Aus Gründen dicht machen: Warum wir über Vaginismus reden müssen!

Illustration: Julia Jesionek
Vaginismus ist ein unterrepräsentiertes und vielfach unbekanntes Leiden. Dabei sind die Dimensionen, die diese Diagnose mit sich bringt, gesamtgesellschaftlich wichtig. Lest hier einen Auszug aus dem Feature in der aktuellen Ausgabe der BLONDE.

„Ich hatte gestern Sex”, schreibt Kat Wilson auf ihrem Blog und fügt hinzu: „Richtig penetrativen Sex mit meinem Mann.“ Es ist der finale Eintrag auf „Hey Vaginismus“. Wilson verkündet außerdem, dass sie jetzt endlich ihre Jungfräulichkeit verloren habe. Die Britin bekam mit 21 Jahren die Diagnose Vaginismus und hat im Prinzip ihre gesamten Twens, also die Zeit, die andere für unbeschwerte Selbstfindung nutzen, damit verbracht, ihre Probleme und vor allem die ihrer Vagina zu ergründen. Teil dieses Prozesses war es, einen Blog zu starten und, wie sie betont, wenigstens eine weitere Person zu finden, die dasselbe durchmacht wie sie selbst. Wilson ist nicht nur das gelungen, sie hat auch „The Vaginismus Network“ gegründet und so für eine digitale Anlaufstelle gesorgt, auf der mittlerweile eine beträchtliche Online-Community unterwegs ist. Kein Wunder also, dass man bei Recherchen zum Thema schnell auf Wilson stößt. Mittlerweile hat sie ihr Leiden offiziell hinter sich gelassen – sie gilt laut therapeutischem Befund als geheilt.

Alles nichts Konkretes

In gewisser Weise sind Begriffe wie „Diagnose“, „Befund“ und „Heilung“ irreführend, wenn man über Vaginismus spricht – denn es erweckt den Eindruck einer schnell (er-)klärbaren Krankheit. So ganz eindeutig ist Vaginismus aber einfach nicht. Rein körperlich äußert sich Vaginismus jedenfalls durch die unfreiwillige, schmerzhafte Kontraktion des Beckenbodens. Genauer: Die Muskeln rund um die Vagina verkrampfen sich reflexartig, dadurch verengt sich der Scheideneingang und das Einführen von Penis, Finger, Tampon oder gar Wattestäbchen wird unmöglich. Ein aktives Sexleben oder eine Routineuntersuchung beim Frauenarzt? Keine Chance! Zumindest nicht im konventionellen Sinne.

Wann Vaginismus bei Betroffenen auftritt, ist unterschiedlich. Kat Wilson merkte ab der Pubertät, dass etwas mit ihrem Körper nicht stimmte, und kennt sich im Prinzip gar nicht ohne Vaginismus, sie hatte also vor ihrer Diagnose nie penetrativen Sex. In Wilsons Fall spricht man von primärem Vaginismus. Es gibt aber auch Betroffene, bei denen Vaginismus erst später auftritt, wie etwa bei Jane, die ihre Geschichte auf dem „Vaginismus Network“ erzählt. Sie wurde sexuell missbraucht und ihr Körper verschloss sich daraufhin vor weiterem Eindringen, wie sie es selbst nennt. Ihr Vaginismus trat also in Folge eines psychoemotionalen Traumas ein. In diesen Fällen spricht man von sekundärem Vaginismus. Tatsächlich ist es aber gar nicht immer so einfach, konkrete Auslöser für Vaginismus zu bestimmen, denn: Es handelt sich um eine komplexe Angelegenheit, die von Körper, Psyche und dem Zusammenwirken aus beidem beeinflusst wird.

Vaginismus wird nicht als Krankheit bezeichnet, sondern als „Sexuelle Funktionsstörung“, allerdings ist Vaginismus nur eines von vielen Leiden, die als „vaginale Schwierigkeiten“ verstanden werden. Sie alle werden unter dem etwas unhandlichen Begriff „Genito-Pelvine Schmerz-Penetrationsstörung“ (kurz: GPSPS) zusammengefasst. Laut einer repräsentativen Studie des Hamburger Instituts für Sexualforschung haben zehn Prozent der Personen mit Vagina angegeben, schon mal Probleme bei penetrativem Sex gehabt zu haben. Es lässt sich vermuten, dass die Dunkelziffer höher ist. Wie in der Forschung mit trans* Personen umgegangen wird und auch, inwiefern sie für Zahlen und Statistiken berücksichtigt werden, ist nicht bekannt.

Rotwein und Botox für untenrum

Das Pendant zu Vaginismus auf cis-männlicher Seite ist Impotenz. Ein Leiden, das recht gut erforscht ist – es ist in der breiten Gesellschaft für so ziemlich jeden ein bekannter Begriff. Entsprechend gibt es unterschiedliche Behandlungsmethoden oder das recht gängige Viagra. Im Vergleich dazu: Vaginismus taucht bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in medizinischen Werken auf. Seither hat sich aber erstaunlich wenig getan, um Betroffenen zu helfen. Man sieht mal wieder: Sexismus in der Schulmedizin ist verdammt real!…

Das gesamte Feature könnt ihr in der aktuellen Ausgabe der BLONDE nachlesen!
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Text: Silvia Silko
Illustration: Julia Jesionek

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