I know I’ve hurt you: Vier Mobber brechen ihr Schweigen

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Mobber üben psychische Gewalt auf ihre Opfer aus. Das ist schrecklich. Auch erschreckend ist: Die Täter sind meistens ganz normale Menschen wie du und ich. Credit: Joanna C. Schröder
Mobbing ist ein Thema, das nicht nur Opfer lange beschäftigt. Es quält oft die Täter selbst – auch, wenn die Einsicht zu spät kommt. Uns haben vier (Ex)-Mobber von ihren bösen Worten, Intrigen und Ignoranz erzählt.

Text: Corinna Siepenkort // Fotos: Joanna C. Schröder

Manche tun es bewusst, andere nur ganz beiläufig. Und oft merken sie es viel zu spät. Mobber üben psychische Gewalt auf ihre Opfer aus. Das ist schrecklich. Auch erschreckend ist: Die Täter sind meistens ganz normale Menschen wie du und ich. Aber warum verlieren sie so die Kontrolle? Weil sie selber bis oben hin mit eigenen Ängsten und Zweifeln vollgestopft sind? Weil ihnen die Schwächen anderer wie ein vermeintlicher Ausweg aus der eigenen Misere erscheinen? Fakt ist, die Täter mobben bewusst oder unbewusst mit bösen Worten, Intrigen oder Ignoranz Menschen in ihrem direkten Umfeld. Und zwar über Wochen, Monate oder Jahre. Irgendwann ist diese Phase plötzlich wieder vorbei. Dann kann das eigene Handeln vor sich selbst und anderen zumindest gerechtfertigt werden: Man wusste es ja nicht besser, man war noch jung oder es ging einem zu diesem Zeitpunkt nicht gut. Diese Erkenntnis ist wertvoll. Trotzdem spricht, anders als bei den Mobbing-Opfern, kaum ein (Ex-)Mobber darüber, was er getan hat – und warum er es getan hat. Weil die Erkenntnis schlichtweg schmerzhaft ist. Weil man sich schämt. Oder weil es vielleicht ohnehin nicht wiedergut­zumachen ist… oder? Aber auch hier gilt wie so oft im Leben: besser spät als nie. 

Laura, 31, Münster

Auf meinem Gymnasium gab es ein Mädchen, das ein Korsett tragen musste, weil es einen kaputten Rücken hatte. Zusammen mit ein paar anderen Mädchen haben wir sie deshalb immer „Korsetti“ genannt. Öffentlich, laut und direkt in ihr Gesicht. Ich war elf oder zwölf Jahre alt und fand es wohl witzig. Ich denke oft daran zurück und rechtfertige es  mir selbst gegenüber damit, dass wir noch jung waren und nicht wussten, wie verletzend so etwas ist. Aber eigentlich ist das gelogen. Denn ich habe es schon damals gewusst. Ich konnte sehen, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten oder wie sie verschreckt davonrannte. Woran ich mich hingegen nicht mehr erinnere, ist, wie alles angefangen hat – und vor allem wer angefangen hat.

Heute frage ich mich oft, wie es ihr wohl geht und ob sie das alles noch beschäftigt.

War ich etwa der Leader in unserer Gruppe? Oder doch nur eine Mitläuferin? Und: Ist das am Ende womöglich völlig egal? Das Mobbing zog sich über die verschiedenen Klassenstufen. Und auch als das Mädchen ihr Korsett ablegen konnte, ließen wir sie nicht in Ruhe. Ich erinnere mich noch dunkel daran, wie ich einmal bei ihr zu Hause war. Sie lud mich zu ihrem Geburtstag ein – als Einzige aus mei­ner Clique. Ich schätze, sie hatte nicht viele Freunde. Ich ging hin – viel­leicht aus Neugier, vielleicht aus einem schlechten Gewissen heraus. Mei­nen Freundinnen habe ich nie davon erzählt aus Angst, dass sie mich verurteilen. Direkt am nächsten Tag habe ich das Mädchen einfach wieder geärgert, als wäre nie etwas gewesen. Heute frage ich mich oft, wie es ihr wohl geht und ob sie das alles noch beschäftigt. Ich habe sie neulich bei Facebook entdeckt und ihr Profil gleich wieder weggeklickt. Ich bin zu feige, mich bei ihr zu melden. Auch wenn ich oft denke, dass ich mich einfach entschuldigen sollte.

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Fakt ist, die Täter mobben bewusst oder unbewusst mit bösen Worten, Intrigen oder Ignoranz Menschen in ihrem direkten Umfeld. Credit: Joanna C. Schröder

Natascha, 30, Berlin

Ich bin grundsätzlich eher ein Mensch, der Konflikte scheut. Ich denke mir lieber meinen Teil und versuche, die Person zu ignorieren, so gut es geht. Dass so ein Verhalten auch in Mobbing ausarten kann, weiß ich jetzt. Die Situation, um die es geht: Bei meinem alten Arbeitgeber hatte ich eine Kollegin, die ich einfach nicht ertragen konnte. Genau genommen war sie sogar meine Vorgesetzte. Und irgendwie hat mich von Tag eins an alles, wirklich alles, an ihr gestört. Sie hat irgendwie immer ein bisschen zu laut gelacht und in meiner Welt immer genau das Falsche ge­sagt. Das ging offensichtlich auch anderen so. Meine Kollegin und ich haben uns nach und nach regelrecht in eine „Die ist so scheiße!“-Spirale hineingesteigert. Wir haben ständig über ihre Ansagen gekichert oder die Augen verdreht, wenn sie etwas von uns wollte. Dann haben wir ihre Vorgaben einfach nicht ausgeführt.

