Von den Bühnen des Tomorrowland-Festivals bis in die Clubs von Ibiza, Shanghai und London: Lilly Palmer ist längst auf der ganzen Welt zu Hause. Dabei begann ihre Geschichte weit entfernt vom internationalen Techno-Zirkus. Die gebürtige Nürnbergerin wuchs als Pfarrerstochter auf und träumte ursprünglich von einer Karriere als Model. Als dieser Weg nicht aufging, fand sie in der Musik ihre eigene Bühne und machte aus Lilly Palmer eine international erfolgreiche Marke.
Heute zählt sie zu den erfolgreichsten Techno-DJs der Gegenwart und erreichte dieses Jahr Platz 49 der DJ Mag Top 100, als einzige deutsche Frau unter den Top 50. Doch hinter der energiegeladenen Bühnenpersona steckt auch eine Frau, die ihre Ruhe am liebsten bei ihren Pferden findet und für die der Weg zu sich selbst nicht immer einfach war.
Mit ihrer neuen Single „Dein Spiel ist aus“, die am 23. Oktober gemeinsam mit Chrissyjeey erscheint, widmet sie sich einem sehr persönlichen Thema: Narzissmus, Manipulation und dem Moment, in dem man sich entscheidet, die Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen. Im exklusiven BLONDE-Interview spricht Lilly Palmer über enttäuschtes Vertrauen, die Freiheit, die sie im Techno gefunden hat, und darüber, warum hinter ihrem Erfolg weit mehr steckt als große Bühnen und laute Beats.

Wer ist Lilly Palmer?
BLONDE: Lilly, du bringst Nacht für Nacht Tausende Menschen zum feiern. Aber wann bist du selbst das letzte Mal völlig ausgerastet – vor Glück, vor Wut oder vor Liebe?
Lilly Palmer: Vor Glück passiert das eigentlich ständig, nur in Momenten, die niemand sieht. Wenn ich nach einem riesigen Set in der Garderobe sitze und kurz innehalte. Was ist hier gerade passiert? Das ist so surreal und so schön gleichzeitig. Vor Wut bin ich eigentlich kein explosiver Mensch, aber wenn jemand mein Vertrauen missbraucht, dann schon. Und vor Liebe, das ist jeden Tag, wenn mein Mann einfach so da ist und mich kennt wie kein anderer.
BLONDE: Du bist beruflich unglaublich viel unterwegs. Wie schaffst du es, bei all dem Trubel auch mal bei dir selbst anzukommen?
Lilly Palmer: Der Stall ist meine Antwort auf alles. Wenn ich dort bin, gibt es keine Setlists, keine Deadlines, kein Social Media. Nur ich, meine Pferde und der Moment. Das klingt vielleicht komisch für jemanden, der jedes Wochenende vor Tausenden Menschen steht, aber genau dieser Kontrast macht es aus. Ich brauche beides. Die Bühne und den Stall.
BLONDE: Was würde Menschen, die dich nur als DJ kennen, an dir privat am meisten überraschen?
Lilly Palmer: Wahrscheinlich, wie früh ich aufstehe und wie spießig mein Alltag unter der Woche eigentlich ist. Ich bin um 9 Uhr im Studio oder am Schreibtisch, esse gesund, gehe zum Sport und bin um 22 Uhr im Bett. Das passt so gar nicht in das Bild, das viele von einer Techno-DJ haben.

Die Person hinter dem Namen
BLONDE: Wie wurde aus Sonja Melanie eigentlich Lilly Palmer? Und nennen dich deine Freunde und Familie Lilly?
Lilly Palmer: Der Name Lilly Palmer war die Idee meines Managers Karl. Er ist ein großer Fan der legendären Schauspielerin Lili Palmer und fand, dass der Name einfach perfekt passt, international klingt und im Gedächtnis bleibt. Und er hatte recht. Lustigerweise nennt er mich selbst mittlerweile fast nur noch Lilly, weil sich alle so daran gewöhnt haben, ich selbst eingeschlossen. Meine engsten Freunde, mein Mann und mein Manager nennen mich Melli, wenn es wirklich um private Dinge geht. Das ist schön, weil es mich erdet. Auf der Bühne bin ich Lilly Palmer, aber in den Momenten, die wirklich zählen, bin ich einfach Melli.
