Print-Coverstory: Reggae-Superstar Koffee über ihr Debüt, Dankbarkeit und gedämpftes Heimweh

Stephanie Sian Smith
Das Wort „Gifted” ist nicht nur der Albumtitel unseres neuen Coverstars, sondern es beschreibt die Sängerin Koffee selbst auch perfekt. Unter anderem mit einem Grammy-Gewinn hat es die talentierte Jamaikanerin zur gefeierten Künstlerin geschafft. Für unser Interview haben wir sie (virtuell) durch die Straßen von Kingston begleitet.

Mit 19 Jahren sahnte Mikayla Simpson, auch bekannt als Koffee, den Grammy Award als jüngste Künstlerin und erste Frau in der Kategorie Reggae ab – ein beachtlicher Karrierestart. Und trotzdem scheint die heute 22-Jährige sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Das merkt man ihr in den kleinen Momenten an: Bei unserem Cover- Shooting in den Hinterhöfen des Londoner Stadtteils Shoreditch dreht sich Koffee in der Frühjahrssonne, klettert auf Stühle oder posiert in High Fashion, zwischendurch immer wieder ein breites Lächeln auf den Lippen. Einige Wochen später schaltet sich Koffee, die bei Instagram unter dem Handle @originalkoffee zu finden ist, dann von den Straßen Kingstons, Jamaika, zum Interview zu. Es erscheint der Name ihres Handys auf dem Bildschirm: Original iPhone. Es ist dieser minimale Humor mit Augenzwinkern, der Koffees Lockerheit gut beschreibt und sich auch durch ihre Musik zieht. Bekannt wurde Simpson aufgrund ihrer mit positiven Vibes assoziierten Sounds. Mit „Toast“ stürmte sie im Sommer 2019 die Charts und Beach-Partys. All das bedeutet nicht, dass Koffee nicht eine Denkerin ihrer Gegenwart wäre: Auch politische Lyrics fanden sich auf ihrer ersten EP „Rapture“. Seit deren Release sind mehr als drei Jahre vergangen. Heutzutage eine lange Zeit, um mit einem Debütalbum anzuschließen. Koffee präsentierte ihres nun im März diesen Jahres: zehn Songs im Crossover aus Reggae, Dancehall und weiteren Einflüssen. Der Titel: „Gifted“, zu Deutsch „beschenkt“, aber auch „gesegnet“. „Teil des Gedankens hinter dem Titel war, dass wir alle mit dem Leben beschenkt wurden“, erklärt Koffee im Interview mit warmer Stimme. „Außerdem hat jeder Mensch ein Talent, das er anzapfen kann. Mein Talent ist es, zu singen und Instrumente zu spielen, eine Stimme zu haben und damit zur Welt sprechen zu können.“

Ganzer Look von Givenchy

„Mit manchen meiner liebsten jamaikanischen Artists wie Protoje oder Chronixx komme ich hier zusammen, um einfach chillen und zusammen viben zu können. Das passiert ganz natürlich, ohne dass ich dafür extra an einen der Orte ziehen müsste, die fürs Connecten vorgesehen sind.”

Blazer & Hose von Strongthe, Schuhe von Charles & Keith, Kette von Mi Manera

Die beste Kur gegen Heimweh

In einem vielleicht antizyklischen Move zur Gegenwart nutzt Koffee dieses Mal ihre Stimme, um sich leichteren Themen zu widmen. Sie selbst beschreibt ihre Songs als eine Mischung aus „Lovesongs, Spiritualität und Party-Vibes“. Das bedeutet jedoch nicht, dass Koffees Musik oberflächlich wäre. Vielmehr zeugen die neuen Songs von ihrer präsenten, dennoch grundentspannten Ausstrahlung. Die Zeit rund um den „Lockdown“ – so heißt auch eine der ersten Singles des Albums – nutzte die Künstlerin, um ihr Heimatland Jamaika zu erkunden und sich zu neuen Songs beeinflussen zu lassen. Nach Teil eins ihrer Karriere, der mit Support von Rihanna bis Harry Styles und ordentlich Vorschusslorbeeren von Kritiker*innen gefüllt war, wäre es aber auch verständlich gewesen, hätte Koffee den Weg nach Los Angeles oder New York gewählt. Hat sie jemals Druck verspürt, dem Hype um sie Folge zu leisten? „Ja, aber ich habe mich meistens mit anderen Artists aus Jamaika connectet. Mit manchen meiner liebsten wie Protoje oder Chronixx komme ich hier zusammen, um einfach chillen und zusammen viben zu können. Dabei geht’s weniger um die Arbeit und mehr darum, unsere Erfahrungen miteinander zu teilen. Das passiert ganz natürlich, ohne dass ich dafür extra an einen der Orte ziehen müsste, die fürs Connecten vorgesehen sind.“ Während wir sprechen, ist Koffee unterwegs zu einem der Orte, an denen sie sich wohlfühlt: Sie läuft zur Bandprobe. Die Straßen Kingstons sind voll, Koffee entschuldigt sich für den Lärm. Ihre starke Verbindung zu Jamaika wird immer wieder deutlich – in Interviews, in ihrem Sound, ihren Worten. Wenn sie doch wieder international unterwegs ist, so erzählt sie, bestünde die beste Kur gegen Heimweh aus Stew Peas, einem jamaikanischen Eintopfgericht aus Bohnen, Reis, Kokosmilch und Fleisch.

