Waren Biggie und Tupac Feministen?

Die englische Künstlerin Zoë Buckman stickt 90s-Rap-Lyrics von Tupac und Biggie auf Vintage-Lingerie und zeigt uns, dass sich Gangsta-Rap und feministische Aussagen nicht per se ausschließen.

Mit ihrer Kunst möchte sie das Frau-sein zelebrieren. Aber auch darauf aufmerksam machen, dass in Sachen Gleichberechtigung noch einiges schief läuft. „Wir müssen für unsere Rechte kämpfen. Wir sind sogar in der Mehrzahl. Wir können es schaffen“, findet die 31-Jährige Wahl-New Yorkerin. Eine ihrer Methoden darauf aufmerksam zu machen,  ist ihre Installation „Every Curve“.  Ein Raum voll mit von der Decke hängenden Vintage-Dessous, die Zoë mit 90er-Jahre-Gangsta-Rap-Lyrics-Stickereien verschönert hat. Mit Gangsta Rap für die Rechte der Frauen kämpfen? Ist das nicht ähnlich effektiv, wie dafür zu sorgen, dass Jay-Z Beyoncé nicht mehr betrügt, in dem man ihm eine nackte Rihanna um die Hüften schnallt? Wir fragen bei der Künstlerin nach:

Hörst du auch privat Gangsta Rap oder hast du dich mit der Musikform befasst, um polarisierende Kunst zu schaffen?
Ich liebe Hip Hop. Ganz besonders 90er Jahre Hip Hop. Als ich vor fünf Jahren Mutter wurde, habe ich mein Baby immer in den Schlaf gerappt, weil ich nicht singen konnte [lacht]. Kein Freestyle, das kann ich leider nicht. Ich habe ihr Songs von Tupac und Biggie vorgerappt – dieser unschuldigen „woman-in-the-making“, die gerade erst geboren wurde. Dadurch habe ich realisiert, dass ich eine Arbeit über die Komplexität, wie ich Musik mit meiner Tochter fühle, machen möchte. Und so ist das Projekt „Every Curve“ entstanden.

„Every Curve“  is also der Versuch  einer Feministin, ihre Liebe zum Sound von Gangsta Rap mit dessen frauenfeindlichen Lyrics zu vereinbaren?
Für mich geht es in dieser Arbeit auch um die Komplexität zwischen Gangsta Rap und Feminismus, denn nicht alle Messages für Frauen in den Lyrics von Biggie und Tupac sind negativ. Die meisten ja, vor allem Biggie äußerste sich oft frauenfeindlich, aber vieles was Tupac sagte, ist eigentlich unglaublich aufbauend und feministisch. In seinem Song „Keep Ya Head Up“ rappt er sogar über „pro-choice“, dass eine Frau das Recht hat selbst zu entscheiden, wann und wie sie ein Baby bekommen möchte. Das war sehr fortschrittlich. Allerdings hatte er wie alle anderen Gangsta Rapper auch viele sexistische Lyrics. Einerseits sollen Frauen geehrt, respektiert und auf ein Podest gestellt werden wie eine Mutter oder die Ehefrau oder sie werden als „bitch“, das komplette Gegenteil bezeichnet. Es gibt keine Mitte. In „Every Curve“ ging es darum polarisierende Ideen zu entdecken und in Form von Hip Hop-Lyrics zu zeigen.

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Every Curve, Installation View, Embroidery on Vintage Lingerie

In den 1970er Jahren wurde der BH als Symbol der Unterdrückung von Feministinnen verbrannt. War das ein Grund dafür, dass du Vintage-Dessous für „Every Curve“ verwendet hast?
Ich sehe Unterwäsche als hochpolitische und politisierte Kleidungstücke. Es ist sehr interessant durch die Geschichte zu gehen und festzustellen wie sich Unterwäsche verändert hat und wie die Art der Unterwäsche den Status quo der jeweiligen Zeit reflektiert – in Bezug auf den weiblichen Körper und dessen Objektifizierung.