BLONDE: Gibt es einen Unterschied zwischen Lilly Palmer auf der Bühne und der Person, die du privat bist? Oder verschwimmen diese beiden Seiten mittlerweile?
Lilly Palmer: Ich glaube, die Grenzen sind fließender geworden. Früher war Lilly Palmer mehr eine Rüstung, etwas hinter dem ich mich schützen konnte. Heute fühlt es sich natürlicher an. Die Energie auf der Bühne ist echter, weil ich auch privat mehr zu mir selbst gefunden habe. Aber klar, hinter den Decks bin ich fokussierter, präsenter, intensiver. Das bin ich in meinem Wohnzimmer definitiv nicht.
BLONDE: Wenn du an die Lilly von vor zehn Jahren denkst: Was würde sie wohl über dein heutiges Leben sagen?
Lilly Palmer: Sie würde es nicht glauben. Wirklich nicht. Ich war damals jemand, der sich selbst so viel im Weg stand. Zu viele Zweifel, zu wenig Vertrauen in sich selbst. Wenn sie sehen würde, wo ich heute stehe, auf welchen Bühnen ich spiele, mit wem ich zusammenarbeite, was wir aufgebaut haben, ich glaube, sie würde weinen. Und dann sofort fragen: Okay, wie haben wir das geschafft?

Erfolg und der Weg dorthin
BLONDE: Du bist dieses Jahr auf Platz 49 der DJ Mag Top 100 gelandet und gehörst damit zu den erfolgreichsten Techno-DJs weltweit. Was bedeuten dir solche Rankings persönlich?
Lilly Palmer: Es ist eine Bestätigung, aber ich hänge mich nicht daran auf. Was mich wirklich antreibt, ist das, was ich auf der Bühne erlebe und was ich in den Gesichtern der Menschen sehe. Trotzdem lüge ich nicht, wenn man sieht, welche Namen um einen herum stehen und wo man selbst landet, dann ist das schon ein krasses Gefühl. Ich bin stolz darauf, weil ich weiß, wie viel Arbeit dahintersteckt.
BLONDE: Du bist die einzige deutsche Frau in den Top 50. Glaubst du, dass Frauen in der elektronischen Musik heute noch mit anderen Erwartungen konfrontiert werden als Männer?
Lilly Palmer: Ja, definitiv. Aber ich habe irgendwann aufgehört, das als Hindernis zu sehen und angefangen, es als Teil meiner Geschichte zu nutzen. Ich bin dort, wo ich bin, auch weil ich eine Frau bin. Das ist keine Schwäche, das ist ein Teil meiner Identität und ich stehe dazu. Was sich wirklich ändern muss, ist das Selbstvertrauen. Wir Frauen müssen aufhören, uns selbst kleiner zu machen als wir sind.
Mehr als nur Musik
BLONDE: Techno wird oft mit Freiheit und dem Gefühl verbunden, einfach man selbst sein zu können. Was bedeutet diese Freiheit für dich persönlich?
Lilly Palmer: Als ich das erste Mal in einem Techno-Club war, habe ich dieses Gefühl sofort gespürt. Niemand schaut dich komisch an, niemand bewertet dich, alle sind einfach im Moment. Das hat mich gerettet in einer Phase meines Lebens, in der ich nicht wusste, wo ich hingehöre. Heute stehe ich auf der anderen Seite und kann dieses Gefühl für andere erschaffen. Das ist das Schönste an diesem Job.
BLONDE: Kann man einen perfekten Rave planen, oder entsteht Magie immer zufällig?
Lilly Palmer: Magie lässt sich nicht planen, aber man kann die Bedingungen schaffen, unter denen sie entstehen kann. Du kannst den Sound perfekt kalibrieren, das Licht stimmen, die richtige Musik spielen. Aber ob es wirklich abhebt, das entscheidet die Energie im Raum. Und die ist immer anders.
