(Noch nicht) 30 über Nacht: Sind wir jemals zu alt für Neuanfänge?

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Jung, hip und relatable, das will gerade die Lifestyle-Branche sein. Was aber, wenn man auf dem Papier nicht mehr so jung ist, aber ansonsten die Qualifikationen erfüllt? Unsere Autorin hat selbst einen längeren Weg zum Berufsstart hinter sich und findet, dass jede*r von uns Neuanfänge verdient hat. Egal wie viele.

Ich nippe an meinem Kaffee, während ich durch LinkedIn scrolle. Mein morgendliches Ritual, wenn ich morgens ins Büro komme. Erstmal Koffein und checken, was die anderen Menschen in der Mode- und Lifestyle-Bubble gerade machen. So klicke ich durch News zu den neuesten Fashion-NFTs und „Ich habe einen neuen Job”-Posts bis mich eine bunte Grafik mit den Worten „Praktikum” und „Living Wage” (eine Bezahlung, die über den gesetzlichen Mindestlohn hinaus geht) anlacht. Zwei Dinge, die nicht sehr oft Hand in Hand gehen. Trotz meines festen Jobs und keinem Interesse an einem Praktikum ist meine Neugierde geweckt und ich frage mich, wo denn der Haken an der Sache sein könnte. Es scheint, als wolle der Arbeitgeber – ein Fashion-Magazin – jungen Kreativen mit diesem neuen Job-Angebot einfach nur eine Chance geben, in der doch sehr elitären Modewelt Fuß zu fassen. Altersgrenze: 25.  Das stößt mir sauer auf, denn:  Anfang diesen Jahres, als ich mein Studium abschloss und in den ersten Vollzeitjob wechselte, hätte ich schon keine Chance mehr auf dieses Praktikum gehabt. Da war ich schon 27.

Neuanfänge: Später Start oder genau richtig?

Nach dieser Erkenntnis werde ich unverhältnismäßig wütend und mache meiner schlechten Laune gegenüber meinem Kollegen Luft. Diese zufällige in meinen Feed gespülte Praktikumsstelle hat einen wunden Punkt bei mir getroffen. Als ich anfing zu studieren, war ich 23 Jahre alt. Seit Tag eins bangte es mir vor dem Moment, an dem ich meinen Abschluss machen würde, denn im Gegensatz zu meinen Kommilitoninnen, die dann am Anfang ihrer Zwanziger stehen würden, stand mir die große 30 kurz bevor. Und dann wäre ich schließlich alt und „kaum noch zu gebrauchen” in einer Branche, die von der Jugend und dem jung bleiben lebt. Während meiner Zeit an der Uni wurden diese Bedenken nur schlimmer. Dort durfte ich mir öfter anhören, dass ich „jünger schreiben” – aka mehr Anglizismen verwenden – und mir einfach vorstellen solle, dass ich erst 20 sei. Im Januar diesen Jahres stand ich dann mit frischen 27 Jahren kurz vorm Abschluss. Während viele meiner Freundinnen überlegten, ob sie nicht vielleicht noch etwas ganz anderes machen sollen, hatte ich Horrorvorstellungen davon, dass mich nie im Leben ein Lifestyle-Medium als Praktikantin oder gar Juniorin einstellen würde. Dass ich nun diesen Artikel auf BLONDE.de verfasse, zeigt natürlich, dass meine schlimmsten Erwartungen nicht wahr geworden sind. Aber meine ungemeine Angst, älter zu werden und die genannte Praktikumsstelle mit Altersbegrenzung lassen mich die Frage stellen: Wie oft erlauben wir uns Neuanfänge und ist es irgendwann einfach zu spät?

