Was ist dein Vermächtnis, Melina Matsoukas? Die Regisseurin im Gespräch über Repräsentation, die bleibt

Foto: Micaiah Carter
Im Rückblick auf unser Gespräch mit Melina Matsoukas, die schon bei den Videos der weltgrößten Popstar Regie führte. Mit ihrem ersten Film „Queen & Slim” brachte sie Anfang 2020 nicht nur das Vermächtnis von Schwarzem Widerstand auf die Leinwand – sondern auch ihr eigenes.

Melina Matsoukas sagt, sie kehre gerade ganz behutsam ins neue Jahr zurück. Viel Zeit hat die Regisseurin für unser Gespräch zu ihrem Filmdebüt „Queen & Slim“ aber nicht. Ihre Sätze spricht sie trotzdem ruhig, optimistisch, entspannt, mit Bedacht. Melina Matsoukas ist wie die Dozentin, die ihren Studenten ein Thema ohne steifen Uni-Duktus beschreibt, dabei aber auch nicht umgangssprachlich wird. Über die Telefonleitung wirkt es, als könnte sie auch Texterin sein, läge ihr dieses Thema nicht fern. „Ich bin keine Autorin, also war es schwierig, ein Film-Projekt zu finden, das mich auf persönlicher Ebene anspricht”, sagt sie selbst. Ein solches Projekt hat Matsoukas in „Queen & Slim“ gefunden und zusammen mit Drehbuchautorin Lena Waithe realisiert.

Was die Beiden geschaffen haben, dürfte aber nicht nur Matsoukas selbst ansprechen, sondern eine ganze Menge Menschen. „Queen & Slim” soll das Manifest der Black Resistance sein, ein Film, der durch eine fiktionale Story à la Bonnie und Clyde die Realität von Schwarzen Menschen aufzeigt, vor allem in den USA. Ein Film, der widerspiegelt und trotzdem bestärkt. Und dabei gut aussieht.

Dieser Film kann nicht jeden*n repräsentieren – aber alle ansprechen

Denn die visuelle Kraft von Kulturprodukten wie „Queen & Slim” könnte durchaus als Matsoukas‘ Vermächtnis bezeichnet werden. Die 39-Jährige gehört in den USA seit Jahren zu den größten Namen der Musikvideo-Regie. Rihanna, Solange, Lady Gaga, Ciara, Ashanti, Whitney Houston, Eve und mehr standen vor ihrer Kamera. Vor vier Jahren ist es Matsoukas Kurzfilm zu Beyoncés „Formation”, der die Grenzen des Musikvideos als Begleitprojekt hinter sich lässt. Die Atmosphäre, die visuelle Aussagekraft ihrer vorherigen Arbeiten hat die Regisseurin nun auf ihr Filmdebüt übertragen.


Foto: Via PR

Polizeigewalt, Rassismus und Vermächtnis: Der Kern von „Queen & Slim”

Seit 3 Wochen erzählt „Queen & Slim” auch im deutschen Kino die Geschichte der im Titel genannten Hauptpersonen [Januar 2020, Anm. d. Red.]. Nach einem ziemlich miserablen Tinder-Date finden sich Queen und Slim – ihre realen Namen werden erst am Ende des Films genannt – in einer für die USA noch allzu präsenten Situation wieder. Stichwort Polizeigewalt. Auf dem Heimweg werden sie von einem weißen Polizisten angehalten. Es kommt zur rassistischen Diskriminierung seitens des Polizisten, dann zur Auseinandersetzung. Am Ende ist der Polizist tot. Queen und Slim haben sich selbst verteidigt, nun jedoch werden sie zu Gejagten – von Verfolgern, aber auch von Unterstützern. Ihre Flucht inszeniert Matsoukas als Roadtrip durch die Südstaaten der USA, in denen ein Pontiac Catalina zum Fluchtfahrzeug wird und der soziale Status Quo zwischen den visuellen Zeilen sichtbar sein soll. In der von Endlichkeit durchzogenen Verbindung der beiden Figuren geht es aber vor allem um das große V-Wort, das Matsoukas mit diesem Film prägt: Vermächtnis. Und über große Worte wie Vermächtnisse muss man reden. Ganz in Ruhe, ganz bedacht.

