Keine Lust: ein Leben mit Asexualität

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Geschlechtsverkehr ist nicht für jeden Menschen ein Grundbedürfnis. Credit: Joana C. Schröder
Drei junge Menschen erklären, warum Geschlechtsverkehr für sie kein Grundbedürfnis ist.

Beim Anblick von viel nackter Haut in einem intimen Moment kann vieles passieren: Wir erröten, seufzen, stöhnen, schwitzen. Unser Körper reagiert auf sexuelle Reize mit ganz eigenen Signalen und übernimmt mal eben das Kommando. Aber es kann auch anders sein: Es passiert – nichts. Und das liegt nicht zwingend daran, dass unser Gegenüber für uns unattrak­tiv wäre. Forscher schätzen, dass einer von hundert Menschen asexuell ist.

Menschen mit dieser Orientierung haben sich nicht bewusst für ein Leben ohne Sex entschieden wie beispielsweise eine Nonne oder ein Priester.

In Deutschland wären das circa 800.000 Menschen. Doch was bedeutet Asexualität? Im Grunde ist es ein Phä­no­men, bei dem Menschen kein sexuelles Verlangen und keine Erregung spüren. Über die Internetplattform Asexual Visibility and Education Network (AVEN), die auch ein deutsches Unterforum hat, zeigt sich, dass es viele verschiedene Formen der Asexualität gibt: Einige finden Küssen in Ordnung, andere sehnen sich nach Partnerschaften, wiederum andere empfinden jeglichen Körperkontakt als unangenehm. Manche hatten bereits Sex, manchen ist Geschlechtsverkehr egal, ei­nige be­frie­digen sich selbst, andere können es sich nicht mal vorstellen, intim zu werden. Die Ursachen und Gründe für Asexualität sind bislang nicht ausreichend erforscht. Gängige Theorien vermuten einen Mangel an Sexualhormonen oder eine psychische Störung als ausschlaggebend. Fest steht: Menschen mit dieser Orientierung haben sich nicht bewusst für ein Leben ohne Sex entschieden wie beispielsweise eine Nonne oder ein Priester. Das Nicht-Verlangen nach Sex ist etwas, das sie oft selbst nicht verstehen.

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Martina, 22, Leipzig

„Ich bin Jungfrau – aber ich schäme mich nicht dafür. Sex hat sich bei mir nie ergeben, was auch daran liegt, dass ich es nicht drauf angelegt habe. Als ich jünger war, habe ich auf einer Party mit einem Jungen geknutscht und nach ein paar Dates wurden wir ein Paar. Kuscheln und Händchenhalten war für mich okay, aber küssen konnte ich ihn nie lange, es wurde lästig und ich fühlte mich unwohl. Als er dann mehr wollte, sagte ich ihm, dass ich dafür nicht bereit sei. Er machte mit mir Schluss. Lange Zeit dachte ich, ich wäre einfach verkopft oder verklemmt, und wenn der Richtige käme, dann würde ich etwas spüren und Lust bekommen. Aber das geschah nicht. Meine Freundinnen machten in der Zeit andere Erfahrungen, berichteten von ihren ersten Malen, spulten Sexszenen zurück, wenn wir einen Liebesfilm schauten, schickten Bilder von nackten Typen in unsere Chat­gruppe oder sprachen davon, dass sie ,untervögelt‘ seien.

Obwohl ich mich gut fühle mit meiner Erkenntnis, habe ich Angst, keinen Part­ner zu finden, der genau so denkt wie ich – oder mir glaubt.

In mir kam immer mehr Gleichgültigkeit auf, obwohl die anderen vielleicht dach­ten, es sei Verlegenheit. Das war für mich der Moment, in dem ich mir vor­nahm, mich mit meiner eigenen Sexualität intensiver auseinanderzusetzen. Ich finde andere Menschen genauso schön, wie ich Tiere oder Klamotten schön finde. Wenn ich mir einen attraktiven Mann ansehe, den­ke ich mir: ,Wow, der sieht gut aus‘, aber der Anblick löst nichts in mir aus. Mir wurde klar, dass der Wunsch nach Sex und intimem Körper­kon­takt noch nie eine Rolle für mich gespielt hat. Ich meldete mich in einem Forum an und schilderte dort meine Gefühlslage. Die ersten User diagnos­tizierten mir, dass ich asexuell sei. Ich war mir nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist. Doch je mehr ich mit Gleichgesinnten sprach, desto glück­licher wurde ich. Der ganze Druck fiel von mir ab, irgendjemandem etwas beweisen zu müssen. Und ich merkte, dass ich nicht allein war. Obwohl ich mich gut fühle mit dieser Erkenntnis, habe ich Angst, keinen Part­ner zu finden, der genau so denkt wie ich – oder mir glaubt. Freundinnen denken, ich hätte nur deshalb kein Verlangen, weil ich es noch nie getan habe. Doch ich wünsche mir einfach eine Beziehung, in der ich auf Oberflächlichkeiten wie Sex und Küssen verzichten kann.“

Erik, 26, Freiburg

„Wir waren damals eine große gemischte Clique, die im Sommer gern im Freibad abhing. Als die Pubertät begann, änderte sich alles. Die Jungs interessierten sich mehr dafür, wie die Mädchen im Bikini aussahen, such­ten dauernd Gründe, sie anzufassen, und prahlten dann damit, wer sie rangelassen hätte. Einmal fragte mich ein beliebtes Mädchen, ob ich sie massieren möchte, und ich lehnte ab. Bei dem Gedanken daran, ihren Körper durchzukneten, fühlte ich mich unwohl. In der Schule sprach sich mein Desinteresse schnell rum. Einige dachten, ich wäre bloß schüch­tern, andere hielten mich für schwul. Ich hatte keinen Bock, als komi­scher Typ abgestempelt zu werden, und versuchte, unter dem Radar zu bleiben.

