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Minimalismus statt Luxus: Die Berlin Fashion Week

Berlin soll bekanntlich arm aber sexy sein. Doch ist es die Fashion Week auch?

Die Berliner Fashion Week ist immer ein bisschen der Außenseiter in der Modebranche. „Kann nicht mit Paris mithalten“ oder „Die großen Labels zeigen schon lange nicht mehr in Berlin“ heißt es auf den Straßen. Doch die Warum-Frage stellt sich niemand. Es könnte vielleicht damit zusammenhängen, dass die Modeindustrie in Deutschland eher belächelt als gefeiert wird. Weder die Gesellschaft, noch die Politik betrachten unsere Designer und Marken als Aushängeschild des Landes. Es wird wenig Tamtam darum gemacht und deshalb gibt es auf der Fashion Week Berlin auch wenig Chichi. Doch aus diesem angeblichen Nachteil, kann man auch einen großen Vorteil ziehen. Berlin lenkt den Fokus wieder auf das, was wirklich wichtig ist: Die Mode.

Besonders gut hat das die diesjährige Location „Kaufhaus Jandorf“ gezeigt. Es fing schon damit an, dass der Taxifahrer nicht wusste, wohin wir uns eigentlich bewegen wollen. „Wo ist das denn?!“ – „Dort findet die Fashion Week statt.“ – „Kenn ick nicht.“ Zugegeben von außen sieht das Gebäude wenig pompös aus. Allein an den Leuchtbuchstaben war zu erkennen, dass dort irgendwas mit Mode stattfindet. Auch innen blieb Glitzer und Luxus aus. Abgebröckelter Putz wurde mit weißen Plakaten überhängt, der alte Boden mit rotem Teppich abgedeckt. Statt Kronleuchtern, befanden sich an der Decke schwarze Ventilatoren und Prominente und „Normalos“ nahmen denselben Eingang. Im ersten Stock gab es für jeden Anlass eine Lounge, die nicht groß abgetrennt war und im zweiten Stock präsentierten Models auf einem U-förmigen Laufsteg die Kollektionen – zwischen zerkratzten Säulen und Fenstern, die mit Stoff abgehängt wurden. Eigentlich entspricht das genau dem Bild, das wir von Berlin haben. Wo Mode noch in Hinterhöfen entsteht, während Designer mit einer Club-Mate in der Hand talentierte Entwürfe auf Papier kritzeln. Und nicht nur die Location hat das widergespiegelt, sondern auch das Publikum. Weiße Turnschuhe, dunkle Sweatpants, wenig Farbe und kein schrilles Make-Up – so sieht der überwiegende Teil der Berliner Modeszene aus. Entspannt, reduziert und nicht so überzogen. Abends finden mehr Parties mit Wodka aus roten Pappbechern in dunklen Hinterhöfen statt, als gut ausgeleuchtete Soirees mit einem Champagnerbrunnen. Lasst die Ballkleider zu Hause und holt eure Bomberjacken raus – wir sind in Berlin.

Schauen wir uns die Front Row an, dann unterscheidet sich Berlin noch stärker von anderen Modemetropolen. Hier sitzt keine Anna Wintour in der ersten Reihe, sondern Blogger, Instagrammer und YouTuber und unzählige ehemalige GNTM-Kandidatinnen. Exzentrische und selbstverliebte Paradiesvögel, die zu jeder Show ein anderes Outfit anhaben und sich die Kollektionen eigentlich nur über ihren kleinen Smartphone-Bildschirm anschauen, obwohl die Models nur wenige Zentimeter vor ihren Nasen entlang spazieren. „OMG ich liebe diese Kollektion“ oder „Was soll das denn sein?!“ sind die einzigen Kritiken, die ihre Follower nach der Schau erwarten dürfen Das detaillierte Fachwissen beschränkt sich auf Hashtags und Emojis – bevor sie wieder mit ihrem eigenen Spiegelbild in der Selfie-Cam schnäbeln und auf den großen Ruhm hoffen. Drumherum sitzen die unzähligen „Freunde vom Designer“, die meist mit Kind und Kegel angereist sind und ein bisschen „Abschlussjahrgangs-Flair“ versprühen. Irgendwo dazwischen verstreut finden wir vereinzelt Gesichter der Magazine. Die einen arbeiten und die anderen wollen gesehen werden – so lässt sich das Publikum aufschlüsseln. Dieser bunte Mix aus allem, was an der Branche hängt, macht Berlin dann aber doch wieder einzigartig und interessant. Und sobald das Licht ausgeht und die Musik startet, verschwimmt die Masse und wir konzentrieren uns wieder auf den Grund, warum wir eigentlich alle in die Hauptstadt gekommen sind – um Mode zu sehen.

Fest steht: Was das ganze drum herum angeht, ist der zerfeierte Berliner Look angesagt. Doch die Kollektionen der Designer setzen neue Akzente. Festliche Kleider, Samt, Glitzer und aufwendige Applikationen – bei vielen Shows sahen wir, was Berlin wirklich kann: Mehr Sein, als nur Schein.

Laura Binder
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