Brauchen wir eine offizielle Masturbationspause bei der Arbeit?

Foto: cottonbro/Pexels
Im Home Office tun es einige, aber ganz offiziell während der Arbeitszeit masturbieren? Bisher eher ein seltener Gedanke. Im Frühjahr hat eine Chefin eine Masturbationspause für ihre Mitarbeiter*innen eingeführt – andere fordern die schon seit Jahren. Wie funktioniert sie, die Work-Wank-Balance?

Wie wohl so eine Statusmeldung aussähe? Man stelle sich folgende Situation vor: Es ist ein normaler Dienstag, vielleicht im Home Office, und Mensch möchte den Kolleg*innen per internem Chat etwas mitteilen. Dort, wo beim virtuellen Gegenüber sonst vielleicht ein Telefonhörer-Symbol blinkt („Bin gerade in einem Anruf”), der Standby-Status die Mittagspause signalisiert oder ein grüner Punkt für „Online” leuchtet, stünde jetzt sowas wie: „Bin gerade am Masturbieren”. Besagte*r Kolleg*in ist nicht zu Tisch oder im nächsten Call, sondern in Masturbationspause. Ganz offiziell.

Masturbieren bei der Arbeit: Bei Erika Lust gibt’s 30 Minuten

So oder so ähnlich könnte der Arbeitsalltag gerade im Unternehmen von Erika Lust aussehen. Während des „Masturbation Month” machte die feministische Porno-Filmemacherin in diesem Frühjahr damit Schlagzeilen, dass sie ihren Mitarbeiter*innen eine zusätzliche Pause zur Verfügung stellt, in der diese während der Arbeitszeit masturbieren könnten. „Ich wertschätze meine Angestellten und weiß, dass wir gute Arbeit machen, wenn sie sich gut fühlen”, sagte Lust damals. „Mit der Pandemie und der großen Veränderung darin, wie wir unsere Leben leben, fiel mir auf, dass meine Mitarbeiter*innen unruhig wurden und mit weniger Energie arbeiteten, als zuvor. In dem Wissen, dass es nur eine Sache gibt, die allen ein gutes Gefühl gibt, führte ich eine private Masturbations-Station ein, die sie genießen können.”

Lusts Taktik ist damit einerseits Köder für mehr Arbeitsperformance, andererseits aber auch Benefit in einem Sex-positiven Arbeitsumfeld – der einige von Lusts Mitarbeiter*innen überzeugt. Die Filmemacherin selbst bezeichnet ihre Pause als erste, die es so in Unternehmen geben soll. Neu ist die Idee allerdings nicht. Schon länger wird über das Masturbieren innerhalb der Lohnarbeitszeit gesprochen, besonders – wie Erika Lust aufgreift – während der Pandemie. Bei den Kolleg*innen von Refinery29 klickten im Frühjahr Artikel zu alternativen Sextoys oder Masturbationstipps besonders zur Mittagszeit gut – ein Indikator für mehr Masturbation im neugefundenen Home Office? Vielleicht ist es mehr ein Ausleben einer lang ersehnten Selbstbelohnung und Entlastung. Schon vor sechs Jahren schrieb eine Autorin des US-Magazins „Time Out New York” jedenfalls darüber, dass rund 40% der Arbeitnehmer*innen in einer von ihr geführten Umfrage angaben, während der Arbeitszeit zu masturbieren (hierbei ging es allerdings nicht ums Home Office).

Weniger Stress wegen Selbstbefriedigung

Zwei Jahre später sprachen sich auch zwei britische Psychologen für eine offizielle Pause zum Masturbieren aus. Damit bestätigen sie in etwa die These von Erika Lust. Masturbation während der Arbeit sei „sehr effektiv” und eine „großartige Art, um Spannung und Stress abzubauen”, sagte Mark Sergeant von der Fakultät Psychologie der Universität Nottingham Trent gegenüber dem Blatt „Metro”. Seine Thesen unterstützte Dr. Cliff Arnall, Psychologe und „Life Coach” der Universität Cardiff. Ihm zufolge würden Mitarbeiter*innen von einer Masturbationspause profitieren, weil sie „mehr fokussieren, weniger aggressiv und viel produktiver” wären. Gleichzeitig merkte Arnall den Frust an, den Arbeitnehmer*innen verspüren könnten, wenn sie während der Pause nicht zum Höhepunkt kämen. An anderen Stellen im Netz werden weitere Kritikpunkte genannt, wie die unterschiedlichen Zeitspannen, die Mensch fürs Masturbieren braucht oder der Druck, der sich mit dem Wissen aufbaut, gleich wieder zurück an den Arbeitsplatz zu müssen. Vom wechselseitigen Unwohlsein unter Kolleg*innen zu schweigen.

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Das Home Office steht im Fokus, aber…

Denn: Die Örtlichkeit und damit die Ausführung einer Masturbationspause, die andere nicht belästigt oder den Masturbierenden ein Schamgefühl gibt, bleibt wohl das größte Fragezeichen. Wie genau die private Station im Büro von Erika Lust aussieht, ließ sich auf die Schnelle nicht herausfinden. Seit Beginn der Pandemie tauchenin einer schnellen Google-Suche aber wieder mehr Artikel auf, in denen Expert*innen Selbstbefriedigung während der Arbeit befürworten. Nur geht es dabei eben häufig ums Home Office. Die Hemmschwelle, sich außerhalb dessen für diskrete Minuten mit sich selbst zu verabschieden, scheint zumindest aktuell noch höher. Selbstbefriedigung bleibt ein höchst individuelles Thema, mit dem jeder Mensch einen eigenen Umgang pflegen kann und sollte. Dennoch wurzelt das Unbehagen auf einer Meta-Ebene nicht unbedingt in den Angestellten. Eher liegt es in Gesellschaftsstrukturen, die einen offenen Umgang mit Masturbation in Teilen weiterhin stigmatisieren.

…wie sieht es an anderen Arbeitsstellen aus?

Was bleibt, ist die Frage nach Flexibilität. Ein wenig scheint die Masturbationspause geboren aus Büro-Kulturen, die abgesehen von Home Office Optionen mehr private Rückzugsräume bieten als zum Beispiel Jobs mit Schichtdienst, im Einzelhandel oder der Gastronomie. Vielleicht wäre es spannend zu sehen, wie eine Masturbationspause für Angestellte in Service-Berufen aussähe, in der Pflege, der Fließbandarbeit und so weiter. Wenn sie hier und in weiteren Sektoren unter für Arbeitnehmer*innen aller Geschlechter sicheren Rahmenbedingungen eingeführt wird, könnte aber ein Stigma verschwinden  – und manche Angestellten das tun, wofür sie während der Arbeitszeit vielleicht ohnehin schon Zeit finden wollen. Nur, dass die metaphorische Stempeluhr mitdenkt.

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