Aaliyahs Alben sind zurück auf Streaming-Portalen – und ein Spiegel von Rechtsstreit und Nostalgie in Popkultur

Foto: Aaliyah Albumcover „Aaliyah” via Macheete PR
20 Jahre nach ihrem Todestag und langen Streitigkeiten können Fans die Musik von Aaliyah jetzt wieder bei Spotify & Co streamen. Auch andere Künstler*innen wie Taylor Swift oder die No Angels bringen ihre Musik zurück, nehmen alte Alben wieder auf, veröffentlichen sie gleichzeitig mit den Original-Songs – für sich selbst, für die Fans. Aber wer wünscht sich hier eigentlich was?

„Seien wir mal ehrlich”, sagt Kathy Iandoli, „die heutige R’n’B-Musik basiert auf dem Fundament, das Aaliyah 1996 gelegt hat.“ Sie, Iandoli, hat ein Buch geschrieben über Aaliyah, es trägt den Titel „Baby Girl: Better Known as Aaliyah” und ist vor drei Tagen in den USA erschienen. Iandolis Worte über das Erbe von der Sängerin fallen aber nicht in diesem Buch, sondern in einem großen Hintergrundartikel über Aaliyahs Diskografie, den das US-Magazin Billboard veröffentlicht hat. Er führt hin auf den heutigen Tag, der für Aaliyahs Erbe, ihre Familie und ihre Fans beinahe historisch ist. Nicht nur sind heute 20 Jahre vergangen seit dem Tag, an dem die Sängerin mit nur 22 Jahren bei einem Flugzeugabsturz starb. Heute kehrt auch ein beträchtlicher Teil ihrer Musik auf Streamingportale zurück, wo sie Fans in den letzten Jahren vermisst haben. Aaliyahs Musikgeschichte ist damit ein Beispiel für den komplizierten Umgang mit Themen wie Master-Rechten in der Musik (hier erklärt), der „Rechenschaft gegenüber Fans, aber auch für den Umfang mit Gefühlen wie Stolz und Erinnerung.

 

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Familie vs. Familie: Der Streit um Aaliyahs Songs

Kompliziert ist die Geschichte von Aaliyahs musikalischem Katalog schon in sich selbst, das legt der Billboard-Artikel ausführlich dar. Familiäre Streitigkeiten spielen hier eine Rolle, (Vorwürfe von) Profitgier, Teilhabe, Moral, zusammengefasst in 20 Jahren Uneinigkeit und wenig direkter Kommunikation. Trotzdem werden eben ab heute zwei von Aaliyahs Alben wieder auf Spotify und Apple Music veröffentlicht, zuerst „One In A Million” und am 10. September ihr selbstbetiteltes Album „Aaliyah”. Der Soundtrack zum Film „Romeo Must Die” und Compilation-Alben sollen folgen, letztere sind teilweise (zumindest in Deutschland) schon auf Spotify verfügbar. All das geschieht unter der Zusammenarbeit vom Musikverlag Empire und Blackground Records, dem wiederauferstandenen Label von Aaliyahs Onkel Barry Hankerson und seinem Sohn Jomo, die bisher die Rechte an Aaliyahs Masteraufnahmen besaßen. Die andere, das restliche Erbe verwaltende Seite von Aaliyahs Familie – unter anderem ihre Mutter und Bruder – stimmen mit diesem Deal nicht überein. In einem Statement auf Twitter haben sie vor zwei Wochen ihre Ablehnung der aktuellen Entwicklungen zum Ausdruck gebracht. Ihre Worte darin sind wütend, frustriert – und dennoch vergebend. Ihre Essenz liest sich so: Wir kämpfen weiter, rechtlich, aber wir resignieren auch – wir wollen endlich Abschluss finden.

