Zwischen Kirsche, Queerness und Kritik: Schwedens Art-Star Arvida Byström

Die Werke dieses Models gone Künstlerin sind so viel mehr als Insta-Shares und Fruchfetisch. Zwischen Kirsche, Queerness und Kritik mit Schwedens Künstler-Star Arvida Byström.

2018 mag das Jahr des Pfirsichs gewesen sein. Spätestens seit „Call Me By Your Name” fliegen Pfirsiche als arschähnliche Emojis durch die Sphären des Web, Sängerin Lizzo hätte beinahe ihr neues Album nach der Frucht benannt. Auch Lana Del Rey hatte schon Lyrics, in denen „Peaches” abgefeiert werden. 2019 aber ist das Jahr der Aubergine, zumindest laut Arvida Byström. „Eggplant“ heißt das violette Gemüse und das klingt nicht so schön, findet die Künstlerin und Fotografin aus Schweden. „Vielleicht dann doch lieber das französische Wort“, überlegt sie am Ende unseres Shooting-Tags. „Aubergine“ – auch das wäre ein guter Lana-Song.

Jacke von Ellesse, Kette von Swarovski

Arvida Byström hat Früchte wie den Pfirsich schon zu Stars gemacht, da haben Elio und Oliver aus „Call Me By Your Name” noch lange nicht auf der Leinwand geflirtet. Eines der bekanntesten Motive der Künstlerin greift die Parallele der Pfirsichform zum, na ja, menschlichen Hinterteil auf: Arvidas Pfirsich trägt einen kleinen, maßangefertigten Slip inklusive Spitzenborte. Ein paar Wochen vor unserem Interview präsentiert die 27-Jährige ihren 240K Insta-Followern das berühmte Motiv aus bisher ungesehenem Winkel. Es wirkt wie das Aktfoto einer prominenten Person, enthüllt nach jahrelangem Schlaf in den Archiven. Wieder trägt er einen Spitzen-Slip, der Pfirsich. Entschuldigung, sie. In der Bildunterschrift personalisiert Arvida den Pfirsich klar weiblich. „Ich frage mich, ob sie der berühmteste Pfirsich der Welt ist oder es wenigstens in die Top Ten schafft. Sicherlich gibt es nicht so viele Pfirsiche, die um den Titel kämpfen.“ Zumindest gibt es wenige, deren Ruhm so langlebig ist. Eine Frucht oder ein Gemüse kann ohnehin unmöglich berühmt werden, wenn es dazu kein passendes Emoji gibt, findet Arvida. Der Pfirsich aber hat alle Kriterien erfüllt.

Glitzerjacke von Diesel, Shirt von Liv Bergen, Hose von Palm Angels, Panty von Blonde x Lunette

Und genau wie bei der Arschfrucht weiß auch jeder, wofür das Emoji der Aubergine steht. Da scheint ihre Nachfolge auf den Pfirsich-Hype nur logisch. Für Arvida ist das Thema Früchte sowieso noch nicht durch. Kirschen waren lange ihr zweites ikonisches Motiv, sie lieferten mit „Cherry Picking” sogar den Titel für die erste eigene Soloausstellung der Künstlerin – und erhielten natürlich auch einen eigenen Slip. Unter anderem war Arvida mit ihren Kunstwerken aus Foto, Audio, Video und mehr schon Teil von Ausstellungen in Stockholm, Leipzig und Zagreb. Sie hat in London gelebt, seit ihren Teenager-Jahren gemodelt und arbeitet heute mit Modemarken wie adidas und Monki oder der Menstrual-Cup-Brand Lunette zusammen. Zur Eröffnung einer Ausstellung im Stockholmer Museum Fotografiska hat sie sich 30 Near Field Chips unter die Haut setzen lassen, geformt wie ein großes Reiskorn. Near Field Chips sind solche, die in internationalen Großstädten Monatskarten in der U-Bahn oder dem Bus scannen. Arvida reicht mir ihre Hand. Ich fühle einen kleinen Knubbel am Handgelenk unter ihrer Haut. Wenn man ihn oder die weiteren Chips scannt, tauchen 30 kleine Nachrichten oder Bilder auf dem Handy-Screen auf. Mit Arvida Byström muss man also über Zukunft sprechen. Und über Grenzen?

Kleid von Essentiel Antwerp, Kette von Swarovski, Ohrring von Mango

„Ich sehe weder ein Problem noch eine Grenze darin, mich selbst zum Kunstwerk zu machen“

„Es gibt keine Grenzen darin, meinem Körper zu schaden, was meine Mutter sicherlich nicht gern hört”, sagt Arvida und lehnt sich zurück in ihrem pinken Plüschmantel, der von innen wie ein Zebra gemustert ist. Ihre Bauchtasche, ebenfalls pink, hat sie abgelegt. „Ich sehe weder ein Problem noch eine Grenze darin, mich selbst zum Kunstwerk zu machen.“ Sie zögert. „Leidig wird so was erst, wenn es um die Objektifizierung von Frauen geht.“ Überhaupt zirkuliert unser Gespräch viel um die sexuelle Note von Arvidas Arbeiten. Oder eben darum, dass eine solche gar nicht so präsent sein soll. Dass auch queere Körper oder die von POC sexualisiert werden – besonders wenn sie einer bestimmten Norm nicht angehören –, beschäftigt die Künstlerin häufig. Ob das bei heterosexuellen, männlichen Körpern auch so ist? „Not so much.“ Wenn es um Dating geht, kann Arvida ohnehin wenig mit normativer „Hotness“ anfangen. Als Teen wurde sie trotzdem als Model gecastet, eine „schreckliche Erfahrung, wenn man nicht die richtigen Maße hat – und die hatte ich nicht.


