Lotte ist eine Künstlerin, die sich immer wieder neu erfindet. Mit ihrem vierten Album schlägt die deutsche Sängerin musikalisch neue Wege ein und scheint dabei mehr denn je bei sich selbst angekommen zu sein. Zwischen verträumten Sounds, persönlichen Geschichten und dem Wunsch nach Freiheit hat sie einen ganz eigenen musikalischen Kosmos geschaffen. Auch abseits der Bühne ist bei ihr gerade einiges in Bewegung: Ohne festen Wohnsitz, dafür mit zwei Koffern und jeder Menge Abenteuerlust, genießt sie das Leben unterwegs. Vor ihrem Konzert haben wir mit LOTTE über ihren musikalischen Neuanfang, die besondere Verbindung zu ihren Songs, das Tourleben und die Frage gesprochen, was Zuhause eigentlich bedeutet.

LOTTE im exklusiven BLONDE Interview
BLONDE: Dein viertes Album ist endlich draußen. Wie fühlt es sich an, die neuen Songs mit der Welt zu teilen?
LOTTE: Richtig, richtig gut! Dieses Album ist überhaupt nicht mit meinen drei vorherigen Alben zu vergleichen. Diesmal habe ich nämlich alles ganz anders gemacht und es komplett so umgesetzt, wie ich es wollte. Es fühlt sich für mich so an, als wäre ich aus einem Hamsterrad ausgestiegen, und es ist ein Album entstanden, das ich über alles liebe. Ich fühle mich gerade ein bisschen wie eine Mama, die unglaublich stolz auf ihr Kind ist: Dieses Album ist mein mutiges Baby.
BLONDE: Überwiegt nach so einer langen Reise zum Album die Erleichterung oder machst du dir Gedanken darüber, wie die neuen Songs ankommen?
LOTTE: Natürlich ist man erst einmal unglaublich stolz, endlich alles zeigen zu können. Aber diesmal ist es mir gar nicht so wichtig, wie das Album ankommt. Mir ist bewusst, dass ich einen Sound produziert habe, der nicht besonders trendig, dafür aber sehr zeitlos ist. Vielleicht verbinden sich die Menschen also heute oder morgen damit, vielleicht aber auch erst in ein paar Jahren.
BLONDE: Du hast mit dem neuen Album musikalisch einiges verändert. Hast du das Gefühl, deinen eigenen Sound gefunden zu haben?
LOTTE: Ich denke schon. Mit diesem Sound habe ich zum ersten Mal das Gefühl, einen Planeten für mich entdeckt zu haben, auf dem ich bleiben möchte, und das fühlt sich sehr gut an. Ich habe mit meinem französischen Produzenten Jules, auch jemanden gefunden, der versteht, wie ich Musik machen möchte. Ich kann nicht einfach morgens ins Studio kommen und einen Song schreiben. Wir gehen zusammen Austern essen, lassen uns Zeit und verbringen die ganze Nacht im Studio. Dafür schlafen wir am nächsten tag. Das Ganze fühlt sich dadurch eher wie eine Freundschaft an.
BLONDE: Du hast einmal erzählt, dass du manche Songs über Gefühle oder Situationen schreibst, bevor sie in deinem Leben überhaupt richtig präsent sind. Gibt es auf dem neuen Album Songs, die du heute anders verstehst als beim Schreiben?
LOTTE: Ich habe mich in letzter Zeit oft gefragt, ob ich meine Songs für die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft schreibe. Manche Songs habe ich vor einem Jahr geschrieben. Damals wusste ich einfach, dass ein bestimmtes Wort oder ein Satz genau an diese Stelle gehört, weil es sich richtig angefühlt hat. Gleichzeitig war das aber noch ziemlich losgelöst von meiner Realität. Jetzt, ein Jahr später, haben sich manche Dinge tatsächlich bewahrheitet. Plötzlich passen die Songs auch inhaltlich total zu meinem Leben. Ich weiß nicht, ob das Manifestation war oder vielleicht eine weise Vorahnung. Heute fühlen sich die Songs für mich jedenfalls sehr echt an. Gestern bin ich auf der Bühne sogar in Tränen ausgebrochen, weil sich das alles so real angefühlt hat.

