Peggin‘ For More – Lasst mal mehr über Pegging sprechen!

Foto: Deon Black/pexels
Wenn ein Mensch einen anderen per Strap-on-Dildo penetriert, heißt das meist Pegging, und ist im Gespräch von WG-Party bis Sexkolumne. Cara Delevingne sagt außerdem, sie wolle mit Pegging das Patriarchat penetrieren – und löst damit andere Kontroversen aus als gedacht. Zeit also, noch einmal ausführlich über Pegging zu reden. Oder: Ein Peg-Talk.

Seit Jahren sprechen wir über Pegging. Oder doch nicht? Na ja, der Eindruck könnte zumindest entstehen. Immer wieder landet das Thema rund um die Penetration per Strap-on im Fokus von Erfahrungsberichten und Sexkolumnen. Die sind manchmal mehr, mal weniger reflektiert geschrieben. In letzterem Fall klingt das dann ähnlich wie Tuschelthemen à la „Finger im Po” unter Freund*innengruppen. Es muss aber kein Finger sein: „Pegging” beschreibt die sexuelle Praktik, bei der eine Person von einer*einem Partner*in durch einen Strap-on (Umschnalldildo) anal penetriert wird. In den meisten Fällen wird der Begriff verwendet, wenn eine cis Frau den Strap-on trägt und einen cis Mann penetriert, oft in einer heterosexuellen Verbindung. Im Sexleben von queeren oder LGBTQIA+ Menschen sollen Dildos und Co ohnehin ja schon mehr Verwendung finden – dem Klischee nach. Allgemein könnte das Thema Pegging in Schlafzimmern aber ein deutlich weiter verbreiteter Standard sein, als Mensch vielleicht vermutet. Und trotzdem können wir noch offener drüber sprechen.

Pegging und anale Stimulation als Thema auf der WG-Party?

Wenn wir das bisher tun, dann meist über die Penetration von heterosexuellen cis Männern. Was ist zum Beispiel einer der Tricks von Sexarbeiterin Belle in der 2000er-Serie „Secret Diaries of a Call Girl”? Wieder mal ein Finger im Anus ihrer Klienten. Soweit, so unrevolutionär denken vielleicht manche, geht es hier ja um ein erstes „Level” von Anal und nicht um den Umgang mit Sextoys oder Pegging. Aber auch darüber hinaus hörte Mensch auf so mancher Party vielleicht schon Gespräche, in denen cis Hetero-Männer das Thema ihrer eigenen analen Stimulation offen besprechen. Die Marke Satisfyer und der Sexshop Eis.de befragten im August 2021 außerdem 2.333 sich als männlich identifizierende Kunden zu ihren Wünschen in Sachen Sex und Toys. 35% der Teilnehmer gaben an, Interesse an Analtoys zu haben (eine sexuelle Orientierung ist nicht genannt). Super, denkt sich der sexpositive Geist, und möchte das Buch der Stigmata schließen, nach denen anal empfangender Sex noch immer degradierende oder überholte Stereotype innewohnen. Dann kommen Dior und Cara Delevingne.

 

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„Peg The Patriarchy” steht auf dem Bustier-Korsagen-Crossover aus dem französischen Modehaus, das Model Delevingne in diesem Jahr zur Met Gala trägt. Vermitteln soll der Slogan ein „Fuck” ans Patriarchat. Es ginge um weibliche Bestärkung und Gleichberechtigung, erklärt sie in einem Interview. Peg the patriarchy hieße „to stick it to the man”, also dem Mann eins reindrücken. Die Reaktionen auf Delevingnes Outfits sind zweierlei Online-Kontroversen. Die erste formuliert ein*e Insta-User*in so: „Pegging ist doch gar kein Diss”. Soll heißen: Warum nicht klar fordern, das Patriarchat zu stürzen, abzuschaffen, sondern ihm am Ende noch den Anus stimulieren? Delevingnes Statement könne sogar noch das Stereotyp forcieren, dass analer Sex schlecht oder erniedrigend sei und demnach dem Patriarchat zu wünschen, heißt es im Netz.

Das Dilemma mit Dior und Delevingne

Die zweite Kontroverse spinnt sich um den fehlenden Credit und Kontext ihres Outfits. Dafür benötigt es kurz der Geschichte von „Pegging” als Begriff: Etabliert wurde „Pegging” vom Sex-Kolumnisten Dan Savage schon 2001, der seine Leser*innen zwischen drei Begriffen abstimmen ließ, die die Penetration mit dem umgeschnallten Dildo beschreiben sollten. Die Kolleg*innen von der Plattform „them verweisen außerdem auf das Essay „Pegging And the Hetereosexualization of Anal Sex” von Dr. Jade Aguilar. Demzufolge würde Pegging genau deswegen oft als heterosexueller Akt bezeichnet, damit unsichere Heteros mit einem Begriff beruhigt würden könnten. Ein solcher Rahmen würde Menschen von Natur aus in binäre Geschlechterkategorien einteilen. Historisch steht die Praxis von Pegging-ähnlichen Praktiken noch länger, wenn auch ohne Strap-on. In einem Erfahrungsbericht über Pegging in einer cis Beziehung stellt das Missy-Magazin aktuell eine Verbindung zum Liebestoy „Olisbos” her, dass schon die alten Griechen als Vorläufer des Dildos benutzt haben sollen.

