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Keep It Real On A Saturday

Fanliebe oder schon Seriensucht?

Netflix & Chill ist das Sex, Drugs and Rock’n’Roll unserer Zeit.

Jede Generation trägt ihr Laster. Unsere Hippie-Eltern haben sich mit bunten Pillen auf Festivals berauscht und unsereins dröhnt sich mit einer Folge nach der anderen auf dem Sofa zu, solange bis wir nicht mehr wissen, welches Jahr wir haben. Unsere Droge ist nicht synthetisch, sondern medial. Statt erweiterter Pupillen bekommen wir rechteckige Bildschirmaugen und tragen Brillen nicht nur, weil es gerade cool ist. Doch sind wir einfach nur Fans des Teams, wie bei Fußballvereinen, und verehren unsere Seriencharaktere – oder sprechen wir tatsächlich schon von Sucht? Spätestens wenn du jeden Morgen in Klamotten und einer Sabberpfütze auf dem Sofa aufwachst und der Bildschirm immer noch flimmert, solltest du dir Sorgen machen. Oder wenn du lustlos auf der Party tanzt und dich insgeheim schon freust, zu Hause die nächste Folge zu schauen. Oder wenn du mit jemandem Serienzitate austauschst und denkst, die Liebe deines Lebens gefunden zu haben – oder denkst, der Serienheld sei die Liebe deines Lebens.

Früher haben wir noch Leo zugerufen „Nein, verlass das Schiff, es sinkt doch!“ und sind fast ohnmächtig geworden als das Wasser alles überschwemmte, aber die Titanic hatte nach guten drei Stunden auch ein Ende. Heute zieht sich das Schicksal unserer Helden über endlose Staffeln. Netflix hat im September 2015 eine Studie zum Serienkonsum veröffentlicht, bei der sie zeigen, ab welcher Folge wir nicht mehr aufhören können zu gucken. Und interessanterweise dann, wenn uns die Handlung fesselt (durchschnittlich ab der vierten Folge). Jeder Cliffhanger steigert unser Suchtpotenzial. Und das wirklich auf lange Zeit und mit unfassbarer Ausdauer. Denn schließlich haben wir 208 Episoden à 9 Staffeln durchgehalten um zu erfahren, wer nun bitte die Mutter von Teds Kindern ist (HIMYM). Wer jede Folge geschaut hat, hat übrigens 3 Tage, 4 Stunden und 16 Minuten seiner Lebenszeit damit insgesamt verschwen… verbracht. Das lässt sich anhand eines Online-Rechners für amerikanische Serien errechnen. Alleine schon, dass es so ein Tool gibt, zeigt wie abhängig wir sind. Und unsere als Fanliebe getarnte Sucht alles übersteigt. Wer heutzutage keine Serien schaut, ist ein Outsider, denn wer mitreden will, muss wissen, was im Knast bei Orange is the new Black abgeht oder warum A die Mädels von Pretty Little Liars erpresst. Deshalb rasten wir auch bei News aus, wie „Der neue Teaser von Stranger Things 2!“ oder „Gilmore Girls hat eine neue Staffel!“. Das Leben der Charaktere wird wichtiger als das eigene. Wir identifizieren uns nicht mehr mit drogenabhängigen und skandalträchtigen Stars und Sternchen, sondern mit Lorelai Gilmore und ihrer lang andauernden Unfähigkeit eine richtige Beziehung einzugehen oder wünschen uns so cool wie Harvey Spector zu sein. Warum? Weil das Menschen sind, wie du und ich? Eigentlich nicht. Sie sind Fantasie-Ausgeburten des Netflix-Amazon-Maxdome-Hamsterrads, das genau dafür konzipiert ist. Doch auf dem Bildschirm ist uns das egal. Niemand wird unseren Liebeskummer oder unsere Angst vorm Versagen so gut verstehen wie sie. Denn sie machen dauernd das Gleiche durch wie wir. Und wir sind immer dabei. Als allwissender Beobachter – die Pole Position der Macht.

Eine andere Theorie besagt, dass Serien unseren Alltag nicht nur mental, sondern sogar zeitlich bestimmen. Wenn wir auf dem Tisch rumtrommeln und innerlich schon „Feierabend“ rufen, sehen wir uns selbst mit Pizza und Chips auf dem Sofa liegen und genüsslich die Fortsetzung sehen. Wir müssen uns zwar nicht mehr nach Sendezeiten richten, denn nun regieren wir die Mediatheken. Aber wir haben natürlich nur eine begrenzte Freizeit, die wir zum Glück nicht mit Oldschool-Werbung vertrödeln müssen. Wir können zwischen allen Folgen switchen und selbst bestimmen, was wir gucken wollen. Es gibt keine Mutter oder keinen Sender, den wir anbetteln müssen „Nur noch eine Folge, bitte!“ – außer, wenn es tatsächlich mal ein Serienfinale gibt (oder der Wecker zur Arbeit klingelt). Dann scheint das Leben vorbei zu sein und wir fühlen uns wie nach einer Trennung. Wollen in Taschentücher schniefen und alles nochmal im Kopf durchgehen, was passiert ist. Und wir müssen uns schmerzlich eingestehen: Ja, wir sind süchtig. Wir brauchen unsere Ratgeber, den Gesprächsstoff, einen Zufluchtsort und gute Unterhaltung. Aber immerhin hängen wir nicht an der Nadel, sondern vorm Bildschirm. Die Gesellschaft sollte stolz auf uns sein, oder?

 

Laura Binder
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