Letzter Ausweg Eso? Lori Haberkorn erklärt, wie viel Self Care in Tarot steckt

lori haberkorn tarot
Lange Zeit als Hokuspokus verschrien, boomt das Tarot im Rahmen der Self-Care-Bewegung vor allem bei jungen Menschen. Doch sorgen Karten für ein achtsames Leben? Ein Gespräch mit Tarot-Coach Lori Haberkorn.

Fotos: Manuel Platzer. Dieser Artikel erschien zuerst in unserer „Radikal Soft Ausgabe” 1/2019.

Rituale finden in unserer schnelllebigen Moderne ­immer mehr Anklang – und damit ist weniger die obli­ga­to­rische Tasse Kaffee am Morgen gemeint als vielmehr eine zunehmend spirituelle Praxis. Eine Er­klä­rung dafür ist schnell gefunden: Rituale zwingen zum Innehalten und können helfen, Gefühle und Gedanken zu reflektieren und Probleme zu lösen. Während Yoga und Meditation längst angesehene Wege sind, unseren „Affengeist“ in Schach zu halten, haftet einer anderen Praxis noch immer der Ruf vom mystischen Jahrmarkt-Hokuspokus und Esoterik-Spuk an. Die Re­de ist vom Tarot.

Um das einstige Glücksspiel, das zu­meist aus 78 Karten besteht, ranken sich viele Mythen. Manch einer glaubt seinen Ursprung in Ägypten, andere machen Kabbalisten aus dem Mit­tel­alter oder Magier des sagenumwobenen Atlantis dafür ver­antwortlich. Seine nicht geklärte Herkunft ist Teil einer Faszination, die nicht abzureißen scheint und doch auch mit Unbehagen in Verbindung gebracht wird. Zu Unrecht? Wir wollen wissen, wie die Karten auch für Laien anzuwenden, ob Räucherstäbchen wirklich ein Muss sind – und treffen dafür eine Frau vom Fach: Die gebürtige Oberösterreicherin und Wahl-Berlinerin Lori Haberkorn hat das Handwerk des Kartenlegens und -lesens bereits in die Wiege gelegt bekommen und begleitet als Tarot-Coach Menschen in weltlichen und spirituellen Lebensfragen.

Vom mystischen Haus zum Kartenlegen in der Großstadt: Lori Haberkorn

Es ist ein kalter, aber sonniger Winternachmittag. Lori und ich sitzen uns bei einer Tasse Tee in einem hippen Berliner Café an einem kleinen Holztisch gegenüber. Von der Decke hängen getrocknete Blumensträu­ße, passend zu Loris Vintage-Kleid. Es ist laut – so laut, dass wir Schwierigkeiten haben, einander akustisch zu verstehen. Macht nichts, denn Loris Augen erzählen ohnehin mit – sie funkeln vor Begeisterung, während sie mir ihre Geschichte erzählt: „Meine Familie war schon immer sehr spirituell – ich bin in einem mit­tel­al­ter­lichen Haus aufgewachsen und habe schon früh die kraftvollen Energien dieses Orts gespürt. Mei­ne Mutter hat offen mit mir darüber gesprochen und mir gezeigt, wie ich mit ihnen arbeiten kann. Ich habe darin nichts Unnormales gesehen. Auch das Kartenlegen wurde bei uns schon immer praktiziert. Diese hier begleiten mich, seit ich klein gewesen bin, ich kenne sie in- und auswendig.“ Sie holt das Kartenspiel aus ihrer Handtasche und legt es behutsam auf den Tisch.

„Mein Leben hat sich von Grund auf verändert und ich lernte, Negatives in Positives umzuwandeln und das Gute in mein Leben zu ziehen. Man muss das Dunkle erfahren, um im Licht scheinen zu können.”

Ich bin fasziniert, mit welcher Selbstverständlichkeit Lori über dieses Thema spricht, denn Lori ist gerade einmal 29 Jahre alt und wirkt doch gleichzeitig wie eine dieser alten, viel gereisten Seelen. Ich möchte wissen, ob es irgendwann in ihrem Leben mal einen Punkt gegeben hat, an dem sie das alles infrage gestellt hat. „Es gab durchaus eine Zeit, in der die spi­ri­tuelle Praxis nur eine untergeordnete Rolle in meinem Leben gespielt hat. Eine Zeit, in der ich mich fast selbst verloren habe. Ich bin damals in die Großstadt gezogen, habe einen bewussten Cut zu meinen Energien ge­macht und mich in Oberflächlichkeiten verloren. Das hatte gesundheitliche Folgen: Als ich 21 war, hab ich eine Diagnose bekommen, die mich wieder zurück­geholt hat zu dem, was wirklich wichtig ist. Ich habe mein Leben umgekrempelt und mich auf Werte und Themen besinnt, die mir bereits als Kind wichtig waren: der Mond, das Universum und all die Mystik und die Magie, die sie umgeben. Mit Erfolg: Mein Leben hat sich von Grund auf verändert und ich lernte, Negatives in Positives umzuwandeln und das Gute in mein Leben zu ziehen. Man muss das Dunkle erfahren, um im Licht scheinen zu können.“

