„Auf Ritalin mache ich nur meine Steuererklärung”: 10 Frauen sprechen über AD(H)S

Modekrankheit? Pharma-Masche? AD(H)S genießt diverse Vorurteile. Die Symptome bleiben real. Frauen sprechen von einem „Chaos im Kopf“, Stimmungsschwankungen, ungefilterten Emotionen und Depressionen. Wie gehen sie damit um und welche Rolle spielt unsere Gesellschaft dabei? 10 Frauen erzählen aus ihrem Leben mit AD(H)S.

Text: Naya Bindzus // Titelbild: Andrei Lazarev

Der Einfachheit halber sprechen wir hier allgemein von Frauen, möchten aber betonen, dass auch andere Geschlechteridentitäten mit entsprechenden weiblichen Sexualhormonen betroffen sein können.

„Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt“ singt Egmonts Geliebte Clärchen in Goethes Trauerspiel „Egmont” und beschreibt ziemlich treffend die Gefühlswelt von Frauen mit den Symptomen einer AD(H)S. Ob Goethe damals schon auf eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung hinweisen wollte? Wohl kaum. Trotzdem scheint er ein Phänomen emotionaler Spannweite betrachtet zu haben, die bis heute besonders Frauen zugeschrieben wird. Aktuell wird diese strapazierte Spannweite als Symptomatik von AD(H)S untersucht. Was ist eine AD(H)S und warum äußert sie sich bei Frauen anders als bei Männern? Ist sie überhaupt eine Störung? Wer sagt das eigentlich – und wie wird damit umgegangen? 10 Frauen haben uns kleine Einblicke in ihr Leben mit einer AD(H)S gewährt, um diesen Fragen nachzugehen.

 „Zu allererst muss eins klar sein: AD(H)S hat nichts mit Sucht nach Aufmerksamkeit zu tun. Das sagen Kinder auf Schulhöfen, die es nicht besser wissen. Das sind auch die, die dann fragen: „Haste deine Pillen heute nicht genommen, oder was?“ Kati, 26

„Ich ziehe nichts durch. Manchmal gehe ich etwas supermotiviert an und breche es schon eine halbe Stunde später zutiefst betrübt ab. Mein Gehirn wollte mal wieder nicht mitmachen. Meine Ärztin sagt, das macht die ADS.“ Lynn, 24

„In meinem Kopf tanzen meine Gedanken Polka. Ich hasse die ADHS-Polka.“ Sofia, 21

„Ich bin erwachsen. Ich habe ADS. Ich wirke sehr fröhlich, aber in mir brüllen Trauer und Angst um die Wette.“ Nele, 29

AD(H)S bedeutet in Langform Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) – das H steht für die Kombination mit einer Hyperaktivitätsstörung. Betroffene haben kurze Aufmerksamkeitsspannen, Konzentrationsschwächen, ständige innere Unruhe und zeigen impulsive oder verträumte Verhaltensweisen

Happy Birthday: Keine Heilung mit Volljährigkeit

Als Ausnahmezustand hat das sicher jede*r von uns bereits erlebt, für Personen mit AD(H)S bestimmt diese Symptomatik den Alltag. Ungefiltert und willkürlich. Welche Schwierigkeiten ergeben sich dadurch – besonders für Frauen? In den letzten Jahren wird AD(H)S auch in Deutschland zum größeren Thema in den Medien. Forscher beschäftigen sich vermehrt mit der Komplexität der vermeintlichen Störung und es erscheint eine weite Bandbreite an neuer Literatur. Doch warum? Immerhin taucht AD(H)S als Phänomen bereits im 19. Jahrhundert in Werken wie derStruwwelpeter” auf. Jedoch ausschließlich als eine Kinderkrankheit, vornehmlich zu finden bei kleinen weißen Jungen. Inzwischen wird klar, dass Betroffene keine Spontanheilung zum 18. Geburtstag geschenkt bekommen und auch AD(H)S weder vor dem Alter noch vor Race und Gender halt macht. Während in den USA immer mehr kritische Publikationen wie „The ADHD Explosion” erscheinen, die das Narrativ des weißen mittelständischen Zappel-Phillips widerlegen, ist ein fachliche Perspektive dieser Form in Deutschland noch in den Kinderschuhen.

