Von Karl Lagerfelds Muse zum Femme-Filmstar: Zahia Dehar im Interview

Zahia Dehar Interview
Foto: Alamode Film
Die französische Presse nannte sie „die Skandalöse“, doch im exklusiven Interview mit Zahia Dehar wird deutlich, dass diese Beschreibung eher auf ihre bunte Vergangenheit zutrifft, als auf das aktuelle Mindset der Französin. Als Schauspielerin zeigt sie jetzt eine bekannte und dennoch neue Seite von sich.

Zahia Dehar ist vielen als Muse von Karl Lagerfeld ein Begriff. Heute, acht Jahre nach ihrem Durchbruch in der Fashion-Branche, ist die Französin selbst Designerin und Schauspielerin. Im Film „Ein leichtes Mädchen“ (dessen Originaltitel „Une Fille Facile“ wie so oft viel zutreffender und in seiner Bedeutung breiter aufgestellt ist) spielt sie mit den ihr auferlegten Attributen. Vor sexueller Ausstrahlung nur so sprühend, wickelt ihre Figur Sofia zusammen mit ihrer Cousine Naïma (Mina Farid) zwei wohlhabende Geschäftsmänner um den Finger und tauscht nackte Haut gegen Yachtausflüge. Nicht aus Naivität, sondern aus berechnender Selbstbestimmung. Das Powerplay nimmt eine überraschende Wendung. Eine Spannungskurve, die sich auch in Dehars Leben wiederfindet.

Zahia Dehar 2
Foto: Alamode Film

Ich habe gelesen, dass du die Regisseurin des Films selbst kontaktiert hast. Wie kam es dazu, was hat dir am meisten an der Geschichte gefallen?
Ja, das stimmt. Ich bin ganz neumodisch in ihre DM’s geslided, wir haben uns ausgetauscht und das Projekt zusammen umgesetzt.

Der Originaltitel „Une Fille Facile“ ist weniger negativ konnotiert als die deutsche Übersetzung „Ein leichtes Mädchen“. Was bedeutet der Begriff für dich?
Frauen haben in meinen Augen eine andere Art von Macht als Männer: unsere Sexualität. Doch die Gesellschaft akzeptiert es nicht, wenn du als Frau einfach Spaß hast und frei bist, so wie ein Mann. Das führt zur Objektivierung von Frauen.

Im Film wird die Frage thematisiert, wo die Linie zwischen der Selbstbestimmung und Prüderie der Frau liegt. Was denkst du darüber, als Frau auf der einen Seite selbstbewusst und auf der anderen Seite schüchtern zu sein?
Ich denke, jede*r sollte für sich selbst die Grenze legen. Wir alle haben die Freiheit, selbst über unseren Körper und die Darstellung dessen zu entscheiden. Es ist unsere persönliche Entscheidung. Jede*r darf sich in seinem Körper wohlfühlen und sollte sich nicht schämen müssen. Niemand hat das Recht, uns die Entscheidung mit dem Umgang unseres Körpers abzunehmen – das gilt für alle. Auch deine Sexualität ist etwas, was niemand als richtig oder falsch betiteln darf.

 

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Was denkst du über die Verknüpfung von Unabhängigkeit und der Möglichkeit der Selbstbestimmung einer Frau? Kann man überhaupt sich selbst treu bleiben und sich im ökonomischen Sinne von Anderen lösen, oder bleiben Frauen in irgendeiner Hinsicht immer von einem Mann abhängig? Die Frage stellt sich mir, da Männer heutzutage noch immer viele Machtpositionen besetzen, egal ob man an Hollywood und Harvey Weinstein denkt oder an normale Büro-Jobs, in denen noch immer Männer die Führungspositionen beziehen.
Das ist alles wirklich kompliziert. Auch wenn Frauen weniger im finanziellen Sinne abhängig von Männern sind, sind wir doch die Untergeordneten. Aber etwas ändert sich, die Menschen sind sich dieser Missstände heute bewusst. Meiner Meinung nach befinden wir uns am Anfang einer Gender-Revolution.

