Cancel Culture: 7 W-Fragen aus Artikeln über das umstrittene C-Wort

Bild: Morning Brew/Unsplash (modifiziert)
Reden wir über’s (schlechte) Reden: Sind Pandemie, US-Wahlkampf und Katastrophenticker diskutiert, spricht man über Cancel Culture – oder doch andersum? Eine Startübersicht in 7 W-Fragen.

Artikel über Cancel Culture – gerade ploppen sie so schnell auf wie Hasskommentare unter Facebook-Posts. Galten diese Wörter nicht mal als ein „Phänomen”, in dem sich Promis problematische Fehltritte leisten und sich dann per Notiz-App-Statement dafür entschuldigen? Falls ja, ist es längst vorbei damit. Der Begriff Cancel Culture, also das „Absagen” und aktive Ablehnen von Menschen und deren Aussagen, Werken, Handlungen etc., existiert mittlerweile zwar in kulturmedialen Sphären, vielmehr aber noch in politischen. Im vergangenen Monat bezeichnet Donald Trump den Begriff bei einer Rede als „politische Waffe“. Und schon zuvor wurde eifrig diskutiert über Debattenkultur und darüber, wie und wen wir eigentlich kritisieren.

Cancel-Culture-Artikel: Umstrittene Debatte ohne Endpunkt

Wer aber spricht und schreibt eigentlich was über das Reden vom Reden? Was steht im aktuellen Cancel-Culture-Artikel? Eine umfangreiche Übersicht von (journalistischen) Stimmen scheint in diesen Tagen kaum zu entwirren. Was dabei gern mal außen vor bleibt? Die tatsächlichen Inhalte. Zeit, mit sieben W-Fragen Licht ins Dunkel zu bringen. Hier fassen wir einige für euch zusammen.

Was und Wo?

Für wen der Begriff „Cancel Culture” noch ein großes Fragezeichen darstellt, der bemühe sich einer schnellen Definition oder des Anfangs so ziemlich jeder der in diesem Beitrag zitierten Artikel. In vielen Quellen wird der doppelte C-Terminus dort zunächst erklärt, zum Beispiel im Podcast „The Daily” der New York Times. In zwei Folgen ergründet die Redaktion die Entstehungsgeschichte des Begriffsteils „Canceln”. Außerdem leitet der Podcast zu persönlichen Praxiserfahrungen über und beschreibt ein Erlebnis des als progressiv deklarierten Politik-Redakteurs Zeeshan Aleem. Aleem hatte eine dem Begriff Cancel Culture nahekommende Interaktion auf Twitter kritisiert und sich plötzlich als mobilisierte Kraft einer rechten User-Bubble widergefunden.

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Laut „The Daily” liegen die Ursprünge des Begriffs vor ca. 5-6 Jahren auf Black Twitter, der Ausdruck des „canceln” taucht zum Beispiel im Zusammenhang mit der Online-Person Joanne The Scammer auf. Es geht aber auch um prominente und politische Fälle aus dem englischsprachigen Raum, die schon fast ein Synonym für Cancel Culture sind: Kanye West, J.K. Rowling und ein offener Brief, den renommierte Autor*innen im Magazin „Harper’s” zur Debattenkultur publizierten. The Daily beschreibt Cancel Culture als „kulturelle und politische Kraft”. Der Podcast zitiert dazu auch Ex-US-Präsident Barack Obama, der die Idee des schnellen Steinwurfs ebenfalls kritisierte, im Anschluss aber auch selbst für die Reduzierung und eine enge Sicht auf das Thema outgecallt wurde. Cancel Culture kann so gut wie allen sozialen Netzwerken zugeordnet werden, besonders in den USA ist aber vor allem Twitter weiterhin der Ort des Geschehens. Auch in Deutschland wird jedoch nicht nur in alteingesessenen Medien diskutiert, wie der folgende Abschnitt zeigt.

Wann und wer?