 

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Alte CDs bringen Geld, posthumes Aaliyah-Album in Arbeit

Fans dürfte der Release trotzdem freuen. Online bringen versiegelte CDs der fehlenden Alben laut Billboard um die 100 US-Dollar, als Vinyl sind sie entweder nicht verfügbar oder mehrere hundert Dollar Wert. Doch welche Rolle genau spielt die neue Streaming-Veröffentlichung überhaupt für Fans? Wenn es nach Verlagschef*innen von Empire geht, findet Aaliyah nicht nur Anklang unter 90er-Nostalgiker*innen, sondern ebenfalls – ähnlich wie von Kathy Iandoli beschrieben – in jüngeren Generationen. Alltagsnostalgiker*innen und junge Fans könnten auch die Zielgruppen für ein weiteres AaliyahAlbum voller unveröffentlichter Songs sein, das angeblich in Arbeit ist. Bei so manchem ikonischen Star hat so ein posthumes Projekt bekanntlich funktioniert, Amy Winehouse‘ Compilation-Album „Lioness: Hidden Treasures” wäre ein Beispiel dafür. Falls ein weiteres Album von Aaliyah erscheint, wäre spannend abzuwarten, wie Fans und Follower*innen – alt und neu – darauf reagieren. Die Diskussion zwischen Erinnerung und Ausbeutung der Verstorbenen beschränkt sich sicherlich nicht nur auf Aaliyahs innerste Kreise.

Re-Recordings als einziger Ausweg…

Es muss aber nicht immer um verstorbene Künstler*innen gehen, wenn eine Streaming-Diskografie Konflikte birgt. Eine von Aaliyahs ehemaligen Label-Kolleg*innen ist die Sängerin Jojo, mit ihrem größten 2000er-Hit „Leave (Get Out)”. Auch Jojo hatte mehr oder weniger bekannte Probleme mit Blackground Records. 2018 ging sie zu einer aufwendigen Lösung über, die Künstler*innen bleibt, wenn sich der legale Battle nicht lösen lässt: Jojo nahm ihre ersten beiden Alben komplett neu auf, unabhängig und auf eigene Faust. Jetzt, drei Jahre später, erscheinen ihre Originale erneut, zusammen 12 Werken weiterer Künstler*innen im selben Deal, der auch Aaliyah aus dem Platten-Verlies holt.

…für Jojo, aber auch Taylor Swift

Der wohl prominenteste Fall solcher Neufnahmen dürfte im internationalen Pop-Game abe Taylor Swift sein. Der vielschichtige Kampf des Superstars mit ihrem Label Big Machine Records ist mindestens genauso gut dokumentiert wie Swifts folgende Entscheidung, die vom Rechtsstreit betroffenen Alben komplett neu aufzunehmen. Die Rechte an den ursprünglichen Master-Aufnahmen ihrer selbstgeschriebenen Songs besitzt sie bis heute nicht. Mittlerweile befindet sich Swift also im Prozess, acht Alben neu ein- und auszuspielen, in nicht-chronologischer Reihenfolge, mit tieferem Stimmregister, neuem Artwork, PR-Plan und einer Menge Bonustitel. Das alles wird unterstützt von ihren Fans, die bekanntlich viel mobilisieren können, wenn aber auch nicht die Vetragsdetails ändern. Dass solche Verträge, Lizenzrechte, Publishing-Deals und Veröffentlichungen für Normalverbraucher*innen ohnehin undurchsichtig bleiben, ist klar. Trotzdem sind sie in den 20 Jahren seit Aaliyahs Tod gefühlt noch mehr Gegenstand öffentlicher Diskussionen geworden. Wie viel Druck Fangruppen auch auf Managements, Labels oder sonstige Instanzen ausüben können, dürfte seitdem deutlich sein – oder scheint durch Entwicklungen wie das #FreeBritney-Movement greifbarer denn je.