78 Karten und noch mehr Mythen

Seitdem zieht Lori das Tarot wieder vor jeder wichtigen Lebensfrage zurate und sieht es dabei – wie viele andere – vor allem als Spiegel unserer tiefsten Emo­tio­nen und Sehnsüchte. Jede einzelne Karte hat eine besondere Bedeutung, die sich in jahrhundertelanger Tradition entwickelt hat und dazu beitragen kann, tiefere Erkenntnisse über sich selbst, die eigene Lebenssituation und den weiteren Weg zu gewinnen. Das Ta­rot als Selbsterfahrung sozusagen! Dafür gibt es zwei Kategorien: das große und das kleine Arkana. „Das große Arkana ist im Grunde das Hauptkartenspiel und bildet die wichtigsten Etappen ab, die ein Mensch im Leben durchläuft. Der Narr – deklariert als erste Karte mit der Zahl Null – macht sich naiv auf die Reise, ohne zu wissen, was auf ihn zukommt. Mit all den Hürden, die er auf dem Weg zu bestreiten hat, darf er reifen und dann irgendwann in der Welt ankommen“, erklärt sie.

„Arkana“ leitet sich von dem lateinischen Wort „arcanum“ ab und bedeutet so viel wie „Geheimnis“. Das große Arkana birgt demnach das große Geheimnis des Lebens und wird oft mit dem weisen Buch des Lebens verglichen. Dabei bildet es die Dinge ab, die das menschliche Schicksal be­treffen. Der Narr, der Magier, die Hohepriesterin, die Kaiserin, der Kaiser, der Hohepriester, der Einsiedler, der Gehängte, der Teufel, das Glücksrad, der Lieb­ha­ber, der Wagen, der Turm, die Welt, die Mäßigung, das Gericht, der Tod, die Gerechtigkeit, die Stärke, die Sonne, der Mond und der Stern veranschaulichen – in der Reihenfolge ihrer Nummerierung gelesen – die archetypischen Grunderfahrungen und zentralen Entwicklungsstadien des Lebens. Jede Karte vereint dabei ein sehr komplexes Bedeu­tungs­­gefüge, für das neben Alchemie und Astrologie auch die christliche Religion, die Kabbala, altägyp­tische Symbole und natürlich auch die traditionelle Bildsprache überlieferter Karten eine wichtige Rolle spielen. „Die Karten vereinen immer eine gewisse Dua­lität“, erklärt Lori. „Sie sind nie nur gut oder nur schlecht, ­sondern­ immer in verschiedene Richtungen zu lesen. So glauben zum Beispiel viele, dass der Tod die schlimmste Karte sei. Trotz der allgemein verbreite­ten Assoziation mit dem Ende ist er aber nicht zwangsläufig negativ – er wird bei meinen Karten so­gar freudig empfangen, die Sonne scheint. Er ist auch als Neuanfang zu verstehen.“

56 Karten, in vier Farben aufgeteilt

Ergänzend dazu repräsentiert das kleine Arkana, das erst später dazugekommen ist, die kleinen Geheimnisse des Lebens. Die 56 Karten werden in vier Farben eingeteilt: die Stäbe, die Münzen, die Schwerter und die Kelche, wobei die Kelche in manchen Ausführungen auch als Becher und die Münzen als Pentakel bezeichnet sind. Hinzu kommen sogenannte Bild- oder Hofkarten, zu denen der Bube, der Ritter, die Königin und der König gehören. Die verschiedenen Farben der kleinen Arkana können den vier Elementen – dem Feuer, der Erde, der Luft und dem Wasser – zugeordnet werden. Angst, etwas falsch zu deuten oder falsch anzuwenden, muss bei so vielen Bedeu­tungs­ebenen trotz­­dem niemand haben: „Nur keine falsche Scheu; jeder kann Karten legen! Unabhängig von dem in der Regel mit jedem Tarot mitgelieferten Büchlein lässt sich bereits so viel aus den Karten lesen. Die Grund­ener­gien sind schon in der Bildsprache spürbar und erfordern lediglich ein wenig Empathie.“ Ein völlig intuitiver Zugang ist also nicht nur nicht hinderlich, sondern erwünscht. Einzige Regel: Das Tarot vor­ab gut durchmischen. „Bei mir ist es ganz oft so, dass sich mir dabei bereits eine Karte offenbart, die ich dann natürlich annehme. Dazu ziehe ich eine weitere und kombiniere sie.“ Dann gibt es verschiedene Arten, sie vor sich anzuordnen, die sogenannten Decks. „Das ist am Ende nicht so wichtig. Was gut funk­tio­niert, ist, wenn man drei Karten zu einer be­stimm­ten Frage zieht und diese neben- oder überein­an­derlegt. Sie stehen im übertragenen Sinne für die Ge­genwart, die Vergangenheit und die Zukunft und kön­nen bestimmte Themen tiefgreifender beleuchten“, ergänzt Lori.

