Tommy Cash im Interview: Welcome To The Tommy Life

Tommy Cash Rapper Estland Fashion Shooting Streetwear
Attention, Musikstatus aus Estland: Trap ist Pop, Pop ist schlecht und Tommy macht Cash. Mit seinem ersten Album hat der estnische Rapper Tommy Cash die Feindeslager aus Hip-Hop und Dance-Pop auf beste Weise verwirrt – und doch vereint. In Berlin treffen wir ihn auf dem Hotelflur für ein Suchspiel über Snoop Doggs Joints, amerikanische PR-Skandale und unsere Zukunft ohne Körper. 

Text: Robin Micha // Fotos: Bartosz Ludwinski
Produktion & Styling: Anna Baur // Grooming: Kristin Belger

Tommy Cash, Rapper, Estland
Shorts und Socken/ Yourturn

Tommy Cash feiert Rapper und zwar die klassischen: goldene Gangster-Kette, Macho-Vibes, fette Beats, dicke Autos. Tommy Cash lebt aber auch Ironie, vor allem weil er selbst diesem Vibe nicht ferner sein könnte. Nicht nur, dass der Estländer mit seinen dünnen Haaren und dem schmalen Schnauzer überhaupt nicht dem Stereotyp eines Rappers entspricht, auch seine Einstellungen passen eigentlich nicht zu Klischees à la „Pussy Money Weed“, wie einer seiner Songtitel beschreibt. Unter den Rap-Superstars unserer Zeit ist Tommy Cash so etwas wie der Klassenclown, der eigentlich nur sein Ding durchziehen will, ein bisschen die Rap-Kultur aufs Korn nimmt und trotzdem ernst zu nehmen ist. Sein Mix aus Lyrics über Döner und der Sound-Salat aus Hip-Hop, Techno, Pop und Dance (oder auch mal einem Sample von Enyas Emo-Ballade „Only Time“) schafft eine eigene Ecke, in der Tommy als Künstler aus dem Osten gerade fast alleine steht. Seit seinem ersten Album „Euroz Dollaz Yeniz“ sind vier Jahre vergangen. Bestandsaufnahme: Tommy Cash ist noch immer ein Wild Mind. Kein Wunder also, dass er bei unserem Shooting in Berlin mal eben mit Döner im Kleiderschrank posiert („Why have abs when you can have kebabs?“), sich spontan den Putzwagen schnappt oder sich mit Klopapier mumifizieren lässt. Bei Tommy Cash zünden neue Ideen im Sekundentakt, inspiriert von einem endlosen Stream aus verschiedensten Einflüssen. Ist ja klar, dass unser Gespräch von Charakteren wie 50 Cent bis Marina Abramovic reicht. Angefangen hat aber alles mit Snoop Dogg.

Wenn du nach deiner Heimat Estland gefragt wirst, welche Geschichte erzählst du immer als erstes?

Es gibt eine, die ich eigentlich nie erzähle: Als ich so ungefähr 16 war, war ich bei einem Snoop-Dogg-Konzert. Er hat mit seiner Band ziemlich fette Joints auf der Bühne geraucht und einen davon in die Menge geworfen – der ist genau vor mir gelandet. Ich hab also Snoop Doggs Blunt geraucht! All meine Rap-Kräfte kommen daher.

Hast du den Joint als Andenken behalten?

Nein, ich war mit meiner Gang dort und hab ihn natürlich weitergereicht. Alle haben sich so krass gefreut. Für Leute aus dem Osten sind amerikanische Rapper wie Ferrari, vielleicht sogar mehr.

Du selbst hast gesagt, du möchtest mal “Kanye East” werden, der West des Ostens also. Wenn du Kanye als Vorbild hast, was sollten die Leute später mal an die bewundern?

Keine Ahnung, ich halte mich ja immer noch für Trash. Ich fühle mich nicht, als hätte ich schon meinen „Mona Lisa“-Moment gehabt. Eigentlich ist es so, als hätte ich gerade erst angefangen – und jetzt wird die Scheiße gerade erst real. Ich bin wie Demna, nur dass ich Vetements noch nicht erfunden habe. Manche mögen mein Artwork, manche das Osteuropa-Ding. Ich hab das Gefühl, dass ich da der Einzige bin, der die Rap-Sache mit echter Unterstützung aus dem Osten durchzieht. Ich lasse mir keine Dreads wachsen oder versuche, auf Bildern wie amerikanische Rapper auszusehen.