„Als ich klein war, bekamen mein Bruder und ich Ritalin. Er, damit er ruhiger war, ich damit ich aufmerksamer und wacher wurde. Mit dem Älterwerden setzen wir es beide ab. Heute kann er nur nicht gut lange ruhig sitzen. Ich kann manchmal alles und manchmal nichts. Ruhig sitzen ist mein kleinstes Problem.“ Kati, 26

AD(H)S + weiblicher Zyklus  = %&!/$%&

Bei allen Geschlechtern wandeln sich im Laufe der Zeit die Symptome – die Unterschiede werden erst während der Pubertät oder mit dem Eintritt in das Erwachsenenalter deutlicher – bei Mädchen und Frauen kommt es in der Regel dann überhaupt erst zu (Fehl-)Diagnosen. Menschen mit Menstruationszyklus haben eine komplexere Biochemie: Die weibliche Gefühlswelt unterscheidet sich aufgrund zyklusbedingter, hormoneller Schwankungen maßgeblich von einer weitgehend emotionalen Kontinuität bei Männern. AD(H)S verstärkt diese biochemisch schwankenden Veränderungen erheblich. Die Fachärztin Doris Ryffel-Rawak spricht von einem „abrupten Wechsel der Stimmung“, der schon durch kleinste Bemerkungen und Gesten von außen hervorgerufen werden kann. Die Rede ist hier auch von Hypersensibilität, die u.a. die Symptome einer anstrengenden Periode oder PMS verstärken kann, was Fehldiagnosen vereinfacht – und die Situation der Weiblichkeit weiter erschwert.

„Ich fühle mich manchmal wie durch’s Leben geschmissen. Als würden in jeder Ecke kleine Emotionstierchen sitzen, die mich durch den Raum in die nächste Ecke katapultieren. Dabei purzelt in meinem Kopf immer wieder alles durcheinander. Dann wirke ich nach außen wie gelähmt, während in mir ein unkontrollierter Sturm wütet.“ Nele, 29

Neles Psychiaterin diagnostiziert ihr aber im Alter von 23 Jahren kein PMS, sondern ADS. Wo also liegen die Unterschiede – abgesehen davon, dass sich AD(H)S nicht monatlich meldet, sondern Dauergast ist. Mediziner sind sich da einig: In der Zeit vor der ersten Menopause. In der Kindheit. Da eine AD(H)S als erblich gilt, müssen sich erste Symptome schon früh bemerkbar machen. Deshalb wollen Ärzte alte Schulzeugnisse sehen oder wissen, ob ein Elternteil eine AD(H)S hat.

„Mein Opa, mein, Bruder, mein Onkel, meine Schwester und mein Cousin – alle haben nachgewiesen ADS. Und bei allen zeigt es sich anders. Als es die meisten von uns noch nicht wussten, bekamen wir zunächst die unterschiedlichsten Diagnosen und Medikamente.“ Lynn, 24

Fehldiagnose: Mein Problem war nicht Borderline

 

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Der immer noch dominierende Mythos der Kinderkrankheit vornehmlich kleiner Jungen führt also auf Umwegen zu Begleiterkrankungen und weiteren Unter- und Fehldiagnosen bei Frauen überall auf der Welt: Von Depressionen über traumatische Belastungsstörung bis hin zu Borderline ist alles dabei. Gerade während der letzten Dekaden wurde viel darüber berichtet, dass eine besonders große Zahl an Frauen im Laufe ihres Lebens unzulänglich oder sogar fehldiagnostiziert worden sei. So auch die Autorin Kathrin Weßling, die in DIE ZEIT öffentlich über ihre ADHS schreibt: „Ich kämpfte jahrelang mit Depressionen, Erschöpfungszuständen und Panikattacken. Und mit zig Diagnosen, deren Behandlung – oft auch mit Psychopharmaka – nie anschlug. Mein Problem war nicht Borderline, keine posttraumatische Belastungsstörung, kein Burn-out. Mein Problem war, dass ich eine Frau mit ADHS bin. Und das ist eine ziemlich schlechte Voraussetzung“.

Schlechte Voraussetzung? Neben ihrer Unruhe, emotionalen Achterbahnen und Konzentrationsschwächen gelten AD(H)Sler*innen als (emotional) überdurchschnittlich intelligent – nicht selten sogar als hochbegabt und besonders kreativ. Oft wird ihnen ein hohes Maß an Empathie und eine ausgeprägte Sozialkompetenz zugeschrieben.