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Deutscher Streaming-Schatz: Die No Angels

Ein lokales Beispiel, wenn auch in keinem Maße dramatisch, ist in Deutschland die Band No Angels. Jahrelang war die Musik der 2000er-Band nicht auf Spotify und Co verfügbar, die entsprechenden Lizenzverträge abgelaufen, die Engel selbst beschäftigt mit anderen Projekten. Ende letzten Jahres aber kamen zwei Parteien zusammen, die – ähnlich wie bei Aaliyah– viel mit Lizenzen, aber wenig mit den No Angels selbst zu tun hatten. Der Musikverlag BMG einigte sich mit dem Label Cheyenne Records und übernahm den gesamten Song-Katalog. Damit erschien die Musik der No Angels umgehend wieder auf Streamingportalen, auch auf YouTube gingen alte Musikvideos online. Das passt, war die Beliebtheit der Band doch in den letzten Jahren unter anderem auf Meme-Seiten wie Galeria Arschgeweih erneut gestiegen und sowieso Teil einer anhaltenden Nostalgie zu den 2000er Jahren.

 

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Die No Angels sind eine Art Kombi-Lösung zwischen Aaliyah und Taylor Swift. Sie freuten sich nicht nur über die Fan-Extase zu alten Tracks und fokussierten sich auf eine Rückblende, wie es bei verstorbenen Acts zwangsläufig der Fall ist. Stattdessen nahmen sie wie Swift und Co – auch ohne Rechte-Struggle – die alten Hits wie „Daylight“ neu auf, zum 20-jährigen Band-Bestehen in diesem Jahr. Es folgt ein Promo-Lauf durch deutsche Medien, um das Album zu bewerben. Von Teilen solcher Strategien haben wir im Laufe vieler Bandgeschichten gehört. Man denke an ewige Comebacks (männlicher) Kolleg*innen und die typischen Schleifen von Best-Of-Alben, Greatest-Hits-Compilations oder Re-Editions. Manchmal, so scheint es bei den No Angels, ist es aber doch nur der Spaß an der Freude, der die musikalische Selbstreflexion ans Licht bringt.

Für wen ist die Rückblende gedacht?

Die alte Frage dabei aber bleibt, was sich eigentlich Fans wünschen. Hier eine nur wenig überraschende These: Für Millennials ist es die klassische „Daylight”-Version, die sie als begeistert, statt ein Remix aus dem Hier und Jetzt. Aber auch bei modernen Re-Recordings fragt sich, ob jeder Taylor-Swift-Fan dazu übergehen wird, aus Loyalität und Fairness ausschließlich die neuen Song-Versionen zu hören? Wenn Aaliyahs Fans sagen, sie wünschen sich die Erinnerung an ihr Baby Girl, denken dabei alle ein posthumes Album voller unentdeckter Songs? Oder wünschen sie sich „Try Again” einfach nur in der Form, wie der Song 2000 entstanden ist? Verdienen nicht auch neue Hörer*innen – zumindest bei verstorbenen Artists – den Song so zu hören, wie der*die Künstler*in ihn selbst mitbestimmt hat, genau zu der Zeit, für die er steht? Oder verhält es sich hier wie mit Künstler*innen vergangener Jahrhunderte, die manchmal auch erst Jahre nach ihrem Tod zum Höhepunkt ihres Fame kamen?

Der Einfluss auf die Zukunft

Die finale Entscheidung in einem aktuellen Umburch, der solche Fragen im Zeitalter von Streaming entscheidend klären soll, wird Aaliyah nicht mehr miterleben. Für ihre neuen und alten Fans ist es dennoch gut, dass ihre Alben ab heute wiederentdeckt werden können. Im Billboard-Artikel kommentiert Nima Etminan, COO des Musikverlags Empire, den Einfluss von Aaliyah ähnlich, wie es die Autorin Kathy Iandoli tut: „Alles, was man tun muss, ist die aktuell größten R’n’B Artists nach ihrem größten Einfluss fragen”, überlegt sie. „Ich glaube nicht, dass es viele Interviews gibt, in denen man Aaliyahs Namen nicht in irgendeiner Weise hören würde, ob sich das auf ihre Songs bezieht oder ihren Sinn für Mode, oder ihren generellen Spirit“. Vielleicht ist es an der Zeit, genau diese Artists die Musikrechte der Zukunft einmal mehr formen zu lassen – damit das Verlies der verlorenen Songs vielleicht irgendwann ein leerer Raum ist.

 

 

 

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