Wie würdest du deinen Stil dann zusammen fassen?

Ich bekomme viel Aufmerksamkeit, wenn ich sage, dass ich Kanye East sein möchte, und es ist vermutlich ebenso relevant, wenn Menschen meinen Stil Post-Sowjet-Rap nennen. Klingt ganz lustig, auf eine gewisse Art und Weise ist es das auch. Ich nenne meinen Style aber gerne Gallery Rap, weil ich ja viele Kunstelemente verwende.

Du hast auch eine eigene Mode-Kollektion entworfen. Wen hattest du als Kunden im Kopf?

Ehrlich gesagt hab ich da an niemanden gedacht. Für mich war das wie für einen jungen Typen, der seine Jungfräulichkeit verliert. Du hast eine Ahnung, was du machst, bist verwirrt, und dann denkst du: „Oh Shit, das war super, ich will das noch mal machen!“ Ich bin mit Leidenschaft an die Idee gegangen und hatte echt keine Ahnung, wer das mal tragen soll.

 

Ich ich schob mal Diskriminierung erlebt habe? Na klar, ich bin halt hässlich!

 

Lief aber dann ganz gut, oder?

Total! Zwei Wochen, nachdem die Kollektion raus war, hat mich die „Vogue“ angehauen. Sie haben dann so was geschrieben wie „Kanye East: Estnischer Rapper verarscht amerikanische Kultur…“

In einem anderen Interview hast du über Gosha Rubchinskiy gesprochen und darüber, dass du ihn schon vor dem großen Hype um ihn kanntest. Du hast damals gesagt, dass du seinen Eastern Vibe magst. Wie kommt der für dich in der Kleidung rüber?

Tommy Cash, Rapper, Estland
Jacke und Socken/ Yourturn

Schwierig. Für mich bedeutet Eastern Vibe, total man selbst zu sein. Ich weiß nicht, wie das in Deutschland ist, aber in Russland versteckt man beispielsweise nicht, wenn Dinge scheiße sind. Wenn etwas beschissen aussieht, versucht man nicht, es zu verheimlichen. Wir aus dem Osten sind ehrlicher. Der gesamte Vibe ist auf jeden Fall ziemlich shitty, schlechte Qualität und so, oft ist es aber so schlecht, dass es schon wieder gut ist. Bei manchen Designs denkt man sich: „Was hast du dir dabei gedacht?“ Aber es sieht dope aus.

Du bist vor allem für deine visuell starken Musikvideos bekannt. Da sehen wir nackte Hintern, körperlich behinderte Menschen und so weiter. Wo sind deine Grenzen?

Ich bin kein Fan von Gewalt, Mobbing, Shaming oder sonst wie schlechtem Verhalten gegenüber Frauen oder Kindern. Es kommt aber auch darauf an, wie man die Dinge darstellt. Es gibt immer eine Möglichkeit, neues Licht auf etwas zu werfen.

Also bewegst du dich ziemlich innerhalb der moralischen Grenzen.

Ja. Beim Video zu „Pussy Money Weed“ gab’s trotzdem Probleme mit der US-amerikanischen PR. Könnt ihr euch das vorstellen? Wir arbeiten ein halbes Jahr an einem Video und die sagen einfach Nein.

Was war da los?

Es gibt im Video ein Mädchen, das keine Beine hat – das wollten sie nicht. Also mussten wir ihr Schienen anfertigen lassen. Wir haben einen Monat dafür gebraucht, ein Konzept zu entwickeln und die Dinger produzieren zu lassen. Die Amis hatten einfach Angst vor Backlash, obwohl es vielleicht eine 0,1-prozentige Chance gegeben hätte, dass sich Leute beschweren. Dabei geht es doch um Positivity: Es gibt Leute, die die Videos kommentieren, weil sie sich repräsentiert fühlen, allein schon wenn jemand im Rollstuhl mit dabei ist. Es geht darum, diese Menschen zu verkörpern und zu zeigen, dass sie supertalentiert sind, ganz nach dem Motto „Wie fucking funktioniert das?“. Der Director’s Cut wäre also ein Video ohne Beine.

