28 Days Later: Leben mit einem Zyklus-Coach

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Fem-Tech-Trend meets Zyklus-Coach: ein Erfahrungsbericht. Illustration: Polly Nor
Ein Leben im Einklang mit dem eigenen Menstruationszyklus: Blonde-Autorin Stephanie Johne hat den Fem-Tech-Trend mitgemacht und einen Zyklus-Coach besucht. Eine Bilanz.

Die Sonne scheint, die Menschen zieht es nach draußen – die Story-Timeline auf meinem Instagram-Account spricht Bände. Es ist der Abschied eines langen, wunderbaren Sommers, den niemand verpassen möchte. Ich hingegen „feiere“ einen ganz anderen Abschied – angekommen in einer Phase, in der ich lieber für mich bin. Ich stehe kurz vor meiner Menstruation…

Seit drei Monaten richte ich mich nun schon nach meinem Zyklus. „Bitte, was?“, mag die ein oder andere jetzt denken. Hatten wir uns nicht von solchen Abhängigkeiten emanzipiert? Hat uns die Industrie für Monats­hygie­ne nicht erfolgreich darauf getrimmt, dass Frauen alles tun und lassen können – unabhängig von ihrem Zyklus und ihrer Periode, sicher und trocken? Auch meine beste Freundin konnte ihre anfängliche Verwunderung über mein Vorhaben nicht verbergen. Ihr Kommentar „Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter!“ setzte dem die Krone auf. Da war sie wieder, die weitverbreitete Meinung, der weibliche Zyklus sei nichts für die eman­zi­pier­te Frau. Dabei kommt der New-Age-Feminismus an dem Thema gar nicht vorbei. Um in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft bestehen und mithalten zu können, haben wir Frauen ­jahrzehntelang unsere Natur verraten, anstatt das bestehende System zu hinterfragen. Seitdem versuchen wir, es den Männern gleichzutun und im testosteronbetriebenen Hams­ter­rad mitzurennen. 

Mein Körper reagierte so extrem auf die Umstellung, dass ich drauf und dran war, rückfällig zu werden.

Ich verliere mich in Gedanken an meine Schulzeit. Zurück in der sechsten Klasse erinnere ich mich sehr gut, wie ausführlich wir die offensichtlich (weil sichtbaren) Geschlechtsorgane der Jungen durchgegangen sind. Die weiblichen Geschlechtsorgane sind hingegen extrem komplex. Für den damaligen Lehrplan offenbar zu komplex. Wir haben uns also damit zufrie­dengegeben, gemeinsam auf die Toilette zu verschwinden und ihr entgegenzufiebern – der berühmt-berüchtigten roten Woche. Als es dann so weit war, waren wir schlichtweg überfordert. Was wir uns als fei­er­lichen Übergang vom Mädchen- zum Frausein ausgemalt hatten, war nichts als blöd. Ich war 13 und hatte keine Ahnung von Gelbkörper, Eisprung oder Follikelreifung.

Daran sollte sich erst einmal nicht viel ändern, denn alles, was mich in den nächsten Jahren mit meinem Zyklus verband, war meine Pillenpackung: War sie einmal aufgebraucht, blutete ich. Blutete ich nicht mehr, begann ich eine neue. Dass das alles ein Fake-Zyklus war, verstand ich erst, als ich beschloss, die Pille abzusetzen. Nicht weil ich Probleme hatte. Ich wollte herausfinden, ob es einen Unterschied machte. Was dann kam, überrasch­te mich wieder. Mein Körper reagierte so extrem auf die Umstellung, dass ich drauf und dran war, rückfällig zu werden. Ich hatte schlechte Haut, fühl­te mich hundeelend und mein Zyklus machte, was er wollte. Doch ich woll­te es wissen. Und siehe da: Nach und nach fand mein Körper zur Nor­ma­lität zurück. Ich hatte nicht nur endlich wieder einen Eisprung, sondern konnte ihn sogar so verlässlich voraussagen, dass ich dieser Tage erho­be­nen Hauptes durch die Straßen stolzierte. Als handelte es sich um eine Art Supermacht. Zu meinem immensen Stolz gesellten sich aber auch seltsame Tiefs, die sich nicht einordnen ließen. Es gab Tage, an denen ich nicht in der Lage war aufzustehen. Und das zu Zeiten, in denen ich meine schlechte Laune nicht auf das berühmte PMS schieben konnte. Irgend­wie musste es da zwischen Eisprung und Menstruation noch mehr geben. Aber sollte mein Zyklus wirklich solch eine Auswirkung auf mein Wohlbefinden haben? Und wenn ja, wie konnte ich lernen, ihn zu verstehen und für mich zu nutzen? Und wie funktioniert eigentlich diese natürliche Verhütung?