„Privat war ich viel aktiver als andere, hyperaktiv um genau zu sein. Aber auch belastbarer als andere. Ich habe die größten Abenteuer und Reisen auf mich genommen, die wildesten Weiterbildungen gemacht, Sportarten ausprobiert und mich künstlerisch stets weiterentwickelt.“ Jojo, 29

„Ich galt immer als die leidenschaftliche Alleskönnerin. In jeder Ader meines Körpers steckte Potential. Mir fehlte nur die Anleitung, es zu nutzen.“ Reida, 27

Ständig unter Strom – zwischen Störung und Begabung

In aktuellen Studien ist aufgefallen, dass Menschen mit AD(H)S hochkomplexen Aufgaben eher gewachsen sind als „normalstrukturierte”.

“Ich habe einen sozialpädagogischen Job, der mich bis zu 12 Stunden am Tag ständig unter Strom hält. Das ist kein Problem für mich. Abends habe ich immer noch Energie. Anders ist es an Tagen, an denen nichts zu tun ist. Dann bin ich demotiviert, gelangweilt und müde.” Aishe, 32

Bereits 2002 hatte der Schweizer Fachpsychologe Piero Rossi dazu in seinem AD(H)S-Blog veröffentlicht: „Frauen mit einer ADHS sind meines Erachtens echte ‘Stehauffrauchen’ und ich staune immer wieder, wie gut und schnell sie sich immer wieder raufrappeln können, wie geschickt und originell sie in verzwicktesten Lebenslagen improvisieren können, wie schnell sie sich und anderen verzeihen können und wie dankbar, eifrig und konsequent sie in ihrer Emanzipation und Persönlichkeitsentwicklung sein können, wenn ihnen angemessene Hilfe zuteil kommt.“

Klingt eher nach einer Begabung als nach einer Störung? Absolut. Dennoch empfinden die meisten ihr Potential nicht als Gabe, sondern als Last. Ohne Akzeptanz im alltäglichen Umfeld und kompetente Hilfe drohen sie schnell durch das Sicherheitsnetz unserer gesellschaftlichen Normierungen zu fallen und sich in einem polarisierendem Selbstbild wiederzufinden. Sich dort alleingelassen zu fühlen, kann schnell in Depressionen münden.

„Ich war eine Überfliegerin in der Schule, ich konnte alles, was ich anfasste auf Anhieb. Irgendwann fing ich an, an mir zu zweifeln. Jetzt fange ich immer wieder neue Dinge an und breche sie alle ab. Ich habe keine Struktur, fühle mich andauernd atemlos und verzweifle regelmäßig. Nicht mal den stupiden, normalen 40 Stunden Job kriege ich auf die Reihe.“ Kati, 26

Dr. Mansplaining: Heilung durch Yoga und einen gesunden Mann

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Foto: Charly Gutmann

 Auch Kathrin Weßling schaffte es nicht, im Büroalltag zu funktionieren. Die „Kirmes im Kopf“, führte in der Routine schließlich zum Nervenzusammenbruch: „Im Großraumbüro wollte ich sehr oft schreien, dass endlich alle die Fresse halten sollen. Mein Kopf fühlt sich oft an, als sei da ein Lautsprecher installiert worden, der wie die Sprachausgabe beim Smartphone funktioniert. Er liest einfach alles laut vor, was er sieht. Und damit meine ich: absolut alles.“

„Als ich die Diagnose ADS bekam und meinem Chef davon erzählte, lachte er und sagte: Das ist doch nur wieder so eine Modekrankheit, irgendeine Erfindung der Pharmaindustrie, damit sie ihre Drogen besser loswerden.“ Aishe, 32

Und tatsächlich: Gerade seitdem der Deckmantel des unschuldigen, unangepassten Kindes gefallen ist, gibt es jede Menge kritischer Stimmen, die AD(H)S für eine Modekrankheit oder eine Erfindung der Pharmaindustrie halten – viele sprechen den Betroffenen sogar ihr Leiden als „Schönreden persönlicher Macken” ab. Die Kontroverse scheint teilweise berechtigt: Nicht jeder Mensch mit Konzentrationsproblemen oder leichter Ablenkbarkeit hat gleich eine AD(H)S. Kritische Stimmen wie die des US-amerikanischen Arztes Richard Saul warnen vor einer Generalisierung verschiedener Symptome zu einer angeblichen AD(H)S, die eine folgenschwere Fehlbehandlung nach sich ziehen kann. Das Krankheitsbild sei allgemein zu unpräzise und Ärzte verschrieben zu schnell Medikamente.

