Wie ist der Status von Modest Fashion wirklich in Deutschland, Sadé Nadia?

Foto: Nicola Rehbein
„I stand for diversity and empowering women“ heißt es in Sadés Instagram-Bio. Tatsächlich bringt die Berlinerin sogar beide Herzensthemen mit ihrem Look zusammen: Sie ist Model für Modest Fashion. Da sie sich selbst als Frau mit Kopftuch in Deutschland nie repräsentiert gefühlt hat, ist sie jetzt einfach selbst das Vorbild…

Fragt man Sadé Nadia nach ihrem Meilenstein, dem Moment der alles veränderte, dann erzählt sie von dem Gefühl, als sie sich selbst auf einem meterhohen Plakat der Nike-Helden-Kampagne „Du tust es nie nur für dich“ in der Stadt sah. Sie sagt, nicht weil sie darauf „flext“, sondern weil sie mit dieser Kampagne eine junge Frau mit Kopftuch repräsentiere. Weil sie ihren Beitrag leiste, die (Mode-) Welt diverser zu gestalten und sich ihr Leben lang solche Plakate gewünscht hat.

„Für mich ist es das Größte, wenn mir junge Mädchen, die genau wie ich Kopftuch tragen, schreiben, dass sie sich gesehen und inspiriert von mir fühlen. Ich selbst hatte keine Vorbilder in Deutschland. Erst später entdeckte ich Modest Fashion aus UK und USA“, erklärt Sadé. Wir treffen uns im Fotostudio am Rande Berlins, sie shootet wieder für Nike. Diesmal geht es um den Air Max. Aber für Sadé geht es bei jeder Kampagne darum, die Sichtbarkeit für „ihre Leute“, wie sie sagt, zu erhöhen. Und die Zukunft fairer zu gestalten.

Modest Fashion als Symbiose aus Style und Kultur

Vor zehn Jahren, mit 16, kaufte sie ihren ersten Blazer, um mit ihrem Look zu spielen. Modest Fashion ist für jede Frau und kann verschiedenen Hintergründe haben. Für mich persönlich ist es aber die Möglichkeit, meine Leidenschaft für Mode mit meiner Religion zu vereinbaren. Ich kann mich damit ausdrücken.“ Ihre Rolle als Aktivistin begann damit, dass sie zunächst Modest-Fashion-Veranstaltungen für ihre Freunde veranstaltete. Einen Ort schuf, an dem man zusammen verschiedene Styles ausprobieren und sich gegenseitig austauschen konnte. Ihr Event wurde immer größer und das bestärkte sie darin, auch bei Instagram öffentlich zu werden: „Ich möchte einfach Brücken bauen, Mädchen und Frauen, die auch Kopftuch tragen individuelle Styles zeigen und meine Gedanken zur Diversität teilen.“

„Ich will mich nicht mehr krampfhaft darum kümmern, Stereotype zu entkräftigen, sondern konzentriere mich darauf, ich selbst zu sein“

Aber machen wir uns nichts vor: Sich öffentlich mit Kopftuch zu zeigen und laut zu werden in einer weißen Mehrheitsgesellschaft bedarf Mut. Auf diesen angesprochen, erklärt Sadé ihre Power so: „Ich habe gelernt, stark zu sein und selbstbewusst. Ich war lang nicht selbstbewusst und wusste einfach nicht, wo ich hingehörte. Dann ist mir irgendwann bewusst geworden, dass man nicht eingeordnet werden muss. Ich habe damit aufgehört, beweisen zu müssen, dass ich nicht dem Klischee entspreche. Die Vorstellung von mir in einem anderen Kopf ist nicht mein Business.“

Ein bisschen Stoff, viele Vorurteile

In ihrer Modelagentur ist sie noch das einzige Modest Fashion Model. Ihre Bookern bekommen noch  hin und wieder Feedback gefüllt mit Vorurteilen. Ein Model mit Kopftuch sei bestimmt schüchtern, habe keine eigene Meinung – aber Sadé steht drüber und bleibt hoffnungsvoll. Und das kann sie auch: Die Kooperationen, in denen es um sie als Person, ihren persönlichen Style und ihre Meinung geht (eben wie die von Nike), häufen sich. „Ich bin davon überzeugt, dass sich die Köpfe immer mehr öffnen und mehr Brands verstehen, wie wichtig Diversity ist. Auch hinter den Kulissen: Ich wünsche mir, dass mehr Leute mit unterschiedlichen Hautfarben an großen Projekten mitarbeiten. Wenn sich das ändert, dann sind wir auf dem richtigen Weg.“

Fragt man Sadé nach Meilensteine der Modest Fashion, dann erzählt sie von Halima Aden auf der Vogue, Nikes Sporthijab und bedeutenden Hijab-Models mit eigenen Blogs. Es gibt sie, die Momente der Repräsentation – und Sadé hilft mit, aus Momenten Normalität zu machen.

Fotos: Nicola Rehbein

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