Ronja von Rönne: Träume sind Schäume

"Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum" – Ganz schlechte Idee, findet Ronja von Rönne. Credit: Nacho Rochon, Unsplash
„Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum“, lautet ein beliebter (Wand-)Tattoo-Spruch. Joah. Schriftstellerin, Bloggerin und Hobby-Traumdeuterin Ronja von Rönne findet: Ganz schlechte Idee!

Früher, als das Rad noch nicht erfunden war und man noch an der Pest starb, gab es einmal ein soziales Netzwerk mit dem unsexy Namen ­schülerVZ. Dort meldete man sich an, um den süßen Tim aus der 7b zu stalken, denn das Stalking wurde schon lange vor dem Rad erfunden. Man stellte allerdings ziemlich schnell fest, dass Tim aus der 7b bis auf ein Foto von einem leeren Radler mit der poetischen Unterschrift „megabesoffen gestern loooool“ nicht viel zu bieten hatte. Stattdessen entdeckte man etwas Neues: Gruppen mit lustigen Namen, die man liken konnte, auch wenn „liken“ damals noch „gruscheln“ hieß (GRUSCHELN! Ein Grund, warum dieses Netzwerk zu Recht untergegangen ist).

Die Idee, dass einem Träume Aufschluss über unser Innenleben geben, ist märchenhaft.

Ein beliebter Spruch, der der ersten Internetgeneration indoktriniert wurde, lautete „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“. Das klingt erst mal ziemlich gut, irgendwie nach Palmen, irgendwie nach Blitzlichtgewitter, irgendwie nach Karrieren in gläsernen Hochhäusern, ir­gend­wie nach Altbauwohnung und einem Freund mit blauen Augen und braunem Haar und Sixpack. Dabei ist das natürlich Quatsch und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens ist das, was sich das Kleinhirn so Nacht für Nacht zusammenhalluziniert, meistens irgendwas zwischen grotesk und bedrohlich. Wenn ich wirklich meine Träume gelebt hätte, hätte ich mit zwölf dem fetten Englischlehrer Herrn Hartnuss auf der Schultoilette einen runtergeholt. Wiederholt. Wenn ich meine Träume le­ben würde, wäre ich mittlerweile gut 18-mal durch die mündliche Prüfung des Mathe-Abis gerasselt, weil mir beim Sprechen aus unerfindlichen Gründen alle Zähne ausfallen. Ich hätte meinen lieben Mann aus Versehen mit einer Triangel (?!?) erschossen, denn in Träumen ist alles mög­lich. Ich bin schon oft nachts schweißgebadet aufgewacht und war heilfroh, dass ich meine Träu­me nicht gelebt habe. Die Idee, dass einem Träume Aufschluss über unser Innenleben geben, ist märchenhaft. Manchmal mag das Sinn ergeben (zum Beispiel, wenn man das hun­derts­te Mal träumt, in einen mittelalterlichen Kerker geworfen zu werden, weil man die Asos-Rechnung noch nicht bezahlt hat), meistens aber ist die Idee, jedes Traumfitzelchen in sinnvolle Botschaften zu übersetzen, naiv oder schlicht unmöglich.

Aber vielleicht ist „Träume dein Leben“ ja auch eher tagträumerisch gemeint. Der Moment, in dem man die Haltestelle verpasst, weil man sich sein Leben als Influencer auf den Malediven vorstellt (oder halt Sex mit Herrn Hartnuss – ich will ja niemanden verurteilen und bestimmt hat er einen total tollen Sinn für Humor oder halt irgendwas anderes).

Das Träumen hat durch Spitzensportler und Schönheitsköniginnen einen unerhört guten Ruf bekommen. Ständig zwitschern irgendwelche Stars, man müsse nur „an sich glauben“ und „seinen Traum verfolgen“

Das Träumen hat durch Spitzensportler und Schönheitsköniginnen einen unerhört guten Ruf bekommen. Ständig zwitschern irgendwelche Stars, man müsse nur „an sich glauben“ und „seinen Traum verfolgen“. Gemeint ist mit solchen Träumen natürlich nicht, endlich mal sein Badezimmer zu wischen, auch die eklige Ecke hinterm Klo, sondern mindestens eine Goldmedaille bei Olympia oder einen Oscar zu holen.

Nie hört man: „Ich wünschte, ich wäre nicht meinen Träumen gefolgt; dann würde ich jetzt vielleicht ein glückliches, beschauliches Leben führen.“

Das Problem ist, dass man solche Nachrichten eben nur von der Handvoll Leute hört, die es durch Glück oder unverschämtes Talent tatsächlich so weit gebracht haben. Schauspieler, die seit dem fünften Lebensjahr nichts anderes wollten, als auf einer Bühne zu stehen, und mit 30 immer noch um jede Nebenrolle in ZDF-Schmonzetten betteln, bekommen nicht die Doppelseite in der „Gala“, um die hoffnungsvolle Jugend vor einem Leben voller Enttäuschungen und zerstörter Hoffnungen zu warnen. Nie hört man: „Ich wünschte, ich wäre nicht meinen Träumen gefolgt; dann würde ich jetzt vielleicht ein glückliches, beschauliches Leben führen.“ Dabei ist die Idee, dass der eine Traum das ultimative Ticket zum Glück ist, ohnehin bescheuert. Das weiß jeder, der mal mit Tim aus der 7b gehen wollte und mittlerweile auf Facebook herausgefunden ist, dass er fünfmal geschieden und hoch verschuldet ist und Posts von Gauland teilt, weil das „wenigstens mal einer ist, der was zu sagen hat!!!11!!!111“.

In den meisten Fällen kann man doch froh sein, wenn sich die Träume von früher nicht erfüllen – sondern verändern. Wenn man irgendwann merkt, dass man gar keinen Oscar für die persönliche Glücksbilanz nötig hat. Dass einen ein Wiedersehen mit dem lieben Mann nach einem Wochenende mit der besten Freundin viel glücklicher macht als eine Goldmedaille. Dass man Pizza viel lieber mag als eine Karriere als mittel­erfolgreiches Model. Bis man dann erleichtert feststellt, dass das Credo, seinen Träumen zu folgen, nicht so ernst zu nehmen ist. Traumhaft.

Ronja von Rönne
Die 27-jährige Berlinerin twittert unter @sudelheft über alles, „was das Menschsein zur Unverschämtheit macht“. Aber Ronja kann weit mehr als 140 Zei­chen: Sie schreibt Bücher – ganz tolle wie „Wir kom­men“ oder „Heute ist leider schlecht“. Für die Blonde-Kolumne tippt sich Ronja ihre Erfahrungen zum jeweiligen Heft-Schwerpunkt von der Seele.
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