Eine Ode an die Periode: Let‘s Talk About Blood, Baby

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Wir haben fünf Frauen getroffen und gefragt: Warum lernen wir nicht nur unseren Body, sondern auch unsere Periode lieben?

Fotos: Joana C. Schröder

Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, bis in die Morgenstunden tanzen, verspätet zum Yoga-Unterricht auftauchen, sich auf ein spontanes Tinder-Date einlassen oder mit der Familie den höchsten Berg auf Skiern runterfahren – immer wenn das Gefühl einsetzt, unstoppable zu sein, kommt das böse Erwachen in Form von PMS und den gewohnten Anzeichen: Monsterpickel, Blähungen, Krämpfe. Die daraus folgende Regelblutung ist nicht das Schlimme – „pfuu, nicht schwanger!“ –, sondern das leicht schamvolle Unwohlsein, das uns tagelang begleitet. Weil wir eine halbe Stunde vor Arbeitsschluss zur Apotheke hetzen, um Dolormin zu besorgen; weil wir bei der wilden Party Angst haben, den Tampon auf der dreckigen Clubtoilette zu wechseln; weil wir mit den schlimmsten Krämpfen kämpfen; weil wir beim Einkauf von Binden immer noch leicht erröten; weil wir unseren aufgeblähten Körper durch die Gegend schleppen; weil die Wärmflasche zum wichtigsten Begleiter wird. Dabei wollen wir ei­gent­lich nur funktionieren und als die emanzipierte Frau, die wir zu sein versuchen, den eigenen Körper in den Griff bekommen. Stattdessen er­in­nert er uns jeden Monat daran, dass die Natur stärker ist, und wir verlieren den Kampf. Und viel Blut. Eine Körperflüssigkeit mit Signalfarbe, die Bettbezüge für immer zerstören kann und für die wir uns jeden Monat aufs Neue schämen.

Warum reden wir die eigene Periode klein?

Warum lässt sich das Scham­gefühl nicht mit einer App, einem Filter oder mit der „Entf“-Taste abstellen? Frauen werden weltweit aufgrund ihrer Menstruation immer noch diskriminiert. Instagram löscht Menstruationsbilder, weil sie nicht den Richtlinien der Insta-Community entsprechen. Sexualisierte Selfies dagegen schon. Viele reagieren allergisch auf das Thema Menstruation. Und die meisten dieser Allergiker sind Frauen selbst. Wir haben fünf Frauen getroffen und nach ihren Erfahrungen gefragt. Der Strug­gle ist so real.

Mia, 24, Hamburg

“Ich habe angefangen, über Menstruation zu sprechen, als ich durch Magazine wie das ,Rookie Mag‘ das Gefühl bekommen habe, dass es gut ist, die Periode zu thematisieren. Es war die Zeit, in der ich mich mit Feminismus beschäftigt habe. Die Menstruation gehörte selbstverständlich dazu. Es war so, als müsste ich all die Jahre des Schweigens nachholen – ich habe angefangen, mit allen über das Thema zu reden. Irgendwann wurde es zu viel, aber ich musste das machen! Frauen wie ­Pe­tra Collins, ihre Follower und ihre Community haben mir gezeigt, dass man anhand von Kunst Tabuthemen brechen kann. Oder eben, indem man im Alltag anfängt, sich über Tabuthemen auszutauschen. Ich kenne genug Frauen, die sich dafür schämen, über ihre eigene Periode zu sprechen. Meistens ist ihre Argumentation, dass sie keinen Zweck darin sehen. Dabei geht es um uns, um unsere Körper! Ich beobachte es oft in den sozialen Medien. Die Marke Cute Fruit hat zum Beispiel Unterhosen gemacht, auf denen man auf Trumps Gesicht bluten kann. Auf Instagram waren die Reaktionen sehr un­terschiedlich; viele Frauen fanden die Idee cool, an­dere fanden es eklig. Mir geht es ähnlich. Ich finde die Idee gut, würde mir die Unterhose aber nicht kaufen. Gerade an der Stelle würde ich ungern das Gesicht von Donald Trump haben wollen. Aber darum geht es im Endeffekt auch gar nicht! Es geht darum, dass die Girls von Cute Fruit eine innovative Art gefunden haben, das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen.“