Dinge, die nicht im Lebenslauf stehen

Bevor ich näher darüber philosophiere, woher meine Angst vorm Altern und vor allem der magischen 30 denn herkommen könnte, bedarf es einiger Vorkenntnisse. Zum einen möchte ich vorweg sagen, dass sich viele den Luxus, sich Zeit zur Suche nach einem passenden Studiengang zu nehmen, nicht leisten können. Ich musste meine Familie nicht monetär unterstützen und musste auch nicht meine komplette Existenz alleine finanzieren. Zum anderen muss ich als Kontext einen kleinen Einblick in meine eigene Lebensgeschichte geben; Seitdem ich 16 bin habe ich immer wieder mit depressiven Episoden zu kämpfen. Mittlerweile kann ich diese zwar sehr gut erkennen und weiß, wie ich damit am besten umgehe, aber der Weg hierher war lang. Ein Klinikaufenthalt mit 17 Jahren hat mir sehr geholfen, mich auf mein letztes Schuljahr vorzubereiten, doch es kam alles etwas anders als gedacht. Kurz vor meinem Abitur verlor ich meine Mutter an Krebs, hatte aber keine Zeit oder mentale Kapazitäten, mich damit wirklich auseinanderzusetzen oder mir die Zeit zum Trauern zu nehmen. Ich machte mein Abitur und fing danach direkt an, in einer anderen Stadt zu studieren, weil das schließlich der nächste logische Schritt war. Nicht mal ein Semester habe ich durchgehalten, bis mich der Tod meiner Mutter einholte, ich das Studium abbrach und zurück in die Heimat zog. Anderthalb Jahre und ein Au-Pair-Aufenthalt im Ausland später stand ich mit 20 wieder in einer neuen Stadt in meiner mittlerweile zweiten Ersti-Woche. Hier hielt ich es drei Semester – mit vielen Fehlstunden und nicht bestandenen Prüfungen – aus, bevor mich die Depression wieder komplett in ihren Fängen hatte. Ich begab mich erneut in eine Klinik und entschied mich danach, das ich dem Studieren ein letztes Mal eine Chance geben würde. Meinen dritten Versuch begann ich allerdings, als die meisten meiner ehemaligen Mitschüler*innen bereits an ihren Masterarbeiten saßen.

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Ich habe also drei Neuanfänge hinter mir und wirklich immer komplett unterschiedliche Dinge studiert. Mit 18 und auch in den Jahren danach war ich einfach noch nicht bereit dafür, mich zu entscheiden, was ich „mit dem Rest meines Lebens” anfangen möchte. Ich musste meine mentale Gesundheit soweit in den Griff bekommen, dass ich mir eine 40-Stunden-Woche überhaupt realistisch vorstellen konnte. Aber auch abgesehen von meiner ganz persönlichen Lebensgeschichte frage ich mich, wie man von Menschen, die gerade ihr erstes großes Lebenskapitel „Schule” abgeschlossen haben, erwarten kann, dass sie diese vermeintlich alles entscheidende Berufswahl treffen können. Und sich dann auch nicht doch nochmal umorientieren wollen. Ganz zu schweigen von den Schüler*innen, die ohne gymnasialen Abschluss bereits viel früher in ihre Ausbildung starten. Wir machen alle Witze über die Lisas und Florians dieser Welt, die erstmal das berühmte Gap Year in Australien machen, weil sie meistens auch einfach noch nicht wissen, wohin die Reise gehen soll – no pun intended. Aber unsere Leistungsgesellschaft gibt uns ab dem Moment, wo wir die Schule verlassen, das Gefühl, dass wir gescheiterte Existenzen sind, wenn wir mit 25 nicht mindestens einen Bachelor-Abschluss vorweisen können.

Wir sind so eng miteinander vernetzt, dass wir kein Teil eines Trends sein müssen, um diesen mitzubekommen oder zu verstehen. Wir können wissen, was Y2K bedeutet, welche neuen Core-Trends es gerade gibt, wer die Elevator Boys sind und uns trotzdem darüber beschweren, dass wir nicht mehr so lange wie früher feiern können und nach drei Gläsern Wein mittlerweile Kopfschmerzen bekommen.