BLONDE: Was passiert emotional mit dir, wenn du hinter den Decks stehst? Ist das Arbeit, Ekstase oder eine Art Meditation?
Lilly Palmer: Alles davon, je nach Moment. Manchmal ist es pure Meditation, ich bin komplett weg, völlig im Flow. Manchmal ist es intensive Arbeit, wenn etwas technisch nicht funktioniert oder die Crowd nicht da ist, wo ich sie haben will. Und dann gibt es diese Momente, wo es einfach explodiert, wo du spürst, dass du und die Menge eins sind. Das ist unbeschreiblich.
Zwischen Leidenschaft und Realität
BLONDE: Von außen sieht dein Job oft nach einer einzigen großen Party aus. Welche Seite deines Berufs wird deiner Meinung nach am meisten unterschätzt?
Lilly Palmer: Der mentale und logistische Aufwand. Hinter jedem Gig stecken Stunden von Vorbereitung, Setlists, Reisen, Zeitverschiebungen, Verhandlungen, Entscheidungen. Und das emotionale Management: Du musst auf der Bühne immer 100% geben, egal wie müde du bist oder was gerade in deinem Leben los ist.
BLONDE: Techno war einmal Underground, Rebellion und Gegenkultur. Heute ist er ein globales Millionengeschäft. Wie siehst du diesen Wandel?
Lilly Palmer: Ich finde den Wandel spannend, nicht bedrohlich. Natürlich gibt es nostalgische Puristen, die sagen, früher war alles besser. Aber ich glaube, Techno hat immer Grenzen gesprengt, und das tut er heute immer noch, nur auf einer anderen Bühne. Die Energie ist dieselbe, der Rahmen ist halt viel größer geworden.
BLONDE: Gibt es etwas in der heutigen Techno-Szene oder Rave-Kultur, das du gerne verändern würdest?
Lilly Palmer: Weniger Ego, mehr Gemeinschaft und bitte auch weniger Hate. Das klingt vielleicht naiv, aber ich finde, der ursprüngliche Gedanke hinter Techno war immer Zusammengehörigkeit. Das sollte man nie vergessen, egal, wie groß die Bühnen werden.
BLONDE: Auch künstliche Intelligenz verändert gerade die Musikbranche. Experimentierst du selbst mit KI?
Lilly Palmer: Ich schaue es mir an und bleibe neugierig. Aber meine Musik kommt aus echten Emotionen und echten Erfahrungen. Das kann keine KI ersetzen. Ich sehe es eher als Werkzeug, nicht als Ersatz für Kreativität.
Dein Spiel ist aus — über Manipulation und Selbstbestimmung
BLONDE: Deine neue Single „Dein Spiel ist aus“ beschäftigt sich mit Manipulation, enttäuschtem Vertrauen und dem Moment, in dem man beschließt, sich daraus zu befreien. Wie viel von deinen eigenen Erfahrungen steckt in diesem Song?
Lilly Palmer: Ja. Ich habe mit Narzissmus in meinem Leben Erfahrungen gemacht, mehr als einmal. Ich bin jemand, der sehr offen und vertrauend ist, und das wurde ausgenutzt. Irgendwann kommt der Moment, wo du sagst: Genug. Und genau dieser Moment ist der Song. Es war wichtig für mich, das rauszulassen. Und ich glaube, viele Menschen kennen dieses Gefühl und ich hoffe, auch wenn ich es bezweifle, dass die Menschen, die ich mit diesem Song anspreche, es hören werden. Aber leider liegt es in der Natur eines Narzissten, sich nicht angesprochen zu fühlen. Selbst wenn sie alle auf derselben Tanzfläche stehen würden und gemeinsam den Song hörten, sie würden sich nicht angesprochen fühlen, aber sofort mit dem Finger auf die anderen zeigen.
BLONDE: Dein Debüt Album heißt Bigger Than Techno. Was ist für dich größer als Techno?
Lilly Palmer: Das Leben selbst. Die Verbindung zwischen Menschen. Das Gefühl, wenn du weißt, du bist am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, mit den richtigen Menschen. Techno ist das Medium, aber das Ziel ist immer etwas Größeres.
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