Berlin Fashion Week: So unterschiedlich waren die Shows für Spring/Summer 2027

Viele Welten, eine Fashion Week: Muss die BFW überhaupt eine Handschrift haben?

Musik, Räume, Performances: Warum die stärksten Momente der Berlin Fashion Week oft über die Kleidung hinausgingen.

Diese Fashion Week hat sich angefühlt wie ein ständiger Rollenwechsel: andere Atmosphäre, andere Inszenierung, eine andere Person, die man für ein paar Minuten hätte sein können. Während Paris seine Codes seit Jahrzehnten poliert und Mailand seine Handschrift wie ein Familienerbe verteidigt, verweigert sich die Berlin Fashion Week jeder Zusammenfassung. Von Show zu Show wechselt hier nicht nur der Look, sondern die ganze Welt dahinter.

In Paris oder Mailand bekommt jede Kollektion einen gefühlten Vertrauensvorschuss, da die Geschichte hinter den Fashion Weeks schon so rahmengebend ist. In Berlin gibt es dieses Polster nicht. Die Brands müssen sich ihre Bedeutung selbst erarbeiten. Dass Marken heute eigene Welten entwerfen, ist nichts Ungewöhnliches. Eine erfolgreiche Brand erkennt man längst nicht mehr nur an ihrer Designhandschrift, sondern auch an der Stimmung, die sie vermittelt, und Runway-Shows sind dafür das perfekte Medium.

Das könnte der Grund sein, warum sich auch in Berlin jede Marke ihre Inszenierung so stark aufbaute. Über Musik, Atmosphäre, Performance, alles, was den Runway über die Kleidung hinaus zu einem eigenen Universum macht.Wie unterschiedlich das aussehen kann, zeigte sich schon nach den ersten Shows: Unvain und Buzigahill zeigten beide im ICC, einem alten Messegebäude aus den 70er Jahren, und griffen aus derselben Location zwei komplett unterschiedliche Ansätze.

Bei Unvain ging jeder Look von einer imaginierten Figur aus, inspiriert von der Serie „Skins“ und im Indie-Sleeze-Stil der späten Nullerjahre. Zum Finale lief Cat Stevens‘ „Wild World“ und zog uns direkt in die Zeit des brutalistischen Bauwerks.

UNVAIN Spring/Summer 2027 — SKINS pictures @Andreas Hofrichter

Buzigahill nahm sich dieselbe Dekade vor, aber historisch statt fiktiv: Statt die Show wie gewohnt mit dem Einlauf der Models zu beginnen, betrat Designer Bobby Kolade selbst zuerst den Laufsteg und hielt eine emotionale Rede über die Jahre nach der Unabhängigkeit Ostafrikas. Das Surrounding war dadurch von der ersten Minute an aufgeladen, sogar bevor die ersten Looks zu sehen waren.

Bei Milk of Lime zog sich die Grundidee bis ins kleinste Detail. Die Kollektion trug den Namen ASHES, und das Streichholz zog sich als Motiv durch die gesamte Show. Die Stimmung in dem ruinenartigen Raum, bespielt mit live Cellomusik, wurde dann buchstäblich greifbar, als jeder Gast eine Zeitung mit einer kuratierten Leseliste und Platz für die eigenen Gedanken erhielt.

Milk of Lime Spring/Summer 2027 — ASHES pictures @James Cochrane

Plaid-a-Porter teilte seine Kollektion in vier Akte, orientiert an den Jahreszeiten und ließ die Models nach jedem Akt posierend stehen. In diesen Pausen trat ein Sprecher auf, der in wechselnden Looks Gedichte vortrug. So wuchs die Bühne mit jedem Kapitel weiter, bis sich alle Looks im Finale vereinten.

PLAID-À-PORTER Spring/Summer 2027 — UNSEASONAL pictures @Daniel Kempfseifried

Marina Hoermanseder bewies mit ihrer Kollektion „Outer Space“, wie stark sich eine Show über ihre Atmosphäre definieren kann. Auch wenn ihre Designs sofort wiedererkennbar sind, blieb vor allem das Gefühl einer eigenen Welt hängen.

Marina Hoermanseder Spring/Summer 2027 — outer space pictures @ Isa Foltin

Selbst die Shows, die mit weniger Inszenierung arbeiteten bewiesen, dass eine Kollektion allein ebenfalls ein starkes Gefühl für eine Brand vermitteln kann. Kasia Kucharska überzeugte beispielsweise mit einer konzentrierten Präsentation, die ihrer unverwechselbaren Materialsprache bewusst den Vortritt ließ.

Kasia Kucharska Spring/Summer 2027 — collaboration with @aas.set.project pictures @ Julia Jann

Laura Gerte blieb ihrer poetischen Bildsprache treu und zeigte, dass Wiedererkennbarkeit nicht laut sein muss. Und auch sample030 fügte der Woche eine weitere Perspektive hinzu und machte deutlich, wie selbstverständlich unterschiedliche kreative Ansätze in Berlin nebeneinander bestehen können.

Laura Gerte Spring/Summer 2027 — Lost to Virtue pictures @Tim Loebbert

So verschieden die einzelnen Schauen auch waren, in der Kleidung selbst wiederholte sich einiges: viel Draping, viel Transparenz, dazu immer wieder Y2K-Inspirationen in Schnitt und Silhouette. Die Looks waren dabei fast durchgehend stark – nur eben selten überraschend. Als wäre die Welt drumherum das “Risiko”, das man sich traut, während die Kleidung selbst lieber auf Nummer sicher geht. Ähnlich verhielt es sich beim Casting: So viele unterschiedliche Identitäten auf dem Laufsteg entworfen wurden, so ähnlich blieben bei vielen Shows am Ende doch die Körper, die sie tragen durften.

Ganz neue Marken ließen sich davon weniger bremsen. Kuratierte Formate wie der Berliner Salon, RAUM.Berlin, Platte Berlin oder Berlin Curated schafften gezielt Raum für kleinere, unabhängige Designer:innen, die sich viel trauten und unterschiedlicher nicht hätten sein können. ML Heart etwa zeigte ihre erste Kollektion im Rahmen einer Debüt-Exhibition, obwohl sich die Marke noch in ihrem ersten Bestehensjahr befindet.

In Berlin gibt es viel Platz für Neues, und genau dieses Gefühl zog sich durch die gesamte Woche. Vielleicht liegt die Stärke der Fashion Week nicht darin, eine gemeinsame Identität zu schaffen, sondern vielen unterschiedlichen Platz zu geben.

Text by Pia Roberta

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