Wer cancelt eigentlich wen? Wer ist das Zentrum von Cancel Culture? Und wie wird darüber gesprochen? Debatten um den Begriff verbinden Kultur und Politik besonders, wenn es um Satire geht: Marc Röhlig geht der Frage, wer denn eigentlich von wem gecancelt wird, am Beispiel der kontroversen Kabarettistin Lisa Eckhart und des Comedians Aurel Mertz nach. Eckhart war für ihre antisemitischen und rassistischen Witze kritisiert worden (ein Drama um abgesagte Auftritte inklusive), Mertz zu seinem polizeikritischen Sketch im Zuge der Black Lives Matter Bewegung – von Politikern. Online-User beschuldigten Mertz sogar der „Volksverhetzung”. Röhlig schreibt: „Im Fall der österreichischen Kabarettistin störten sich vor allem linke Kolumnistinnen und Privatpersonen auf Twitter. Im Fall von Aurel waren es Innenpolitiker und konservative Polizeigewerkschafter. Hier die Unmündigen, da die Vorsteher von Institutionen. Die einen mögen über „Cancel Culture“ schreiben – die anderen aber haben die Macht, sie tatsächlich herbeizuführen.” Auch Margarete Stokowski schreibt in ihrer Spiegel-Kolumne von der Schieflage der Gecancellten: „Die Frage ist: Wer wird geschützt, und wer wird verurteilt? Wann gibt es eine Debatte? Die Kabarettistin Idil Baydar bekommt Morddrohungen vom NSU 2.0. Wen juckt das? Gibt es eine Debatte über „Cancel Culture“ von Nazis gegen Baydar? Nein.” Als weiteres Beispiel nennt sie die kontroverse Polizeikritik-Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah, auf die Innenminister Horst Seehofer mit einer Anzeige drohte und auf die Distanzierungstexte aus der eigenen taz-Redaktion folgten.

 

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Kolumne heute kleiner Einführungskurs in Cancel Culture Studies: Was wir wissen, was wir nicht wissen. Der Begriff „Cancel Culture“ ist im Grunde nur ein Rebranding von „man darf ja wohl gar nichts mehr sagen“, faktisch aber gefährlicher, weil ein gewaltbereiter, mächtiger Mob fantasiert wird. Warum „Cancel“, warum „Culture“? Fangen wir von hinten an. „Culture“, okay, muss man nicht erklären. Heißt Kultur und ist Bestandteil des Begriffs „Cancel Culture“, um die Sache wie ein ernsthaftes Phänomen aussehen zu lassen. „Cancel“: Wortwörtlich heißt es „absagen“, „abbrechen“ oder „zurücknehmen“, im Kontext „Cancel Culture“ soll es im engeren Sinne bedeuten, dass die Arbeit oder Anwesenheit einer Person aufgrund von bisherigen Arbeiten, Tätigkeiten oder Aussagen dieser Person von mindestens einer anderen Person mit Twitter/Insta/Tiktok-Account als nicht begrüßenswert empfunden wird. Der Social-Media-Aspekt ist nicht zu vernachlässigen, ansonsten gäbe es keinen Unterschied zu Aussagen wie „Warum soll ich ‚Faust 2‘ lesen, wo ‚Faust 1‘ schon so peinlo war“ oder „Tina is nich mehr meine Freundin, kannst du ihr sagen“, und das wäre nicht wirklich neu. Link zu allen Kolumnen im Bio

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Stokowskis Spiegel-Kollegin Hannah Pilarczyk warnt jedoch davor, zwei klar abtrennbare Lager zu sehen: „Für weite Teile der Cancel-Culture-Kritik braucht es offenbar diese Ungenauigkeiten. Nur durchs Ausklammern von materiellem Gefälle kann der falsche Eindruck von Gegnern auf Augenhöhe und Kämpfen ums Ganze aufrechterhalten werden – statt nur um die Meinungshoheit in den sozialen Medien. Kulturelle Debatten überlagern so Verteilungskämpfe um Macht und Geld.” Ein einschlägiger Begriff wie Cancel Culture suggeriere laut Pilarczyk dort klare Kanten, wo es keine gibt.

