Panikattacke & Angststörung: Kann eine App die Therapie ersetzen?

Foto: Anastasia Shuraeva/Pexels
Apps wie „Rootd” sollen gegen Panikattacken oder Angstzustände helfen. Aber funktioniert Therapie per Push-Nachricht? Eine Hilfe könnten Apps sein, doch die Hoffnung sei begrenzt, erklärt Dr. Nadia Sosnowsky-Waschek von der SRH Hochschule Heidelberg.

Dass der Lockdown unsere Psyche beeinflusst? No surprise. Diskussionen um Wirtschaftsfolgen, Brancheneinbrüche und Maßnahmen-Bingo dominieren die News-Ticker, die psychische Konsequenz der letzten Monate ist vielen längst aber auch nicht mehr unbekannt. „Kümmert euch um eure Freund*innen mit Mental Health Problemen”, heißt es gerne mal auf Instagram & Co. Tipps, wie man selbst gegen Negativ-Spiralen ankämpfen kann, sind ebenfalls zu finden. Und dann gibt es eine Panik App wie Rootd. Die Anwendung ist seit Januar auch auf Deutsch verfügbar und wird als „preisgekrönte App gegen Angst und Panikattacken” beworben, die schon in 150 Ländern Betroffenen mit Panikattacken und Angstzuständen geholfen haben soll. Besonders in Zeiten von Isolation und Lockdown scheint das ein hilfreiches Mittel – und für den Moment seriöser als random Online-Tipps. Aber funktioniert das, Panik-Therapie per Push-Nachricht? Ersetzen Bots sogar eine ganze Therapie?

Ist eine Panik App sicher?

Fragen wie diese klärt Dr. Nadia Sosnowsky-Waschek. Sie ist Professorin und Studiendekanin an der Fakultät für Angewandte Psychologie der SRH Hochschule Heidelberg und leitet den Bachelor-Studiengang Gesundheitspsychologie. Für sie sind Apps wie Rootd ein hilfreiches Tool, um Therapien zu unterstützen. Um als Ersatz für reale Treffen zu dienen, hätten Apps dennoch Schwächen, verrät sie im Interview.


Foto: cottonbro/Pexels

Dr. Nadia Sosnowsky-Waschek über eine Panik App und ihre Chancen

Frau Dr. Sosnowsky-Waschek, inwiefern ist die Verwendung einer App wie Rootd sinnvoll und vor allem sicher?
Seit März 2020 befindet sich Deutschland im Ausnahmezustand durch die Corona-Pandemie. Bei vielen Menschen führen die Einschränkungen zu sozialer Isolation, Einsamkeit, Zunahme depressiver Verstimmungen, Ängsten und Zwängen sowie zu weniger Wohlbefinden. Kurz: Die veränderten Lebensbedingungen rund um SARS-CoV-2 üben Einfluss auf die psychische Gesundheit der Menschen. Das bestätigen mittlerweile viele internationale Studien.

Gleichzeitig hat sich die Situation rund um die psychotherapeutische Versorgung nicht wesentlich verbessert. Die Anzahl der niedergelassenen Therapeuten ist weder sprunghaft angewachsen noch hat sich die Wartezeit für einen Therapieplatz verkürzt. In manchen Regionen beträgt die Wartezeit für eine ambulante Therapie 9 bis 12 Monate! Wissenschaftlich fundierte, alternative, leicht zugängliche Hilfsangebote wie die App Rootd können also einen sinnvollen Beitrag zur Bewältigung einer aktuellen oder auch chronisch verlaufenden psychischen Störung darstellen. Sicherheitsaspekte wie Datenschutz kann ich aber nicht beurteilen.

„Kleine Übungen können durchaus helfen, eine sich ankündigende Panikattacke abzuwenden. Die einfache Handhabung und grafisch ansprechende Umsetzung lädt zum Mitmachen ein, alles sieht „knuffig” aus. Allein das ist sehr positiv zu bewerten.“

Apps wie Rootd basieren auf kognitiver Verhaltenstherapie. Was bedeutet das genau?
Es gibt eine unglaublich große Vielfalt psychotherapeutischer Techniken und Methoden. Dabei sind diese nicht immer klar voneinander abgrenzbar und auch nicht alle gleich gut empirisch belegt und effektiv. Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) gehört als sogenanntes Richtlinienverfahren zu den einflussreichsten und bedeutendsten psychotherapeutischen Schulen mit Bestnoten in ihrer Wirksamkeit. Zum Repertoire von guten KVT-Therapeut*innen gehören dabei viele stichhaltige Methoden, zum Beispiel Psychoedukation (Informationsvermittlung), Verhaltensmodifikation, Kognitive Eingriffe, die Aktivierung von Ressourcen, Förderung sozialer Kompetenzen, Stress- und Problembewältigung, kombiniert mit zusätzlichen Tools wie Entspannungsverfahren usw. Die kognitiive Verhaltenstherapie gehört zu den bestuntersuchtesten und am meisten angewandten psychotherapeutischen Verfahren, zu deren Weiterentwicklung mittlerweile mehrere Generationen von Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen weltweit beigetragen haben.