Wurden die Dessous im Vintage-Look speziell für dein Projekt hergestellt?
Die Dessous sind original Vintage. Ich habe sie hier und da zusammen gesammelt. Aus Vintage-Shops, bei Etsy, Ebay und von Freunden, die mir die Dessous ihrer Großmütter geben haben [lacht].

Hast du die Rap-Lyrics selbst auf die Unterwäsche gestickt?
80% davon habe ich selbst gestickt. Bei einigen Teilen hat mir eine Mode-Design-Studentin geholfen, weil die Zeit knapp wurde.

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That’s why, Emroidery on Vintage Lingerie

Du kommst aus London, genauer gesagt aus Hackney und hast dort gelebt bevor das Viertel sich in ein Hipster-Mekka verwandelt hat…
Ich  liebe das Hackney meiner Kindheit so sehr. Es war unglaublich vielfältig. Ich kannte jeden in meiner Straße. Und jeder war aus einem anderen Teil der Welt. Wir haben alle aufeinander aufgepasst. Es war aber auch gleichzeitig eine sehr gefährliche Gegend. Aber in einer Gegend aufzuwachsen, wo es Gewalt und Verbrechen gab, war sehr gut für mich. Es hat mich gelehrt klug und bewusst zu handeln. Ich kann mich selbst beschützen: Als ich mit  21 Jahren in den Uni-Ferien wieder nach Hause kam, lief ich durch die Straßen und telefonierte mit einer Freundin. Zwei Typen kamen auf mich zu und bedrohten mich mit einem Messer. Sie wollten mein Handy. Ich fing an mit ihnen zu diskutieren und erklärte, dass ich ihnen mein Handy nicht geben kann, weil ich auch aus Hackney komme und wir Nachbarn sind und es wäre ein schlechter Move, wenn sie mich abzocken würden. Die beiden entschuldigten sich und gingen weiter.

Hat das Aufwachsen in einem Problemviertel deine Arbeit beeinflusst?
Ich denke, es hat mich sehr selbstsicher gemacht und das wirkt sich auch positiv auf meine Arbeit aus.

Versilberte Tampons, gynäkologische Instrumente in rosa, eine Eierstock-förmige Neonröhre in Kombi mit Boxhandschuhen: Wie ist dein neuestes Kunstprojekt „Mostly It’s Just Uncomfortable“ entstanden?
Jedes Mal wenn in den USA Wahlen sind, diskutieren plötzlich wieder viele Politiker über die Rechte der Frauen. Eine große Anzahl an Leuten versuchen Organisationen wie „Planned Parenthood“ lahm zu legen. Das hat mich schon immer genervt. Die Organisation berät Frauen in Bezug auf Familienplanung, Abtreibung und sexuelle Krankheiten und bietet Verhütungsmittel, Hygieneartikel und medizinische Hilfe pro bono an. Eine gute Sache und für manche Frauen lebensrettend. Ich kann nicht verstehen wie man dagegen sein kann. Das Thema hat mich auf die Idee gebracht mit gynäkologischen Instrumenten und Hygieneartikeln zu arbeiten.  Außerdem habe ich mit dem Boxsport angefangen. Ich lerne meinen Körper zu verteidigen und zu kämpfen. Ich hatte das Gefühl, es gibt eine Verbindung zwischen dem symbolischen Charakter von Boxen und dem symbolischen Charakter von Hygieneartikeln und gynäkologischen Instrumenten. Wir Frauen müssen für unsere Rechte kämpfen.

Wie definierst du „Frau-sein“?
Privilegiert und schwierig zu gleichen Maßen. Ich bin so froh Frau zu sein. Und gleichzeitig ist es so verdammt unfair.

(Fun Fact für alle Fans der Serie Friends: Zoë ist Rachel in Real Life. Ross aka David Schwimmers Lobster ❤️). Da interessiert natürlich: Ist Mr. Schwimmer Feminist?
Ja, ist er und mein Vater übrigens auch. Die Männer in meinem Leben sind Feministen und das ist fantastisch.

Weitere Infos zu Zoë Buckman findet ihr hier und hier.

FOTOS: zoebuckman.com

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