Als Frau allein auf Wohnungssuche – über unmoralische Angebote und Hilflosigkeit

Foto: Michael Ritter via Unsplash
Immer mehr Menschen möchten oder müssen alleine wohnen. Laut des Statistischen Bundesamtes lebt in Deutschland fast jede*r zweite in einem Einpersonenhaushalt. Selbst die Stadtplaner*innen richten sich nach den, vor allem von Millennials vorgelebten Wohntrends und bauen fleißig Mikroapartments in die Städte. Aber diese müssen auch erst einmal gefunden werden. Heißt: unzählige Besichtigungen. Nicht immer sind die dabei entstehenden Begegnungen freundlich und sachlich. Hier lest ihr einen persönlichen und angsteinflößenden Vorfall und erhaltet Tipps, wie ihr euch bei der Wohnungssuche alleine vorbereiten und schützen könnt.

Umziehen ist für mich, neben einem erzwungenen Aufenthalt auf einem Kreuzfahrtschiff, die absolute Höchststrafe und hat ein fast genauso schlimmes Vorspiel: die Wohnungssuche. Angetrieben wurde ich nur von dem starken Wunsch, nach dieser Tortur endlich alleine wohnen zu können.

Man sollte denken, dass der Spruch „Übung macht den Meister“ auch in Sachen eigene-vier-Wände-suchen zustimmt, aber wenn ich genau drüber nachdenke, will ich das auch gar nicht. Umzug optimieren? Nein danke, da gibt es Wichtigeres und eigentlich möchte ich nie wieder umziehen. Zumindest nicht noch einmal alleine. Auch mit einem Partner bin ich da nicht besonders scharf drauf, aber um Mimimi geht es hier nicht. Hier geht es um regelrechte Ohnmacht. Ein Gefühl, das vor allem Frauen allzu gut kennen. Eines das lähmen kann. Wie in meinem Fall.

Alleine umziehen als Frau

Dass ich Hilfe beim Umzug brauchen würde, war mir klar. Mal ganz davon abgesehen, dass meine Körperlichkeit mich davon ausschließt, den Großteil meiner Möbel auch nur anheben zu können, und dem Fakt, dass ich – mittlerweile aus Überzeugung, früher aus finanziellen Aspekten – keinen Führerschein habe. Doch dass ich eher Hilfe bei der Suche gebraucht hätte, habe ich nicht erwartet. Zu den anzüglichen Nachrichten bei Ebay-Kleinanzeigen, Facebook und sämtlichen anderen Seiten, die wochenlang meine Tagesroutine bestimmt haben, nur kurz soviel: Ignorieren und melden ist bei Nachrichten wie „Hallo du schöne Frau“, „Wow bist du geil“ und so weiter, das Beste. Einer bot sich mir als Einweihungsparty-Kosten-Übernehmer an, wenn er denn vor dem Eingang als Fußmatte liegen dürfe. Ein Fetisch, den ich als eher harmlos einstufte.

48 m2 in Ottensen für 800 Euro Warmmiete hatte er abzugeben. „Nur an Frauen“, stand im Profil.

Vom ersten E-Mail Kontakt an hatte ich aber ein mulmiges Gefühl bei Sascha. Er klang dringlich, wollte die Wohnung so schnell wie möglich vermieten und sich am liebsten sofort treffen. Es war 22 Uhr, aber da das Wochenende und in meinem Kalender ein Trip nach Berlin folgen würden, sah ich mich gezwungen, den Termin wahrzunehmen. Dafür gehen bezahlbare Wohnungen einfach zu schnell weg. Also trafen wir uns noch am selben Abend. „Mir gehört die Bude. Ich habe sie mit der finanziellen Unterstützung meiner Eltern gekauft. Selbst leisten könnte ich sie mir nicht“, meinte er und grinste mich etwas zu lange an.

48 m2 in Ottensen für 800 Euro Warmmiete hatte er abzugeben. „Nur an Frauen“, stand im Profil. „Warum“, fragte ich. „Die sind unkomplizierter.“ Schwitzige Hände und einen Schauer gab es inklusive, als er mir etwas in der Küche zeigte und mir dabei ein wenig zu nahe kam. Ob er mir den Keller zeigen solle, fragte er als nächstes. Ich zögerte. „Eigentlich will ich die Wohnung gar nicht mehr“, dachte ich kurz. Aber ich hatte Zeitdruck und Panik, nichts anderes zu bekommen. So weit wie bei Sascha war ich dem Zielpunkt der Schlüsselübergabe noch nie. Gleichzeitig hatte ich noch nie so ein ungutes Gefühl.

