BAD PORTIER: Mode zwischen Anatomie und Identität

„Ich will Kleidung, die ehrlich ist“

Deni El’darhanov ist Creative Director und Co Funder des Labels Bad Portier.  In seiner  Capsule Collection „OPERATION“ geht es um Mode als zweite Haut, um Verletzlichkeit –um Kleidung als Ausdruck persönlicher Identität. Wir sprachen mit Ihm über seine neueste Kollektion.

Deni El’Darhanov

„Wo endet Mode und wo beginnt der Körper?“

BLONDE: Diese Frage steht im Zentrum der Kollektion. Wie ist dieser Gedanke entstanden?

Deni: Um diese Frage zu beantworten, muss ich etwas weiter ausholen. Meine Familie und ich mussten Russland verlassen und sind schließlich nach Deutschland geflüchtet. Wir hatten wenig Geld, und meine Kleidung bestand oft aus Dingen, die wir geschenkt bekommen haben. Während andere Kinder wählen konnten, was sie tragen, hatte ich diese Freiheit lange nicht – trotzdem wurde ich ständig über mein Äußeres wahrgenommen. Meine innere Welt hatte wenig mit den Kleidern zu tun, die ich trug.

Später habe ich verstanden, wie stark wir visuell funktionieren. Innerhalb weniger Sekunden interpretieren wir Menschen anhand ihres Erscheinungsbildes. Daraus entstand bei mir der Wunsch, irgendwann genau das zu tragen, was meine Persönlichkeit wirklich widerspiegelt.

Mit OPERATION haben wir genau dort angesetzt. Im Designprozess sind wir konsequent vom Körper ausgegangen, nicht vom Trend. Wo kann eine Naht wie eine Narbe sitzen? Welche Materialien fühlen sich wie eine zweite Haut an – und welche eher wie eine Rüstung?
Mode wird hier nicht als bloßer Überzug verstanden, sondern als etwas, das aktiv mit dem Körper in Beziehung tritt.

BLONDE: Wie viel Anatomie steckt für dich in Mode?

Deni: Sehr viel. Man kann Körper und Kleidung fast spiegeln. Der Körper besteht aus Knochen, Gewebe, Nervenbahnen – Kleidung aus Schnitten, Nähten, Schichten und Hardware. Der Körper bringt seine Seele mit, Kleidung bekommt sie erst durch die Person, die sie trägt.

Ein gutes Beispiel ist der SPINA Coat. Seine Konstruktion orientiert sich an der Wirbelsäule: lang, strukturiert und in Segmente gegliedert. Seitliche Zipper funktionieren wie kontrollierte Einschnitte – sie öffnen oder komprimieren die Silhouette. Abnehmbare Ärmel, ein doppelter Kragen und ein Gürtel werden zu Einstellpunkten, mit denen man entscheidet, wie viel Schutz oder Offenheit man zeigen möchte.

Auch bei den Materialien denken wir in Schichten: dichtere Stoffe wie Twill als Schutz, weichere Materialien als zweite Haut. Metall – Zipper, Nieten – gibt Struktur, fast wie ein externes Knochengerüst. Alles bleibt dabei in der BAD-PORTIER-Sprache: Schwarz, Weiß, Chrom und klare Kontraste.

BLONDE: Du sagst, ihr „rekonstruiert Identität“ statt Kleidung zu nähen. Was steckt hinter diesem Ansatz?

Deni: Identität ist für mich nichts Festes. Sie setzt sich zusammen, bricht, verändert sich und formt sich neu.

Ich bin als migrantischer, ältester Sohn aufgewachsen – mit klaren Erwartungen daran, wie ich sein sollte: funktional, stark, angepasst. Lange habe ich versucht, diese Rollen zu erfüllen und gleichzeitig das Gefühl gehabt, nirgends vollständig dazuzugehören.

Irgendwann habe ich akzeptiert, dass Identität aus widersprüchlichen Teilen besteht. Genau daraus entsteht meine Persönlichkeit.

Deshalb sagen wir- Wir rekonstruieren Identität.
Kleidung ist für mich eine Oberfläche, auf der du dich Schicht für Schicht neu zusammensetzen kannst.

Unsere Pieces schreiben nichts vor. Sie geben dir Werkzeuge, dich selbst zu definieren.

BLONDE: Chirurgische Präzision trifft auf subkulturelle Rohheit. Ist das ein Spannungsfeld?

Deni: Mein Leben war immer von Gegensätzen geprägt. Ich habe einen starken Drang zur Präzision. Als Kind habe ich Hausaufgaben neu geschrieben, nicht weil der Inhalt falsch war, sondern weil das Schriftbild nicht perfekt genug war. Ordnung war meine Art, Kontrolle zu behalten.

Gleichzeitig gibt es diese rohe, emotionale Seite – meine Kreativität, meine Wahrheit.

Ich habe gelernt, dass beide Seiten existieren müssen. Struktur ohne Emotion wird steril. Emotion ohne Struktur wird chaotisch.

Für mich ist BAD PORTIER wie eine Tür zwischen zwei Zuständen: kontrolliert und emotional, sauber und chaotisch.

BLONDE: Verletzlichkeit ist ein Motiv der Kollektion. Welche Rolle spielt sie für dich in Mode?

Deni: Verletzlichkeit hängt Für mich stark mit Ehrlichkeit zusammen.

Viele halten Härte für Stärke und Verletzlichkeit für Schwäche. Ich sehe es genau andersherum. So zu tun, als wäre man hart, ist leicht. Ehrlich zu zeigen, wie es einem wirklich geht, ist schwer – und genau darin liegt Stärke.

In Mode bedeutet das: Wenn du dich so kleidest, wie du dich wirklich fühlst, machst du dich angreifbar. Kleidung ist immer eine Projektionsfläche. Menschen lesen dich, ob du willst oder nicht.

Viele wählen deshalb Looks, die „funktionieren“.
ICH WILL Kleidung, die ehrlich ist.

Die Pieces sind keine Rüstungen. Sie sind Werkzeuge.

BLONDE: Welche Fragen möchtest du mit OPERATION an Mode und Identität stellen?

Deni: Wir nutzen Mode oft, um uns anzupassen oder weniger angreifbar zu sein. Dabei verlieren wir leicht den Kontakt zu uns selbst.

OPERATION stellt die Gegenfrage: Kann Kleidung dich gleichzeitig schützen und entblößen? Eine weitere Frage betrifft Identität selbst. Warum tragen wir so oft das, was akzeptiert wird – statt das, was sich wirklich nach uns anfühlt?

Ich glaube nicht an eine feste Version von Identität. Sie verändert sich, widerspricht sich, entwickelt sich weiter. Am Ende geht es darum, den Mut zu haben, sichtbar zu sein – nicht als perfekte Version seiner selbst, sondern als etwas, das sich ständig weiterentwickelt.

Credits

Creative Director: Deni El’darhanov denjiel
Brand: BAD PORTIER
Models: Moritz Rüdiger @moritz.rud & Vitória Mota @_vitoriamota Mehr BLONDE – Interviews?
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