Ronja von Rönne: Ich und ich – eine Liebesgeschichte

Was spricht eigentlich gegen ein bisschen mehr Selbstliebe? Credit: Joanna C. Schröder
Warum ist es eigentlich so schlimm, sich ausgiebig mit sich selbst zu beschäftigen? Bloggerin und Schriftstellerin Ronja von Rönne erzählt von den Vorteilen der Selbstverliebtheit.

Glücklich verliebte Menschen sind schön. Sie haben rosige Wangen und gute Laune und ich freue mich bei anderen darüber. In wen sie dabei ver­liebt sind, ist mir offen gestanden völlig egal, außer es handelt sich um meinen lieben Mann, dann steche ich ihnen die Augen mit einer Gabel aus und foltere alles, was sie je geliebt haben, außer meinen lieben Mann, dem koche ich einen Tee. Im Prinzip aber sind verliebte Menschen sehr gute Gesellschaft mit nur einem kleinen Haken: Sie haben niemals Zeit für einen, immer haben sie etwas Besseres vor. „Morgen geht nicht, da muss ich schauen, ob er bei WhatsApp online ist“, sagen sie dann oder: „Übermorgen klappt leider nicht, da muss ich seufzen und starren und lächeln“, und die Woche drauf geht auch nicht, denn da müssen sie mit ihrem neuen Partner irgendwas mit Kerzenlicht oder Sex oder so machen. 

Wahre Narzissten sind nicht zu verdammen, sondern zu schätzen. Sie sind Alleinunterhalter und Geschichtenerzähler.

Selbstverliebte Menschen sind da praktischer. Sie haben immer Zeit für einen und sie haben immer ein Gesprächsthema. Und auch sie sind stets guter Laune, weil sie immer ganz nah bei ihrem Liebsten sind. Sie sind selten unglücklich, weil die Liebe ihres Lebens sie quasi nie enttäuscht und immer, absolut immer an sie denkt, nämlich an sich. Kurzum: Wahre Narzissten sind nicht zu verdammen, sondern zu schätzen. Sie sind Alleinunterhalter und Geschichtenerzähler. Es ist interessanter, Angebern beim Lügen zuzuhören, als Langweilern bei der Wahrheit dabei, wie sie kürzlich einen Döner ohne Feta bestellt haben und dann aber einen mit bekommen haben, aber den dann trotzdem gegessen haben, weil „ist ja eigentlich egal und Feta find ich eigentlich ganz okay“. 

Leider kenne ich keinen Narzissten, nicht im eigentlichen Sinne des Wortes: einen Menschen, der sich nur um sich selbst dreht und damit ganz zufrieden scheint. Narzissten, das sind heute Leute, die selbstbezogen scheinen, aber ob sie mit sich so glücklich sind, spielt für die Zuschreibung keine Rolle mehr. Narzisst dürfen plötzlich alle mit Insta­gram-Accounts sein und das sind keine Klaus Kinskis mehr, sondern Leute, die ihre Sonntagsbrötchen fotografieren. Jeder weiß, dass Leute, die ihre Sonntagsbrötchen fotografieren, das Gegenteil von guter Gesellschaft sind. 

Ich selbst werde Narzisstin genannt, dabei verbringe ich sehr viel Zeit damit, mich als armselig, untalentiert, einfallslos oder dümmlich zu empfinden.

„Narzisst“ ist ein wahlloser Ausdruck geworden. Jeder Trottel wird inzwischen als Narzisst bezeichnet. Ich selbst werde Narzisstin genannt, dabei verbringe ich sehr viel Zeit damit, mich als armselig, untalentiert, einfallslos oder dümmlich zu empfinden. All das ist wenig charmant und meine Freunde rufen mich selten an und sagen Dinge wie: „Ronja, komm doch noch zu dieser Party, wir brauchen hier dringend jemanden mit Komplexen und mangelndem Selbstwertgefühl!“ Es reicht schon, zu viel über sich nachzudenken, schon bekommt man einen Narzissten-Stempel, den man nicht verdient hat. Selbstbezogenheit ist nämlich ähnlich wie Verliebtheit bei anderen nur dann zu ertragen, wenn sie glücklicher Natur ist. Leute, die auf Likes für ihre Sonntagsbrötchen warten, um ein Fünkchen Leben in ihren Adern zu spüren, scheinen selten glücklich.

Vielleicht ist in der Welt eines klassischen Narzissten kein Platz für eine andere Person, vielleicht sind sie nicht gute Kandidaten zum Heiraten. Aber ohne sie wären die Klatschspalten, die Weihnachtspartys und Unterhaltungsprogramme leer.

Dass Menschen an sich nichts gegen Narzissten haben, ist simpel bewiesen: Sie halten sich Katzen. Katzen sind sich selbst genug und deshalb beliebte Haustiere. (Außerdem sind Katzen zu dumm, um Filter über Fotos zu legen. Dumme Katzen. Dumm.) Der Narzissmus ist also tot, es lebe der Narzissmus, um mal irgendwen zu zitieren. Menschen, die sich alle Mühe geben, sich selbst als genauso wunderbar darzustellen, wie sie sich empfinden, Leute, die grotesk viele Gedanken auf ihre Garderobe, Geschichten, Gastgeberfähigkeiten verschwenden – Narzissten können Kartentricks und Scharade, sie haben eine klare Aussprache und einen guten Geschmack, weil sie sich für sich Mühe geben. Weil sie sich selbst nicht enttäuschen wollen. Weil die Welt ihnen ein Spiegel ist und sie Wert darauf legen, in diesem Spiel gut auszusehen. Vielleicht ist in der Welt eines klassischen Narzissten kein Platz für eine andere Person, vielleicht sind sie nicht gute Kandidaten zum Heiraten. Aber ohne sie wären die Klatschspalten, die Weihnachtspartys und Unterhaltungsprogramme leer. Ab und an sollte man den Narziss erblühen lassen, sonst steht man am Ende gelangweilt in einem Garten mit lauter exakt gleich langen und gleich langweiligen Grashalmen.

Ronja von Rönne
Die 27-jährige Berlinerin twittert unter @sudelheft über alles, „was das Menschsein zur Unverschämtheit macht“. Aber Ronja kann weit mehr als 140 Zei­chen: Sie schreibt Bücher – ganz tolle wie „Wir kom­men“ oder „Heute ist leider schlecht“. Für die Blonde-Kolumne tippt sich Ronja ihre Erfahrungen zum jeweiligen Heft-Schwerpunkt von der Seele.
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