„Dieser Film gibt uns Repräsentation, nach der wir so sehr dürsten. Auf dem Big Screen sieht man eben kaum dark-skinned Figuren, die sich ineinander verlieben und wertschätzen. Ich bin ohne diese Bilder aufgewachsen.”

Stand der Wechsel vom Musikvideo zum Kinofilm für Dich schon lange an?
Ja, ich wollte das seit Jahren machen. Dank meines Erfolgs mit Musikvideos hatte ich aber absolut keine Eile. Mir fiel es schwer, ein Projekt zu finden, das politisch ist, eine Botschaft hat und die Grenzen des Status Quo pusht. Etwas, das mit Ideen herausfordert, aber gleichzeitig unterhält und die Zuschauer mit auf eine Reise nimmt. Zwischen „Queen & Slim” und der Art von Musikvideos, die ich mache, liegen viele Parallelen.

Du hast beschrieben, dass du mit diesem Film die „Black Experience” zeigen möchtest. Welche Gefühle sollen Schwarze Menschen selbst aus diesem Film mitnehmen?
Gefühle von Stärke und Widerstandsfähigkeit, von Kraft. Unsere Gemeinschaft, unser Zusammenhalt sind unsere besten Waffen gegen Unterdrückung, wie man so sagt. Ich will, dass sich Schwarze Menschen ehrlich und wahrhaftig repräsentiert fühlen. Die Story soll authentisch sein und unsere Erfahrung als Black People of Color ansprechen. Sie ist trotzdem auch etwas einzigartiges, dass nicht absolut jede*n repräsentieren kann, aber dennoch alle anspricht.

Du wünschst dir, dass sich „Queen & Slim” Film in zwei Jahren nicht mehr so „glaubhaft” anfühlt und nah an der Realität wirkt – wie aber kann er trotzdem eine Art kulturelles Vermächtnis haben?
Ich denke, das hat er schon. Der Film hat einen unglaublichen Dialog geschaffen und Zuschauer*innen verschiedener Seiten zusammengebracht. Es geht darum, wer Queen und Slim sind und wofür sie stehen. Ich bin froh, diesen Dialog vielleicht nicht initiiert aber zumindest daran teilgenommen zu haben. Teil des Vermächtnis’ ist es auch, „Black Stories” wahr und echt zu präsentieren. Dieser Film gibt uns Repräsentation, nach der wir so sehr dürsten. Auf dem Big Screen sieht man eben kaum dark-skinned Figuren, die sich ineinander verlieben und wertschätzen. Ich bin ohne diese Bilder aufgewachsen. Eine Frau wie Jodie [Turner-Smith, Darstellerin von Queen, Anm. d. Red.] wäre damals nicht als wunderschön angesehen worden. Uns Schwarzen Frauen wird an so vielen Stellen gesagt, unsere Attribute wären nicht wunderschön. Jodie also filmen und in ihrer wahren Essenz einfangen zu können, wie sie so viele Frauen repräsentiert, war eine Ehre.

Was ist dein persönliches Vermächtnis?
Oh, Lord. Hoffentlich ist ein Teil davon, dass ich Wandel herbeiführe und Schwarzsein im Film und in der Popkultur auf starke Art und Weise repräsentiere. Meine Arbeit ist mein Vermächtnis.

Dieser Beitrag ist ursprünglich am 28. Januar 2020 erschienen.

Schwarz meint hier nicht die Beschreibung einer biologischen Eigenschaft oder Hautfarbe, sondern die Selbstbezeichnung Schwarzer Menschen im politischen Sinne und im Bezug auf gemeinsame Rassismuserfahrungen und von Rassismus beeinflusste gesellschaftliche Position. Unter anderem aus diesem Grund wird Schwarz oft mit großem „S” geschrieben. Mehr dazu im Glossar für diskriminierungssensible Sprache von Amnesty International.

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