Sängerin BANKS über Depression, Yoni Kunst und Selbstliebe

Das zweite Album von BANKS „The Altar“ kommt heute raus. Zur Feier des Tages hat uns die Ausnahmestimme aus Kalifornien von ihren inneren Kämpfen erzählt. Davon, wie sie aus depressiven Phasen Stärke gewinnt und selbst zu ihrem größten Fan wurde. Und von ihrer Liebe zur Yoni Kunst.

„Manchmal musst du durch die Dunkelheit gehen, um in die Zukunft zu schreiten, zu schaffen und kreativ zu sein.“ In der Zeit nach dem Release ihres Debüt-Albums „Goddess“ im Jahr 2014 hat sich die Welt um Jilian Rose Banks verändert. Sie hat sich verändert – im Scheinwerferlicht den Blick auf sich selbst verloren. Was folgte, war eine Regenerationsphase, in der sie sich wieder auf Jillian konzentrierte – und zu einer reiferen Version ihrer selbst heranwuchs. Die Künstlerin ist heute, mehr denn je, eine Ausnahmestimme. Nicht nur wegen des sanft-rauen Klangs. Sondern vor allem wegen der Stärke ihrer Worte, die von Selbstermächtigung, Unabhängigkeit, Depression und Kreation erzählen. Heute weiß Banks, dass Schlechtes nicht gleich negativ sein muss. Heute weiß sie, wie sie den Mund aufmachen muss, um sich Gehör zu verschaffen. All das war ein Kampf, ein Prozess, doch er hat sie dahin geführt, wo Banks jetzt steht: Kurz vor der Veröffentlichung ihres Nachfolgealbums, das die vielseitigen Facetten der studierten Psychologin in teils analytischer, teils fantastischer Manier darstellt.

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Wenn du deine Augen schließt und an dein neues Album „The Altar“ denkst, welche Farbe siehst du?
Jede Farbe. Ich sehe unendlich viele Farben, nicht nur eine bestimmte.

Im Vergleich zum Vorgänger „Goddess“ aus dem Jahr 2014 – was hat sich verändert?
Ich denke, dass ich mich in diesem Album mehr selbst zeige. Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied, das kannst du in jedem einzelnen Song spüren.

Wenn du die Möglichkeit hättest, dein Album mit einer Person deiner Wahl zu diskutieren, wen würdest du wählen?
Carl Jung, er ist ein renommierter Psychologe – und ist brillant, ein Genie. Er war ein Verfechter der Individuationstheorie. Ein Individuum zu sein, sich loszulösen von der Masse… Wenn du heranwächst und langsam herausfindest, wer du bist, machst du das mehr und mehr. Außerdem hat er Träume gedeutet, sie studiert. Ich habe sehr lebendige Träume über die ich gerne mit ihm reden würde. Ich würde ihn Millionen Dinge fragen!

Magst du von einem bestimmten Traum erzählen, den du mit Carl Jung diskutieren würdest?
Nein, sie sind wirklich viel zu verrückt…

Was würde die 14-jährige Jillian dazu sagen, dass du jetzt bereits dein zweites Album veröffentlichst?
Sie wäre stolz, und aufgeregt! Es ist cool, dass Leute jetzt wissen wer ich bin und meine Texte kennen, auch wenn es immer noch surreal für mich ist. Ich bin so dankbar für alles.

Und was würde sie zu deiner Single „Fuck with myself“ sagen?
Sie würde wahrscheinlich sagen: gut für dich. I’m happy you fuck with yourself more than anybody else.

Erzähle uns mehr von dem Song und seiner Entstehung.
Er ist in einer Zeit entstanden, in der ich mich zu viel darauf konzentriert habe, wie andere mich wahrnehmen. Ich brauchte es einfach, mir das Geschenk zu machen, einen Song zu schreiben, der die Selbstbestimmung feiert und zeigt, dass man nur von sich selbst abhängig ist und wie man selbst über sich denkt. Mein größter Fan zu sein, mein größter Cheerleader, das ist wichtig. Wenn du dich nicht so fühlst, ist alles schwierig und schmerzhaft, vor allem wenn man aufwächst, ein 20-Something ist. Aber „Fuck with myself“ handelt genauso von der anderen Seite… Du kannst immer auch dein größter Kritiker, dein größter Feind sein. Ich war beides zuvor, mein bester Ernährer und mein gemeinster Zerstörer – und einer von beiden ist wirklich negativ.