Die App Rootd bedient sich bewährter KVT-Tools, die auch bei der Angstbehandlung eine Rolle spielen. Die „Lektionen“ der App dienen zum Beispiel der Erklärung der Angst– bzw. Panikentstehung. Das „Breathr Tool” fördert z.B. ein achtsames Atmen, das „Visualizr Tool” unterstützt durch sogenannte Körperscans und Aufmerksamkeits-Umlenkungen dabei, achtsamer und gelassener zu werden. Der Panik-Knopf „Rootr” versucht mit Anleitungen schrittweise, die katastrophisierenden Gedanken herunterzufahren. Der konsequente Einsatz solcher kleinen Übungen kann durchaus helfen, eine sich ankündigende Panikattacke abzuwenden. Über Statistiken lassen sich die persönlichen Erfolge dann leicht dokumentieren. Die einfache Handhabung und auch grafisch ansprechende Umsetzung dieser Tools lädt zum Mitmachen ein, alles sieht „knuffig” aus. Allein das ist sehr positiv zu bewerten.

Da im Rahmen echter psychotherapeutischer Sitzungen solche Übungen natürlich viel stärker in das gesamte therapeutische Geschehen eingewoben, individualisiert und systematisch geübt werden, halte ich den Effekt bei sonst fehlender therapeutischer Unterstützung dennoch für begrenzt. Eine Wirksamkeitsstudie zu dieser App wäre spannend. Gerade angesichts der aktuellen Herausforderungen bei der psychotherapeutischen Versorgung wäre es schön, wenn man eine fundierte Aussage treffen könnte, wie hilfreich und nachhaltig sie tatsächlich ist.

Emotionale Beziehung von Therapeut*in und Patient*in wichtig

Welche Teile einer professionellen Behandlung kann eine App wirklich ersetzen und wo liegen ihre Grenzen?
Die App konzentriert sich ganz offensichtlich auf Psychoedukation, Achtsamkeit, Entspannung und ein Stück weit auch darauf, katastrophisierende Gedanken bei der Entstehung von Angst zu entkräften. Ein*e approbierte*r Psychotherapeut*in würde sich bei der Behandlung der Panikattacken und anderer Angststörungen aller Voraussicht nach aber noch vieler weiterer therapeutischer Interventionen bedienen und die auch mit Patient*innen besprechen, üben, anpassen usw. Das alles mittels einer App zu vermitteln, erscheint mir grundsätzlich kaum möglich. Insbesondere die systematische Problemanalyse, Konfrontationstechniken, kognitive Therapie oder eine umfassende Aktivierung von Umfeld und Ressourcen deckt die App nicht ab. Viele Studien zeigen außerdem, dass eine tragfähige emotionale Beziehung von Patient*in und Therapeut*in enorm zum Therapieerfolg beiträgt.

„Eine Therapie sollte und kann die App keinesfalls ersetzen. Die professionelle Psychotherapie hat einen deutlich höheren Anspruch an die Wirksamkeit – Lockdown hin oder her. Wir brauchen mehr gut ausgebildete Psychotherapeut*innen!”

Trotzdem befinden wir uns gerade in einer Realität zwischen Infektionsrisiko, Lockdown und Therapieplatz-Mangel. Kann eine App da nicht bei rein logistischen Problemen im Umgang mit Angststörungen helfen?
In einem gewissen Umfang ist die unterstützende Funktion der App absolut vorstellbar. Ich schätze aber, dass es auf den Einzelfall ankommt. Für viele Betroffene kann sie eine erreichbare und sehr ansprechend gestaltete Alltagshilfe sein. Eine Therapie sollte und kann die App keinesfalls ersetzen. Die professionelle Psychotherapie hat einen deutlich höheren Anspruch an die Wirksamkeit – Lockdown hin oder her. Wir brauchen mehr gut ausgebildete Psychotherapeut*innen! Toll wäre es, wenn Therapeut*innen eine Auswahl solcher unterstützenden Apps hätten, die sie wie Zusatzwerkzeug ihren Patient*innen empfehlen könnten. Eine Übersicht solcher „Werkzeuge“ für unterschiedliche Anlässe ist mir leider nicht bekannt, aber lohnen würde es sich allemal.