Als jahrelange Pillenschluckerin sollte ich plötzlich nicht nur jeden Tag vor dem Aufstehen meine Tempe­ratur messen, sondern auch die Konsistenz meines Zervixschleims  auswerten.

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Illustration: Polly Nor

Ich konsultierte einen Zyklus-Coach, der mir bestätigte, was ich bereits gelesen hatte: Jede Frau ist in der Lage zu bestimmen, wo in ihrem Zyklus sie steht – auch ich. Dafür müsste ich nur lernen, genau hinzuschauen. Die Methode ist komplex und aufwendig. Als jahrelange Pillenschluckerin sollte ich plötzlich nicht nur jeden Tag vor dem Aufstehen meine Tempe­ratur messen, sondern auch die Konsistenz meines Zervixschleims und die Beschaffenheit meines Muttermunds auswerten. Diese symptothermale Methode funktioniert ähnlich wie ein Leben nach den Mondphasen. 

Ich komme mir wieder vor wie in der sechsten Klasse; nur schäme ich mich dieses Mal nicht.

Wer jetzt ein bisschen wie meine beste Freundin immer noch der Meinung ist, das sei alles ganz und gar mittelalterlich, der irrt (unabhängig davon, dass ich nicht sicher bin, ob es als degradierendes Attribut wirklich passend ist, denn dem Menstruationsblut wurden in jener Zeit immerhin magische Kräf­te zugeschrieben). Ein Blick auf die hiesige Lifestyle-Branche bestätigt: Der weibliche Zyklus könnte 2018 nicht zeitgemäßer sein. Die antwortet mit der Fem-Tech-Bewegung und einer geballten Ladung Weib­lich­keit. Ihr Ziel: den Zyklus als Selbstverständlichkeit in den Alltag zu inte­grieren – mittels optimierter Produkte und Apps, die speziell auf die Bedürfnisse von Frauen abgestimmt sind. Dank eines automatisierten Al­go­rithmus können diese mithilfe ergänzender Angaben über Stimmung oder Beschaffenheit von Haaren und Haut der Userin sogar in die Zukunft schauen und Prognosen für den nächsten Zyklus aussprechen. Wen die Datenschutzfrage bei so viel persönlichem Insider-Wissen nicht abschreckt, der sollte darauf achten, dass die Apps und Gadgets von Frauen entwickelt wurden. Immerhin wissen die, wovon sie reden. Wissenschaftler haben längst bestätigt: Der durchschnittlich 28 Tage ­lange Menstruationszyklus ist nach dem Schlafrhythmus der wichtigste Taktgeber im Leben einer Frau. Ähnlich wie der Mond für die Gezeiten. Neumond, Halbmond, Vollmond, abnehmender Mond. Oder aber: Mens­tru­ation, Follikelreifung, Eisprung und Lutealphase. 

Mein Zyklus-Coach klärt mich detailliert über die Vorgänge während allen vier Phasen auf. Obwohl ich das alles nicht zum ersten Mal höre, hätte ich es aus dem Stegreif nicht gewusst. Ich komme mir wieder vor wie in der sechsten Klasse; nur schäme ich mich dieses Mal nicht. Von jetzt an heißt es Tagebuch führen – ganz und gar mittelalterlich mit Zettel und Stift. Ein kleiner Auszug:

Tag 1: „Ich sehe rot“ 

Da ist sie also, meine Menstruation – der Beginn jedes Zyklus. Es ist Neumond, Winter, und so fühle ich mich auch. Stammt daher vielleicht der Spruch „Aller Anfang ist schwer“? Stille und Dunkelheit. Das klingt vielleicht etwas düster, ist es aber nicht. Ich fühle mich extrem verbunden mit meinem Körper. Selbst die obligatorischen Unterleibsschmerzen der ersten zwei Tage sind erträglich. Kurzum: Zeit, die Batterien aufzuladen.

Tag 7: „Call me wonder woman!“ 

Auf Dunkelheit folgt Licht, meine Superhelden-Phase. Nichts wirft mich dieser Tage aus der Bahn, auch nicht die morgendliche Entdeckung, dass sich der Hund in der Nacht an meinen Lieblingsschuhen zu schaffen gemacht hat. Ich habe bis zum Mittag alle Aufträge erledigt, für die ich eigentlich bis Ende der Woche Zeit hatte. Das verwundert nicht, denn in meinem Körper reifen die Follikel heran. Es ist Halbmond, Frühling. Die Woche nach der Periode steht ganz im Zeichen der Erneuerung und ist geprägt von Zielstrebigkeit, mentaler Stärke und Klarheit. Ideal, um neue Projekte zu beginnen. Ich widme mich endlich dem lang ersehnten Make-over der Küche.