Würdest du sagen, dass du jetzt mit dir im Reinen bist?
Manchmal ja, manchmal aber fühle ich mich immer noch crazy. Ich glaube nicht, dass irgendjemand jemals vollends mit sich im Reinen ist. Es gibt immer Momente von Stärke und von Schwäche, du musst beides zu schätzen lernen. Momente der Schwäche inspirieren Kunst, Momente der Stärke fühlen sich großartig an.

Mit sich ins Reine zu kommen, scheint immer schwieriger zu werden. Jetzt geht es nicht nur noch um Selbst- und Fremdwahrnehmung, sondern auch um die Darstellung auf den Social Media. Wie gehst du mit diesen Komponenten um? Wie kannst du sie balancieren?
Ich glaube, sie sind ziemlich harmonisch. Ich poste niemals etwas wirklich Privates auf meinem Instagram etc., da ich in meiner Musik schon genug preisgebe. Meine Musik ist der heiligste, verletzlichste, privateste Ort und die Menschen hören schon alles darüber. Ich bin ich, ich weiß gar nicht, wie ich jemand anderes sein könnte! So ist es auch viel einfacher, ich muss nichts vormachen oder permanent eine Maske tragen, ich bin ich selbst. Es nimmt einen großen Druck von dir, wenn du neue Leute triffst, musst du nur du selbst sein und nicht noch irgendeiner Rolle entsprechen. Darüber bin ich wirklich sehr froh…

Hast du einen Tipp, wie man dorthin gelangt?
Fucking with yourself, sei liebevoll zu dir. Klar ist das schwer, Leben heißt immer auch deinen eigenen Geist zu bekämpfen – aber zum größten Teil ist es einfach nur wichtig dich selbst zu lieben. Dann fügt sich alles, alles wird an den richtigen Platz gerückt. Du bist ungehemmt und unangestrengt. Wenn du unangestrengt du selbst sein kannst, kommt alles wie es soll.

Also würdest du sagen, dass die Beziehung zu dir, die wichtigste in deinem Leben ist?
Ja, definitiv. Wenn du schlecht drauf bist und keine Liebe für dich hast, dann könntest du an der Spitze der Welt stehen und trotzdem alles hassen. Im letzten Jahr war ich zwei Mal in Japan. Beim ersten Mal habe ich mich mies gefühlt, habe kaum mein Hotelzimmer verlassen. Beim nächsten Mal war ich gut gelaunt und habe Japan als den faszinierendsten, lebhaftesten Ort der ganzen Welt empfunden. Es ist also wichtig, was in dir vor sich geht, so nimmst du die Dinge auch wahr.

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Wenn man den Titel deines Songs „Fuck with myself“ wörtlich nimmt, könnte man die Selbstliebe auch im Sinne von Masturbation verstehen, vor allem wenn man sich das dazugehörige Video ansieht. Warum, glaubst du, ist die weibliche Masturbation in den Medien und der Popkultur noch immer ein Tabuthema?
Ich weiß nicht, sprechen Männer darüber? Aber ja, ich denke, dass man den Song auch so interpretieren könnte. Im Video war ich mir gegenüber sehr sexuell, habe meine eigenes Gesicht abgeleckt. Jede Kreatur ist sein eigener Herr und wenn du dich wohl damit fühlst über Masturbation zu sprechen, dann solltest du es tun.

Ein Großteil deiner Arbeit handelt von zerstörerischem Verhalten. Was war das Schlimmste, was du jemals einer Person angetan hast?
Ich weiß was es ist, aber ich glaube, ich möchte es nicht erzählen… Es ist zu persönlich, das macht es hart. Oft sind es Routinen und Gewohnheiten. Wenn du schlechte Angewohnheiten hast, vor allem gegenüber dir selbst, kann es ziemlich schwierig sein… Das ist wohl die privateste Frage, so als ob man jemandem nach seiner liebsten Sex-Position fragt. Die Antwort würde wohl nur mein Therapeut erfahren.

Würdest du eher verraten, was das Schlimmste war, das dir angetan wurde?
Mein erster Freund hat mich betrogen, das hat mein Herz gebrochen. Ich konnte nicht verstehen, wie Leute so etwas machen können. Es war unglaublich schmerzhaft. Es fühlte sich an, als würde mich ein Zug von hinten erfassen. Aber ich würde nicht sagen, dass es das Schlimmste war, was mir jemand angetan hat, da ich daraus gewachsen bin und gelernt habe, dass das Leben nicht nur Schwarz und Weiß ist, dass es kein Märchen ist. Das Leben ist chaotisch und das macht es so schön. Aufregender, spaßiger. Mit Zerstörung kommt Kreation – so wie bei den Göttern in der Mythologie. Kali, sie ist die Göttin der Zerstörung und der Schöpfung…