In einigen Quellen wird von Cancel Culture außerdem als „Phänomen” besprochen, aber auch diese Bezeichnung bricht den Begriff und seine Hintergründe runter und nimmt ihm Komplexität. Statt zu überzeugen, wolle Cancel Culture den Gegner strafen, schreibt Isolde Charim in der taz zum Vergleich von alten und neuen liberalen Idealen: „Statt um Auseinandersetzung geht es ums Stummstellen, um den Ausschluss aus dem öffentlichen Raum. Statt auf Vernunft setzt [Cancel Culture] auf Moral und Empörung. Das ist ein anderer Antrieb. Kurzum: Während es dem alten Liberalismus um Streit geht – geht es der „Cancel Culture“ um Streitvermeidung.” Charims Kollege Volkan Agar schreibt in diesem Kontext vor allem über die Bedeutung von Sprache, die klare Fronten schaffen will: Gegenüber den gleichmachenden Effekten von Social Media stünden seine kontraproduktiven Tendenzen. Er nennt vor allem den „Zwang zur Zuspitzung, Verkürzung, bedingt durch eine Aufmerksamkeitsökonomie, die eher den größten Reiz belohnt als den Gehalt und sozialen Effekt des Kommunizierten.”

Warum, wozu und wie?

Gecancelt werden kann nicht nur, um zu kritisieren, sondern auch, um Justiz zu praktizieren – und vor dem Hintergrund vermeintlicher Gleichstellung für Rechenschaft zu sorgen. Der Umgang mit Cancel Culture beschäftigt sich dabei oft mit ihrer Methodik, der Frage nach Selbstjustiz – oder sogar dem Anzweifeln ihrer Existenz. The Daily bezieht sich hierbei z.B. vor allem auf Beispiele, in der problematische Menschen infolge von Cancel Culture ihren Job verlieren. Die Frage steht im Raum, ob eine eventuell einzelne Handlung das gesamte (Arbeits-) Leben einer einzelnen Person definieren könnte und diese Konsequenzen gerechtfertigt seien. Margarete Stokowski sieht das in ihrer Kolumne pragmatischer: „Leute erkennen ein diskriminierendes Verhalten, etwa Frauenhass oder Antisemitismus, und kritisieren das. In Einzelfällen verlieren die Kritisierten dadurch einen Job, kriegen aber oft sehr schnell einen anderen.” Auch bei Marc Röhlig, Franziska Koohestani von jetzt.de, Volkan Agar und weiteren Beiträgen ist zu lesen, dass es vor allem darauf ankomme, wer kritisiert wird und welche Folgen der Person drohen – und ob die Kritisierten Eckharts, Rowlings, Trumps, und Co. wirklich befürchten müssen, nicht mehr gehört werden oder arbeiten zu können.

Was ist der wahre Status Quo von Cancel Culture in Deutschland?

In der ZEIT schreibt Yascha Mounk, dass auch denjenigen, die Menschen der Öffentlichkeit kritisieren, dennoch an öffentlicher Redefreiheit gelegen sein sollte. Deutschland habe größere Probleme als über Cancel Culture zu diskutieren, was aber nicht heiße, dass man sie ignorieren sollte: „Denn über kurz oder lang profitieren, wie in den USA schmerzlich zu sehen ist, gerade die wahren Feinde der Demokratie, wenn Demokraten es versäumen, konsequent für Werte wie die Meinungsfreiheit einzustehen.” Und Franziska Koohestani verweist ein weiteres Mal darauf, dass es in der Debatte um Cancel Culture zu viel um Befindlichkeiten ginge, statt um tatsächliche Themen. Produktive Diskussionen würden dadurch abgeblockt: „[Genau] diese Frage wird häufig in den Vordergrund gestellt – persönliche Kränkungen und ein verletztes Ego inklusive – und das versperrt die Auseinandersetzung mit Inhalten. Dabei fühlen sich vor allem diejenigen ungerecht behandelt, die kaum etwas zu befürchten haben: Menschen mit Macht.”

