Social Time Madness mit Instagram-Star John Yuyi

Am Anfang hat sie sich Tattoos von Like-Herzchen und Insta-Tags aufs Gesicht geklebt. Heute ist John Yuyi ein viraler Star in Fashion-Kampagnen. Wie Social Media auch für seine größten Künstler manchmal nur ein Abziehbild bleibt.

Heutzutage mit dem Titel „Instagram Artist“ bedacht  zu werden ist nicht schwer und schon kaum mehr eine Ehrung. Schnelle Skizze machen, Foto schießen, bearbeiten, posten, fertig. Ob 50 oder 500k Follower, scheißegal. Es gibt nur wenige wie die taiwanesische Künstlerin John Yuyi, die mit ihren Kunstwerken so bekannt geworden sind, dass Mar­ken wie Gucci Collabs anbieten wollen. Warum? Yuyis Werke sind der Spie­gel unseres Social-Media-Konsums und das Sinnbild für die Sucht nach Likes,
Tags und Followern. Angefangen hat das mit Bildern kleiner Klebe-Tattoos. Yuyis Leinwand dafür ist die eines jeden Millennials: das eigene Gesicht. Wie eine zum Leben erwachte Folge von  „Black Mirror“ zeigen ihre Bilder Gesichter mit aufgedruckten Apps, Chatverläufen, Like-Herzchen, Browser-Fenstern, Follow-Buttons – oder noch mal dem eigenen Gesicht. Und während sie mit ihrer Arbeit die Vernetzung der Welt buchstäblich nach außen trägt, fühlt sich die Wahl-New-Yorkerin hinter dem viralen Trend vor allem eins: allein. 

Wie oft checkst du Apps, refreshst Seiten und gehst online?

Sobald ich wach bin, wohl alle fünf Minuten. Oh Gott, es ist einfach so ungesund. 

Ich hasse Soziale Medien aber auch, weil es mich unglaublich stresst: zu viel, zu schnell, zu viele Informationen.

In einem Insta-Post zu einer Doku über dich und andere Künstler hast du dem Model Jovel Ramos in seiner Hassliebe zu Social Media zu­ge­stimmt. Kannst du uns deine Beziehung dazu beschreiben?
Was hasst und was liebst du an Social Media? 

Mit dem „Love“-Part meine ich, dass es gut für mich ist, weil Menschen auf der ganzen Welt mich und meine Arbeit sehen können. Soziale Medien sind gratis, sie können die Karriere aufbauen und eröffnen uns unvorhersehbare Möglichkeiten. Ich hasse sie aber auch, weil es mich unglaublich stresst: zu viel, zu schnell, zu viele Informationen. Ich habe das Gefühl, der „Fast Posting Culture“ nachzugeben, was ich nicht muss. Manchmal wird es einfach zu viel. 

 

 

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Hast du dir schon mal eine Welt vorgestellt, in der deine Arbeiten zur Realität werden? Eine, in der Likes, Tags und Headlines tatsächlich auf den Gesichtern der Menschen zu sehen wären?
Wie würdest du über eine solche Welt denken? 

Ich glaube, wir sind davon gar nicht allzu weit entfernt. Das ist ein biss­chen wie im Film „Inception“: Wir gehen an einen Ort wie im Traum, weil die wirkliche Welt für uns nicht mehr länger real ist. So wie in dem Konflikt Internet vs. wahres Leben: Was ist da realer?
Der Ort, an dem wir jeden Tag die meiste Zeit verbringen. Der einzige Unterschied ist, dass ich im realen Leben noch essen muss. 

Glaubst du, dass wir durch unseren Ruhm in den sozialen Medien an­nehmen, mehr Recht auf Liebe zu haben? Manchmal scheinen wir Bestätigung nur dadurch zu erhalten, dass wir auf Instagram beliebt sind. 

Nein, definitiv nicht. Ich habe 142k Follower und hab mich bei meiner Mutter ausgeheult, weil ich mich so einsam fühlte, dass ich mich selbst umbringen wollte. Alles findet nur im Internet statt: Follower können dich nicht umarmen, sie können dich nicht berühren… traurig, haha.

Ich habe immer ein Problem damit, mich als richtige Künstlerin zu bezeichnen. Ich fühle mich noch immer nicht qualifiziert genug dafür, dass Menschen mich so nennen.

Die Kollaboration mit Gucci wurde als eines der Highlights deiner bisherigen Karriere beschrieben. Siehst du einen Widerspruch darin, mit großen Marken zusammenzuarbeiten und gleichzeitig deine Identität als unabhängige Künstlerin zu bewahren? 