Unglaublich, was für ein beschissener Mensch ich war.

Weil sie neu und unsicher war, hat sie zu keinem Zeitpunkt hart durchgegriffen, sondern uns nur immer wieder nett darum gebeten. Meine Ignoranz ihr gegenüber wurde immer stärker. Wenn sie etwas gefragt hat, habe ich anfangs so getan, als würde ich sie nicht hören. Dann habe ich irgendwann als Antwort nur noch ganz provokativ meine Kopfhörer aufgesetzt. Und schließlich habe ich einfach ein anderes Gespräch mit meiner Kollegin angefangen… Ich habe es genossen, dass sie immer nervöser und kleinlauter wurde. Schließ­lich war sie ja eigentlich mir übergeordnet. Sie hat nach einem hal­ben Jahr wieder gekündigt – ob es konkret wegen mir war, weiß ich natürlich nicht. Ich finde es immer noch unglaublich, dass sie mein Ver­hal­ten einfach hingenommen hat. Und noch unglaublicher, was für ein beschissener Mensch ich war. Ich hätte natürlich alles, was mich stört, mit ihr besprechen sollen. Aber dann wäre ich vielleicht damit konfrontiert gewesen, dass eigentlich ich selbst das Problem war – und nicht sie …

 

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Anders als bei den Mobbing-Opfern spricht kaum ein (Ex-) Mobber darüber, was er getan hat – und warum er es getan hat. Credit: Joanna C. Schröder

Jingiz, 28, Uelzen

Mobbing ist ein Thema, für das ich sehr sensibel bin. Heute. In meiner Heimat in Kasachstan war ich oft vorne mit dabei, wenn es darum ging, einen anderen fertigzumachen. Besonders stark ist mir ein Fall aus der vierten Klasse in Erinnerung geblieben. Ich habe einen anderen Jungen gemobbt, bestimmt drei Jahre lang. Ich kann heute gar nicht mal mehr sagen, warum ausgerechnet dieser Junge mein Opfer wurde… Aber ich erinnere mich noch an ein bestimmtes Gefühl: Ich wollte, dass der Junge sich schlecht fühlt. Einfach so. Mein Mobbing wurde über die Zeit immer extremer, erst habe ich den Jungen bewusst ausgeschlossen und schlecht hinter seinem Rücken über ihn geredet. Dann habe ich ihn irgendwann auch direkt beleidigt und später auch geschubst oder ihm ein Bein gestellt. Der Junge war dunkelhäutig und ich habe ihn mit schlimmen Worten wie „Nigger“ oder „Schwarzarsch“ beschimpft. Heute wird mir echt schlecht, wenn ich daran denke.

Ich muss mit meinem Schuldgefühl leben können. Fair enough.

Was mir auch erst viel später bewusst geworden ist: Niemand hat jemals Stopp gesagt, sich für den Jungen stark gemacht. Unsere Lehrer haben einfach weggesehen und die Eltern wussten natürlich auch von gar nichts. Oder sie wollten es nicht wissen, wie auch immer. Und die anderen Kinder haben größtenteils einfach mitgemacht. Irgendwann bin ich dann in die Hauptstadt Astana gezogen und der Junge war mir von heute auf morgen egal. Was wahr ist: Irgendwann holt es dich ein, wenn du einen anderen Menschen so schlimm verletzt hast. Ich glaube nicht, dass man wirklich versteht, wie sich ein Mobbing-Opfer fühlt, wenn man selbst nie in einer so schrecklichen Situation war. Ich habe meine persönliche Einsicht bekommen, als ich mit 16 Jahren nach Deutschland kam. Ich konnte kein Wort Deutsch und wurde direkt zum Außen­seiter. Wenn ich versucht habe, mich einzubringen und etwas zu sagen, haben alle über mich gelacht und mich wegen meiner fehlenden Sprachkenntnisse gehänselt. Vielleicht war das der Schlüsselmoment, in dem ich erst richtig be­griffen habe, wie scheiße ich eigentlich damals war. Ich weiß nicht, wo mein damaliger Mit­schü­ler heute lebt oder wie es ihm geht. Ich muss also mit meinem Schuldgefühl leben können. Fair enough. Weil mir das Thema Inklusion und ein freundliches Miteinander sehr wichtig sind, mache ich mich mittlerweile für Diversity und gegen Rassismus stark, in meinem Freun­des­kreis und auch hin und wieder ehrenamtlich in einem Jugendzentrum. Seitdem fühle ich mich besser.

Mina, 23, Hamburg

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann stichel ich oft eine Freundin von mir. Vielleicht kann man es sogar Mobben nennen, keine Ahnung. Eigentlich ist sie sogar meine beste Freundin. Sie ist etwas fül­li­ger als ich und kommt bei Männern nicht so gut an. Wenn wir zusammen shoppen gehen und sie ein Kleid findet, das normalerweise eigentlich eher ich tragen würde, dann drücke ich ihr einen Spruch rein. Ich habe ihr schon oft gesagt, sie sei dafür zu dick und ja eher der unauffällige Typ. Ich habe sogar schon mal gesagt, dass sie hässlich sei. Total bescheuert. Meistens mache ich ihr dann später mal ein Kompliment – um die Sache wieder auszugleichen. Mir ist schon klar, dass es damit nicht getan ist. Aber ich verstehe selbst nicht, wa­rum ich bewusst fies zu ihr bin. Wahrscheinlich hat es was mit meinem eigenen Selbstbewusstsein zu tun und mit der Angst, dass sie mir den Rang ablaufen könnte. Ich weiß, dass mein Verhalten nicht okay ist und will mich bessern.

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