Wie funktioniert Free Bleeding?

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Credit: Unsplash
Freies Bluten statt Tampons oder Menstruationstassen: Zwei Frauen berichten, wie sich das anfühlt.

Von Menstruationstassen bis Periodenpantys: Immer mehr Frauen sind auf der Suche nach Alternativen zu Tampons und entscheiden sich dabei für die Freie Blutung. Sie basiert darauf, keine Produkte zu benutzen, die das Blut während der Periode im Körper halten. Klingt erstmal nach Einklang mit sich selbst und gutem Gewissen, weil durch den Verzicht auf sogenannte Hygieneartikel jede Menge Müll eingespart wird. Trotzdem bedeutet Freies Bluten auch etliche Toilettengänge mehr – noch dazu fühlen sich viele Frauen, zumindest in der ersten Zeit, unwohl und sind verkrampft.

 

Gleichzeitig sollten wir immer im Hinterkopf behalten, was für ein Privileg es ist, sich bewusst für den Verzicht von Tampons und Co. zu entscheiden. Denn noch immer ist der Zugang zu Hygieneartikeln in einigen Ländern beschränkt: Teilweise können Mädchen und junge Frauen während ihrer Periode nicht zur Schule gehen, weil dort die sanitären Anlagen und fließend Wasser fehlen.

Wer sich für #FreeBleeding entscheidet, wagt im ersten Moment aber vor allem ein Experiment in Sachen #Selflove. Wie sich das anfühlt, haben uns zwei Frauen aufgeschrieben.

Kira, 29

Seit meinem 14. Lebensjahr bin ich begeistertere Tampon-Benutzerin. Binden verdrehen sich irgendwie immer in meinem Höschen – teilweise sind sie mir sogar rausgefallen – und seien wir ehrlich, sie fühlen sich auch ziemlich eklig an. An die Menstruationstasse habe ich mich nie rangetraut (was ist, wenn sie stecken bleibt?!). Also blieb ich meinen Tampons jahrelang treu – bis ich irgendwann Periodenpantys für mich entdeckte. Mir gefiel die Idee, nicht mehr darüber nachdenken zu müssen, wann ich meinen Tampon  wechseln muss. Irgendwann zog ich allerdings statt meiner Periodenpanty aus Versehen einen normalen Slip während meiner Menstruation an. Mein erstes Mal #FreeBleeding war also eher unfreiwillig. Da ich größtenteils von zu Hause arbeite und keine peinlichen Situation entstehen konnte, ließ ich mich auf das Experiment ein, zog eine alte Jogginghose über und stellte eine Rolle Toilettenpapier neben meinen Laptop. Ich war also gewappnet.

So entspannt wie gedacht wurde es aber nicht: Ich rannte alle dreißig Minuten auf die Toilette um zu überprüfen, ob schon etwas daneben gegangen war. Periodenblut tropft allerdings nicht kontinuierlich, sondern fließt eher in Zyklen und meist kündigt sich ein solcher Schub durch ein Ziehen im Unterleib an. Wenn man also aufmerksam in sich hineinhorcht, kann man das Ganze relativ gut kontrollieren. Trotzdem war ich verkrampft, versuchte mich so wenig wie möglich zu bewegen – und wenn ich es doch tat, lief ich sofort ins Badezimmer.

Am Ende des Tages hatte ich trotz aller Vorsicht sechs Slips und drei Jogginghosen durchtränkt. Oh, und ich habe dreimal geduscht.

Der zweite Tag begann damit, dass ich meine fleckigen Laken waschen musste. Mir wurde klar, dass die Umweltvorteile durch den Verzicht auf Tampons wahrscheinlich durch die Menge an Wasser, die zum Waschen aller verschmutzten Kleidungsstücke und Laken verwendet wird, aufgewogen werden. Zum Glück konnte ich bis zum Mittag die Unterwäsche tragen, die ich am Morgen angezogen hatte. Als ich abends unter der Dusche stand und das rot gefärbte Wasser in den Abfluss laufen sah, wünschte ich mir meine alte Freundin Mrs. Tampon zurück. Das änderte sich auch nicht, als ich das erste Mal die Wohnung ohne Tampon verließ – bewaffnet mit meinem dicksten Paar Oma-Höschen, einem schwarzen Paar Leggings und einer weiteren Jeans oben drüber – schossen mir Gedanken wie “WAS, WENN ICH AUF DEN SUPERMARKTBODEN TROPFE?!” durch den Kopf. Tatsächlich passierte aber nichts: Miss Monthly hatte sich während meines Ausflugs zurückgehalten und die ganze Aufregung war umsonst.

Als meine Periode vorbei war, fühlte ich mich ziemlich erleichtert – gelinde gesagt.

Beflügelt von dieser positiven Erfahrung tauschte ich mein geliebtes Home Office am nächsten Tag durch das Büro ein. Ich hatte den Tag schon fast überstanden, als einer meiner Kollegen meinte, dass ich nicht so viel Kaffee trinken sollte. “Ha-ha, ja, Kaffee …”, lachte ich und dachte: Wenn er wüsste, woher die bräunlichen Flecken auf meiner Hose wirklich kommen …

Als meine Periode vorbei war, fühlte ich mich ziemlich erleichtert – gelinde gesagt. Einerseits war mein erster Ausflug in Sachen Freie Blutung befreiend. Andererseits kostete das ganze Unterfangen auch viel Energie. Ich hatte fünf Tage fast durchgehend damit verbracht, über meine Periode nachzudenken oder damit, Wäsche zu waschen und das Bett neu zu beziehen.