„Kein Witz jetzt: Nach der Diagnose ADHS, sagte mein Arzt: „Na, was machen wir denn nun mit Ihnen? Meinen kleinen Jungs hier verschreibe ich ja gerne mal was Stabilisierendes. Sie sind eine erwachsene Frau, hören Sie auf, an den Fingernägeln zu kauen, suchen Sie sich einen gesunden Mann und machen Sie Yoga, so wie alle anderen auch.“ Er lachte und gab mir ein Rezept für Medikinet.“ Sofia, 21

Danke vielmals, Dr. Mansplaining, Sofia versteht ihre Welt jetzt sicher besser. Doch was ist das eigentlich für eine Welt, die Ryffel-Rawak in ihrem Buch als „zu schroff und rau“ für Frauen mit AD(H)S beschreibt und in der man ruhig-stellende oder pushende Psychopharmaka braucht, um hineinzupassen? Hat das Leiden der Frauen mit AD(H)S vielleicht doch weniger mit deren persönlicher Konstitution zu tun, als mehr – Achtung, Überraschung – mit unserer Gesellschaft, in der Clärchens Gesang ein Klassiker bleibt?

Gedankengefängnis: Medikamente als (vorerst) letzter Ausweg

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Foto: Jeff Frenette

Die Welt können wir weder als männliche noch als weibliche Einzelpersonen verändern, aber wir können miteinander um Verständigung ringen, uns gegenseitig helfen und/oder helfende Strategien überlegen. Kathrin Weßling nimmt mittlerweile Medikamente und macht eine Therapie. Sie funktioniert nun besser. Vor allem, da sie sich für die Selbstständigkeit entschieden hat und sich ihre Zeit selbst einteilen kann. Dazu braucht sie aber zusätzlich viel Selbstorganisation und Struktur. Selbstverständlich gibt es bedrohliche Lebenssituationen, in denen wir auf die Hilfe von Medikamenten angewiesen sind. Für die meisten Menschen mit AD(H)S, die sich in unsere Leistungsgesellschaft einfügen wollen, erscheint die medikamentöse Therapie derzeit als einzig realistische (Überbrückungs-) Maßnahme.

Für kreative Freidenkende bedeuten die “Risiken und Nebenwirkungen” dieser Medikamente oftmals das geistige Gefängnis:

„Mir reicht die Diagnose, um mich besser zu kennen und zu akzeptieren. Ritalin ist die Hölle. Es betäubt meine geistige Freiheit. Ich werde zum Roboter. Ich bin aber Künstlerin und ich will fühlen. Und dazu gehört eben auch Leid und Chaos. Für mich sind die ‘Männer in Grau‘, die stumpf jedem Pfennig hinterherrennen, die Gestörten. Auf Ritalin mache ich nur meine Steuererklärung.“ Martha, 33

„Dieses Chaos im Kopf nervt. Aber Regen nervt auch manchmal. Ich zumindest will meine ‘ADHS‘ nie wieder hergeben. Ich liebe es, mich tagtäglich von mir selbst überraschen zu lassen. Mein Kopf schafft immer wieder Großartiges. Ich sehe in mir selbst die Chance auf eine bessere, ehrlichere Welt. Mit ehrlichen Emotionen und erfolgreichen Frauen.“ Aneta, 29

 Wer oder was entscheidet also, was krankhaft und störend ist und wie damit umgegangen werden soll? Vielleicht gibt es ja in weiter Zukunft eine Gesellschaft, in der der klar strukturierte, kontrollierte und immer funktionierende Geist mit einer ‘GFDS’ (‘Geistige Freiheitsdefizitsstörung’) diagnostiziert und systematisch mit LSD vollgepumpt wird. „Frau Herrmann, Ihre Tochter ist eine fantasielose Katastrophe. Sie zeigt keinerlei weibliche Flexibilität, kann nicht außergewöhnlich toll malen, sie hat auch keine Out-Of-The-Box-Ideen. Schicken Sie sie doch bitte gleich morgen zum Psychiater und lassen Sie ihr etwas LSD verschreiben.“ Wer weiß? Ein Gedankenexperiment lohnt sich.

Letztendlich geht es wieder um Akzeptanz und einen gemeinsamen Kampf gegen gängige Stigmata. In einer Welt, in der man nur eine blondierte Föhnfrisur braucht, um ein Land zu regieren, sollten wir uns einander menschlich zuwenden. Also, an uns Zappel-Phillippas, Struwwelpetras und Störenfriedas überall auf diesem Planeten: #WEMAKETOMORROWGREATAGAIN.

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