Hast du selbst mal Diskriminierung erlebt?

Na klar, ich bin halt hässlich! Ich war ja zum Beispiel im „Boys“-Video von Charli XCX und bin verdammt noch mal der hässlichste Typ von allen. Ich hab mich totgelacht. Aber ich war auch schon immer gegen diese glattgebügelten Popstars. Bei ihnen verschwindet das Leben aus dem Menschen. Igitt, ihr seid so glatt.

Deinen so gar nicht glatten Hit  „Winaloto“ hast du innerhalb von 15 Minuten in deinem Wohnzimmer aufgenommen. Glaubst du, dass in Zukunft alle Songs so entstehen werden?

Nein, ich glaube, dass das jetzt gerade der Zeitgeist ist. Trap ist der neue Pop und Pop ist gerade ziemlich whack. Taylor Swift kämpft gegen die Gang um Migos, Drake und Cardi B. Ich bin aber sicher, dass wir unseren Cloud-Rap-Höhepunkt sehr bald erreichen werden. Eine Sache finde ich ziemlich witzig: Da gibt es diesen deutschen Künstler 70 71 Gzuz mit seinem typischen Rapper-Macho-Image. Vor einer Woche hab ich sein Musikvideo gesehen – und das hat sich für mich schon fast frisch angefühlt! Im Trap hören sich gerade alle gleich an. Alle sind ein bisschen androgyn, feminin, sie spielen damit, ob sie nun schwul sind oder nicht, alles gleicht sich. Und dann hört man wiederum so jemanden wie Gzuz in dem Stil, wie es eben sein sollte. Ich kann den Punkt kaum erwarten, an dem die Leute denken: „Shit, wir brauchen einen neuen 50 Cent.“

Dein Video für “Puy Money Weed” wurde mal als “Dystopisches Universum” bezeichnet. Hat du eine Vision für eine Dystopie, also eine Welt,  in der alles schlecht ist, oder für eine Utopie, in der alles gut ist?

Dystopie ist alles, was das Video zu „Pussy Money Weed“ zeigt, und Utopie wäre, wenn wir ins Internet übersiedeln würden. Wir könnten in Instagram-Feeds leben, durch den Facebook-Wald rennen und alles „echt“ erleben. Wir haben als Menschen ja schon überall gelebt und jetzt leben wir eben immer mehr im Internet. Warum ist es also nicht möglich, dass wir plötzlich auf alles scheißen, unseren Körper verlassen und in die Matrix gehen? Es wäre so logisch! Wir bewegen uns doch schon in die Richtung. Hätten wir die Möglichkeit, einfach rüberzuspringen, wir würden es tun.

Tommy Cash, Rapper, Estland
Links: Socken / Yourturn; Rechts: Hoodie, Unterhemd und Socken/ Yourturn

Der nächste Schritt wären dafür ja vermutlich erst mal Hologramme –die gabs ja auch schon bei Konzerten, zum Beispiel von verstorbenen Performern.

Ja. Oder wir werden geboren und wissen gar nicht, dass wir nicht wirklich geboren sind, sondern nur im Internet existieren – versteht ihr, was ich meine? Egal, jedenfalls wäre es geil, weil jeder einen Fuck aufs Existieren gibt. Es wäre wie „GTA“! Du stirbst, kriegst fünf Sterne, stehst wieder auf, kriegst noch mal fünf Sterne, und denkst dir: „Amazing!“

Du hast mal die Künstlerin Marina Abramovic wie folgt zitiert: “Ein guter Künstler hat eine Idee, ein Genie hat zwei”. Was ist gerade deine zweite Idee?

Ich glaube, die ist noch nicht draußen. Marina hat aber trotzdem recht. Noch mal zu Kanye: Er ist so cool, weil er sich immer wieder neu erfunden hat. Das ist besonders, weil die Menschen sich sonst ständig wiederholen: Man findet eine Formel, die zum Erfolg führt, und dann benutzt man sie immer wieder. Für mich muss ein Künstler aber ausprobieren und scheitern und zwar oft. Ein Künstler muss in der Dunkelheit mit seinen Ängsten spielen. Ein Künstler muss riskieren.

 

In Zusammenarbeit mit Yourturn.

Vielen Dank an das Amano Hotel Berlin. 

 

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