Seit 20 Jahren sind die beiden befreundet. Über Politik, Feminismus, Popkultur und alles, was sonst noch bewegt, unterhielten sie sich in der Vergangenheit stundenlang über das Telefon, bis ihnen die Idee kam, aus ihren faktenbasierten und emotionalen Diskussionen einen sorgfältig geplanten Podcast zu produzieren. Oft sind es gerade Themen, die sonst niemand anfassen mag. Für BLONDE haben sie sich der fehlenden Netzgesetze zum Thema Call-out-­Culture angenommen.

„Stellen wir uns Folgendes vor: Du wachst auf, normaler Tag, greifst zu deinem Smartphone, checkst Twitter und siehst: 100+ Mitteilungen. Was bedeutet das? Wenn du dich schon länger in sozialen Netzwerken herumtreibst, kennst du es vielleicht, dieses Herzklopfen, diesen inneren Stress, bevor du Gewissheit hast. Ist irgendwas passiert? Entweder, du bist der neueste Hype im Internet oder über dir wütet gerade ein Shitstorm – du wurdest outgecallt.

Call-out-Culture – das steht für die einen für Netzaktivismus, für andere ist es Mobbing-Mentalität. Sie tritt vor allem dort besonders stark auf, wo es um Politisches geht. Sie ist Instrument derjenigen, die nicht genug beachtet werden, vielleicht sogar aktiv missachtet werden, derjenigen, die seitens der Politik zu wenig geschützt werden. Wir lassen jetzt – theoretisch zumindest – mal die ganzen Menschen aus der rechten Ecke weg, die prinzipiell gegen alles halten und hassen, was richtig und fortschrittlich ist – sie sind explizit nicht gemeint.

Was fehlt, sind ein kol­lektiver öffentlicher Prozess des Um-Vergebung-Bittens und eine Form der Vergebung.

Let’s face it: Wer im Netz ,outgecallt‘ wird, hat wahrscheinlich irgendetwas falsch gemacht. Das kann auch etwas Kleines sein: ein blöder Spruch, ein verletzender Witz oder ein problematisches Statement, vielleicht auch schon vor Jahren, das jetzt wieder aufgetaucht ist. Das Netz vergisst nicht. Eigentlich gut – so kann Mensch lernen, Verantwortung übernehmen, wach­sen und sich gegebenenfalls entschuldigen. Aber so einfach ist es eben nicht. Weil sich im Netz quasi alle einschalten können, besteht die Möglichkeit, dass der Shitstorm nicht mehr einzufangen ist. Aus einem kleinen Feuer wird ein lodernder Brand und dann – ebbt es entweder ab, verläuft sich, gerät in Vergessenheit oder man ist gecancelt. In vielen Fällen geschieht dies absolut zu Recht. Und ist die letzte Instanz, denn Cancel-Culture greift oft da, wo staatliche Organe oder die Gesellschaft versagt haben.

Heißt dann so viel wie: Du wirst ausgestoßen, ignoriert, verbannt: aus einer bestimmten Community, vielleicht sogar von Freund*in­nen. Vielleicht ist dein Verhalten, deine Art zu kommunizieren toxisch für bestimmte Menschen. Sogenannte Call-out- und Cancel-Culture kann Gutes bewirken. Sie kann Communities schützen und marginalisierten Menschen eine Stimme verleihen, die meist zu wenig wahrgenommen wird. Doch was passiert, wenn du dazugelernt hast? Wenn du deine Fehler eingesehen und dich geändert hast? Das Risiko besteht, dass du vergessen wirst oder dir eine Rückkehr verwehrt wird. Dass du gemobbt und bestraft wirst. Das ist die brutale Seite von Call-out- und Cancel-Culture.

Was fehlt, sind ein kol­lektiver öffentlicher Prozess des Um-Vergebung-Bittens und eine Form der Vergebung. Und sie wäre we­niger scharf, wenn die Politik gesellschaftliche Ungerechtigkeit ernster nehmen würde.“

HELEN FARES VOM PODCAST „HOMEGIRLS“

@helen_fares

Helen Fares Politik Podcast
Alle zwei Wochen treffen sich die Moderatorin, Journalistin und Psychologin Helen Fares und DJ, Sängerin und Moderatorin Josi Miller mit einem Gast aus dem Musikkosmos, um über Gesellschaft, Politik, Hip-Hop, Kurioses aus der Wissenschaft, Gefühle und Tiere zu sprechen. Helen Fares macht unter an­de­rem gesellschaftspolitische Aufklärungsarbeit auf Instagram und klärt insbesondere über Themen auf, die Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland betreffen.