Ich habe lange gebraucht, bis ich mich selbst nicht als unnormal oder unmännlich fühlte.

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Das klappte lange Zeit ganz gut. Aber etwas anderes machte mir mehr Sorgen: Ich hatte nie eine bewusste Erektion und wollte herausfinden, warum nicht. Ich schaute mir Bilder von nackten Brüsten an, machte mit einer Freundin rum, suchte online nach Pornos und beobachtete sogar die Jungs beim Duschen nach dem Sport. Doch nichts regte sich an oder in mir und mein Unbehagen verstärkte sich nur. Selbst Onanieren machte mir keinen Spaß und klappte auch nicht oft, weil ich nicht wusste, was mich in Stimmung bringt. Ich bekam Angst, dass körperlich etwas mit mir nicht in Ordnung war, aber es war mir auch peinlich, mich jemandem an­zu­vertrauen. Schließlich ging ich mit meinem Vater zum Arzt, der auf ein psychologisches Problem hinwies: ,Du kannst, du willst aber nicht.‘ Ich begab mich in eine Therapie und fand heraus, dass ich asexuell bin. Ich habe lange gebraucht, bis ich das annehmen konnte und mich selbst nicht als unnormal oder unmännlich fühlte. Heute habe ich eine feste Freundin, mit der ich sogar ab und zu schlafe, auch wenn mir Sex ziemlich egal ist und ich nicht nachvollziehen kann, dass man dabei richtig Spaß hat. Aber ich habe akzeptiert, dass es für sie dazugehört, und sie hat akzeptiert, dass Liebe für mich auch ohne das Körperliche funktioniert.“

Jennifer, 25, Augsburg

„Dass ich anders bin, habe ich erst spät gemerkt. Ich hatte lange eine Beziehung, aber mochte Sex nie. Ich bin lieber nachts mit der Bahn wieder nach Hause gefahren, als bei ihm zu übernachten. Auch einfache Dinge, wie sich zur Begrüßung zu küssen, fand ich unangenehm. Wenn wir intim wurden, hat mich sein nackter Körper oder intensives Rummachen nie feucht gemacht, wir mussten jedes Mal Gleitgel verwenden und ich wurde von Mal zu Mal gleichgültiger.

Bei jedem Kuss und jeder Fummelei hoffte ich, dass es schnell vorbei sein würde.

,Vielleicht ist er nicht der Rich­tige‘, dachte ich mir und wir haben uns schließlich getrennt. Entgegen allen Erwartungen hatte ich in meiner Single-Zeit nicht das Gefühl, mir würde etwas fehlen. Es fühlte sich sogar besser an und ich fand es schön, keinen Körperkontakt mehr zu haben. Meine Freunde hatten dafür kein Verständnis. Sie waren der Meinung, dass ich bisher einfach schlechten Sex hätte und mich mal richtig ausleben müsste, um meine Libido wie­der­zu­beleben Ich gab dem Ganzen noch eine Chance und lud mir Tinder aufs Handy, aber mich interessierte mehr die Beschreibung derjenigen als ihr Profilbild. Und wenn es zum Date kam, hing ich lieber entspannt ab, kochte, schaute Filme oder unterhielt mich stundenlang, als es darauf anzulegen, es zu tun. Im Gegenteil: Ich vermied jegliche Art von Zärt­lich­keiten oder Flirten. Eine Zeit lang dachte ich, dass ich lesbisch wäre, und traf mich mit Frauen, aber auch das brachte nichts. Immer wenn es mir zu nah wurde, wollte ich einfach weg. Bei jedem Kuss und jeder Fummelei hoffte ich, dass es schnell vorbei sein würde. Ich spürte kein sexuelles Ver­langen, deshalb gestand ich mir selbst ein, asexuell zu sein. Vor meinem Freun­deskreis halte ich es geheim, weil ich weiß, dass sie denken, ich würde alle nur aus Angst vor Ablehnung in die Friendzone packen und die Asexualität wäre meine Ausrede. Manchmal denke ich mir sogar Geschichten aus und erfinde Typen, mit denen ich angeblich was hatte, ­damit ich meine Ruhe habe, und wenn andere von ihren Liebhabern schwärmen, schalte ich ab. Ich weiß nicht, ob sich das alles irgendwann noch mal ändert, aber seitdem ich darauf verzichte, mich zu irgendwas zu zwingen, merke ich, dass ich einfach keinen sexuellen Kontakt brauche – und mich endlich frei fühlen kann.“

Fotos: Joanna C. Schröder
Model: Jakob Luis Bach @jakob.luis.bach

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