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Illustration: Polly Nor

Tag 13: „Ich bin es, deine Klitoris“

Der neue Nachbar löst bei mir untenrum solche Begeisterungsstürme aus, dass ich mich verstohlen hinter dem Treppengeländer verstecken muss, um nicht rot zu werden. Klar, dass meine Konzentration schlagartig nachlässt. Mein Zervixschleim gleicht jetzt der Konsistenz von Eiklar. Peak Day! Sommer, Vollmond, der Eisprung steht kurz bevor. Das wirkt sich nicht nur auf meine Sexualität aus, sondern auf mein ganzes Wohlbefinden. Daran ändert auch ein fieser Pickel nichts.

Tag 20: „Ich bin dann mal weg“

Draußen regnet es. Ich liege mit Pizza und meiner Lieblingsserie auf der Couch. Es ist Herbst, der Mond nimmt ab – hallo, Lutealphase! Die Küche ist fast fertig und ich kümmere mich um den letzten Feinschliff. Mein Nestbautrieb ist dieser Tage kaum zu bremsen. Omas altes Teeservice muss dran glauben. Ich lasse gehen, was ich nicht brauche – wie die Bäume im Herbst ihre Blätter. Ich bereite mich auf den Winter vor und doch wird mein Fell dünner. Wie 80 bis 85 Prozent aller Frauen leide ich am „Die hat wohl ihre Tage“-Syndrom, auch PMS genannt. Ich bleibe daheim und konzentriere mich auf meine Wünsche und Bedürfnisse. 

Alles in allem eine ganz schöne Achterbahnfahrt. Mein Fazit nach drei Monaten: Genauer hinzuschauen, wie der Zyklus das eigene Wohlbefinden beeinflusst, ist nicht nur spannend, sondern wirkt sich positiv auf alle Lebenslagen aus. Die wichtigste Lektion? Ich habe gelernt, meinen Zyklus mit all seinen Facetten nicht mehr zu verfluchen, und bin sogar fast ein bisschen stolz auf das, was mein Körper da jeden Monat leistet. In diesem Sinne: chapeau, Ladys! Immerhin sitzen wir hier im gleichen Boot. 

Buchtipp: Der weibliche Zyklus zum Nachlesen

„Eat Like A Woman“, Denise Rosenberger, Andrea & Verena Haselmayr

Der Weg zu einer ausgeglichenen Beziehung zur eigenen Weiblichkeit  führt bei diesen Österreicherinnen durch die Küche, in der sie Gerichte für eine zyklusgerechte Ernährung kredenzen – gespickt mit Erfahrungsberichten  und Infos zum Menstruationszyklus.

„Ebbe & Blut“, Luisa Stömer & Eva Wünsch

Menstruation enttabuisieren? Kein Problem! Bei mir haben es Luisa und Eva damit sogar bis auf den Couchtisch geschafft und dort schon so manches Eselsohr verpasst bekommen.

„Viva la Vagina!“, Nina Brochmann & Ellen Støkken Dahl

Der Vagina-Guide des norwegischen Ärztinnen-Duos ist ein echter Klassiker. Ein amüsantes Lexikon rund um die Themen Jungfernhäutchen, G-Punkt & Co. 

Und auf einen Klick: Fem-Tech und Co.

Clue

Clue“ ist so was wie deine neue beste Freundin in Sachen Zyklus-Tracking. Sie kennt dich in- und auswendig! Fast – denn deinen Eisprung kann sie nicht messen und ist deswegen auch keine Verhütungsmethode.

Natural Cycles

Wenn „Clue“ deine beste Freundin ist, dann ist „Natural Cycles“ deine rechthaberische Mutter – das hat sogar der TÜV bestätigt. Zertifiziert hat der hier allerdings lediglich die technischen Voraussetzungen und das Qualitätsmanagement. Eine Garantie, dass es funktioniert, kann er natürlich auch nicht aussprechen.

Ovy

Das kommt dabei raus, wenn deine beste Freundin und deine Mama gemeinsame Sache machen. Du musst nur noch jeden Morgen deine Temperatur mit dem „Ovy“-Thermometer messen. Die Daten werden mittels Bluetooth an die „Ovy“-App übermittelt und können durch Angaben über Stimmung, Energielevel, Verdauung und Beschaffenheit des Zervixschleims ergänzt werden.

 

 

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