Ich habe lange Zeit mit Depressionen zu kämpfen gehabt und jedes Mal, wenn ich mich in diesen dunklen Phasen befand, stand ich kurz davor etwas Neues zu kreieren. Als ich mein neues Album geschrieben habe, war ich in den Monaten davor wieder in einer depressiven Zeit, aber ich habe drauf los geschrieben und habe es überstanden. Es war, als ob mein Körper sich vorbereitet hätte auf das, was jetzt kommt. Manchmal musst du durch die Dunkelheit gehen, um in die Zukunft zu schreiten, zu schaffen und kreativ zu sein. Viele Konzepte auf meinem Album balancieren Dunkelheit und Licht, fucking with yourself this way und fucking with yourself that way. Auf dem Album ist der Song „Gemini Feed“, der beschreibt das Leben ziemlich gut: man ist immer von verschiedenen Dingen zerrissen, muss es aber irgendwie schaffen, sie in Harmonie zu bringen und sich selbst zu erschaffen. Wir haben so viele Schichten…

Du malst auch – in welcher Verbindung stehen diese Werke mit deiner Musik?
Ich habe mit dem Malen angefangen, um eine engere Verbindung zu meinem Körper zu bekommen. Ich habe Nacktbilder von mir gemacht und sie abgemalt. Ich wurde so oft vor Kameras gestoßen, was ich vorher nicht gewohnt war, und habe mich dadurch von meinem Körper entfremdet gefühlt. Ich habe die Sicht auf mich selbst verändert. Zwischen den Alben habe ich mir Zeit zum Malen genommen. Es war ein unglaubliches Geschenk, das ich mir selbst gemacht habe. Ich habe meinen Körper, mich selbst, von jedem Winkel kennengelernt.

Welche weiblichen Künstlerinnen bewunderst du?
Ich liebe Frida Kahlo, sie ist so feurig, so leidenschaftlich. Ich habe sogar eine Kerze in der Form ihres Kopfs in der Mitte meines Wohnzimmers stehen, ich kann Frida anzünden! Das ist ziemlich cool. Aber auch Georgia O’Keeffe ist großartig. Meine Großmutter hat mir vor kurzem ein Buch über diese Künstlerin gegeben. Sie malt Blumen, die aber aussehen wie Vulven, ich liebe Yoni Kunst.

Yonis sind ein schöner Teil der Weiblichkeit – es gibt allerdings auch schlechte Aspekte… Was nervt dich besonders? Was würdest du daran ändern, wie Frauen in der Gesellschaft wahrgenommen werden?
Frauen sind daran gewöhnt täglich sexuell belästigt zu werden, das würde ich sofort ändern. Die Gesellschaft hat Angst vor Weiblichkeit. Frauen sind darauf trainiert so wenig Platz wie möglich einzunehmen, immer hübsch und ungefährlich zu sein, das gefällt mir gar nicht. Ich möchte chaotisch und gefährlich und stark sein und so viel Platz einnehmen, wie ich will. Das macht das Album für mich, Platz einnehmen. Beide meine Alben sind ehrlich und ich liebe mein erstes Album – aber jetzt bin ich in einer anderen Situation. Ich fühle mich wohler damit, mich selbst zu zeigen und präsenter zu sein.

Woher kommt das?
Ich glaube einfach vom Leben. Einige Dinge, die passiert sind, haben mich so müde gemacht… Ich wollte mich mächtiger fühlen, lernen wie ich richtig mit Leuten spreche, lernen wie ich mich behaupte. Wenn 30 Menschen mit dir an einem Video arbeiten und jeder eine bestimmte Idee davon hat, wie es letztlich aussehen soll, ist es wichtig, dass ich ihnen deutlich machen kann, dass es nach meinen Vorstellungen laufen muss – es ist meine Musik. Das muss man schaffen, ohne zaghaft oder entschuldigend zu wirken, ohne sich schlecht zu fühlen, das war ziemlich schwierig für mich und hat einige Ängste hervorgerufen, die ich überwinden musste. Aber ich denke dieser Prozess ist auch auf meinem Album zu hören.

Das passt zu deiner Rolle im Female Empowerment. Welche anderen Girl Bosse inspirieren dich und welche Aussage verkörpern sie?
Eartha Kitt. Lena Dunham ist unglaublich. Meine Schwester, meine Großmutter. So viele. Auch sie zeigen: Fühle dich niemals schuldig wegen dem, was du möchtest, denn es ist wichtig. Fürchte dich niemals deine Wünsche und Belange auszusprechen.

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FOTOS: Teresa Mundilova

Mehr unter hernameisbanks.com

 

 

 

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