Und was für eine Power, glaubst du, haben Frauen, die Männer nicht haben? Sind es vielleicht die sexuellen Reize, die man als „Macht“ bezeichnen könnte?
Ja, vielleicht. Ich zum Beispiel fühle mich ziemlich machtvoll, wenn ich über meine Sexualität und den Umgang mit Sex gegenüber einem Mann bestimmen kann.

Zahias Ziel: Doppelmoral aus den Köpfen verbannen

Möchtest du ein wenig auf die Dynamik zwischen deiner Rolle im Film und der männlichen Hauptrolle eingehen und beschreiben, wie der Film mit der Spannung zwischen Mann und Frau umgeht?
Die Frage dreht sich vordergründig darum, wer von beiden – die Frau oder der Mann – die größere Machtposition einnimmt. Und das in vielerlei Hinsicht. Manchmal sind es nur Nuance. Davon finden sich eine Vielzahl im Film wieder.

Der Film ist eben deshalb auf vielerlei Hinsicht feministisch. Als was für eine Art Feministin würdest du dich beschreiben? Emma Watson sagt beispielsweise, sie hätte sich selbst aufgeklärt über Sexualität, Emily Ratajkowski zeigt sich und ihren Körper stolz in den Sozialen Medien und trägt den Schriftzug „Fuck Harvey“ auf dem Roten Teppich.
Ich versuche immer, einen vertretbaren Kompromiss von allem zu finden und gegen Unterdrückung zu kämpfen. Die Moral und die Verurteilung der Gesellschaft gegenüber Frauen ist wirklich stark. Ich selbst verstehe zum Beispiel nicht, was falsch daran sein sollte, als Frau seine sexuellen Lüste auszuleben oder sich so zu kleiden, wie man es möchte. Das sind doch alles bloß Frauen, die ihr Leben genießen, auch wenn sie es nicht so leben wie Andere. Wenn Männer jeden Abend in ihre Stammbar gehen, ist das völlig in Ordnung. Wenn eine Frau mit einem kurzen Kleid alleine in derselben Bar sitzt, fragt man sich direkt: „Was will sie hier? Wo ist ihr Begleiter?“. Diese Doppelmoral gilt es aus den Köpfen zu verbannen.

Social Media = Freiheit der eigenen Entscheidung

Nutzt du soziale Netzwerke oft oder versuchst du eher, dich dem zu entziehen?
Ich versuche, sie nicht allzu oft zu benutzen und Trends eher aus dem Weg zu gehen. Und da herrscht natürlich all diese Negativität. Ich glaube, oft fühlen sich Menschen von dem eingeschüchtert, was sie insgeheim selbst haben oder sein wollen. Ich finde es wichtig, dass Frauen sich und – wenn sie es denn möchten – auch ihren Körper dort präsentieren, denn dabei appellieren sie auf die Freiheit der eigenen Entscheidung. Das ist auch die Freiheit von Instagram, denn vor Social Media musste man Interviews geben oder Fotoshootings machen, um sich selbst zu präsentieren. In diesem Kontext aber konnte viel mehr Falsches über dich berichtet werden. Nun kannst du selbst entscheiden, was du postest und darüber zu sagen hast. Da gibt es natürlich die Schnittstelle zwischen der Entscheidungsfreiheit, der Selbstdarstellung und der Freiheit von der Beurteilung Anderer.

Magst du uns zuletzt erzählen, wie du die Ikone Karl Lagerfeld getroffen hast und wie du in die Fashion-Welt eingetaucht bist?
Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, ihn getroffen zu haben. Ich habe so viel von ihm gelernt, Dinge ich heute in meine eigenen Kollektionen versuche einfließen zu lassen. Er war ein Genie!

„Une fille facile – Ein leichtes Mädchen” mit Zahia Dehar ist ab sofort auf DVD erhältlich. 

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