Mantel von Casablanca

Humortechnisch ganz die Mama

Vermutlich gibt es dieses Gericht auch ab und an am Küchentisch von Koffees Mutter, Schauspielerin und Comedian Jo-Anne Williams. Dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, merkt man am ähnlichen Humor der beiden: Williams nennt sich bei Instagram „Jojo, the Koffeemaker“. Auf Insta hebt auch Koffee die Beziehung der beiden hervor, postet ein Kindheitsbild mit zueinander passenden Outfits oder zeigt sich mit ihrer Mutter beim Eisessen. Daneben stehen die Worte: „Erinnerungen mit der Familie zu schaffen ist essenziell.“ Und natürlich finden sich auch auf Jo-Annes Profil die Posts einer stolzen Mom. Es erlebt schließlich nicht jede Mutter, dass die Tochter das lokale wie internationale Musikfeld neu prägt.

Wie sieht Koffee die Zukunft von Reggae und Dancehall, die sie mit anführt? „Ich schätze es, dass sich dieser Raum öffnet, inklusiver wird und es weniger Gatekeeping gibt. Das System, sich selbst über Social Media zu vermarkten, funktioniert auch für Reggae-Künstler*innen.”

Anzug & Hemd von Daniel W. Fletcher, Schuhe: Koffee’s Own

Koffee empfindet, dass sie mehr als Reggae-Künstlerin wahrgenommen wird, und will den Ursprüngen des Dancehall deshalb immer Tribut zollen, wenn sie sich seiner Stilmittel bedient. Wie aber sieht sie die Zukunft beider Genres, die sie mit anführt? Können auf den allerersten Reggae-Grammy-Gewinn einer Frau weitere Meilensteine folgen? „Die Hörer*innen treiben die Arbeit an. Sie müssen sich die Songs anhören, ihren Freund*innen zeigen“, sagt Koffee. „Ich schätze es, dass sich dieser Raum öffnet, inklusiver wird und es weniger Gatekeeping gibt. Das System, sich selbst über Social Media zu vermarkten, funktioniert auch für Reggae-Künstler*innen wie Protoje, Sevana oder Lila Iké. Wir alle veröffentlichen unsere Songs, promoten sie. Wir leisten die Arbeit.“ Koffee klingt weder euphorisch noch zurückhaltend, als sie das sagt, sondern schlicht sicher in ihrer Gewissheit, dass sich mit der Zeit alles fügen wird. Einen Grammy-Rekord brechen und erst dann am Debütalbum feilen – sie weiß eben, wie man eine neue Zeitrechnung selbst definiert.

Mantel, Hose & Hemd von Casablanca, Schuhe von Charles & Keith

Noch keine Spur von toxischer Positivität

Man könnte daraus schließen, dass Koffee auch mit ihrer beruflichen Zukunft nonchalant umgeht. Das würde aber die Gedanken zu ihrer künstlerischen Ausrichtung unterschlagen. Von „Rapture“ bis „Gifted“ hat sich Koffees Sound gewandelt: Die Stimme tiefer, die Lyrics nicht unkritisch, aber eben „lighter“, lockerer, positiver. Von Termini wie „toxischer Positivität“ habe sie schon gehört, sagt Koffee. Vorwürfe, dass sie mit ihren Arbeiten aktuell einen Beitrag dazu leiste, seien ihr aber noch nicht untergekommen. Schließlich schreibe sie über ihre Erfahrungen, mit denen sich andere assoziieren könnten. Wenn die äußeren Einflüsse mal zu viel werden oder Negativität in größeren Wellen kommt, flüchtet sich Koffee in Bücher, die klassischste aller Vorlagen für die eigene Fantasie.

„Wenn Zeiten hart werden, ist es schwieriger, das Gute an einer Situation zu sehen: dass du beschenkt, gesegnet bist. ,Gratitude is a must‘ ist ein guter Reminder, daran zu denken.”

Beide Outfits von Strongthe

Neben Realitätsflucht und Humor hat Koffee aber noch eine weitere Strategie entwickelt, um den Härten der Gegenwart etwas entgegenzusetzen und das Leben ein wenig entspannter zu sehen: Dankbarkeit. „Gratitude is a must“, lautet dazu eine der bekanntesten Zeilen aus ihrem Hit „Toast“, begleitet von weiteren Lines wie „mi thank god fi di journey“. Gefragt, welche Gedanken sie heute zu diesen Worten habe, kommt Koffee auf ihre Erkenntnis aus der Pandemie zu sprechen. „Immer wieder sind Menschen erst dankbar, wenn die Dinge wirklich gut laufen“, überlegt sie. „Wenn Zeiten hart werden, ist es schwieriger, das Gute an einer Situation zu sehen: dass du beschenkt, gesegnet bist. ,Gratitude is a must‘ ist ein guter Reminder, daran zu denken.“ Bald geht es für Koffee wieder auf Tour. Vorher schließt sie: „Es geht um die Idee, dass du in jeglicher Situation versuchst, dankbar zu sein. Denn hast du einmal das Leben, bist du gesegnet.“

Fotos: Stephanie Sian Smith
Produktion: Jenny Weser
Styling: Kamran Rajput

Haare & Make-up: Nadia Braz using Dior Beauty
Foto-Assistenz: Gabor Herczegfalvi

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