Islands Rap-Collective Reykjavíkurdætur: „Wir sind Feministen, weil wir wir selbst sind”

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Diese Girls sind das feministische Aushängeschild der isländischen Musikszene. Warum so ein Attribut aber nicht immer alles sein soll, beschreiben Reykjavíkurdætur beim Secret Solstice Festival im Interview.

Foto: Berglaug Petra Garðarsdóttir

Man könnte meinen, eine Stadt sei wie ihre Bewohner. Aber Reykjavík ist nicht wie ihre Töchter, die “Daughters of Reykjavík” oder, wie es in der Landessprache heißt, Reykjavíkurdætur. Ehrlich gesagt kann auch niemand sein wie diese Band aus 11 Frauen, die auf der Bühne des Secret Solstice Festival ein koordiniertes Chaos aus harten Rap-Zeilen und schweren Bässen, gemischt mit sexueller Choreographie und spritzendem Champagner, präsentieren. Niemals würde das isländische Idyll von weiter, grüner Landschaft, sanft-brodelnden Therme-Quellen und romantischen Höhlen zu diesen Mädels passen. Und doch sind Anna Tara, Steiney Skúladóttir, Salka Valsdóttir und ihre acht Band-Mates nicht nur durch den Namen tief mit ihrem Heimatland verbunden. Abseits der Bühne gelten sie als eines der feministischen Aushängeschilder von Island, ein Label, dass sich in ihren Augen als schwierig erwiesen hat. Songs über Analsex und gegen Rechtspopulismus hat auf Island im Gegenzug aber noch niemand gemacht – und das in einem Land, in dem liberales Denken dem Klischee nach schon bei der Geburt eingeimpft wird. Reykjavíkurdætur existieren, um zu beweisen: Wir sind noch lange nicht fertig.

Raus aus der politischen Schublade

„Viele Menschen glauben, dass auf Island alles perfekt ist. Das ärgert uns sehr, weil wir mit der Gesamtsituation hier noch wirklich unzufrieden sind”, erklärt Anna, als wir uns zum Interview in einem engen Trailer hinter der Festivalbühne treffen, „solche Eindrücke entstehen nur dadurch, dass es überall sonst noch viel schlimmer ist”. Steiney (ihren Namen spricht man wie das englische Wort für “Fleck” mit Endung -ey aus) hält Island zwar für das feministischste Land der Welt, jedoch tut sich die Band seit jeher mit dem F-Label schwer. Als Reykjavíkurdætur vor einiger Zeit gebeten wurden, den Song “D.R.U.S.L.A.” (“Nutte”) über den nationalen “Slutwalk” (einer Initiative gegen das Shaming von Vergewaltigungs-Opfern) zu schreiben, willigten sie ein, wollen aber insgesamt nicht auf feministischen Content reduziert werden. „Irgendwann hatten wir das Gefühl, eine Art Doppelmoral zu verkörpern und weniger Freiheit in der Gestaltung unserer Songs zu haben, weil es immer sofort um ein Politikum gehen muss”, erinnert sich Anna. Man habe sie nach der Bedeutung einzelner Songs gefragt und kritisiert, wenn es bei Lyrics, die schlichtweg die Coolness der einzelnen Girls behandeln, keinen tiefgründigen Hintergrund gab. „Wir sollten die Möglichkeit haben, verschiedene Arten von Songs zu machen, ohne in eine Art “Schublade” gesteckt zu werden”, findet Steiney, „wir sind kein feministischer Act, weil wir etwa ständig Songs mit diesen Inhalten in den Vordergrund stellen, sondern weil wir wir selbst sind. Warum muss man den feministischen Faktor noch hervorheben? Jede Band sollte diese Einstellung haben.” Sätze wie diese haben Reykjavíkurdætur schon oft in anderen Interviews gesagt – und doch scheint es ein bisschen so, als sei das Schlagwort ein großer Rahmen, der das Konzept der Band umspannt.

„Warum muss man den feministischen Faktor noch hervorheben? Jede Band sollte diese Einstellung haben.”

Für die Töchter Reykjavíks ist Feminismus also ein natürliches “Given” und kein Marketing-Tool, auf das er – gerade in Musik und Mode – dem Anschein nach immer häufiger reduziert wird. Dass politische Haltungen nicht etwas sind, was man wie einen Song kurz überspringen und wieder neu abspielen kann, wissen die Bandmitglieder aber auch. Auf Hälfte des Interviews öffnet sich die Tür des engen Trailers und Bandkollegin Salka platzt rein. Eigentlich will sie sich nur dazusetzen und zuhören, sie ist vom konstanten Festival-Regen durchnässt, mischt aber doch schnell im Gespräch mit. „Ich habe viel über Feminismus gelernt, seit ich in der Band bin. Als ich einstieg, war ich gerade mal 17 und hatte mich mit dem Thema noch nicht so akademisch beschäftigt, wie es jetzt tue.” In den Musikvideos der Band ist Salka eine der präsenteren Figuren, im Song “HAEPID” rappt fast ausschließlich sie über Mord und Pornografie.