BLONDE: Verändert sich die Bedeutung eines Songs für dich, sobald du ihn zum ersten Mal vor Publikum gespielt hast?
LOTTE: Ja, komplett. Am Anfang sind die Songs für mich etwas sehr Privates. Wenn ich im Studio bin, denke ich kaum darüber nach, wie ein Song nach außen wirkt oder was passiert, wenn das Album veröffentlicht wird. Sobald ich die Songs dann live spiele, bekommen sie eine ganz eigene Dynamik. Auf einmal gehört der Song nicht mehr nur mir, sondern auch Natalie, die in der zweiten Reihe steht und weint, weil sie ihre ganz eigene Verbindung dazu hat. Das ist wirklich ein bisschen so, als würde man ein Kind bekommen und irgendwann loslassen. Ich kann nicht mehr beeinflussen, wie meine Songs bei den Menschen ankommen.
BLONDE: Gibt es einen Song von deinem neuen Album, auf den du dich live besonders gefreut hast?
LOTTE: Wildes Kind ist mein Lieblingssong. Er geht fünfeinhalb Minuten und hört gefühlt gar nicht mehr auf. Das ist ein Song, der sich immer weiter in eine richtige Ekstase hineinsteigert. Man kann sich da komplett reinfallen lassen, und auch das Publikum kann dabei so richtig loslassen.
BLONDE: Du hast einmal gesagt, dass du dich besonders lebendig fühlst, wenn du unterwegs bist. Ist das Tourleben für dich also genau das Richtige?
LOTTE: Absolut! Ich liebe es. Diese Tour ist der Wahnsinn. Wir haben so eine tolle Gruppe und eine richtig geile Band. Es ist einfach ein Traum. Ich hoffe, dass es nicht aufhört, obwohl ich weiß, dass es bald vorbei ist. Wenn ich nur daran denke, bin ich jetzt schon richtig traurig.
BLONDE: Du bist aber auch abseits der Bühne ständig unterwegs, oder?
LOTTE: Ich bin eigentlich nur unterwegs. Momentan habe ich sogar gar kein richtiges Zuhause. Ich bin gerade im absoluten Nomadenzustand. Ich musste aus meiner Wohnung raus und habe nicht direkt eine neue gefunden. Das ist in Berlin ja auch nicht gerade einfach, und dazu bin ich noch ziemlich picky. Also bin ich mit meinen zwei Koffern bei Freunden eingezogen. Eigentlich dachte ich, das wäre nur für ein paar Wochen, aber mittlerweile sind schon ein paar Monate vergangen. Und ich finde es total geil! Ich bin gerade sowieso sehr offen, was mein Leben angeht, und weiß selbst noch nicht so richtig, was ich eigentlich möchte.

BLONDE: Womit verbindest du das ständige Unterwegssein?
LOTTE: Vor allem mit Freiheit. Darum geht es ja auch auf dem ganzen Album. Ich glaube, auf Reisen bin ich am meisten ich selbst. Ich sehe neue Städte, komme mit fremden Menschen ins Gespräch und lerne dabei unglaublich viel über ihre Gedanken und Sichtweisen. Gleichzeitig versuche ich gerade, mich von vielem zu lösen, was ich bisher gelernt habe. Ich bin sehr konventionell aufgewachsen und möchte jetzt herausfinden, was eigentlich wirklich zu mir passt. Ich bin eben auch einfach so ein kleiner Abenteurer.
BLONDE: Wenn du so viel unterwegs bist: Gibt es trotzdem einen Ort, an dem du das Gefühl hast, wirklich angekommen zu sein?
LOTTE: Die Musik ist mein Zuhause. Ich bin unglaublich gerne bei meinen Freunden, aber der Ort, an dem ich wirklich loslassen kann, sind meine Songs.
BLONDE: Was brauchst du auf Tour, damit du dich wohlfühlst? Gibt es irgendwas, das immer mit muss?
LOTTE: Ich habe ein Kuscheltier, das ich schon als Kind hatte. Das ist so ein kleiner Mini-Stern mit einem Kopf. Das ist mein kleiner Träumer. Das passt eigentlich ganz gut zu mir, weil ich selbst eine Träumerin bin. Wenn ich nachts schlafe, fühle ich mich damit nicht so allein.
BLONDE: Worauf freust du dich am meisten, wenn du an die nächsten Monate denkst?
LOTTE: Ich möchte einfach offen an alles herangehen, in Länder reisen, in denen ich noch nie war, und neue Dinge erleben. Außerdem habe ich schon wieder ganz viele Ideen für neue Songs im Kopf. Ich kann es eigentlich kaum erwarten, mit Jules zurück ins Studio zu gehen, neue Musik zu produzieren und vor allem wieder auf Tour zu gehen.

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