Am Ende bleibt fraglich, ob der Begriff der „Cancel Culture” überhaupt eine Zukunft hat. Seine undifferenzierte und vereinfachende Nutzung kann durchaus gefährlich sein – ganz reflektieren lassen sich seine Hintergründe in zwei Worten jedenfalls nie. Mit einer Kategorisierung als „Phänomen” wird es in der Debatte um die Debatte also ebenso schwierig.

Dafür gibt es dann diejenigen, die das Thema ganz an seiner Wurzel packen – der Frage nach der allgemeinen Existenz von Cancel Culture. Dirk Pietz schreibt auf ZEIT Online zum Fall Lisa Eckhart über Cancel Culture als „Gespenst” und zitiert eine Reihe weiterer Kolleg*innen, deren apokalyptisches Vokabular zum Thema oft nicht stichhaltig blieb. Pietz schlussfolgert, es könne einem Angst einjagen, „dass man an die Existenz eines Gespenstes so sehr glauben kann, dass man mit Schilderungen über das Unwesen, das es vermeintlich treibt, das Dorfgespräch derart bemühen kann. Der Witz an Gespenstern ist nun aber dieser: Es ist völlig egal, wenn man ganz viel über sie redet, es belegt ihre Existenz nicht einen Deut mehr, es macht ihre Existenz nicht einmal wahrscheinlicher. Es spukt dann bloß in mehr Köpfen.” Diese Gefahr wittert auch Stokowski. Zum kriegerischen Vokabular der Cancel-Culture-Kritik eines weiteren Kollegen schreibt sie: „Wer Menschen, die Diskriminierungen kritisieren, so beschreibt, bietet Rechtsextremen alles Futter, das sie brauchen, um sich gegen eine imaginierte Bedrohung zu wehren. Und das ist wirklich gefährlich.”

Ein Gespenst, das ohne Konsequenzen spukt?

In Deutschland ist Cancel Culture aber vielleicht längst noch nicht dort, wo auch diese W-Fragen sie glauben lassen könnten. „Wenn eine Person gewalttätig ist – und dazu gehören auch antisemitische, rassistische, islamfeindliche, misogyne bzw. transfeindliche Ansichten –, dann ist es keine ungerechte „Cancel Culture“, sondern bloß normal, wenn diese Person auch als gewalttätig benannt und behandelt wird”, schlussfolgert jedenfalls Sibel Schick in ihrer Kolumne für Missy. Die Frage der Zukunft bleibt hierbei, wie Kritiserte behandelt werden und wer die Ausmaße der Kritik und Konsequenzen bestimmen darf. Schick stellt am Ende ihres Textes eine existenzielle Frage. Sie schreibt weiter: „Aber das passiert doch gar nicht. Rassistische und antisemitische Denker:innen werden sowohl in Deutschland als auch in den USA bis heute vergöttert und selbstverständlich an Universitäten gelehrt. Viele menschenfeindliche Denker:innen treten heute auf und verdienen ihren Lebensunterhalt mit Gewalt und Diskriminierung. Wo bleibt endlich diese Cancel Culture?”

Noch Fragen? Vielleicht nicht zu Cancel Culture, aber wie wär’s mit diesen Themen:

Ist das Wort noch gut oder kann das weg? Warum Vergänglichkeit von Sprache so wichtig ist
Queerbaiting: Ist wohldurchdachte, ernst gemeinte Repräsentation denn wirklich so schwer?
Antirassistisch handeln: Hier könnt ihr unterstützen und euch informieren

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