Alt ist nicht gleich ahnungslos

Dass ich sehr dafür plädiere, dass einem Menschen jede Menge Neuanfänge zustehen – auch im Berufsleben – sollte durch meine eigene Geschichte klar geworden sein. Aber selbst wenn man den „klassischen Weg” geht und nach der Schule direkt an die Uni geht, an den Bachelor den Master hängt, mit 23 Jahren in den Beruf startet und später merkt, dass man sich das alles doch ganz anders vorgestellt hat, sollte diese Möglichkeit ebenso gegeben sein. Vor allem in einer Arbeitswelt, die gerade in kreativen Berufen eine unfassbare Flexibilität verlangt. Einerseits sollen wir bloß nicht zu lange in einer Redaktion, Agentur oder Firma kleben bleiben, sondern bestenfalls alle drei Jahre nach neuen „beruflichen Herausforderungen” Ausschau halten, andererseits wird eine neue Ausbildung oder ein erneutes Studium mit Anfang oder Mitte 30 nicht so gerne gesehen. Klingt ein bisschen heuchlerisch und auch nicht so richtig zeitgemäß, oder?

Natürlich ist ein Neuanfang in den 40ern nicht einfach und schon gar nicht dasselbe wie in den 20ern. Man verlässt bekannte Pfade, eventuell auch einen Job, der gut bezahlt war und nun muss man mit wesentlich weniger Einkommen leben. Vermutlich muss man sich auch auf komische Blicke der Kommiliton*innen einstellen, die halb so alt sein werden. Aber das alles sollte im besten Fall kein Hindernis dabei sein, Neuanfänge zu wagen und vielleicht endlich das zu tun, was man eigentlich immer machen wollte. Um auf die Stellenausschreibung zurückzukommen: Wenn es für Studiengänge oder Ausbildungen keine Altersgrenze gibt, warum sollten diese dann für Praktika okay sein? Ich verstehe, dass die Lifestyle-Welt viel von neuen, aufstrebenden Talenten und Trends lebt und diese sind meist eng mit der Jugendkultur verknüpft. Aber wer sagt, dass nur Leute aus dieser Altersgruppe wirklich über ein popkulturelles Phänomen berichten können? Wir sind so eng miteinander vernetzt, dass wir kein Teil eines Trends sein müssen, um diesen mitzubekommen oder zu verstehen. Wir können wissen, was Y2K bedeutet, welche neuen Core-Trends es gerade gibt, wer die Elevator Boys sind und uns trotzdem darüber beschweren, dass wir nicht mehr so lange wie früher feiern können und nach drei Gläsern Wein mittlerweile Kopfschmerzen bekommen. Das eine schließt das andere nicht aus. Denn entgegen der bekannten Meinung der ehemaligen Bundeskanzlerin, ist das Internet kein Neuland. Auch nicht für Personen, die nicht mehr 18, 19 oder 20 sind. Oder 25. 

Ich möchte diesen Text mit einem Call to Action enden.Vor allem richtet sich dieser an meine fellow Angst-vor-der-30-Haber*innen: Wir sind nicht zu alt. Auch mit 30 nicht und auch mit 35 nicht. Natürlich ändern sich unsere Interessen und vielleicht schreibe ich in zehn Jahren keine Texte mehr über TikTok-Trends und die aktuellen Pop-Sternchen. Aber dann ist das meine eigene Entscheidung, nicht die der anderen. Falls euch das nicht reicht als Argument: Glaubt ihr etwa, dass Teenie-Magazine von pubertierenden 13-Jährigen geschrieben werden, nur weil sie die Zielgruppe sind? Natürlich nicht! Wenn ihr euch also das nächste Mal auf einen Job bewerben wollt oder komplette berufliche Neuanfänge anstrebt, fragt euch nicht, ob es vielleicht einfach zu spät ist, sondern eher, ob ihr die nötigen Kompetenzen und Interessen mitbringt. Das bereitet weniger Kopfschmerzen und lässt zumindest mich weitaus entspannter auf meinen dreißigsten Geburtstag blicken. Der wird übrigens unter dem Motto des Films „30 über Nacht” stattfinden  – denn hier hat sich die Figur von Jennifer Garner auf nichts mehr gefreut, als endlich 30 zu werden.

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