Hätte ich mit jemanden meiner Freunde mitnehmen sollen? Wahrscheinlich. Hätte ich auf einen Termin am Tage bestehen sollen? Mit Sicherheit.

Dann folgte ein Szenario, das mit jenen Stellen in Horrorfilmen vergleichbar war, bei denen man das leider immer noch stereotypisch weibliche final girl versucht, durch den Bildschirm anzuschreien, nicht mitzugehen und einfach wegzulaufen. Bei jeder Treppenstufe hinunter in den dunklen Keller überlegte ich, was ich hätte anderes machen können, um mich sicherer zu fühlen. Hätte ich mit jemanden meiner Freunde mitnehmen sollen? Wahrscheinlich. Hätte ich auf einen Termin am Tage bestehen sollen? Mit Sicherheit. Öffentliche Einrichtungen, wie de GEBEWO, unterstützen speziell Frauen bei einer angstfreien Wohnungssuche. Ich fand sie erst nach diesem Vorfall.

Spoiler: Sascha tat mir auch im Keller nichts – der Typ war einfach nur ein bisschen creepy und ich projizierte meine eigenen Unsicherheiten auf seine tatsächlich vorhandenen drauf. Echte Angst, ein Fluchtreflex und Unwohlsein sind aber nicht unbedingt Gefühle, die ich bei meiner Suche erwartet hatte zu fühlen. Auf Stress, Zeitdruck und finanzielle Ängste war ich eher vorbereitet.

Auf das Gefühl hören –  auch bei der Wohnungssuche

Ramona Farias via Unsplash

Dabei war ich noch nie weich. Zumindest nicht nach außen. Eher treffen Adjektive wie tough und unnahbar auf mich zu. Und jegliche übrig gebliebene, runde Kante wurde in den vergangenen zwei Jahren Berlin zu einem spitzen Zacken gefräst. Wehren kann ich mich auch, aber eben nur zu einem gewissen Punkt. Doch Mut und eine große Klappe reichen nicht aus, wenn du mit deinen 1,58 Metern plötzlich in einer leeren, frisch sanierten Erdgeschosswohnung mit einem fast 2 Meter großen Mann stehst, er die Tür ins Schloss fallen lässt und dir bewusst wird, wie vulnerabel du gerade eigentlich bist.

Gegen Sex kriegst du die Bude

Sascha kennt nun meinen Namen, meine Telefonnummer, meinen Arbeitgeber, und meine bald zum Glück nicht mehr aktuelle Berliner Adresse. Die Selbstauskunft hätte ich ihm am liebsten direkt wieder aus der Hand gerissen. Aber das ging nicht. Das in der Situation klare Machtgefälle konnte ich ebenso wenig ignorieren. Daher stammt auch dieses schwere Gefühl von Ohnmacht. Nicht bloß meine offensichtliche, körperliche Unterlegenheit, ließ es in mir aufkommen. Und es kam auch nicht (nur), weil ich eine Frau und er ein Mann ist. Ohnmacht ist nicht zwangsläufig ein Gender-Ding. Und ich will mich hier auch gar nicht zu einem Opfer machen, weil ich das nicht bin. Doch die Tatsache ist: Sascha hätte mich quer durch die 48 Quadratmeter dieser Wohnung schleudern oder mir ein unmoralischen Angebot machen können, wie man es immer wieder in Beiträgen über die Zustände auf dem Wohnungsmarkt liest: Gegen Sex kriegst du die Bude. Oder noch schlimmer: Er hätte es sich einfach holen können. Weil ich nicht vorbereitet war, zu gutgläubig und dachte „ach, was soll mir schon passieren“. Diesen Fehler werde ich nie wieder machen und deswegen schreibe ich diesen Artikel.

Bitte hört, wenn ich euch rate, jemanden auf private Besichtigungen mitzunehmen, lieber safe than sorry zu sein. Diesmal ist bei mir alles gut gegangen. Doch für viele Frauen ist meine „was wäre wenn“-Vorstellungen über Sascha harte und Lebensweg prägende Realität.

Ich habe Saschas Wohnung nicht genommen, aber ich muss ehrlicher Weise sagen, auch, weil er sich nie wieder gemeldet hat. Seine Nummer funktioniert mittlerweile nicht einmal mehr und sein Profil auf Ebay Kleinanzeigen ist deaktiviert. Meine neue Bleibe habe ich von einer Frau angemietet. Die hatte mir beim ersten Gespräch am Nachmittag einen Kaffee und selbst gebackene Kekse angeboten.

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