Links: Mantelkleid von Palm Angels, Latexkleid von Inner Sanctum, Rock von Fred Perry, Schuhe von Steve Madden, Kette von  Swarovski; Rechts: Tracksuit von Ellesse, Schuhe von Steve Madden

Schon seit ich sehr klein war, haben mir die Menschen gesagt, wie hübsch ich sei. Ich habe früh gemerkt, dass man hiermit weit kommen kann, und mich genau dafür verabscheut. Heute habe ich trotzdem meine eigene Vorstellung von Schönheit: Ich mag keine Schwarz-Weiß-Fotos, offensichtlich liebe ich aber Pink. Ich mag schöne Reflektionen und Texturen an Dingen. Aber nicht in Bezug auf Menschen.“ Arvidas eigener Körper gehört seitdem auch keiner Norm mehr an, selbst wenn sie ihn in ihrer Queerness als „feminine passing“ empfindet. Sie verwendet seit Jahren Menstruationstassen wie die ihrer Collab-Partner von Lunette, ihre Beine und Achseln rasiert sie nicht. Für Arvida ist der Körper außerhalb der Norm keine große Sache.

Jacke & Hose von A.A. Spectrum, Latex-Panty von Inner Sanctrum

Genau deshalb muss sie im Juni 2018 eine Review ihrer Show „Cherry Picking“ kritisieren. Die Journalistin Karolina Modig hatte über die Ausstellung geschrieben, zu Arvidas Frustration, aber auch über deren unrasierte Beine. Denn selbst wenn sie Modig auf Instagram für ihre Worte dankt, können es zukünftige Kritiker besser machen: „Ich bin da jetzt mal transparent: Ich fand den Text scheiße. Aber ich kann einer Kritikerin nicht sagen, dass ihr Text scheiße ist, weil sonst niemand mehr über mich nachdenken oder schreiben will. Sie versucht ja auch nur, ihren Job zu machen. Es ist traurig, dass sie ihn so schlecht macht: Sie hat hauptsächlich über meine Beinhaare geschrieben, meine Still Lifes nur angerissen und eine wirklich große Handy-Installation, die absolut nichts mit meinem Körper zu tun hatte, überhaupt nicht erwähnt. Für mich wirkt das so, als würde sie in einen Space treten, nur meine Beinhaare und einen Pfirsich sehen und sich nicht mit den Dingen, die ihr unbekannt sind, beschäftigen. Sollte ich also immer meine Beine rasieren, damit sie nicht von meiner Kunst ablenken? Das ist so komisch!“

„Es ist regelrecht dumm zu verlangen, dass Menschen einen für smart halten – vielleicht bin ich einfach dumm“

Anders gefragt: Müssen in Zukunft die Künstler selbst ihre eigenen Kritiker werden? „Es ist regelrecht dumm zu verlangen, dass Menschen einen für smart halten – vielleicht bin ich einfach dumm“, überlegt Arvida. Vielleicht reicht es, die eigenen Arbeiten nicht zu bewerten, sondern Hintergründe zu erklären. Ein bisschen so, als wäre man die eigene Museumsführerin. Für Arvida gibt es zum Beispiel unterschiedliche Konflikte, wenn es darum geht, Aufmerksamkeit und Diskussion um die eigenen Werke zu erzeugen. Geht es um Aufmerksamkeit in der Galerie, im Vergleich zu anderen Kunstwerken? Oder geht es um Aufmerksamkeit online, zwischen einer Flut von Bildern auf Instagram? Wie „in your face“ muss das Kunstwerk sein? In einem ihrer Posts stellt Arvida den Konflikt um Siri dar, der femininisierten Helferstimme des iPhone. Für die Künstlerin stecken dahinter verschiedene Fragestellungen und Klischees: Das immer noch mit Frauen assoziierte Helferbild, geschlechtsspezifische Stimmen, Tonfälle, Assoziationen. Auf dem Foto trägt das iPhone also – natürlich – einen Slip. Zwischen Stofflagen in Hochglanz wäre es ein „Inspo-Bild“, das schnell gerepostet werden könnte – einfach weil es „hübsch“ ist. But there is more. Arvida referiert: „In vielen Büchern über zeitgenössische Kunst steht, dass Künstler heute schreiben und, anders als noch im 20. Jahrhundert, kommunizieren können müssen. Durch das Siri-Kunstwerk habe ich gelernt, dass Menschen nicht von selbst nachdenken werden, also musst du darüber schreiben. Die Menschen machen das nicht, weil sie dumm sind, sondern weil ihnen die Zeit fehlt – und weil sie nicht filtern können, was interessant ist.“

Jacke von Ellesse, Kette von Swarovski

Und auch bei Arvida selbst fällt es mir schwer, im Gesamtkunstwerk direkt auf Details zu achten. So verbal offen sie in ihren Insta-Captions ist, so nachdenklich sind ihre Antworten, gesprochen mit der lang gezogenen Intonation von US-Amerikanern und einem Melodie-Tonfall, der wiederum für Schwedisch so typisch ist. Alles, was sie umgibt, war schon immer pink. Und trotzdem musste sich Arvida „alle zwei Jahre” neu erfinden. Ungefähr so wie ihre Frucht-Inspiration. Am liebsten isst sie übrigens Bananen. Und wer nach Arvidas Zukunft fragt, sollte bemerken, dass es dazu noch kein Kunstwerk gab. Noch nicht.

 

Text: Robin Micha
Fotos: Eva Zar
Produktion & Styling: Nina Petters
Haare & Make-Up: Janina Zais @ Nina Klein using Bumble&Bumble & Charlotte Tilbury
Styling-Assistenz: Marlene Wilkens
Foto-Assistenz: Frangipani Beatt

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