Benny Opoku-Arthur und Lois Opoku inszenieren, wie sie sich als Geschwister sehen

Lois Opoku, Benny Opoku Arthur
Foto: Maja Hidde
Geschwister können einander so nah und dann plötzlich doch so fern sein. Wir haben Lois Opoku und Benny Opoku-Arthur gebeten, eine der ältesten Beziehungen zu porträtieren – in Eigenregie.

Geschwister, die sind für dich da, wenn du Mist baust, sie stehen ein für dich oder helfen dir aus der Patsche. Sie machen sich über dich lustig und lachen dich schamlos aus, vor allem aber lachen sie mit dir. Egal wie weit man sich distanzieren mag, irgendwann findet man sich wieder. Man merkt plötzlich, dass die Entfernung nie wirklich da war. Und wenn doch, dann eigentlich nur ein Kinderzimmer weit.

Die Opoku Geschwister
Foto: Maja Hidde

Als Kinder waren wir unzertrennlich, sind zusammen auf die Geburtstage der Freund*innen des anderen gegangen, haben in unserem Kinderzimmer gemeinsam Abenteuer erlebt. Ob wir im Wohnzimmer der heißen Lava entkamen, von der Couch in die Unterwasserwelt der Nixen tauchten, unter ei­ner Decke die entführte Prinzessin aus einer Burg befreiten – alles taten wir zu zweit. Ich designte Kleider für meine Puppen, er schneiderte sie mir aus Tuch- und Stofffetzen. Schon damals habe ich ihn für seine Intelligenz und kreativen Ansätze bewundert. Auch den ­aufregenden Schul- und Heimweg in unserer Spielwiese Berlin meisterten wir zu zweit, schauten Filme, la­sen zusammen Bücher oder übten Texte für Bennys erste Theaterauftritte ein.

„Hey Bro, I see you“

BENNY OPOKU-ARTHUR

„Was für Musik gerade cool ist, welche Sneaker angesagt sind, welche Serien und Filme man unbedingt sehen muss, all das hat mir meine Schwester gezeigt. Und wenn Lois und ihre beste Freundin ,Hanni & Nanni‘ gespielt haben, wurde eben ein kleiner Bruder hinzuerfunden.“

Wenn wir gestritten haben, dann laut und mit den dicksten Krokodils­tränen. Oftmals wurde auch das Geschwistersein gekündigt, wobei meiner Mutter schon klar war, dass wir es nie länger als fünf Minuten, maximal zehn aushalten würden, während mein Vater sich fragte, wie wir so friedlich miteinander spielen konnten, als wäre nichts geschehen, obwohl wir Augenblicke zuvor am liebsten die gesamte Bude abfackeln wollten.

Ich bin 25 Jahre und Benny 21 Jahre alt, uns trennen also vier Jahre. Nicht viel, aber eben auch nicht wenig. Mit meiner Pubertät trennten sich nicht nur unsere Schulwege, wir entfernten uns auch sonst voneinander. Ich will ungern mit Klischees kommen wie „So ist das eben, wenn man älter wird“, aber so war es. Mädchenkram und meine erste Liebe besprach ich lieber mit meinen Freundinnen. Und wurde neugierig, wer ich außerhalb meiner Familie war, wer ich war, wenn nicht die große Schwester von Benny? Statt zu spielen, bis die Müdigkeit uns in den Schlaf zwang, ging ich lieber mit meiner Girls-Clique in die Stadt.

Opoku Geschwister
Fotos: Lois Opoku/Benny Opoku-Arthur

„Du kannst Freunde haben, aber vergiss niemals deinen Bruder. Wenn wir mal nicht mehr sind, werdet ihr beide euch immer noch haben“, sagte ­mei­ne Mutter während meines Freiheitsdrangs. Dramatisch, aber über­zeu­gend. Statt Widerworte gab es höchstens einen genervten Seufzer. Aber Mama hat recht – hat Mama nicht immer recht? Unsere Eltern sind 1992 nach ihrem Zahnmedizin- und Ingenieursstudium in Russland, wo sie sich wie vom Schicksal bestimmt nach ihrer Erst­begegnung in Ghana wiedertrafen, nach Deutschland gekommen. Hier in Berlin haben Benny und ich nur uns. Der Rest unserer Familie ist in Ghana.

Schneller als ich mich versah, wurde auch Benny zum Teenager. Auch er durchlief den Weg der Selbstfindung auf der Suche nach dem Ich außerhalb der Familie – außerhalb von mir. Neben seinem immer wichtiger wer­denden Freundeskreis fühlte es sich so an, als wäre nun kaum noch Platz für mich. Ich hatte zu der Zeit nämlich genug vom Erkunden und sehnte mich nach meinem kleinen Bruder. Er war es nun, der durch die Stadt zog, mich aber nicht mitnahm. Welch zeitverschobene Symmetrie der ­Entfernung!

LOIS OPOKU

„Benny wird immer eine große Schwester in mir haben, die zu ihm steht und ihm den Rücken stärkt oder ihn unterstützt, wenn er es braucht – egal wie oft er mich noch wegstoßen wird und egal wie oft ich es tun werde.“

Unsere Distanz hielt bis vor ein paar Jahren an. Heute sind wir wieder un­zertrennlich. Ohne ein Gespräch oder einen besonderen Anlass fingen wir eines Tages wieder an, mehr miteinander zu unternehmen. Wir erkannten un­se­re Verbindung in der Mode und Kunst. Kreativ waren wir ja als Kinder schon. Unsere modischen Spielereien aus der Kindheit wurden mit uns erwachsen. Ich studiere heute Wirtschaftsinformatik und bin Bloggerin („L is for Lois“) und er hilft mir mit meinen Fotos. Er ist Schauspieler. So beglei­ten wir uns gegenseitig auf Events wie früher zu den Geburtstagen von Freun­d*­­innen. Wenn wir heute durch Berlin streifen, dann fühlt es sich wieder an wie in den frühen 2000’ern, damals nach der Schule. Ich schätze sein Auge genau so wie früher. Bennys Worte tragen Gewicht, weil ich weiß, dass sie immer ehrlich sind. Während andere sich ein letztes Mal im Spiegel beäugen, bevor sie das Haus verlassen, unterziehe ich mich dem Benny-Opoku-Arthur-Check. Aber auch bei neuen Ideen zur Umsetzung eines neuen Blog-Projekts frage ich ihn um Rat.

Und auch Benny hat seinen eigenen Weg gefunden. Bei seiner ersten Filmpremiere („Get Lucky“) kam ich aus dem Staunen kaum mehr heraus. Ich glaube, dass jede gesunde Geschwisterbeziehung Freiraum benötigt. Einfach sein zu können, ohne Verurteilung.

Ob wir uns heute noch streiten? Definitiv. Wahrscheinlich mehr, als mir lieb ist. Worte fliegen wie Fetzen durch die Gegend, gefolgt von einem Austritt aus der Whats­App-Gruppe, damit ja klar wird, dass der Bogen überspannt wurde. Aber auch heute ist nach Minuten alles wieder gut und es gibt einen Like bei Instagram. Die Kommunikation hat sich verändert. Wir uns aber kaum.

Benny Opoku-Arthur
Foto: Lois Opoku

Hier könnt ihr den Trailer zu Benny Opoku-Arthurs Kinofilm sehen

Text: Lois Opoku
Fotos: Lois Opoku, Benny Opoku-Arthur und Maja Hidde @35mmbln
Redaktion: Martyna Rieck

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