Lukas von Horbatschewsky: Über Sichtbarkeit, Kreativität und den Mut, den eigenen Weg zu gehen.
Nicht jeder Lebensweg folgt einem festen Drehbuch. Lukas von Horbatschewsky fand seinen Zugang zur Schauspielwelt über Neugier, Eigeninitiative und die Bereitschaft, neue Wege auszuprobieren. Zwischen Bühne, Kamera und Text entwickelt er heute seine eigenen Geschichten. Im Gespräch erzählt er von Sichtbarkeit, queeren Perspektiven und davon, warum Offenheit und Wandel für ihn zentrale Voraussetzungen kreativer Arbeit sind.

BLONDE: Du bist nicht den klassischen Weg in die Schauspielwelt gegangen. Glaubst du, genau das hat dir geholfen, eine eigene Perspektive auf Performance und Storytelling zu entwickeln?
Lukas: Dass ich die Schauspielerei für mich allein und nicht durch eine klassische Schule entdecken durfte, hat mir die Freiheit gegeben, den Beruf auf meine eigene Weise zu verstehen – ohne die Beeinflussungen, aber auch ohne die Erkenntnisse anderer. Alleine zu scheitern.
Heute glaube ich, dass genau dieses Scheitern und das anschließende Weitermachen am Anfang meiner Karriere mir den Mut geben, mich immer wieder Dingen zu stellen, die andere mir vielleicht nicht zutrauen.

BLONDE: Was bedeutet Sichtbarkeit für dich heute, gerade als junge queere Person in einer sehr öffentlichen Branche?
Lukas: Jegliche Art von Marginalisierung – ob Queerness, Blackness oder Disability – muss und sollte Teil unserer Geschichten sein, genauso wie sie Teil unserer Gesellschaft ist.
Ich denke mir die Menschen, die ich in Filmen verkörpere oder über die ich in Drehbüchern schreibe, ja nicht aus. Sie existieren. Ich fiktionalisiere sie lediglich und bringe sie auf die Leinwand, damit sich Zuschauer:innen genauso fühlen, worum es bei Sichtbarkeit letztlich geht: gesehen.

BLONDE: In „Das Schloss“ wird eine bekannte Geschichte neu interpretiert. Warum ist es wichtig, kulturelle Narrative immer wieder aus neuen Perspektiven zu erzählen?
Lukas: Die neue Inszenierung am Berliner Ensemble ist für mich so eindrucksvoll, weil sie einem in Deutschland nur allzu bekannten Feind – der Bürokratie – einen neuen Helden gegenüberstellt: einen jungen Transmann, „K“.
Mit ihm kann man sich nicht nur identifizieren, weil man selbst schon einmal unter Aktenbergen begraben lag, sondern weil er mit jedem Formular, jeder Genehmigung und jedem Arztbrief um seine eigene Identität kämpft.
Die Möglichkeit, durch die Grundlage des Stoffes bei Kafka und Camus einem neuen Publikum diesen Kampf näherzubringen, ist für mich einer der Gründe, warum man sich Neuerzählungen niemals verschließen sollte.

BLONDE: Deine Arbeiten wirken oft gleichzeitig sehr emotional und sehr bewusst inszeniert. Wie bewegst du dich zwischen Verletzlichkeit und Kontrolle?
Lukas: Es ist ein Drahtseilakt, bei dem ich die Balance selbst immer noch suche.
Für mich ist es keine Selbstverständlichkeit, dass der Raum am Set oder auf der Bühne so sicher ist, dass ich mich komplett fallen lassen kann. Aber wenn das passiert, dann bin ich einfach nur dankbar. Dankbar dafür, dass so viele fantastische Menschen an diesen Projekten beteiligt sind und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit überhaupt erst möglich machen.

BLONDE: Gibt es Seiten an dir, die du nur auf der Bühne oder vor der Kamera wirklich zeigen kannst?
Lukas: Wut, definitiv.
Privat neige ich eher dazu, Dinge in mich hineinzufressen, statt sie nach außen zu tragen. Aber manchmal darf man eine Figur spielen, die explodiert – und dann genieße ich es, koste diesen Moment aus und überrasche mich dabei sogar selbst.
BLONDE: Berlin ist für viele Menschen Sehnsuchtsort, Chaos und Bühne zugleich. Welche Rolle spielt die Stadt für dich persönlich und künstlerisch?
Lukas: Als ich 2020 nach Berlin kam, kannte ich zwar einige Schauspieler:innen, aber nur wenige wirklich gut.
Im Laufe des ersten Jahres habe ich meinen inneren Kreis gefunden, und diese Menschen wurden für mich zu einem Rettungsring. Menschen, die ich heute – sechs Jahre später – immer noch meine Freund:innen nennen kann, egal wie viele Kilometer entfernt sie leben oder wie erfolgreich sie inzwischen auf der ganzen Welt unterwegs sind.
Dafür werde ich Berlin immer dankbar sein.

BLONDE: Gerade entsteht immer mehr Aufmerksamkeit um dich. Was ist dir wichtig, dabei nicht zu verlieren?
Lukas: Die Liebe zum Beruf, aber vor allem die Liebe zu mir selbst.
Die Branche ist hart, aber ich selbst kann oft noch härter zu mir sein. Denn am Ende liegt vieles bei einem selbst: Wie sehr willst du es? Wie viel bist du bereit zu geben?
Dabei möchte ich nie vergessen, warum ich mich ursprünglich für die Filmbranche entschieden habe: Ich habe etwas zu sagen. Und ich möchte mir niemals den Mut nehmen lassen, das auch auszusprechen.
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