„Für mich ist die Wurzel allen Übels ein Wort: Kapitalismus.

Unter dem Deckmantel des Kapitalismus werden Waffen verkauft, Kriege geführt, die Umwelt in einem unglaublichen Ausmaß zerstört. Für den Kapi­ta­lismus werden Brunnen und Quellen gekauft, Völker vertrieben, Menschen ausgebeutet, versklavt, ermordet. Mit ihm wird die weltweite Schere zwischen Arm und Reich immer größer. Durch Kapitalismus verschieben sich gesellschaftliche Werte und Moral. Mit ihm, glaube ich, verkümmern wir innerlich als Erde und Gesellschaft, während es so aussieht, als hätten wir immer mehr.

Die Politik muss jetzt aufklären und schnell handeln. Ich glaube, nur so können wir Umwelt und Menschen schützen.

Politik. So ein vielschichtiger, diffuser Begriff Politik auch ist, lange habe ich mir darunter nichts weiter als eine Horde unangenehmer Personen vorgestellt, die an einem großen ovalen Tisch irgendwelche unethischen Entscheidungen treffen. Und jetzt… ja, das Setting ist anders, aber wie steht es um die ethischen Entscheidungen? Blicke ich auf Umwelt, Kriege, Konsum, Neokolonialismus, Sklaverei, Rüstungsindustrie, Bildung, Massentierhaltung (uff, ich könnte ewig weitermachen…), weiß ich nicht, an welcher Stelle ich mit meinem Aktivismus ansetzen soll. Selbst wenn wir uns nur innerhalb der Grenzen Deutschlands umsehen, sehen wir Armut auf wirt­schaft­licher, sozialer und Bildungsebene. Wir sehen Extremismus aufgrund dieser Missstände und der Markt schreit so laut wie nie zuvor: ,Kauf dich glücklich! Jetzt! Tu es!‘, um künstlich erschaffene Bedürfnisse zu stillen, während echte Bedürfnisse ignoriert und im Keim erstickt werden.

Nach wie vor haben Menschen mit privater Krankenversicherung oder viel Reichtum eine bessere medizinische Versorgung als der Rest der Bevölkerung. Menschen mit psychischen Erkrankungen warten teilweise drei bis sechs Monate auf eine Therapie, obwohl es genug Therapeuten gibt, nur eben leider ohne Zu- und Niederlassungen. Hier produziert man fröhlich Waffen, als wären es Süßigkeiten, hier isst man alltäglich Süßigkeiten, die durch Sklaverei entstehen.

Die Politik muss einen Riegel vor diesen unermesslichen, gnadenlosen Kapitalismus schieben. In erster Linie muss öffentliche Bildungsarbeit zu oben genannten Themen finanziell und strukturell gefördert werden. Es kann nicht sein, dass diese Arbeit an mir und vielen anderen PoC-Aktivist*innen hängen bleibt, die wir unbezahlte Bildungsarbeit leisten, damit wir nach den nächsten Wahlen nicht wieder das Gefühl haben, ,nicht unser Bestes ge­geben zu haben‘, um diese Wahlergebnisse zu verhindern.

Der Kapitalismus kritische Diskurs muss über das linke Spektrum der Politik hinausragen, denn er betrifft uns, allerspätestens seit unsere Umwelt hoch­gradig gefährdet ist, alle. Die Politik muss jetzt aufklären und schnell handeln. Ich glaube, nur so können wir Umwelt und Menschen schützen.“

YASMINE M'BAREK VOM PODCAST „AUF EINEN POLITTEE MIT YASMIN M'BAREK“

@ceremonialsofasavage

Politik_Podcast_Yasemin_M-Barek
Yasmine M‘Barek lebt und studiert Wirtschaftsjournalismus in Köln. Als freie Autorin schreibt sie über Politik und Wirtschaft und kommuniziert via Instagram mit ihren Followern regelmäßig über alle weiteren Themen, die ihr sonst noch so auf der woken Millennial-Seele brennen. Trotzdem findet sie, dass „das Internet nicht ansatzweise zeigt“, was Menschen ausmacht. Deswegen lässt sie uns in ihrem Podcast wöchentlich an ihrer Meinung teilhaben.

