1 Frage, 3 Antworten: Wo engt uns Männlichkeit ein?

Fotos: Sophia Emmerich, Ferhat Topal, privat
Männlichkeit ist Macht und Muskeln? Ein Klischee, das völlig aus der Luft gegriffen ist? Welche Grenzen gibt es, wo werden sie festgelegt? Wir haben drei Männer gefragt, wo Männlichkeit sie genau einengt und wie wir sie radikal verändern müssen. Einen Auszug ihrer Antworten gibt’s hier – und das ganze Feature in unserer neuen Printausgabe!

Fingernägel lackieren oder lieber nichts Pinkes anziehen? Männlichkeit will Freiheit leben, doch legt selbst Grenzen für Nähe fest. Die Idee von Männlichkeit wird nicht in die Wiege gelegt, sondern erlernt und angeeignet. Sie zeigt oft keine Gnade und sagt klar, was richtig und falsch ist – und wo Grenzen bewusst überschritten werden. Schon vor Entwicklungen wie #MeToo, aber spätestens seitdem wird nicht nur über die Rolle von Männlichkeitsbildern bei geschlechtsspezifischer Gewalt gesprochen, sondern auch darüber, wie durch Gendermarketing Jungs und Männer dazu ermutigt werden, dass sie Astronauten und Krieger sein können, und gleichzeitig alles, was nicht Stärke und Ansehen ausstrahlt, lieber lassen sollten. Männlichkeit bedeutet Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Denn alles, was nicht cis-Heteronormativität ist, wird abgewertet – noch immer, mal in die Welt geschrien, mal subtiler. Gleichzeitig brechen mehr Männer Geschlechterstereotype auf, die auch mit Rassismus und weiteren Feindlichkeiten verbunden sind. Sie hinterfragen Rollenbilder und suchen Wege, Männlichkeit zu verändern und Grenzen neu zu definieren. Drei von ihnen kommen hier zu Wort.

Text & Protokoll: Fikri Anıl Altıntaş

Die Zitate in diesem Beitrag sind Auszüge aus dem mehrseitigen Feature in unserer aktuellen Ausgabe #49 – hier könnt ihr das Heft bestellen!

Linus Giese, Autor und Buchhändler

„ (…) Bei mir hat es fast zwei Jahre lang gedauert, bis ich mich von diesen einengenden Vorstellungen befreien konnte. Einen der schönsten Momente auf der Suche nach meiner Männlichkeit habe ich erlebt, als ich mit zwei anderen trans* Männern zusammen am Küchentisch saß, während wir uns gegenseitig die Nägel lackierten. Seitdem ist fast kein Tag vergangen, an dem ich mir nicht die Fingernägel lackiert habe. Ich habe mich in den letzten Jahren Stück für Stück verabschiedet von irgendwelchen Männlichkeitsbildern und bin meine eigene Männlichkeit geworden. Ohrringe, Parfüm, Tattoos oder Handyhüllen haben kein Geschlecht, eine glitzernde Handyhülle ist nicht weiblich und nimmt mir nichts von meiner Männlichkeit weg.

In den letzten Monaten bin ich manchmal genervt davon, dass im öffentlichen Diskurs so viel über toxische – oder auch kritische – Männlichkeit gesprochen wird. Das sind wichtige Themen, aber ich fände es radikal, auch einmal über gute Männlichkeit zu sprechen. Oder darüber, dass es diese eine Männlichkeit vielleicht gar nicht gibt, sondern viele unterschiedliche. (….)“

Foto: Sophia Emmerich

BRKN, Rapper

„(…) Ich dachte früher, ich habe es einfach nicht so drauf wie die Leute, mit denen ich abhänge. Weil ich diskutiert habe, anstatt einfach zuzuschlagen. Weil ich zu schüchtern war, ein Mädchen anzusprechen oder sogar einfach zu küssen. Und es hat mich eine lange Zeit und viele Gespräche auch mit anderen Männern und Leuten gekostet, um zu sagen: ,Das sind an sich positive Eigenschaften, dafür muss ich mich nicht unterlegen fühlen.‘ Ein bisschen zurückhaltender zu sein kann auch was Gutes haben.

Auch heute bin ich immer noch schüchtern, wenn es darum geht, auf andere Menschen zuzugehen, besonders Frauen. Ich weiß nicht, ob Männlichkeit mich eingeengt hat. Ich glaube, es hat mich sehr ignorant gemacht. Weil man über viele Sachen wie beispielsweise Sexualität und Consent nicht nachdenkt oder nicht nachgedacht hat. Es wurde einem immer gesagt: ,Du musst sie einfach klarmachen, dann bist du cool.‘ Warum wird das eigentlich nicht in der Schule beigebracht? Zum einen, wie Männer Grenzen nicht überschreiten, und zum anderen, wie Frauen ihre Grenzen setzen können. In Gesprächen mit Frauen über Consent habe ich herausgefunden, dass sie nicht wussten, wo die Grenze war, und sie dementsprechend nicht setzen konnten. (…)”

Foto: Ferhat Topal

Jeff Kwasi Klein, Politologe und politischer Aktivist

„(…) Wenn Männlichkeit ein bestimmtes Bild ist, das ich erfüllen muss oder das mir als negatives Bild zugeschrieben wird, dann schränkt mich das ein. Viel besser ist es, wenn ich einfach ich sein kann und die Freiheit genieße, Männlichkeit für mich definieren zu können. Sie einfach zu leben, sie zu erkunden und auf eine Weise weiterentwickeln zu können, die sich gut und richtig anfühlt.

Natürlich heißt das nicht, dass ich mich vor kritischen Perspektiven auf Männlichkeit(en) verschließe oder vor der Erkenntnis, dass es gewisse Männlichkeiten gibt, die mir unter anderem aufgrund meines sozialen Kontextes näher oder ferner scheinen. Ganz im Gegenteil: Ich finde es wichtig, diese und andere Perspektiven auf Männlichkeit anzuerkennen und sie zu integrieren. Aber da, wo Männlichkeit nicht mehr sein kann als das, was mir in die Wiege gelegt wurde – da, wo gesellschaftlich erwartet und kritisiert wird, ohne dass wirkliche Alternativen präsentiert werden –, da wird Männlichkeit zum Käfig. Und genau an dieser Stelle verschließen wir uns gedanklich, emotional und spirituell vor dem, was positive und der Gesellschaft dienliche Männlichkeiten sein könnten. (…)“

Foto: Privat

Was bedeutet Männlichkeit für euch? Auch diese Beiträge könnten Aufschluss geben: 

Peggin‘ For More – Lasst mal mehr über Pegging sprechen!

Leseprobe am „Männertag”: Aus „Mannsbilder“ von Boris Halva

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