Ich habe immer ein Problem damit, mich als richtige Künstlerin zu bezeichnen. Ich fühle mich noch immer nicht qualifiziert genug dafür, dass Menschen mich so nennen. Ich weiß die meiste Zeit nicht, wer ich bin, und glaube, was ich mache, ist eine neue Art von Beruf. In der Zusammenarbeit mit einer großen Marke sehe ich keinen Widerspruch, weil ich Mode liebe. Ich habe einen Abschluss in Modedesign und liebe Gucci. Für mich ist es einfach Glück, meinen Beruf mit dem zu kombinieren, was ich liebe, und das gefällt mir. Und ich will gar nicht superreich damit werden, aber ich muss arbeiten und bezahlt werden, um zu leben. 

 

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Wie fühlst du dich, wenn User unter dem Gedanken von „Social Sharing“ deine Arbeiten posten, ohne dich als Quelle zu nennen? Macht es einen Unterschied, wenn eine Privatperson oder ein Medium etwas postet?

Mittlerweile habe ich damit nicht mehr so ein Problem. Quellen sind im Internet schwierig nachzuvollziehen. Einen Credit zu haben ist aber natürlich immer besser. Ich hoffe, dass Menschen bald gar keinen mehr brauchen, um meine Arbeit zu erkennen. Das ist mein Ziel. Bei der russischen Ausgabe der „Glamour“ war die Situation anders: Sie haben auf einem Cover meine Arbeit klar kopiert und erst auf Nachfrage meinen Credit angegeben. Die russische „Glamour“ ist eine kommer­zielle Platt­form. Sie haben gesagt, es sei ein „Tribut“ an mich, haben mich in der ganzen Ausgabe aber lediglich in zwei Sätzen erwähnt. Ist der Maßstab dieses Tributs dann so groß, dass sie meine Idee klauen und daraus Geld machen? Das ist für mich respektlos. Sie haben mich sehr schlecht behandelt und mir nach alldem lediglich eine „Zusammenarbeit“ angeboten. Ich war sprachlos. Aber ich habe es aufgegeben, dagegen anzukämpfen, weil mir klar wurde, dass ich damit meine Zeit verschwende. Während ich etwas Neues schaffe, werden sie weiterhin die Kreativität anderer kopieren und hässliches Second-Hand-Zeug produzieren.  

Ich bin so verloren. Ich habe keine Ahnung, was ich gerade tue. Ich bin müde. Ich bin leer. Ich bin traurig.

Denkst du manchmal darüber nach, dass du mit deiner Arbeit ja unweigerlich zur „Asian Representation“ beiträgst? Oder spielt dein ethnischer Hintergrund keine Rolle in deiner Kunst? Du hast davon gesprochen, dass in Taiwan viele Talente zu Hause sind, es für sie aber nicht genügend Möglichkeiten und Angebote gibt.

Darüber denke ich sehr viel nach, seit ich nach New York gezogen bin. Ich bin da zwiegespalten, manchmal denke ich, dass ich tatsächlich dazu beitrage. Aber dann zweifle ich wieder, weil ich dann denke, dass ich manche Jobs nur bekomme, weil ich Asiatin bin. Bin ich gut oder einzigartig genug, indem ich einfach nur ich bin?Ob mein ethnischer Hintergrund eine Rolle in Bezug auf meine Arbeit spielt, hängt davon ab, wo ich bin. In Asien sagt niemand „von einer asiatischen Künstlerin“, sondern betont vielleicht, dass ich eine Frau bin. Weil wir hier in den USA aber nicht die Mehrheit sind, ist die Bezeichnung „Asiatin“ noch immer der Hauptfokus. Denke ich jedenfalls. Ich würde das auch gerne wissen. Und ja, beim Thema Kunst tut mir die Jugend in Taiwan leid. Ich glaube, wir sind alle ziemlich traurig über den Mangel an Möglichkeiten, und keiner weiß, was man wirklich ändern soll. 

 

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Wovon bist du gerade ganz grundsätzlich besessen? Es kann etwas Materialistisches, Digitales oder einfach Psychologisches sein. 

Ganz klar irgendwas Psychologisches. Ich bin so verloren. Ich habe keine Ahnung, was ich gerade tue. Ich bin müde. Ich bin leer. Ich bin traurig. Ich arbeite sehr hart daran, mich selbst am Leben zu erhalten. 

In einem Interview vom letzten Jahr hast du gesagt, dass eines deiner Ziele wäre, eine eigene Ausstellung für deine Arbeiten zu bekommen. Im Februar 2018 hast du dieses Ziel mit „The New Gen: John Yuyi“ in der New Yorker „Art Vacancy“ erreicht. Was ist dein nächstes Ziel? 

Ohne schlechtes Gewissen zu entspannen. Ich will die einfache Freude an der Arbeit wiederfinden. Und die bloße Zufriedenheit in mir selbst. Mein Lebensziel ist, jemanden zu finden, den ich liebe und mit dem ich glücklich zusammenleben kann. 

 

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