„Es muss mehr über die immer problematischere Wirtschaftspolitik ge­sprochen werden. In all den Debatten rund ums Klima fehlt mir vor allem das als Fundament. Was haben das neoliberale Wirtschaftssystem und die Abkehr von der Realwirtschaft zum Istzustand beigetragen?

Linke Ökonomen sind nicht so interessant wie schillernde Einzelpersonen. Das muss sich ändern.

Jedoch sind wirtschaftliche Argumente stets inhaltsloses Hörensagen, um vermeintlich intellektuell zu wirken. Oder kernlose Antipathie. Dementsprechend diskutieren wir nicht über den Fakt, dass deutsche Autokonzerne das Vertrauen durch Dieselskandale verspielt haben und sich wenig einsichtig in der klimafreundlichen Weiterentwicklung von Mobilität zeigen. Nein, wir diskutieren, ob man einen SUV fahren darf und ob ,Kli­materroristen‘ den politischen Diskurs verrohen lassen. Ist man vom falschen System überzeugt und hinterfragt dies nicht, wird die Situation und Diskussion nur stagnieren. Dabei ist es vonnöten, dass die Politik demütig das eigene System infrage stellen kann und sollte. Dazu gehört, offen zu sagen, dass die liberale Ethik der Profitorientierung falsch war und zu einem fahrlässigen Ausbau des Niedriglohnsektors geführt hat. Dies als Fehler zu betiteln ist der erste Schritt zur Änderung. Reflektiertes Umorientieren wäre der nächste. Denn: Die profitorientierte Finanzspekulation und das stetige Wachstum haben die Sozialpolitik demoliert und Platz dafür geschaffen, dass der Mensch dem System unterlegen ist und die Wirtschaft von ihm profitiert und nicht andersrum. Somit setzt man die Wirtschaft über die Klimakrise. Die Politik ist verantwortlich dafür, dies umzukehren.

Dabei sollten die neokolonialen Zustände und der Hauptverursacher des Klimawandels, die Industrie, insbesondere Automobilindustrie und Energie­gewinnung, zur Verantwortung gezogen werden. Die mittlerweile stagnierte deutsche Wirtschaft darf nicht mehr als negativ bewertet werden. Der irrationale Faktor Klimakrise stellt eine Profitsperre dar, außer man geht dafür über sozialpolitische Leichen. Insbesondere medial zielt man auf Be­griffe wie ,schwarze Null‘ ab und nimmt ihr nicht die Wertung, was dringend vonnöten ist. Im Diskurs sitzen oftmals überhypte Personen im Schein­werferlicht und können ihre wirtschaftsliberalen Gegner nicht mundtot machen. Rein ökonomisch gesehen lassen sich alle Liberalen in die Knie zwingen. Wir diskutieren jedoch über das Weshalb, wenn wir schon längst beim ,Was müssen wir tun‘ angekommen sind.

Resultat ist eine gesellschaftliche Spaltung durch inhaltslose Meinungs­macher und Reiberei durch Begriffe wie ,Verbote‘ oder ,Freiheit‘, die nur in ihrer Semantik und nicht im Ausmaße der Politik umfassend durchleuchtet werden. Es ist eine Sackgasse, kehrt man nicht ab davon.

Das heißt, wir müssen, gerade im öffentlichen Raum, das Wirtschafts­sys­tem infrage stellen und von den Alternativen erzählen und Schulden in der Politik als etwas Positives, Förderliches übermitteln. Überproduktion und Erd­erwärmung haben viel mit dem Abkehren von der Realwirtschaft zu tun. Feelgood-Aktivismus muss mit wirtschaftlichen Gegenargumenten gestützt werden, ist die Wirtschaft doch der größte Feind in der Debatte. Die Grundlagen für erfolgreiche Debatten sind gegeben. Aber: Linke Ökonomen sind nicht so interessant wie schillernde Einzelpersonen. Das muss sich ändern.“

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