Kristina, 27, Berlin

„Wenn ich an meine Periode denke, muss ich an eine Situation denken: Es war beim Schulschwimmen. Ich war circa 13 Jahre alt und wusste noch nicht, wie mein Zyklus ist. Ich stand in einer Reihe mit den anderen, als ich auf einmal merkte, dass Flüssigkeit mein Bein hinunterfloss. Ich dachte erst, es wäre Wasser von der Dusche, merkte aber beim Runterschauen, dass es Blut war. Mein Sportlehrer schaute mich erschrocken an und seine nächste Reaktion war, die Bademeisterin zu rufen. Meine Mitschüler riefen: ,Iiiiiiih!‘ Mir war das so peinlich – ich hatte einen ganz heißen, hochroten Kopf und dazu noch das Blut, das mir an den Beinen runterlief. Die kräftige Bademeisterin ließ sich davon nicht beeindrucken und sagte: ,Mäuselein, komm mal mit, wir regeln das mal schnell.‘ Mein Kopf hörte nicht auf zu rattern, ich dachte: ,Das war‘s!‘ Ich stellte mir schon vor, wie mich meine Klassenkameraden verarschen werden: ,Kristina, die, die aus der Muschi blutet!‘ In der Umkleide hat sie mir dann alles gegeben, was ich gebraucht habe. Ich habe es dankend angenommen und sie meinte dann zu mir: ,Dafür brauchst du dich gar nicht zu schämen. Weißt du, wie oft das hier passiert? Jede Woche mindestens zweimal! Ihr Mädels, ihr wisst es einfach nicht besser.‘ Irgendwie hat sie mich damit beruhigt. Diese große, kräftige Frau hat mir gezeigt, dass ich nicht ein anormales Wesen bin, nur weil ich blute. Aber sie hatte recht, wir Mädels, wir wissen es einfach nicht besser. Ich habe mich geschämt, weiß aber nicht warum. Ich musste darüber nachdenken, dass ich jetzt eine Frau bin. So wurde es mir zumindest gesagt: ,Du hast jetzt deine Tage, jetzt bist du eine Frau.‘ Aber in diesem Moment in dem Schwimmbad habe ich mich nicht wie eine Frau gefühlt.“

Lara, 27, Hamburg

„2015 hatte ich eine Affäre mit einem Typen, den ich über die Dating-App Tinder kennenlernte. Er hat in Berlin gewohnt und ich bin am Wochenende oft zu ihm gefahren, weil ich meine ganze Freizeit am liebsten in seinem Bett verbracht habe. Leider hatte ich genau an einem die­ser ma­gischen Wochenenden eine Zwischenblutung. Als ich das einer Be­kann­ten erzählte, empfahl sie mir, einen dieser herzförmigen, schwammähnlichen Tampons zu benutzen. Diesen pinken Soft-Tampon kann man auch während des Sex drin lassen. Ich bin sofort zur Drogerie gerannt und habe mir einen besorgt. Als ich ihn einführte, habe ich mir keine Gedanken gemacht. Meine Mutter meinte nämlich zu mir, es sei egal, wie weit ein Tampon hineinrutscht – man könne ihn immer mit den ei­genen Fingern wieder herausbekommen. Also dachte ich, ich bekäme auch einen Soft-Tampon nach dem Sex wieder raus. Ich bin am Freitag nach Berlin gefahren, hatte meine wilde Nacht und am Samstagmorgen konnte ich diesen schon nicht mehr fühlen. Meine Vagina war extrem sensibel. Ich wusste gar nicht mehr, was ich genau beim Antasten gefühlt habe. Ich habe den Soft-Tampon einfach nicht mehr gefunden. Ich bin am Montag dann zu meiner Frauenärztin gegangen. Als sie den Soft-Tampon endlich rausholte, hatte ich ihn schon zwei Tage drin, er war mit Blut getränkt und roch stark. Meine Frauenärztin hat übertrieben reagiert, weil der Geruch intensiv war. Es war unprofessionell von ihr. Ich habe mich sehr geärgert, weil ich diesen Tampon nur aus einem Grund gekauft habe: Ich wollte einfach nur funktionieren.“