Foto: cottonbro/Pexels

Die Panik App ist auch als Angebot für Unternehmen verfügbar, damit diese sich besser um Mitarbeiter*innen im Home Office kümmern können. Halten sie ein solches Modell für zukunftsfähig?
Die Digitalisierung hält mittlerweile in faktisch jeden Bereich unseres Lebens Einzug – geschäftliche Meetings finden online statt, Einkaufen erfolgt online, Schule und Studium aktuell ebenfalls. Dabei ist das Thema E-Mental-Health im Zusammenhang mit der Behandlung psychischer Störungen oder Gesundheitsförderung gar nicht so neu. Einige Start-Ups, die Online-Psychotherapie auf den Markt gebracht haben, haben sich mittlerweile als erfolgreiche Unternehmen etabliert. Nicht zu vergessen ist die Vielzahl digitalisierter Angebote im Bereich Fitness, Gesundheitsförderung, Coaching usw. Die ersten, die auf solche Trends typischerweise reagieren, sind oft tatsächlich Wirtschaftsunternehmen, die ihren Mitarbeiter*innen im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements möglichst flexible Angebote anbieten wollen. Das hat natürlich Zukunft. Meiner Überzeugung nach kann aber kein Online-Angebot das persönliche Arbeiten mit Klient*innen vollständig ersetzen. Der Kosten-Nutzen-Ansatz ist dabei nicht ganz unwichtig. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass wir die Wirkung digitalisierter Maßnahmen erforscht und verstanden haben.

„Persönlich bin ich davon überzeugt, dass virtuelle Assistent*innen nur für einen begrenzten Teil der Patient*innen eine Alternative zum gut ausgebildeten, echten menschlichen Profi sein werden.“

Konfrontation oder Vermeidung: Welchen menschlichen Kontakt wir brauchen

Angststörungen gehen oft mit einer Sozialphobie einher. Eine App vermeidet ja erstmal den direkten Kontakt mit anderen. Ist das hilfreich? Oder begünstigen virtuelle Assistent*innen sogar eine gefährliche sozialen Isolation?
Vielleicht kurz vorab: die Soziale Phobie ist eine der häufigsten Angststörungen, davon abzugrenzen ist die Panikstörung. Während bei der sozialen Phobie die Angst vor sozialen Situationen vorherrscht (zum Beispiel die Angst, sich zu blamieren), steht bei der Panikstörung die Angst vor der Angst im Vordergrund. Die Angstattacke kommt ganz plötzlich, wie aus heiteren Himmel, oftmals ohne erkennbare Auslöser. Die App Rootd zielt eigentlich stärker auf Betroffene mit einer Panikstörung als einer sozialen Phobie ab. Insofern ist das Problem des sozialen Rückzugs hier etwas weniger kritisch. Nichtsdestotrotz gibt es viele Patient*innen, die ihr Haus aus Angst vor der Panikattacke eben nicht mehr verlassen, weil sie beispielsweise befürchten, dass keiner da ist und ihnen hilft, wenn eine Angstattacke losgeht.

Dennoch ist es so, dass die meisten Angstpatient*innen sich sozial zurückziehen und darunter leiden. Das ist Teil des Vermeidungsverhaltens, welches die Angst auch erst nährt. Grundsätzlich ist daher ein zentrales Ziel jeder Angsttherapie, die Patient*innen darin zu unterstützen, soziale Kontakte zu fördern, zum Beispiel durch Schulung der sozialen Kompetenz. Die App fördert bei der ersten Betrachtung nicht den sozialen Rückzug, unterstützt aber auch nicht die soziale Kompetenz. Insofern würde ich ihr zunächst einmal keinen Schaden zusprechen wollen. Aber auch hier gilt: längsschnittliche Daten hierzu wären toll.

Können Sie sich vorstellen, dass virtuelle Assistent*innen reale Therapeut*innen ersetzen?
Dass eine Künstliche Intelligenz irgendwann die Rolle von Psychotherapeut*innen übernehmen könnte, wird bereits seit Jahrzehnten diskutiert. Es gibt Software sowie auch einige sehr ambitionierte Forschungsprojekte, die sich damit beschäftigten. Die Erfolge sind auch beachtlich! Allerdings bin ich persönlich davon überzeugt, dass das nur für einen begrenzten Teil der Patient*innen eine Alternative zum gut ausgebildeten, echten menschlichen Profi sein wird. Hierzu müsste sich unser soziales Leben, das soziale Miteinander ganz grundlegend ändern.

Mitarbeit: Naya Bindzus

Dieser Beitrag ist ursprünglich am 25. Januar 2021 erschienen.

Mehr #Meinung von Expert*innen gibt’s hier:

Mehr erleben, weniger Klischees: Warum wir Gaming und Virtual Reality wieder neu denken
Ist das Wort gut oder kann das weg? Expert*innen erklären, wie sich unsere Sprache verändern muss
Liebe in Quarantäne: 5 Dinge, die ihr jetzt für eure Beziehung tun könnt

Written By
Mehr von Robin Micha

Herbst-Recap der 080 Barcelona Fashion Week: Dieser Handwerkskunst widmen sich katalanische Designer*innen

Dass Handwerkskunst nicht staubig ist, zeigen die Labels der dritten digitalen 080...
Read More