Es muss nicht immer ein Strap-on sein: Wer sich erst an Pegging rantastet, fängt vielleicht mit klassischen Dildos oder Analplugs an. Foto: Anna Shvets/pexels

Exkurs: Hier hat Pegging nichts mit Analsex zu tun

„Peg The Patriarchy” aber ist etwas anderes. Der Begriff geht auf die kanadische Pleasure-Coach Luna Matatas zurück. 2015 erfand sie nach eigener Angabe den Terminus, verkauft seitdem T-Shirts und Merch mit den drei Worten. 2018 ließ sie sich den Begriff in Kanada schützen. Als Queere Schwarze Frau ist Matatas‘ Verständnis und Kontext des Slogans ist jedoch eines, das nichts mit der Abwertung von Analsex zu tun hat. Oder überhaupt mit Sex. Es ginge vielmehr „um die Umkehrung eines Unterdrückungssystems, das alle Geschlechter betrifft und durch die Verhaltensweisen und Ideen der kolonialen Männlichkeit aufrechterhalten wird”, schreibt Matatas im Juli auf Instagram. Das Patriarchat habe kein Geschlecht, aber es betreffe alle Gender. Weiter schreibt sie: „Peg the Patriarchy verwendet zwar eine sexuelle Metapher, wie Pegging, aber es geht nicht um Sex. Wenn wir die heimtückischen und unbewussten Werte des Patriarchats, die Geschlechterhierarchie und die Entmenschlichung von Körpern, die als minderwertig angesehen werden, aus dem Weg räumen, kommen wir der Befreiung des Körpers näher. (…) Ich bin nicht an Gleichheit im Patriarchat interessiert, sondern an einem System, das auf Gleichheit beruht.” Es gehe nicht um einen analen Sexualakt, und nicht um Männer, schreibt Matatas in einem weiteren Post zur Delevingne-Debatte.

 

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Wohin die Pegging-Reise geht

So viel zu Patriarchats-Pegging und non-sexuellen Kontexten. Nun aber zurück zur tatsächlich sexuellen Bedeutung. Immer wieder erscheinen Berichte, in denen cis Frauen von ihren Erfahrungen als penetrierender Sex-Part erzählen. Im hierunter verlinkten Beitrag beschäftigte sich die Redaktion von Deutschlandfunk Nova im letzten Sommer ausführlich mit dem Thema und befragte dazu Privatpersonen sowie die Gründerin eines sexpositiven Kollektiv-Sexshops, die auch als Sexualpädagogin arbeitet. Ein Punkt dieses und anderer Beiträge: Auch wenn Pegging oft im Bezug auf cishetero-Konstellationen besprochen wird, steht der Einsatz von Dildos, Analplugs etc. wie anfangs genannt vor allem mit lesbischem, schwulem oder queerem Sex in Verbindung. Dabei sind sie hier in keinem Fall ein Standard, nur darauf limitiert oder eben immer Teil von Sexpraktiken aller queeren und LGBTQIA+ Menschen. Pegging und Penetration bleiben genauso wenig verpflichtender Teil von queerem Sexleben, wie sie es auch für Heteros und cis Menschen nicht sind. Niemand muss sich ficken lassen, niemand muss ficken.

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Anatomische Ausblicke

Aber Mensch kann, ohne Entblößung, Ekel, Entmännlichung, Degradierung und so weiter. Wer will, tastet sich vielleicht langsam ran, oder fängt erst einmal alleine an. Finger, Analplugs, Dildos, es muss kein Strap-on sein. Das wichtigste Mittel bleibt sowieso ausreichend Gleitgel! Und ein bisschen Info über Hygiene, falls die jemandem Sorgen bereitet. Und: Eine offene, vorsichtige und einfühlsame Kommunikation mit dem Gegenüber. Eine klare Erkenntnis darüber, wie sehr Pegging nun wirklich in der Mitte eines gesellschaftlichen Sex-Diskurses angekommen ist und auch verstanden wird, bleibt wohl WG-Partys, Gesprächen unter Freund*innen und Communities überlassen. Natürlich sind Fernsehserien oder die Anekdoten von ein paar Hetero-Dudes auf einer Party niemals repräsentativ. Vielleicht braucht es für eine Entstigmatisierung also nicht nur mehr dieser Gespräche um die Konnotationen des Pegging. Vielleicht braucht es vielmehr ein anatomisches Update über die tatsächlich stimulierenden Effekte von analer Penetration. Auch und gerade bei Menschen, die selbst einen Penis haben. Und wenn’s nur dafür gut ist, damit das Patriarchat demnächst mit klareren Worten bekämpft werden kann.

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