Melanie, 40, Hamburg

„Ich habe meine Tage relativ früh bekommen, ich kann mich noch genau daran erinnern. Es muss Ende der 80er gewesen sein, weil ich meine knielange pinke Shorts mit Smileys anhatte. Dieser Moment ist so intensiv in mein Gehirn gebrannt. Ich war zwölf Jahre alt und war die Erste in meiner Klasse, die ihre Tage bekommen hatte. Ich saß im Klassenzimmer und hatte überhaupt nicht damit gerechnet – in dem Alter hat man wirklich nicht darüber nachgedacht und noch weniger darüber geredet. Als ich merkte, dass sich irgendwas anders anfühlt, bin ich aufgestanden und zur Toilette gerannt. Dort habe ich mich eingesperrt und erst mal versucht zu verstehen, was mit mir passierte. Meine pinke Shorts war voller Blut. Alles war voller Blut. Es war furchtbar. Ich wusste nicht, was ich ma­chen sollte. Ich war schockiert. Als ich mich beruhigte, fing ich an, mei­ne Unterhose mit dem rauen Schulklopapier auszustopfen. Ich habe mich sehr geschämt und niemandem davon erzählt. Nicht meiner Mutter, nicht meiner Tante und auch nicht meinen Klassenkameraden. Aus diesem Grund bin ich heute der Meinung, dass man schon früh anfangen sollte, mit jungen Mädchen darüber zu sprechen, ihnen ihre Menstrua­tion und das Nutzen von Binden und Tampons zu er­klären. In Dänemark ist es üblich, dass man die Mädchen von den Jungs in der Schule trennt, um sie in kleineren Gruppen aufzuklären. Ich würde das gerne mit der von mir gegründeten Non-Profit-Organi­sation Trust The Girls machen – Aufklärung für junge Frauen. Es gibt so vieles, was Frauen über ihren ei­ge­nen Körper nicht wissen und im Biologieunterricht nicht lernen. Das möchte ich ändern.

Marie, 30, Paris

„Ich war in Paris und hatte mich mit einem Typen verabredet. Wir haben zusammen gegessen, Salsa getanzt. Als der Laden um Mitternacht schließen musste, schlug er vor, zu ihm zu fahren. Ich hatte seit zwei Tagen meine Periode und nur noch einen Tampon dabei und wusste nicht, ob wir Sex haben werden oder nicht. Auf dem Weg zur Bahn wollte ich ihn dann fragen, ob er Tampons hat, und sagte: ,Hast du Kondome? Äääh, ich meine Tampons?!‘ Das war mir peinlich, weil ich damit indirekt zugegeben hatte, dass ich erstens Sex mit ihm haben wollte und zweitens meine Tage hatte. Er grinste nur und legte seinen Arm um mich. Als wir bei ihm waren, ging es dann zur Sache. Irgendwann waren wir beide nackt und ich wusste, jetzt kommt der Moment, in dem ich noch schnell zur Toilette rennen muss, um meinen Tampon zu entfernen. Seine Wohnung war eine typische Pariser Studentenwohnung: ein kleines Zimmer im sechsten Stockwerk mit Gemeinschaftstoiletten auf dem Flur. Ich habe überlegt, wie ich es am besten mache, damit er von meiner Verzweiflung nichts mitbekommt. Ich wollte mich gerade he­raus­reden, als er seine Hand ausstreckte und sagte: ,Gib mir doch dei­nen Tampon, ich werfe ihn in den Müll.‘ Ich war perplex und war mir nicht sicher, ob ich vor seinen Augen meinen Tampon rausziehen sollte. Er lächelte mich ermutigend an und meinte: ,Willst du etwa lieber halb nackt in den Flur spazieren, nur um deinen Tampon zu entfernen?‘ Touché. Ich entfernte meinen Tampon zum ersten Mal vor einem Mann, legte ihn in seine Hand und wartete darauf, in seinem Gesicht Ekel zu erkennen. Er warf ihn in den Müll und küsste mich. Bis heute bin ich ihm noch sehr dankbar, dass er mir meine Scham genommen hat. Und auch für den Kuss.“

 

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