 

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|CRIMSON WAVE| Embroidery and Tasseling I also realised how much I like French knots❤ #normalisemenstruation

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Erst jetzt wurde mir richtig klar, wie bequem es eigentlich ist, Tampons oder auch Menstruationstassen zu verwenden. Sie erlauben es uns, unseren Tag mehr oder weniger normal fortzusetzen, ohne sich die ganze Zeit mit der Periode zu beschäftigen. Wie soll ich mich wirklich frei fühlen, wenn ich mir die ganze Zeit Sorgen um meinen Ausfluss, beziehungsweise was meine Mitmenschen davon mitbekommen, machen muss? Und warum kann es andererseits nicht normal und gesellschaftlich akzeptiert sein, dass Frauen eine gewisse Zeit im Monat mit Flecken auf der Hose oder ihrem Rock rumlaufen, die nicht von zu viel Kaffeekonsum kommen? Die Periode wird auch im 21. Jahrhundert noch stigmatisiert und ein Blutfleck sorgt selbst bei den liberalsten Menschen für Verwirrung – so jedenfalls mein Gefühl. Und deshalb steht für mich auch fest: So bequem Tampons auch sind und so sehr #FreeBleeding meine Nerven belastet hat – ich werde es wieder machen. Vielleicht nicht gerade nächsten Monat. Aber vielleicht schon in zwei.

Sarah, 32

Als meine Periode kam, war es im ersten Moment wirklich ungewohnt, nicht zum Tampon zu greifen. Schließlich hatte ich mir vorgenommen, zum ersten Mal vollkommen ohne Hygieneartikel auszukommen – Stichwort Free Bleeding. Ich kenne niemandem in meinem Freundes- oder Bekanntenkreis, der es jemals probiert hat – aber ich bin ein sehr neugieriger Mensch und nachdem meine Periode nach dem Absetzen der Pille kurioserweise nicht mehr so stark wie früher ist, wollte ich mich unbedingt auf das Experiment einlassen.

Was ich nicht erwartet hatte war, dass ich nicht nur Blut in meinem Slip wiederfinden würde.

Also saß ich auf der Toilette, starrte auf das Blut in meinem Slip und dachte über den nächsten Schritt nach. Ich wechselte meine Unterwäsche und wusch den Fleck aus, dann zog ich eine Trainingshose an, die ich bereits mit Farbe und anderen Flecken versaut hatte. Mein erster Tag ohne Tampon oder einen anderen Hygieneartikel konnte starten – doch auch wenn ich vielleicht so aussah, ich fühlte mich nicht bereit. Das merkte ich auch daran, dass ich mich mehrmals (!) am Tag mit einem Tampon in der Hand auf der Toilette wiederfand – einfach, weil ich diesen Griff offenbar so verinnerlicht hatte, dass ich ihn erstmal wieder aus meinem Kopf bekommen musste.

Was ich außerdem nicht erwartet hatte war, dass ich nicht nur Blut in meinem Slip wiederfinden würde. Es ist mir fast ein bisschen unangenehm – aber durch den jahrzehntelangen Gebrauch von Tampons hatte ich tatsächlich vergessen, welche Konsistenz die Regelblutung haben kann und das “da unten” nicht nur flüssiges Blut rauskommt. Gott sei Dank ist meine Schwester Arzthelferin und konnte mich schnell beruhigen und mir versichern, dass bei mir alles “normal” ist. Trotzdem war es ein ziemlicher Schock, als ich dieses stückige Blut zum ersten Mal sah.

Es schien, als könnte ich meine Menstruation wie nie zuvor spüren. Krämpfe waren nicht mehr nur Krämpfe; sie waren ein Beweis dafür, dass mein Körper hart arbeitet.

Positiv war aber ohne Frage, dass ich mich so in Einklang mit meinem Körper fühlte, wie lange nicht mehr. Es schien, als könnte ich meine Menstruation wie nie zuvor spüren. Krämpfe waren nicht mehr nur Krämpfe; sie waren ein Beweis dafür, dass mein Körper hart arbeitet und mir zeigt, welche Wunder er da jeden Tag vollbringt. Normalerweise dauert meine Periode von Anfang bis Ende etwa sechs Tage. Am vierten Tag meines Free-Bleeding-Experiments bemerkte ich jedoch, dass ich kaum noch blutete. Ob das Zufall war? Ich bin mir nicht sicher – aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das Blut ohne den Einsatz von Tampons schneller “abfließen” konnte – auch wenn das medizinisch gesehen wahrscheinlich vollkommener Quatsch ist.

Insgesamt fand ich das gesamte Experiment befreiend. Die freie Blutung war nicht nur frei, weil ich mein Blut ungehindert fließen ließ; sie war frei, weil ich mich von vermeintlichen Vorschriften lösen konnte. Ich sage nicht, dass jeder das tun soll, was ich getan habe, aber das ist ja das Schöne daran: Jede Frau kann und sollte das Recht haben, selbst zu wählen, wie sie mit ihrer Menstruation umgeht.

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