Worst Performance Ever: Das Meeting mit dem Bürgermeister

Seit der Gründung vor fünf Jahren hat die Besetzung von Reykjavíkurdætur oft gewechselt, aktuell besteht die Band aus 11 Mitgliedern, von denen aber nur neun im Wechsel auf der Bühne stehen. Bei jedem Auftritt führt eine Andere Regie. Selbst für die wilden Performances dieses Kollektivs gibt es Richtlinien und Klebekreuze auf Festivalbühnen. „Als wir anfingen, erfolgreicher zu werden, mussten wir uns entscheiden: Entweder wären wir zu viert aufgetreten oder mit 18 Personen, und das ging echt gar nicht. Da mussten wir unter den Mitgliedern Prioritäten setzen”, erklärt Steiney mit einer Spur von Ironie, die ihr heimliches komödiantisches Talent verspricht. Ein Interview mit nur drei Mitgliedern dieser Band zu führen, ist schon eine Challenge im positiven Sinn, und mit jeder Minute wird klarer, warum Regie hier so nötig ist, um aus 30 Minuten nicht drei Stunden zu machen – ob bei der Performance oder im Interview. Immer wieder verfallen Salka, Anna und Steiney in gemurmelte, isländische Sätze, die in lauten Lachanfällen enden und trotz Fremdsprache ansteckend sind. Eine Tour mit diesen 11 Frauen muss die reale Party sein, die sich manche Zuschauer nach den Aufnahmen der isländischen Fußballfans zur WM fiktiv versprochen hatte. Mit jedem Satz scheint sie greifbar näher.

Awkwardness gibt es bei Reykjavíkurdætur nicht, auch, wenn peinliche Auftritte nicht vergessen werden können. Auf Steineys Top-Spot steht die Performance vor dem Bürgermeister der Hauptstadt. „Die ganze Situation war sehr ,in your face’.”

Bevor wir aber ein weiteres Wort über die Aufritte verlieren können, richten sich alle Blicke auf das einzige Fenster des Trailers. Dort steht Bandmitglied Solveig und sagt nichts, winkt lediglich, und gibt den Creeper-Blick: Aufgerissene Augen, verzerrter Mund, die Nase an das Glas gedrückt. Für einen kurzen Moment denkt man, auch sie würde gleich die Tür zum kleinen Trailer aufreißen und ihre Sicht der Dinge schildern, auf dass unser Gespräch für immer dauere. Nach ein paar Sekunden und gespannten Blicken ist sie jedoch wieder verschwunden. Awkwardness, so etwas gibt es bei Reykjavíkurdætur nicht. Auch, wenn manche, peinliche Auftritte nicht vergessen werden können. Auf Steineys Top-Spot steht da die Performance vorm Bürgermeister der Hauptstadt, laut den Dreien der heimlich größte Fan der Band. Mit ihm nahmen sie sogar ein Rap-Challenge-Video auf, das jedoch nie veröffentlicht wurde, weil die Stadtestöchter auch hier keine zu konkrete Position zur Lokalpolitik beziehen wollen. Steiney erinnert sich: „Wir waren in einem Raum voller Politiker und es war…so schlimm. Solveig hat diesen sehr politischen Song über ihren Hass auf rechte Politiker geschrieben und na ja, es waren eben mindestens 30 Prozent rechte Zuschauer dort. Und wir rappen: „YOU SUCK, WE HATE YOU!“. Es war ein super kleiner Raum, ein gesetztes Dinner und die ganze Situation sehr „in your face“.

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Salka Valsdóttir, Anna Tara und Steiney Skúladóttir (von links nach rechts) von Reykjavíkurdætur bei unserem Interview auf dem Secret Solstice Festival.

Einen Einblick ins Studio liefern diese Aufnahmen nicht, aber weil das letztes Album der Girls 2016 erschienen ist, bleibt noch die Frage, was da noch kommt. Das obligatorische Mixtape, non-phsyisch, ist als nächstes geplant, mittlerweile ist aber schon ein neuer Song draußen, wieder auf Isländisch. Vielleicht sollten sie mehr Englisch sprechen, wenn sie erfolgreicher werden, überlegt Anna. Irgendwie aber bleibt der lokale Aspekt den Töchtern Reykjavíks dann trotzdem erhalten, ob in der Sprache, in den Themen, im Namen, oder vielleicht doch, weil auch diese Girls ihre Schublade verlassen wollen und ihre Landschaften, idyllische Thermen und märchenhafte Höhlen genießen wollen. Und das ohne ihre Mission, die ja eigentlich keine ist, aus den Augen zu verlieren. Kurz bevor wir den engen Trailer verlassen, sinnieren Steiney, Anna und Salka über ein Comeback der Band im Jahr 2068. „Dann wären wir um die 70, 80 Jahre alt. Dann könnten wir wieder Regeln brechen: In dem Alter werden Frauen ja allein schon dafür kritisiert, hohe Schuhe zu tragen”, prophezeit Anna. Steiney, eigentlich die ironischste der drei, überlegt einen Moment. „Ich hoffe eher, dass wenn wir ein Comeback hätten, alle Menschen denken würden: Was ihr da macht ist doch alles total normal – warum rappt ihr darüber?”

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