„Jeder kann Karten legen”, sagt Lori. Ein völlig intuitiver Zugang ist also nicht hinderlich, sondern erwünscht. Einzige Regel: Das Tarot vorab gut durchmischen.

Zu den gängigsten Tarotkarten gehören das Crowley Tarot und das Rider-Waite Tarot. Die klare Bildsprache im Rider-Waite Tarot sowie die Fachliteratur zur Deutung macht es zum idealen Tarot für Anfänger. Wichtig ist aber am Ende, sich mit den Darstellungen identifizieren zu können, weil ein Großteil der Inter­pre­tation bereits auf der ikonografischen Lesart basiert. Bei uns ist die Wahl auf das Pagan Otherworlds Tarot vom Designstudio Uusi gefallen und auch Lori hat ihr persönliches Tarot längst gefunden, arbeitet derzeit aber auch an einem eigenen Design, das bald  erscheinen soll.

Lori Haberkorn überträgt Spiritualität ins Internet

Die Entscheidung, ihre Lei­den­schaft zum Beruf zu machen und als Tarot-Coach und spirituelle Wegweiserin zu arbeiten, war – nach diversen Erfahrungen in der Musik-, Mode- und Kreativbranche – nur eine logische Konsequenz. „Alles, was ich jetzt mache, habe ich im Grunde schon mein ganzes Leben lang gemacht – allerdings lange hinter vorgehaltener Hand oder nur für enge Freunde. Erst als ich angefangen habe, mich in den Social Media dazu zu bekennen, und auf unfassbar positive Resonanz gestoßen bin, habe ich verstanden, wie wichtig das Thema auch für andere ist. Ich habe in kürzester Zeit eine Website erstellt und kann mich seitdem vor Anfragen kaum retten.“

Die meisten davon erhält sie für ihre Tarot Readings, bei denen sie in einem aufwendigen Ritual anderen die Karten legt. „Jede Blume, die ich dafür kaufe, jede Farbe, die ich einsetze, hat ihre Bewandtnis. Jede Kundin – ich arbeite zumeist mit Frauen – bekommt am Ende ein persönliches, 80-seitiges Dokument mit meiner Deutung. Alles, was ich vorab dafür brauche, ist ihre Frage, ihr Sternzeichen, ihren Aszendenten und bestenfalls (aber nicht notwendigerweise) ein Foto. Das mag befremdlich klingen – Karten für jemanden zu legen, den man nie persönlich getroffen hat –, aber ich verbinde mich auf geistiger Ebene mit der Person, oft sehr früh am Morgen, wenn ich selbst noch nichts erlebt habe. Außerdem finde ich es wichtig, das Thema Spiritualität vielen Menschen zugänglich zu machen und in die heu­tige Zeit zu übertragen. Das Internet ist dafür ein spannendes Tool.“ Dabei sind die Menschen, die auf sie zukommen, vordergründig Frauen – aus Neugier oder aber, weil sie selbst gerade in die spirituelle Welt eintauchen. Meistens suchen sie jedoch Rat zu konkreten, einschneidenden Liebes-, gesundheitlichen oder beruflichen Fragen. Für die meisten scheint Spiritualität noch immer ausschließlich dann ein Thema, wenn sie aus eigener Kraft nicht weiterwissen.

Die Tagebuch-Alternative: Tarot Journaling

Wer nicht gleich einen Coach konsultieren, sondern sich erst einmal selbst am Tarot probieren möchte, dem sei Tarot Journaling ans Herz gelegt – eine Praxis, die zwei Trends der Achtsamkeitsbewegung mit­ein­ander verbindet. Dafür wird jedes Mal nach dem Ziehen einer Karte Folgendes notiert: Datum, Deck, gestellte Frage, Bild, Zahl der Karte, die wichtigsten Stichworte in Verbindung mit der Karte, sichtbare Sym­bole sowie die eigenen Gedanken. Das Ergebnis ist ein Tagebuch, das garantiert Lebensfragen zum Vor­schein bringt, die sonst im Verborgenen geblieben wären. Die Dinge aufzuschreiben hilft nicht nur, sie be­wusster zu reflektieren, sondern ist gleichzeitig eine tägliche Auszeit. Und rückblickend ist es allemal spannend zu sehen, ob das Tarot nicht vielleicht doch das ein oder andere Schicksal vorhergesagt hat. So oder so, eines ist sicher: Das Tarot ist das einzige Kartenspiel, bei dem man nur gewinnen kann.

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